Augen-Check in unterversorgten Gebieten - Dr. Claus Gruber Mirantus Health

„Wenn wir nicht mit einer Selbstzahlerleistung angefangen hätten, hätten wir den Bedarf nicht aufzeigen können“
Als Start-up muss man bereit sein, Umwege zu gehen, um zur Aufnahme in die Regelversorgung zu gelangen, sagt Dr. Claus Gruber, Gründer von Mirantus Health, einem Start-up für Augen-Check-ups. Im Interview erklärt er, warum neben Augenärzt:innen auch andere Berufsgruppen in die augenärztliche Versorgung integriert und mit Telemedizin kombiniert werden sollten, um Praxen zu entlasten. Er erklärt, wie Routineuntersuchungen helfen können, auf unentdeckte Erkrankungen aufmerksam zu machen – und wo die größte Nachfrage nach den Augenmobilen des Start-ups sind.
Herr Dr. Gruber, welche Herausforderung mit Blick auf die Digitalisierung hat Mirantus gemeistert, deren Lösung auch für andere Akteure im Digital-Health-Bereich interessant sein könnte**?
Mirantus Health ist ein Start-up, das Menschen in unterversorgten Gebieten Augen-Checks ermöglicht. Wir setzen dabei auf Optometristen und Optiker, die die Erstuntersuchung übernehmen und arbeiten mit Augenärztinnen und Augenärzten zusammen, die dann einen Ergebnisbericht erstellen. In England hat sich bereits – auch in der Forschung – gezeigt, dass dieses Modell in der Versorgung hilft. Eine der großen Herausforderungen für uns war es nun, wie eine wirtschaftlich nachhaltige Lösung für Deutschland aussehen kann.
Sie waren in Großbritannien nach Ihrem Medizinstudium für einen Forschungsaufenthalt am Moorfields Eye Hospital, einer auf Augenkrankheiten spezialisierten Klinik in London. Dort haben Sie untersucht, wie sich eine Erstuntersuchung durch Optiker und Optometristen sowie eine telemedizinische Zweitbefundung durch einen Augenarzt auswirkt. Was genau haben Sie dabei gemacht?
In England ist der Ärztemangel schon viel stärker als in Deutschland. Optiker und Optometristen spielen dort schon eine Rolle in der Versorgung. Sie übernehmen die Erstuntersuchungen, machen also unter anderem eine Netzhautaufnahme und messen den Augeninnendruck. In einem der Forschungsprojekte wurde untersucht, wie sich die Zahl an Überweisungen von Optometristen an die Augenklinik veränderte, wenn vor der Überweisung eine telemedizinische Prüfung des Falls durch einen Augenarzt stattfand.
Mit welchem Ergebnis?
Es zeigte sich, dass sich durch das Modell die Zahl der Überweisungen um die Hälfte reduzieren lässt.
Dieses Modell lässt sich jedoch nicht so einfach auf Deutschland übertragen. Schließlich sind hier die Strukturen ganz anders – angefangen bei der großen Zahl unterschiedlicher Krankenkassen bis hin zu andern Versorgungsstrukturen.
Natürlich, die Versorgung ist hier ganz anders aufgebaut. Um Augenkrankheiten kümmern sich konservative und chirurgisch tätige Augenärzte. Optiker und Optometristen sind noch nicht per se Teil der Versorgung. Wenn man nun auch in Deutschland auf ein Modell umstellen würde, bei dem bestimmte Leistungen von Augenärzten zu anderen Berufsgruppen hin verlagert werden, stößt das natürlich auf einen gewissen Widerstand.
In Deutschland wird es jedoch immer schwieriger, einen Augenarzttermin zu bekommen. Wir müssen uns daher fragen, wie wir die überfüllten Praxen entlasten können. Und da wäre eine Lösung, andere Berufsgruppen in die Versorgung zu integrieren und mit Telemedizin zu kombinieren. Hierfür muss man auch für ein besseres Verständnis und mehr Akzeptanz dieses Modells werben.
Wie wäre es dafür mit einem Forschungsprojekt für den Einsatz in der ambulanten Versorgung?
