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KI-Strategien im diakonischen Gesundheitskonzern - Sebastian Polag AGAPLESION

Wir haben ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie schnell man mit einem kleinen Sprint vorankommen kann

AGAPLESION hat durch einen eigenen Hackathon nicht nur neue KI-Projekte angestoßen, sondern auch ein Umdenken unter den Beschäftigten bewirkt, sagt Sebastian Polag, Finanz- und IT-Vorstand des größten diakonischen Gesundheitskonzerns in Deutschland. Im Interview berichtet er, welche KI-Projekte vom Hackathon nun weiterentwickelt werden, welche Kriterien Entscheidungsunterstützungs-Systeme erfüllen müssen, damit sie bei dem Konzern infrage kommen – und an welchen KI-Agenten AGAPLESION arbeitet.

Herr Polag, was ist Ihr Digital Health Hack? Welche Herausforderung bei der Digitalisierung hat Agaplesion gemeistert, deren Lösung auch für andere Akteure im Digital-Health-Bereich interessant sein könnte**?

Einer unserer Digital Health Hacks ist die Standardisierung. Wir haben bei Agaplesion schon sehr früh eine eigene Digitalisierungsstrategie entwickelt. Das ging bereits 2005 los. Wir haben bereits damals mit unserem Partner eine Cloud-Lösung für unser Krankenhausinformationssystem etabliert. In dem Zuge haben wir auch stets darauf geachtet, zu vereinheitlichen und konzernweit Standards zu etablieren. Dass wir heute eine relativ kleine, schlanke IT haben, gelingt uns genau dadurch, dass wir konsequent standardisiert haben.

Wie drückt sich das konkret aus?

Wir haben beispielsweise keine ultra-heterogene Landschaft verschiedener Subsysteme, sondern jeweils zwei oder drei, die für uns infrage kommen. Dadurch ist es möglich, konzernweit Key-User und Administratoren zu entwickeln, die sich auf ein Programm spezialisieren und das Know-how dafür haben. Das spart Personal-Ressourcen.

Im Herbst hat Agaplesion seinen ersten Hackathon veranstaltet, bei dem mehrere Teams gegeneinander angetreten sind, um KI-Projekte des Konzerns weiterzuentwickeln und zu erproben. Wie sind sie auf die Idee für dieses Format gekommen und welche Ziele verfolgt der Konzern damit?

Wir haben vor etwa zwei Jahren eine KI-Strategie aufgebaut, zu der auch ein interdisziplinär besetztes KI-Lenkungssteuerungsgremium gehört: mit Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften, Mitarbeitenden aus der Verwaltung und IT sowie KI-Experten. Wir haben uns mit der Zeit dazu entschieden, noch weiterzugehen und einen eigenen zentralen Dienst zu schaffen – also einen Bereich mit einem eigenen Leiter, der KI im Konzern voranbringt und verantwortet. Zusammen mit dem Leiter hatten wir die Idee, einen Hackathon zu veranstalten, unseren „AGAthon“. Der Grundgedanke dabei: Innerhalb von 24 Stunden ein Proof of Concept zu erhalten – und diesen im Anschluss gegebenenfalls weiterzuentwickeln.

Der AGAthon hat sich an Einzelpersonen oder Teams gerichtet, die über eine Ausbildung, eine Qualifizierung oder ein Studium im Bereich Informatik, Data Science, Mathematik oder Medizin verfügen. War die Idee hinter dem Hackathon somit auch, Nachwuchskräfte für Agaplesion zu gewinnen?

Ja, wir wollten durch den Hackathon einen Überblick dazu erhalten, was junge Talente in diesem Bereich können – und sie auf uns aufmerksam machen. Bei der Veranstaltung waren über 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland und darüber hinaus dabei. Es gab am Ende drei Teams, die für ihre Leistung ausgezeichnet wurden. Mit zwei davon sind wir weiterhin im Gespräch. Mit einem davon entwickeln wir gemeinsam Projekte, aus denen sich eventuell ein eigenes Produkt und eine eigene Firma ergeben könnten.

Um welche Themen geht es dabei?

Erstens geht es um Unterstützung in der Notaufnahme für noch wenig erfahrene Assistenzärztinnen und -ärzte – gerade für die Arbeit im Nachtdienst oder Spätdienst. Die KI-Unterstützung soll ihnen helfen, bei der Auswahl von Laborproben auf den Erfahrungsschatz aus Leitlinien und Datenbanken zurückzugreifen. Das soll zum einen für eine gute Versorgung der Patienten sorgen, aber auch betriebswirtschaftlich Vorteile bringen.

