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Exoskelette zur Mobilisierung - Steffen Ganders German Bionic

Aktive Exoskelette spielen bei der Mobilisierung eine sehr große Rolle

Aktive Exoskelette kommen in Krankenhäusern zum Beispiel dann zum Einsatz, wenn Patient:innen aus dem Rollstuhl gehoben, gelagert oder gewaschen werden, berichtet Steffen Ganders, Head of Public Affairs bei German Bionic. Im Interview erklärt er, warum man die Arbeitsprozesse auf den Prüfstand stellen muss, wenn man die Geräte einsetzt, in welchen Klinik-Abteilungen sie insbesondere eingesetzt werden und wie Krankenhäuser die Anschaffung der Geräte finanzieren.

Herr Ganders, welche Herausforderung mit Blick auf die Digitalisierung hat German Bionic gemeistert, deren Lösung auch für andere Akteure im Digital-Health-Bereich interessant sein könnte**?

German Bionic hat ein aktives Exoskelett entwickelt, das Nutzerinnen und Nutzer bei ihren Bewegungsabläufen, wie schweren Hebe- und Haltetätigkeiten, unterstützt. Es entlastet dadurch zum Beispiel Pflegekräfte, wenn sie Patienten mobilisieren. Wenn man sich Statistiken von Krankenkassen oder Berufsgenossenschaften anschaut, wird schnell deutlich, wie sinnvoll es ist, Exoskelette einzusetzen: Muskelskeletterkrankungen, vor allem im unteren Rücken, sind eine der Hauptursachen für Krankmeldungen. In einer alternden Gesellschaft wird es umso wichtiger, bereits früh Technologien präventiv einzusetzen, die Menschen dabei helfen, länger gesund zu bleiben und in die Lage versetzen länger arbeiten zu können.

Der Einsatz eines aktiven Exoskeletts, wie unserem Exia, erschließt sich somit schnell selbst. So wie bei vielen anderen neuen Technologien, bringt jedoch auch ein Exoskelett Veränderungen mit sich – und führt somit bei manchen zu Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen. Daher ist es besonders wichtig, alle Beteiligten mitzunehmen bei dem Wandel.

Es geht also um ein gutes Change Management.

Richtig. Es geht darum, alle einzubinden: Das Management, Betriebsräte, die Nutzerinnen und Nutzer und viele mehr. Wenn man Exoskelette erfolgreich einsetzen will, muss man sich die eigenen Arbeitsprozesse anschauen und gegebenenfalls anpassen, damit sich der Einsatz der Technologie gut in die Abläufe integriert. Hilfreich ist dabei natürlich, wenn die Beschäftigten und die Führungskräfte in den Unternehmen, aber auch die Mitarbeiter in Aufsichtsbehörden eine Technologieoffenheit mitbringen. Denn schließlich geht es ja hier nicht um eine Technologie, die Beschäftigte ersetzen sondern unterstützen soll.

Wie entlastet ein Exoskelett Nutzer:innen im Arbeitsalltag konkret?

Das Exoskelett kann man sich vorstellen wie einen Wanderrucksack, den man sich umschnallt. Das Gerät wird am Oberkörper mit einer Weste befestigt, zudem gibt es zwei Beinanbindungen. Das Exoskelett verfügt über zwei Elektromotoren, die dann die Nutzerinnen und Nutzer bei ihren Bewegungen unterstützen. Inzwischen liegen wir bei einer Kraftunterstützung von 38 Kilogramm – und das geschieht intelligent.

Inwiefern intelligent?

Die Sensorik des Exoskeletts erkennt die Bewegungsmuster der Nutzer. Es wird festgestellt, in welche Richtung die Bewegungen gehen und die Motoren unterstützen dann den natürlichen Bewegungsablauf. Im System unseres Geräts kommt auch Machine Learning zum Einsatz, denn schließlich bewegt sich jeder unterschiedlich, jeder hat unterschiedliche Körperproportionen und übt unterschiedliche Tätigkeiten aus. Wenn man zum Beispiel eine Kiste von einer Palette hochhebt, ist das ein anderer Bewegungsablauf, als wenn man einen Patienten, der im Rollstuhl sitzt, mobilisiert. Die Daten, die wir über einen langen Zeitraum gewonnen haben, erlauben es uns, die Unterstützung durch die Bewegungsimpulse der tragenden Person immer weiter auf einzelne Tätigkeiten zu individualisieren.

