Remote-Services im Screening von Demenzerkrankten

Demenz
Das Risiko an einer Demenz zu erkranken ist besonders hoch für ältere Personen und steigt ab dem 65. Lebensjahr stark an. Eine Demenz ist irreversibel und nicht heilbar. Ihr Verlauf kann jedoch durch Medikamenteneinnahme und Unterstützung der kognitiven Leistungsfähigkeit verlangsamt werden. Betroffene sind durch die Erkrankung in ihren Aktivitäten des alltäglichen Lebens beeinträchtigt und zeigen darüber hinaus häufig Probleme in der Orientierung, Erinnerung oder im sozialen Umgang.
Die Diagnose Demenz wird im Regelfall bei der Beeinträchtigung von mindestens zwei kognitiven Fähigkeiten, wie z. B. Gedächtnis, Motorik, Sprache oder Orientierung gestellt (1). Anhand von Differenzialdiagnostik wird abgeklärt, um welche Form von Demenz es sich handelt bzw. welche Erkrankung ursächlich ist (2).
Früherkennung einer Demenz ist essenziell
Für das Gesundheitswesen entstehen jährlich hohe Kosten durch die Versorgung und Pflege von Demenzerkrankten. So beliefen sich Krankheitskosten der über 65-jährigen Demenzerkrankten im Jahr 2015 auf rund 14,8 Milliarden Euro (3), ein Anteil von 4,3 Prozent bei rund 344,2 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben (4). Daher ist eine Früherkennung, also ein Screening, enorm relevant, um den Krankheitsverlauf abzuschwächen sowie in Folge Pflege- und Betreuungsstrukturen zu entlasten.
Aufgrund von Abstandsregelungen und dem Aussetzen von Routineuntersuchungen besteht in Pandemiezeiten die Gefahr einer Versorgungslücke. Vermeintlich Demenzerkrankten fehlen regelmäßige Versorgungsstrukturen, wie z. B. Memory Kliniken (auch: Gedächtnissprechstunden) (5, 6). Für die Zielgruppe ist dies besonders problematisch, da durch soziale Distanz und Vereinsamung zusätzlich zu geringeren Screening-Maßnahmen das Gedächtnis und die Orientierung leiden (5). Wie können digitale Technologien hier, im ambulanten Demenz-Screening, unterstützend eingesetzt werden?
Neue Wege für Memory Kliniken
In Frage käme besonders eine Erweiterung des Screenings und der Diagnostik durch Memory Kliniken um ferngesteuerte, digitale Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Memory Kliniken sind Einrichtungen der gerontopsychiatrischen Versorgung, welche auf die Früherkennung von Demenzerkrankungen spezialisiert sind. In Deutschland gibt es derzeit rund 200 solcher Ambulanzen (7). Interdisziplinäre Teams, u.a. bestehend aus Fachärzten, Sozialarbeitern und -pädagogen sowie Pflegekräften, wenden unterschiedliche Fragebögen und Tests an, die in Interaktion zwischen Health Professionals und potenziell Erkrankten durchgeführt werden. Hierbei wird der Orientierungssinn, das Kurzzeitgedächtnis oder das Sprachzentrum angesprochen. Beispielhaft für solche Verfahren sind der Mini-Mental-Status-Test, der Demtect oder der Uhrentest (8, 9).
Mithilfe von Angeboten sogenannter Remote Memory Kliniken würde ein kontaktloses Screening von Menschen mit Gedächtniseinbußen möglich. Diese werden aktuell in Studien diskutiert (6, 10). Zur Anwendung können zunächst Telefon- und Videokonferenzen kommen, besonders für klassische Tests mit Patienten, die Probleme in der digitalen Umsetzung haben (5). Daneben bieten sich auch Smartphones oder Tablets, samt möglicher Apps, als beliebte Tools zur Erbringung von Versorgungsleistungen an (5, 10). Beispielhaft ist die Mezurio App, welche bereits in Projekten validiert wurde und eine hohe Nutzerzufriedenheit aufweist. Die App bietet verschiedenste kognitive Tests zu den Bereichen Gedächtnis, Motorik und Sprache. Diese werden anhand kleiner Spiele über Eingabe, Berührung oder Bewegung am Smartphone oder Tablet durchgeführt und dauern jeweils nicht mehr als fünf Minuten (11). Die schlussendliche Zusammenführung von digital erfassten Screeningdaten mit der elektronischen Patientenakte könnte den weiteren Versorgungsprozess zusätzlich optimieren.