Wie soll die KI-Anwendung genau unterstützen?

Sie soll den Assistenzärzten helfen, nur diejenigen Laborparameter ermitteln zu lassen, die sie wirklich benötigen. Man erhält einen Vorschlag dazu, zu welchen Parametern man im ersten Schritt Laborwerte ermitteln sollte. Wenn die Ergebnisse hierzu vorliegen, kann man gegebenenfalls im Nachgang noch ein zweites Mal Laborwerte beauftragen. Das trägt dazu bei, dass man tendenziell weniger Werte ermitteln lassen muss.

Was ist das zweite Thema vom Hackathon, das weiter verfolgt wird?

Hierbei geht es um ein KI-unterstütztes Tumorboard. Trotz Digitalisierung funktioniert die Vernetzung zwischen Kliniken unterschiedlicher Träger leider weiterhin nicht wirklich gut. Die Herausforderung bei einem Tumorboard besteht oftmals darin, dass die Ärzte interdisziplinär zusammenarbeiten sollen, aber nicht alle auf das gleiche IT-System zugreifen können, weil die Ärzte bei unterschiedlichen Trägern beschäftigt sind. Daher werden auch heute noch Unterlagen hin- und hergefaxt, dann von Assistenten im Anschluss manuell in Excel-Tabellen eingetragen – mit dem Ergebnis, dass dennoch nicht alle nötigen Informationen vorliegen.

Mithilfe von KI sollen nun die Dokumente automatisch gescannt werden, es läuft eine automatische OCR-Texterkennung, die Daten werden aufbereitet und zusammengefasst. Es werden die entsprechenden Leitlinien und Handlungsempfehlungen herausgesucht. Wenn das Produkt einmal fertig sein wird, wird das einen unglaublich großen Mehrwert bieten.

Der Hackathon liegt nun hinter Ihnen. Was würden Sie im Rückblick sagen: Wie hat die Veranstaltung Agaplesion weitergebracht?

Agaplesion hat sich als innovatives Unternehmen präsentiert, das KI in den Arbeitsalltag integrieren möchte. Das hatte positive Effekte intern – auch, weil wir bei unseren Mitarbeitern ein Bewusstsein dafür geschaffen haben, wie schnell man mit einem kleinen Sprint vorankommen kann.

Welche Veränderungen haben Sie intern wahrgenommen?

Wir haben einen Zulauf an neuen Vorschlägen und Ideen dazu festgestellt, wie man den Arbeitsalltag der Anwender weiter mit KI verbessern kann. Ich würde sagen: Es hat die Denkwelt ein Stück weit in die Richtung verändert, dass noch mehr drüber nachgedacht wird, wie sich Prozesse verbessern lassen.

Werden Sie angesichts der positiven Erfahrungen den Hackathon fortsetzen?

Es wird wieder einen AGAthon geben, möglicherweise im kommenden Jahr. In diesem Jahr werden wir eventuell ein anderes Format im Stile der Sendung „Höhle der Löwen“ veranstalten. Die Idee dabei: Junge KI-Start-ups können uns ihr fertiges Produkt oder ihre Idee präsentieren, die wir dann mit einem Gründungsstipendium unterstützen.

Wenn wir vom Ausblick auf den Status Quo der KI-Projekte zu sprechen kommen: Welche KI-gestützten Entscheidungsunterstützungs-Systeme sind bei Agaplesion bereits im Einsatz?

Da gibt es eine Vielzahl solcher Systeme, etwa in der Notaufnahme bei der Triage oder um Wartezeiten für die Patienten vorherzusagen. In der Bildgebung sind ebenfalls schon viele Anwendungen im Einsatz: Bei der Bildgebung mit dem MRT konnten wir mithilfe neuer Technologie die Untersuchungszeit von 60 Minuten auf 6 Minuten verringern. Auch auf der Intensivstation unterstützen KI-gestützte Systeme, beispielsweise bei der Vorhersage von Delir oder Sepsis. Auch bei der Medikation sind solche Systeme zur Entscheidungsunterstützung im Einsatz: Sie zeigen mögliche Wechselwirkungen auf, die bei einem Patienten eintreten können, wenn ein weiteres Präparat hinzukommen sollte.

Wenn bei Agaplesion strategisch darüber nachgedacht wird, welche KI-unterstützenden Systeme eingeführt werden: Welche Aspekte spielen dabei eine Rolle? Zeitersparnis und Unterstützung für die Beschäftigten? Kostenersparnis wie etwa bei den Laborwerten?