Was zeigt sich in der Praxis: Für welche Tätigkeiten nutzen Pflegekräfte das Exoskelett insbesondere?

Wir sehen, dass die Technologie bei der Mobilisierung eine sehr große Rolle spielt – zum Beispiel, wenn ein Patient oder eine Patientin aus dem Rollstuhl gehoben oder wieder hingesetzt wird. Auch bei den sogenannten Zwangshaltungen – also bei lange nach vorne gebeugter Haltung – entlastet das aktive Exoskelett Pflegekräfte. Das kann beim Lagern, Waschen oder auch bei der Wundversorgung der Fall sein.

Und in welchen Abteilungen oder Bereichen in Kliniken sind die Geräte vor allem im Einsatz?

Es zeigt sich, dass sich die Arbeit mit dem aktiven Exoskelett beispielsweise bei der Pflege älterer Menschen – also in der Geriatrie – oder in solchen Bereichen gut integrieren lässt, in denen die Patienten körperlich sehr eingeschränkt sind und Unterstützung bei der Mobilisierung brauchen. Es sind Bereiche, in denen die Arbeitsabläufe standardisiert und gut planbar sind.

Die Nachfrage nach Exoskeletten nimmt aber auch in der Langzeitpflege zu. Dort können die Geräte von Vorteil sein, weil beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Pflegedienstes sie am Körper tragen können und sich so teilweise ein Lifter ersetzen lässt.

Anders sieht es in Bereichen aus, in denen viel ad hoc passiert – beispielsweise in der Notaufnahme. Dort ist der Einsatz schwieriger, weil man sich das Gerät ja erst einmal anziehen muss.

Wie lange dauert das Anziehen?

Wer geübt ist, schafft es innerhalb von 30 bis 60 Sekunden, das Ausziehen geht wesentlich schneller. Das An- und Ablegen ist daher auch für viele Tätigkeiten kein Grund mehr, es nicht zu nutzen – wenn man die Prozesse entsprechend anpasst.

Wie muss man denn die Prozesse ändern?

Man muss sich anschauen, wie die Prozesse so angepasst werden können, damit das Anziehen und Ausziehen nicht so häufig nötig ist, sondern eher mit längerem zeitlichem Abstand erfolgt.

Es gibt Branchen, in denen die Nutzerinnen und Nutzer das Gerät über mehrere Stunden tragen – zum Beispiel in der Logistik. Aber das lange Tragen ist aus unserer Sicht nicht notwendig, damit der Einsatz der Technologie sinnvoll ist. Vielmehr geht es darum, dass das Exoskelett die Nutzer dann unterstützt, wenn ihr unterer Rücken stark belastet wird.

Inwiefern spielt das Gewicht eine Rolle dafür, ob und wie lange jemand das Exoskelett tragen möchte?

Das Gewicht liegt im Schnitt bei etwa sieben Kilo, je nach Konfiguration des Exoskeletts. Jeder, der mal mit einem Wanderrucksack unterwegs war, weiß: Wenn das Gewicht des Rucksacks auf den Hüften liegt und er mithilfe der Schnallen gut ausbalanciert ist, stellt es keine übermäßige Belastung mehr dar.

Für manche Krankenhäuser ist bisher der Preis ein Grund dafür, sich noch keine aktiven Exoskelette anzuschaffen. Der Preis kann – je nach Anbieter – im niedrigen fünfstelligen Bereich liegen. Lohnt sich die Anschaffung also derzeit nur für größere Einrichtungen?

Neben dem Kauf gibt es auch die Möglichkeit, ein Exoskelett zu leasen. Zudem muss man berücksichtigen, dass das Gerät im Mehrschichtbetrieb von mehreren Beschäftigten genutzt werden kann. Das relativiert den Preis.

Zudem muss man auch die Gegenrechnung aufmachen: Wenn Beschäftigte wegen Rückenproblemen ausfallen, kostet das Geld. Im schlimmsten Fall, fällt jemand sogar so lange aus, dass man eine neue Person einstellen muss. Dann entstehen zusätzliche Kosten fürs Rekrutieren und das Onboarding. Diese Kosten, die entstehen, wenn man nichts unternimmt, muss man eben auch berücksichtigen.

