KI-Kompetenzen vermitteln - Dr. Sandra Bobersky ZKIMED

„Um über KI zu informieren, werden wir über die Stationen gehen müssen“
©Andreas Beyna/Knappschaft Kliniken
Sobald Mitarbeiter:innen mit KI-Werkzeugen in Berührung kommen, müssen sie geschult werden. Das Zentrum für Künstliche Intelligenz, Medizininformatik und Datenwissenschaften (ZKIMED) der Knappschaft Kliniken will die Beschäftigten in Sachen KI kompetenter machen und setzt dabei auf das KI-Seepferdchen. Im Interview verrät Dr. Sandra Bobersky, die wissenschaftlich-administrative Leitung des ZKIMED an den Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum, wie die KI-Schulungen aussehen, wie mit Vorbehalten gegen KI umgegangen wird – und wie die Idee der „Patient Journey“ weitergedacht werden sollte.
Frau Dr. Bobersky, welche Herausforderung mit Blick auf die Digitalisierung hat das Zentrum für Künstliche Intelligenz, Medizininformatik und Datenwissenschaften (ZKIMED) gemeistert, deren Lösung auch für andere Akteure im Digital-Health-Bereich interessant sein könnte?
Etwas, das man von Anfang an gut im Blick haben sollte, ist der Datenschutz. Viele sagen, er müsse zurückgefahren werden. Ich sehe das anders: Der Datenschutz muss verstanden werden. Bei dem Thema muss man sattelfest sein, um sich auf Augenhöhe mit Datenschützenden austauschen zu können. Dann lassen sich gemeinsam Lösungen für Probleme finden. Als ZKIMED arbeiten wir mit unterschiedlichen Datenschützenden, auch auf allen Ebenen vom Bundes- zum Landes- bis hin zum Kirchendatenschutz zusammen. Hier einerseits im Verbund und andererseits innerhalb der Universitätsmedizin Bochum.
Am ZKIMED verfolgen Sie die Vision einer healthCRUISE, was für healthcare research unifying intelligent systems and economics steht. Was steckt hinter dieser Vision?
Bei der healthCRUISE geht es darum, die Idee der „Patient Journey“ weiterzudenken. Bei der Patient Journey steht der Patient im Mittelpunkt und oft nur seine punktuelle Sicht. Das ist natürlich wichtig, aber die Frage ist: Was ist mit den anderen versorgenden Beteiligten? Man muss darauf achten, dass es auch allen Mitarbeitenden gutgeht. Denn wenn es der Crew gutgeht, geht es auch den Gästen – also im Gesundheitswesen den Menschen, die auf eine Versorgung angewiesen sind – gut. Oder im Kontext Gesundheit besser gesagt: so gut wie nur möglich.
Bildlich gesehen orientiert sich die Idee der healthCRUISE am Geschehen auf einem Kreuzfahrtschiff. Man hat diese eine Crew, die auf engem Raum zusammenarbeitet. Die Kapazitäten sind begrenzt, weil man auch im Ernstfall nicht mal eben mehr Leute oder Material an Bord holen kann. Die Prozesse sind komplex, weil sie fast alle transsektoral laufen. Auch wenn die See mal unruhiger werden sollte, muss alles weiter gut funktionieren. Grundsätzlich darf es gleichzeitig nicht teurer werden, sonst geht man unter.
Wie lässt sich diese Vision mit Blick auf die Digitalisierung umsetzen?
Ein Beispiel: In einem Krankenhaus ist die Software-Landschaft ja sehr heterogen. Dadurch entstehen irrwitzige Datensilos. Für die Mitarbeitenden bedeutet das oft, dass sie sich in zig unterschiedlichen Systemen einloggen müssen, um eine gute Versorgung zu erreichen. Das erhöht den Stresslevel und verschlingt viel Zeit. An diesem Punkt kann man also ansetzen. Genauso wie etwa bei der Dokumentation, mit der die Mitarbeitenden jeden Tag Stunden verbringen.