Es gibt drei Säulen, die im Idealfall alle vorhanden sind, um als gutes KI-System durchzugehen. Bei der ersten Säule geht es darum, die Qualität durch KI zu verbessern. Die zweite Säule steht für Effizienzsteigerung – dass sich also durch den KI-Einsatz Zeit sparen lässt und Kosten gesenkt werden können. Bei der dritten Säule geht es um die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sprich: Dass durch die Systeme Prozesse besser gestaltet werden, damit die Arbeit für die Mitarbeiter angenehmer wird. Das lässt sich etwa dadurch erreichen, dass die Beschäftigten bei administrativer Arbeit entlastet werden.

Und müssen immer alle drei Aspekte erfüllt sein, damit ein Projekt umgesetzt wird?

Wir haben keine Vorgabe dazu, dass alle drei Säulen bedient werden müssen. Aber die meisten guten Produkte erfüllen alle drei. Grundsätzlich pilotieren wir erst einmal Systeme. Dabei können zum gleichen Thema durchaus drei, vier Produkte parallel zum Einsatz kommen, bevor wir uns für das beste Produkt entscheiden.

Durch das Krankenhauszukunftsgesetz wurden Projekte zur Entscheidungsunterstützung gefördert, doch ist die Förderung zeitlich begrenzt. Anhand welcher Kriterien entscheiden Sie, in welche Projekte Agaplesion langfristig investieren soll?

Bei den Piloten sind wir sehr offen. Hier gibt es meistens gute Vereinbarungen mit den Herstellern, sodass für uns keine hohen Kosten anfallen. Wenn es um die Entscheidung für eine Investition und den Rollout im Konzern geht, prüfen wir genau, ob sich ein System rechnet. Wenn eine Anwendung zum Beispiel zu keiner höheren Effizienz führt und nicht sehr massiv in die Säule Qualität einzahlt, würden wir diese nicht einführen. Grundsätzlich haben wir kein festes KI-Budget, sondern entscheiden das projektabhängig.

Sie haben eine große Bandbreite an KI-Projekten beschrieben, die bei Agaplesion bereits eingesetzt werden. Worin sehen Sie die größte Herausforderung, um weitere KI-Potenziale zu heben?

Solche Anwendungen einzuführen, kostet viele Ressourcen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich dafür Zeit nehmen. Deswegen haben wir diesen eigenen KI-Bereich mit 20 Mitarbeitern geschaffen. Aber auch diese Mitarbeiter sind natürlich auf die Zuarbeit von Kolleginnen und Kollegen angewiesen, zum Beispiel aus der IT oder den Fachbereichen. Diese haben jedoch bereits mit ihren Kernaufgaben sehr viel zu tun, sodass sie nur begrenzt Zeit für die Zuarbeit haben. Dieses Personal-Ressourcen-Thema ist, glaube ich, im Moment die größte Herausforderung.

Was sind nun die KI-Projekte, die Agaplesion in näherer Zukunft umsetzen möchte?

Wir arbeiten zum einen weiterhin an Projekten zum KI-unterstützten Schreiben von Arztbriefen und weiteren Assistenzsystemen. Wir wollen auch Pilotprojekte im Bereich Robotik starten. Und wir haben das Thema Agentic AI auf dem Schirm.

Wo sehen Sie bei Agaplesion Einsatzfelder, die für KI-Agenten infrage kommen?

Wir haben schon ein Pilotprojekt in der Pflege mit unserem Kooperationspartner Voize gestartet. Das Unternehmen hat bereits ein KI-gestütztes Dokumentationssystem mit Spracherkennung. Zukünftig sollen KI-Agenten auch nächste Schritte auslösen können: etwa eine Folgeuntersuchung oder einen Auftrag an den Transportdienst.

Ein anderes Beispiel haben wir bei Microsoft gesehen, nämlich KI-Agenten für das Tumorboard, die sich untereinander austauschen. Sprich: Ein KI-Agent ist quasi der Radiologe, ein KI-Agent ist der Onkologe und einer der Chirurg. Alle drei bilden sich auf aktueller Studienlage eine viel bessere Meinung, als wenn man nur eine KI fragt. Es entsteht daraus somit quasi ein virtuelles KI-Tumorboard.

**Hiergeht es zur Internetseite von AGAPLESION**.

Hier geht es zum ATLAS-Profil von SebastianPolag**,*

Weitere Digital Health Hacks gibt es**hier.**

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