Umsetzung digitaler Tests für Zielgruppe schwierig
So niedrigschwellig besonders Erstkontakte zum Screening durch digitale Tools bedient werden können, die Interaktion mit der Zielgruppe hält ihre ganz eigenen Hürden bereit. Ältere Menschen mit dem Verdacht auf eine Demenz werden vermutlich bereits vor dem Erstkontakt mit einer Memory Klinik individuelle Einbußen wahrnehmen. Diese können die Anwendung von im Alltag unregelmäßig eingesetzten Gegenständen und Technologien erschweren (5, 6). Auch leben viele, ältere Personen allein und bräuchten Unterstützung in der digitalen Kommunikation, welche wiederum durch Angehörige, Klinik- oder Pflegepersonal sichergestellt werden müsste.
Neben obligatorischem Datenschutz bedarf es Evaluationsstudien, um regulatorische Herausforderungen zu meistern und evidenzbasierte Lösungsansätze vorhalten zu können (6).
Analoge Tests neu aufsetzen, Digitales erproben
Der Einsatz digitaler Lösungen sollte zeitnah erprobt und unter Umständen niedrigschwellig begonnen werden. Eine Möglichkeit wäre, bereits einmal getestete, an Demenz erkrankte Personen um ein Follow-Up-Gespräch via telemedizinischer Anwendung wie der Videokonsultation zu bitten. Diese sind relativ einfach umzusetzen und bieten eine für auftretende Symptome und Verläufe hohe Spezifität (5).
Das Personal der Memory Kliniken muss auf die digitale Anwendung der sonst face-to-face stattfindenden Screenings eingestellt und geschult sein. Darüber hinaus erfordert die Umstellung eine auf digitale Übertragung und Anwendung ausgerichtete Konzeption bereits existierender Demenz-Tests (5) sowie eine Erprobung neuartiger, digitaler und automatisierter Testverfahren (6). Dies könnte beispielsweise über Kooperationen zwischen Verbänden und Versorgergruppen, Kliniken oder Kassenärztlichen Vereinigungen realisiert werden. Prinzipiell muss die Verfügbarkeit mobiler Technologie sowie eine ausreichende Digital (Health) Literacy bei Patienten fokussiert werden. Derzeitige Generationen Erkrankter weisen noch geringe Kompetenzen in der Anwendung von IKT auf. Trainings- und Informationsmaterial können hier ein Anfang sein (10).
Fazit
Ferngesteuertes Screening Demenzerkrankter in Form von Remote Memory Kliniken stellt eine vielversprechende Perspektive für die Versorgung in Zeiten von Pandemien und sozialer Distanz dar. Sollten entsprechende Maßnahmen das klassische Screening zukünftig ergänzen, sind sie besonders geeignet für kommende technik- und digitalkompetente Generationen, aber auch zur sofortigen Datengenerierung zu einer komplexen Erkrankung wie Demenz.
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Quellen
- Patnode C, Perdue L, Rossom R, Rushkin M, Redmond N, Thomas R, et al. Screening for Cognitive Impairment in Older Adults: An Evidence Update for the U.S. Preventive Services Task Force. 2020. zum Original
- Gesundheit Bf. Diagnose Demenz: Krankheitsbild und Verlauf 2020. zum Original.
- Bundesamt S. Demenz. Krankheitskosten: Deutschland, Jahre, Krankheitsdiagnosen (ICD-10), Geschlecht, Altersgruppen 2021. zum Original.
- Bundesamt S. Gesundheitsausgaben im Jahr 2015 um 4,5 % gestiegen 2017. zum Original.
- Cuffaro L, Di Lorenzo F, Bonavita S, Tedeschi G, Leocani L, Lavorgna L. Dementia care and COVID-19 pandemic: a necessary digital revolution. Neurol Sci. 2020;41(8):1977-9. zum Original
- Owens AP, Ballard C, Beigi M, Kalafatis C, Brooker H, Lavelle G, et al. Implementing Remote Memory Clinics to Enhance Clinical Care During and After COVID-19. Front Psychiatry. 2020;11:579934. zum Original
- (DGGPP) DGfGu-peV. Gedächtnissprechstunden 2021. zum Original.
- Calabrese P. Neuropsychometrische Diagnostik von Demenzen. Tests und Screeningsverfahren zur Einschätzung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Klinikarzt. 2013(42):220-5. zum Original
- e.V. AFI. Was ist Alzheimer? Die Alzheimer-Krankheit. zum Original.
- Brown EL, Ruggiano N, Li J, Clarke PJ, Kay ES, Hristidis V. Smartphone-Based Health Technologies for Dementia Care: Opportunities, Challenges, and Current Practices. J Appl Gerontol. 2019;38(1):73-91. zum Original
- Lancaster C, Koychev I, Blane J, Chinner A, Wolters L, Hinds C. Evaluating the Feasibility of Frequent Cognitive Assessment Using the Mezurio Smartphone App: Observational and Interview Study in Adults With Elevated Dementia Risk. JMIR Mhealth Uhealth. 2020;8(4):e16142. zum Original