Das ist natürlich möglich, doch haben Forschungsprojekte auch immer ein Ablaufdatum. In England gibt es beispielsweise Inkubatoren, mit denen man neue Ideen und neue Versorgungsformen auch direkt ins National Health Service (NHS) bringen kann, wenn man nachweist, dass man Einsparungseffekte bei guter Qualität erzielt. In Deutschland ist das schwieriger.
Hier läuft der Weg zur Regelversorgung über den Gemeinsamen Bundesausschuss.
Ja, aber dieser Weg ist sehr langwierig. Wir haben das längerfristig auch vor. Wir haben aber durch ein paar Testballons festgestellt, dass in Deutschland mehr und mehr Bürger bereit sind, für bestimmte neue Untersuchungsleistungen selbst zu zahlen. Also haben wir uns entschieden: Langfristiges Ziel ist die Regelversorgung, aber vorläufig starten wir mit einer Leistung, für die die Untersuchten zahlen. Zudem sollen nun Selektivverträge hinzukommen – den ersten Selektivvertrag, der Anfang nächsten Jahres starten soll, werden wir bald offiziell bekanntgeben.
Letztlich gehen Sie also einen Umweg, um zu Ihrem eigentlichen Ziel zu gelangen.
Genau, wenn man sich unseren Weg anschaut, stellt man fest: Man muss als Start-up einfach auch mal starten, um dorthin zu kommen, wo man hinwill. Wenn wir nicht mit der Selbstzahlerleistung angefangen hätten, hätten wir nicht aufzeigen können, dass es einen Bedarf gibt und dass die Untersuchten zufrieden sind, weil sie endlich einen Termin bekommen haben. Das hat uns geholfen, nun auch die erste Krankenkasse davon zu überzeugen, dass das Konzept funktioniert.
Mirantus ist vor drei Jahren mit Augen-Check-Ups gestartet. Wie sieht das Angebot nun aus?
Augenoptiker und Optometristen fahren für die Augen-Routineuntersuchungen zu den Menschen vor Ort. Über die Zusammenarbeit mit dem dortigen Bürgermeister oder der Gemeindevertretung stehen uns Räume für die Untersuchungen zur Verfügung. Die Optometristen machen dann unter anderem einen Sehtest, eine Netzhautaufnahme, messen den Augeninnendruck und machen eine Spaltlampenfotografie. Im Anschluss erhalten die Untersuchten einen von Augenärzten erstellten Ergebnisbericht per E-Mail oder Post.
Mittlerweile hat unser Team 20.000 Menschen untersucht. Dabei sind wir mit unseren Augenmobilen vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg unterwegs. Inzwischen sind es knapp 200 Gemeinden, die wir regelmäßig besuchen.
Was steht im Ergebnisbericht?
Im Bericht sind die Messdaten enthalten, die wir erhoben haben. Zudem können darin Auffälligkeiten notiert sein: Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn der Augendruck zu hoch ist. Mit dem Bericht erhalten die Untersuchten dann eine Einschätzung, ob es Auffälligkeiten gibt, die abklärungsbedürftig sind. Das kann dann bedeuten, dass empfohlen wird, zeitnah zum Augenarzt zu gehen.
Was macht Sie sicher, dass es für Ihr Augen-Check-Up-Angebot langfristig eine Nachfrage geben wird?
Die augenärztlichen Kapazitäten werden künftig weiter abnehmen, die Bürger werden älter, altersbedingte Erkrankungen nehmen zu. Und gerade in der Augenheilkunde sind altersbedingte Erkrankungen ein Riesenthema. Das führt dazu, dass sich Ärzte in erster Linie auf diejenigen konzentrieren, die mit akuten Beschwerden zu ihnen kommen und versorgt werden müssen. Dadurch bleibt weniger Zeit für Routine- und Vorsorgeuntersuchungen. Diese müssen ja aber auch noch irgendwo stattfinden – oder sie finden gar nicht statt, sodass bestimmte Erkrankungen unentdeckt bleiben können. Wir konnten bereits zeigen, dass unsere Untersuchungen helfen können, auf unentdeckte Erkrankungen aufmerksam zu machen.
Inwiefern?
