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Telemedizinische Fußvermessung für höhere Prävention - Alexander Görtz scs shoe commerce

„Wer in Fußgesundheit investiert, kann die Krankheitsquote senken“

© privat

Wenn Beschäftigte die passenden Sicherheitsschuhe erhalten, kann das für weniger krankheitsbedingte Fehltage sorgen, sagt Alexander Görtz, Geschäftsführer der scs shoe commerce GmbH. Im Interview erklärt er, wie sein Unternehmen Arbeitgeber mithilfe von Fußscans, Such-Algorithmus und digitaler Plattform dabei unterstützt, die richtigen Schuhe zu finden. Görtz erzählt, wofür andere Unternehmen die Daten der 100.000 Fußaufnahmen nutzen – und wo die Fußscans in Zukunft noch stattfinden könnten.

Herr Görtz, was ist Ihr Digital Health Hack? Welche Herausforderung bei der Digitalisierung haben Sie gemeistert, deren Lösung auch für andere Akteure im Digital-Health-Bereich interessant sein könnte?

Für uns Gründer bei shoe commerce ging es am Anfang darum, sich in ein Thema einzuarbeiten, mit dem wir vorher nichts zu tun hatten. Zwei von uns sind Betriebswirte, einer Wirtschaftsingenieur. Wir sind damals auf die Idee gekommen, Unternehmen dabei zu helfen, dass ihre Mitarbeiter passende Sicherheitsschuhe erhalten – und so für Prävention durch Fußgesundheit zu sorgen. Dazu mussten wir aber erst einmal Füße verstehen. Industriell gefertigte Schuhe sind immer gleich, Füße hingegen sind nicht immer gleich. Jeder Fuß hat ganz eigene Eigenschaften: Länge, Breite, Fußwölbung und vieles mehr – und dabei gibt es immer auch Unterschiede zwischen linkem und rechtem Fuß. Wir mussten uns also erst einmal in einem für uns neuen Feld kundig machen.

Was haben Sie also gemacht, um Füße zu verstehen?

Wir haben mit Orthopädie-Schuhtechnikern und Ärzten zusammengearbeitet und einen Algorithmus entwickelt. Dadurch lassen sich für jede Person individuell die passenden Sicherheitsschuhe auswählen. Wir setzen einen 3D-Laserscanner ein, der mikrometergenau die Passform-Daten der Füße erhebt. Über eine digitale Plattform können dann die Schuhe ausgewählt werden und es wird gegebenenfalls eine Einlage oder Fußbettung empfohlen. Unser Angebot wird von Arbeitgebern genutzt, die ihren Beschäftigten Sicherheitsschuhe zur Verfügung stellen müssen. Darunter sind Großkonzerne, aber auch kleine Unternehmen wie Handwerksbetriebe.

Warum ist das Thema Fußgesundheit für Unternehmen überhaupt relevant?

Wenn man zu kleine oder zu enge Schuhe trägt, kommt es über die Jahre zu Fehlstellungen. Denn während bei Sportschuhen der Schuh nachgibt, gibt bei Sicherheitsschuhen mit Stahlkappe und festem Material der Fuß nach. Zudem muss man wissen, dass etwa zwei Drittel der Menschen orthopädische Fußprobleme oder Fehlstellungen haben, etwa Hallux valgus, einen Senk-, Platt- oder Hohlfuß. Wenn man bei der Arbeit die ganze Woche über acht Stunden am Tag mit demselben, nicht passenden Paar im Unternehmen herumläuft, hat man ständig abends Fuß- und Rückenschmerzen. Mit den passenden Schuhen kann man also dazu beitragen, dass Beschäftigte seltener krankheitsbedingt fehlen. Das hat auch eine Studie gezeigt, die wir zu Beginn umgesetzt haben.

Was hat sich dabei genau gezeigt?

Wir haben dabei die Füße von mehr als 350 Personen gescannt. Dabei hat sich gezeigt, dass zwei Drittel keine passenden Sicherheitsschuhe hatten. Mehr als acht von zehn Personen hatten Fußfehlstellungen, jeder Vierte hatte Fußbeschwerden.

Wie sieht der Ablauf aus, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter neue Sicherheitsschuhe haben möchte? Gehen sie für den Scan in ein Geschäft?