Letztlich geht es dann darum, wie die Mitarbeitenden wieder mehr Zeit für die Versorgung haben können. Und hierfür gibt es dann viele Möglichkeiten: von der Excel-Datei, die fehlerfrei konfiguriert und automatisiert erstellbar ist bis hin zu einer künstlichen Intelligenz (KI), die einen Mitarbeitenden unterstützt.
Das Thema KI wird auch im Gesundheitswesen bedeutender. Das ZKIMED will die Beschäftigten der Knappschaft Kliniken in Sachen KI kompetenter machen. Welchen Ansatz verfolgen Sie dabei?
Die grundsätzliche Idee ist: Wir holen die Leute da ab, wo sie sind. Um über das Thema zu informieren, werden wir über die Stationen gehen müssen. Im Herbst werden wir wahrscheinlich ein KI-Werkzeug im gesamten Verbund bei seinem Roll-Out inhaltlich begleiten. Dazu planen wir eine Art Roadshow, um das Thema KI in den Knappschaft Kliniken greifbarer zu machen. Es wird immer mehr Nutzerschulungen geben sowie etablierte KI-Sprechstunden, bei der jeder willkommen ist. Die Schulungen werden auch digital angeboten, weil wir auch im Saarland und in Aachen aktiv sind.
Ein zentrales Element bei der Kompetenzbildung an den Knappschaft Kliniken soll das KI-Seepferdchen werden, mit dem Sie im Oktober starten wollen. Was verbirgt sich dahinter und was wird dabei genau geschult?
Beim KI-Seepferdchen-Konzept soll es so sein wie beim Schwimmen. Zunächst lernt man die Grundlagen mit dem roten Seepferdchen – rot ist die Farbe der Knappschaft. Bei diesem Basis-Seepferdchen geht es um zentrale Begriffe und Methoden der KI und darum, was KI überhaupt ist. Wird KI Mitarbeitende ersetzen? Wie zuverlässig ist eine KI überhaupt und was hat das mit den Trainingsdaten zu tun? Was können Vorteile sein, wenn ich KI benutze? Das sind einige der Fragen, auf die eingegangen wird. Zudem wird es auch um gängige KI-Werkzeuge wie ChatGPT gehen, die mittlerweile jeder kennt.
Künstliche Intelligenz kann ja für diejenigen, die sich vorher noch nicht damit beschäftigt haben, erst einmal ziemlich abstrakt sein. Wie erklären Sie beispielsweise, warum gute Trainingsdaten wichtig sind?
In einer sehr bildhaften Variante des Online-Kurses geben wir den Teilnehmenden die Aufgabe: Belege bitte ein Brötchen. Würdest Du dabei verwelkte Salatblätter als Belag nehmen? Sicherlich nicht! Und so ist es auch bei KI: Nimmt man schlechte Daten, ist auch das Ergebnis schlecht.
Auf welche Weise die Teilnehmenden der Schulung etwas lernen, soll letztlich jedoch je nach Typ etwas unterschiedlich aussehen.
Wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Es laufen derzeit Masterarbeiten mit Umfragen dazu, wie die Mitarbeitenden gerne lernen wollen: ob sie einfach die Infos lernen wollen oder ob es ein spielerischer Ansatz sein soll, ob sie einen Präsenzkurs brauchen oder ob die Schulung wie bei einem Escape Room gestaltet sein sollte.
Wer wird denn die Basis-Seepferdchen-Schulung erhalten?
Das sind voraussichtlich alle Mitarbeitenden der Knappschaft Kliniken. Denn nach der KI-Verordnung müssen alle Beschäftigten, die mit KI in Berührung kommen könnten, geschult werden. Das Basis-Seepferdchen ist zudem nicht nur auf die Klinik zugeschnitten. Wir wollen es im Sinne des Hochschulgesetzes auch über Folgeprojekte der Stadtgesellschaft sowie den Studierenden zur Verfügung stellen.