Wir haben eine Studie mit der Universitäts-Augenklinik Bonn gemacht. Dabei sind Optometristen in Seniorenwohnheime gefahren, haben dort die Routineuntersuchungen vorgenommen und die Ergebnisse an Augenärzte zur Fernauswertung übermittelt. Dabei zeigte sich: Drei Viertel der behandlungsbedürftigen Teilnehmenden war nicht über ihre Diagnose informiert. Von 109 Studienteilnehmern litten 9 Personen an einer dringend behandlungsbedürftigen, da Visusgefährdenden Form der altersbedingten Makuladegeneration. Hätten unsere Untersuchungen dies nicht aufgedeckt, wäre die Hälfte davon nicht zum Augenarzt gegangen.
Der Berufsverband der Augenärzte kritisiert, dass bei Ihrem Modell die Gefahr besteht, dass es zu unnötigen Doppeluntersuchungen kommt – und dass das Gesundheitswesen somit nicht entlastet sondern belastet wird. Das Argument: Wäre es nicht besser, wenn jemand sofort zu einer Augenärztin geht, statt zunächst an einer telemedizinischen Videosprechstunde teilzunehmen, von der er dann möglicherweise an einen weiteren Arzt überwiesen wird. Ist an dem Argument nicht etwas dran?
In einer idealen Welt wäre es natürlich am besten, wenn man direkt zu seinem Augenarzt vor Ort gehen könnte. Aber das ist wegen des Ärztemangels an vielen Orten nicht möglich. Es gibt einen Mangel, daher ist es umso wichtiger, dass Patienten an die richtige Stelle im Gesundheitswesen geführt werden. Wir benötigen also eine stärkere Patientensteuerung.
Inwiefern zeigt sich denn genau Ihrer Einschätzung nach die Entlastung durch ihr Modell bisher?
Bislang haben wir noch keine wissenschaftliche Untersuchung dazu anstellen können, die das schwarz auf weiß belegt. Aber es gibt eine Reihe von Indikatoren, die Anhalt dafür geben. Wir haben ein Netzwerk mit etwa 400 Augenärzten aufgebaut, die unser System kennen und auf die Untersuchte mit ihrem Ergebnisbericht zugehen können. Diese Ärzte halten unser Modell also für sinnvoll. Ich werte das auch als Zeichen dafür, dass diese Augenärzte auch eine gewisse Entlastung in unserer Arbeit sehen. Zudem spricht meiner Meinung nach auch der erste Selektivvertrag, den wir nun abschließen, dafür, dass wir für Entlastung sorgen.
Ihr Start-up generiert bisher zum einen über die Selbstzahlerleistungen Einnahmen und nun künftig auch über Selektivverträge. Haben Sie weitere Einnahmequellen?
Als dritte Säule stellen wir unsere Software Optikern im Rahmen eines Software-as-a-Service-Angebots zur Verfügung. Sie können damit in der gleichen Weise wie unsere eigenen Optiker und Optometristen Daten erheben und dann zur Auswertung übermitteln.
Mit Optikerketten wie Fielmann oder seit Kurzem der Drogeriekette dm gibt es weitere Akteure, die Augen-Check-ups anbieten. Wo kann angesichts dessen das Angebot von Mirantus langfristig bestehen?
Wir sehen den Verwendungszweck für unsere Augenmobile definitiv auf dem Land, weil dort die Nachfrage besteht. Es gibt viele Regionen, die für unser Angebot infrage kommen, in denen wir aber bisher nicht vertreten sind, weil wir als Start-up dazu noch nicht die Kapazitäten haben. Regionen wie beispielweise das Münsterland oder Niederbayern sowie Nordwestdeutschland haben große Lücken bei der Versorgung.
Was planen Sie mit Mirantus für die kommenden Monate und Jahre?
Das eine langfristige Ziel ist, über den Gemeinsamen Bundesausschuss in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen zu werden, sodass es eine EBM-Ziffer für die Leistung gibt. Überlegenswert ist außerdem, auch in anderen Versorgungsbereichen mit Ärztemangel Vorsorgeuntersuchungen anzubieten, zum Beispiel im Bereich Hören. Aber das ist noch Zukunftsmusik.
Das Interview führte Hendrik Bensch
**Hiergeht es zur Internetseite von Mirantus Health**.
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