Wir haben stationäre Einheiten in großen Unternehmen aufgestellt. So gibt es beispielsweise in einem der Bosch-Werke mit 6.000 Mitarbeitern drei Scan-Stationen. Dort können die Beschäftigten selbst ihre Füße scannen. Wir haben zudem ein Team, das zu den Unternehmen fährt, um dort die Füße zu scannen. Das machen wir in der Schweiz, in den Niederlanden, in Dänemark, in Italien und Deutschland. Zusätzlich zum Fußscan nehmen wir weitere Informationen auf, die für die Auswahl des Schuhs und für die Einlage oder Fußbettung relevant sind, wie das Gewicht.

Was passiert mit den Fußdaten, die Sie ermitteln?

Wir schicken die Daten in unsere Cloud, in der wir eine Datenbank mit tausend Schuhmodellen haben. Dort gleicht unser Programm die Füße mit den Schuhmodellen ab, sodass wir wissen, welche Schuhe infrage kommen. Und wir empfehlen die optimale orthopädische Versorgung, entweder als Einlage oder als Fußbettung.

Welche Technologien, die Sie einsetzen, hat shoe commerce selbst entwickelt, welche kaufen Sie ein?

Die Scan-Geräte kaufen wir zu. Den Algorithmus haben wir – wie eingangs schon gesagt – gemeinsam mit Fachleuten entwickelt und dazu eine Software entwickeln lassen. Unser Geschäftsmodell beruht auf einem Software-as-a-Service-Modell. Wir verkaufen ja keine Schuhe, sondern sind Dienstleister. Wir clustern die Füße und empfehlen Schuhe. Den Verkauf der Schuhe übernehmen dann Schuhhersteller, den Verkauf der Einlagen oder Fußbettungen Orthopädie-Schuhtechniker.

Werden die Fußdaten, die Sie ermitteln noch anderweitig genutzt?

Wir haben inzwischen Daten zu 100.000 Füßen in unserer Datenbank anonymisiert und DSGVO-konform gespeichert. Die Schuhhersteller nutzen die Daten zum Beispiel für die Modellentwicklung. Sie können die Formen dann an die typischen Füße in den jeweiligen Regionen anpassen.

Gehen die Unternehmen eigentlich auf ihre Mitarbeiter zu, damit sie sich passgenaue Sicherheitsschuhe erstellen lassen oder müssen die Beschäftigten selbst aktiv werden?

Arbeitgeber sind verpflichtet, die Schutzausrüstung zu stellen. Aber sie achten inzwischen immer stärker auf Prävention. Da spielen uns Fachkräftemangel und Demografie in die Hände. Viele Unternehmen klagen über hohe Krankenstände. Ein Viertel davon sind Muskelskelett-Erkrankungen. Wer in Fußgesundheit investiert, kann dadurch seine Krankheitsquote senken.

Ihr Geschäftsmodell sieht derzeit so aus, dass zum einen Unternehmen über Ihre Plattform passende Sicherheitsschuhe für ihre Mitarbeiter ausfindig machen können. Zudem verkaufen sie die Daten an Schuhhersteller. Planen Sie Ihr Geschäftsmodell zu erweitern?

Wir überlegen gerade, wie auch andere Akteure unsere Algorithmen einsetzen könnten und sind dabei Partner zu suchen. Das könnten zum Beispiel Drogerien sein, die ihren Kunden diese Präventionsleistung anbieten.

Was ist mit dem Schuhhandel?

Auch der kommt infrage. Im Sporthandel läuft so etwas schon, im traditionellen Schuhhandel aber noch nicht. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Möglichkeiten

Welche sind das?

Mithilfe unserer Scans könnten auch Sprunggelenksbandagen oder Orthesen empfohlen werden. Auch Reise- und Sportstrümpfe zur Thromboseprävention kommen zukünftig infrage. Die Scans könnten auch bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten stattfinden. So könnten Produkte für die orthopädische Fußgesundheit und medizinische Hilfsmittel digital dem Menschen zugeordnet werden, wie etwa Orthesen oder Bandagen, eine Fußbettung oder Einlagen.

**Hiergeht es zur Internetseite von shoe commerce.**

Hier geht es zum ATLAS-Profil von Alexander Görtz.

Weitere Digital Health Hacks gibt es**hier.**

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