Wer setzt die KI-Schulungen dann um?
Die Knappschaft Kliniken Akademie setzt alle Weiterbildungen und Pflichtschulungen für den gesamten Verbund um. Bei Themen wie Brandschutz macht die Akademie das zum Beispiel auch komplett selbstständig. Beim Thema KI sind wir mit an Bord. Die Akademie setzt sowohl die digitalen Kurse als auch die Präsenzkurse um, die wir bis zur Finalisierung aller Level eng begleiten.
Beim Schwimmen kommt nach dem Seepferdchen als nächste Stufe der Freischwimmer. Gibt es bei Ihnen auch solche weiteren Schulungslevel?
Genau, die nächste Stufe ist dann das bronzefarbene KI-Seepferdchen. Die Idee dabei ist, dass man mit dem Abschluss dieses Levels erste KI-Werkzeuge im Arbeitsalltag nutzen darf. Insgesamt wird es eine große Bandbreite an Werkzeugen geben – zum Beispiel Chatbots, die sowohl für administrative als auch versorgende Unterstützungsmöglichkeiten sorgen sollen, gerade bei Routineaufgaben mit klar definierten Prozessen.
Was umfasst das Bronze-Seepferdchen sonst noch?
Wir gehen grundsätzlich tiefer beim Thema KI rein: Zum Beispiel wird erklärt, was ein Sprachmodell ist und wie viel es kostet, es zu nutzen. Wir wollen damit dafür sensibilisieren, KI sinnvoll zu nutzen und nicht damit herumzuspielen, damit wir auch die Kosten immer decken können. Im Rahmen des Bronze-Seepferdchens lernen die Teilnehmenden zudem, welche KI-Werkzeuge es in der eigenen Abteilung oder dem Haus gibt und wie diese grundsätzlich funktionieren.
Was passiert dann bei den Schulungen für das Silber-Seepferdchen?
Es sind im Prinzip KI-Werkzeugschulungen. Es soll darum gehen, wie man ein konkretes Werkzeug im Alltag benutzt und welche Erfahrungen bereits damit gemacht wurden. Das kann zum Beispiel in der Augenklinik ein Werkzeug sein, das den Augenhintergrund per Bilderkennung analysiert. Wie bei einem Gerät erfolgt also über dieses Level die vorgeschaltete theoretische Einweisung.
Bleibt noch das Gold-Level. Was ist dafür vorgesehen?
Hierbei ist geplant, zusammen mit dem Team des ZKIMED klinische KI-Werkzeuge der Zukunft zu durchdenken und zu entwickeln. Es soll dabei nicht um einfache Regeln gehen – das man beispielsweise eine E-Mail erhält, wenn der Blutdruck einen bestimmten Schwellenwert überschreitet. Es wird eher darauf ausgelegt sein, bei Neu- und Weiterentwicklungen zu überlegen, wie man den Programm-Code anpassen könnte, um die Funktionen einer Anwendung zu verbessern.
Die Teilnehmenden des Gold-Levels werden auch mal selbst kleinere Anwendungen programmieren und den Umgang mit Daten vertiefen. Grundsätzlich soll man dadurch in die Lage versetzt werden, quasi die Sprache der KI-Entwickelnden zu sprechen. Diese Goldstufe werden vermutlich nur die wenigsten absolvieren.
Wer kommt dafür infrage?
Wir schauen nicht auf die Rolle, die jemand in der Klinik hat, sondern eher auf das „Nerd-Level“. Wenn jemand beispielsweise privat gerne bei Minecraft Welten baut, hat derjenige meistens auch Lust darauf, KI mitzudenken. Das kann eine Pflegekraft sein, eine Ärztin aber genauso gut auch eine Verwaltungsangestellte.