Nichtsdestotrotz: Es fallen zunächst einmal Kosten an, die nicht über Beitragsgelder refinanziert werden. Welche Gelder nutzen Kliniken also für die Anschaffung der Exoskelette?

Was wir mitbekommen, ist, dass die Krankenhäuser die Anschaffung aus mehreren Töpfen selbst finanzieren. Das eine kann der Finanztopf für den Arbeitsschutz sein, ein anderer der Marketing-Topf. Wir sehen, dass Kliniken bei der Mitarbeitergewinnung damit werben, dass sie Exoskelette einsetzen, um ihre Beschäftigten zu entlasten. Manche finanzieren die Anschaffung zudem über Spenden oder Crowdsourcing-Aktionen. Außerdem gibt es für manche Kliniken Fördermöglichkeiten, wie etwa im Rahmen der „HighCare Agenda“ in Bayern.

Wenn man sich den Markt für Exoskelette anschaut, fällt auf, dass die meisten Anbieter ihre Geräte nicht auf den Pflegebereich zugeschnitten haben, sondern sich auf andere Bereiche konzentrieren – zum Beispiel auf die Logistik, den Bau oder Autowerkstätten. Wieso glaubt German Bionic daran, dass auch die Pflege ein interessanter Markt ist?

Wir sind mit dem Gerät ebenfalls ursprünglich in der Logistik gestartet. Wir haben dann festgestellt, dass schwere Hebe- und Haltetätigkeiten auch im Pflegebereich ein wichtiges Thema sind und haben ein Projekt mit der Pflegeforschung der Charité umgesetzt. Dabei haben wir uns angeschaut, welche Anforderungen ein Exoskelett in der Pflege erfüllen muss. Wir haben das Design dann entsprechend angepasst. So haben wir zum Beispiel Griffe ergänzt, an denen sich die Patienten festhalten können. Wir haben außerdem an der Softwaresteuerung für die Feinmotorik gearbeitet, damit bestimmte Bewegungsabläufe in der Pflege besser abgebildet werden.

Marktanalysten schätzen, dass Exoskelette in der Pflege das Potenzial haben, weltweit ein Milliardenmarkt zu werden. Das gilt aber für alle Exoskelette – also auch für rein mechanische Modelle, die passiv sind, ohne Motor eine geringere Unterstützung bieten und im Gegensatz zu unserem Gerät keine KI-gestützte Technologie verwenden.

Wenn man wissen will, wie gut die Marktchancen sind, ist der Blick auf die Statistiken zu Muskel-Skelett-Erkrankungen des Rückens relevant. Daran lässt sich erkennen, in welchen Berufen das Thema bedeutsam ist. Zudem spielt natürlich der demografische Wandel eine Rolle, der ja nicht nur in Deutschland an Bedeutung gewinnt.

Welche Regionen sind für German Bionic – abgesehen von Deutschland – als Absatzmärkte besonders interessant?

Wir sind bisher am stärksten in Europa vertreten, weil der demografische Wandel gerade hier eine große Rolle spielt. Neben Österreich und der Schweiz ist Frankreich eines der Länder in Europa, die am offensten und interessiertesten mit der Technologie umgehen. Auch die nordischen Länder sind sehr technologieaffin, interessiert und offen. Auch in Asien und Nordamerika sind wir präsent.

In welchen anderen Bereichen in der Klinik könnten Exoskelette künftig eingesetzt werden?

Bisher ist unser Exoskelett nicht im OP-Bereich im Einsatz, aber das ist perspektivisch ebenfalls denkbar. Der Bedarf ist auf jeden Fall vorhanden, zum Beispiel in der Chirurgie für minimalinvasive Eingriffe. Dort stehen die Chirurginnen und Chirurgen beispielsweise bei Bauchspiegelungen über lange Zeit in vorgebeugter Haltung, sodass die Belastung für den unteren Rücken groß ist. Auch bei dieser Tätigkeit können Exoskelette für Entlastung sorgen. Die Exoskelette sind natürlich auch bei intralogistischen Aufgaben im Krankenhaus oder in einer Pflegeeinrichtung eine Hilfe.

Das Interview führte Hendrik Bensch

**Hiergeht es zur Internetseite von German Bionic**

Weitere Digital Health Hacks gibt es**hier.**

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