Nun gibt es natürlich einen Teil der Beschäftigten, die derart für das Thema brennen. Ein gewisser Teil dürfte aber auch Vorbehalte haben. Sprich: Wie zuverlässig ist eine KI? Wird sie einen Teil meiner Arbeit übernehmen? Wie gehen Sie mit diesen Vorbehalten um, damit die Beschäftigten offen sind und sich darauf einlassen, Dinge auszuprobieren?
Wir sind gesetzlich verpflichtet, unsere Mitarbeitenden zu schulen, sobald sie mit KI-Werkzeugen in Berührung kommen. Es soll daher eine Pflichtschulung beim Onboarding geben im Rahmen des Basis-Seepferdchens. Das ist ein Schulungsaufwand von einer halben bis dreiviertel Stunde digital. Das ist ein überschaubarer Aufwand für alle.
Nichtsdestotrotz dürfte es mitunter Vorbehalte geben, oder?
Wenn wir im Verbund unterwegs sind, stellen wir fest: Viele haben verstanden, dass das Thema KI auf sie zukommt. Und wir unterstreichen immer, dass es uns darum geht, die Mitarbeitenden zu entlasten und es ihnen im Alltag leichter zu machen. Denn das Ziel ist ja, mehr Zeit durch KI zu gewinnen, insbesondere für die Versorgung.
Wenn wir merken, dass jemand KI ablehnt und deshalb die ganze Abteilung nicht mitmachen möchte, sprechen wir diejenigen einfach an und Fragen nach den Vorbehalten. Und das machen wir immer auf Augenhöhe. Sprich: Wenn beispielsweise ein Arzt Vorbehalte hat, spricht ein Arzt mit ihm darüber. Dabei sagen wir auch nie „Ihr müsst das jetzt benutzen!“, sondern versuchen den Mehrwert herauszustellen.
Was es uns erleichtert, ist: Die Mitarbeitenden sind schon seit vielen Jahren mit einem iPad ausgestattet. Sie sind digitale Patientenkurven und Alerts gewohnt. Der Weg hin zum Einsatz von KI ist bei den Knappschaft Kliniken daher gar nicht mehr so groß.
Wenn wir zum Schluss einmal drauf schauen, was das ZKIMED beim Thema KI plant. Was haben Sie vor?
Da ist zum einen ein Chatbot für das schnelle Finden relevanter Informationen aus unserem Intranet. Wir denken außerdem über einen Chatbot nach, den man bei speziellen Fällen hinzuziehen kann – also so etwas wie ein digitaler Dr. House. Statt Assistenzärzte in die Bibliothek zu schicken, die dort recherchieren sollen, soll der Chatbot auf Grundlage von Leitlinien und Publikationen in PubMed schneller Informationen mit Quellenangaben zusammenstellen.
Woran arbeiten Sie sonst noch?
Wir arbeiten gerade auch an einem von der Medizinischen Fakultät gefördertes KI-Projekt für die Lehre. Hier entstehen Avatare von Epilepsiefällen – kurz EpiVatar. Dabei geht es um das Erkennen von Anfällen bei Epilepsie-Patienten. Hintergrund ist, dass wir wegen der Datenschutzgrundverordnung ältere Videos mit solchen Anfällen nicht mehr für die Lehre benutzen dürfen, weil man die Personen nun nachträglich fragen müsste, ob sie damit einverstanden sind.
Wir sind gerade dabei, mit unseren Epileptologen ein Werkzeug zu bauen und zu testen. Damit kann der Lehrende dann vorgeben, wie ein Avatar genau aussehen und handeln soll. Man kann dann zum Beispiel einstellen, dass man einen Avatar einer 45-jährigen afroamerikanischen Frau zeigen möchte, die ungefähr 80 Kilo wiegt und angeben, welche Art von Anfall man zeigen möchte. Das Werkzeug erstellt dann das entsprechende Video.
Im ersten Schritt wollen wir schauen, wie Studierende besser lernen: Mit einem Anfall, den ein Lehrender vorspielt oder per Avatar-Video.
Das Interview führte Hendrik Bensch
**Hiergeht es zur Internetseite des ZKIMED**.
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