EHealth literacy: Ungeahnte Möglichkeiten durch Wissen über Digitalkompetenzen

Digitale Gesundheitskompetenz (im Folgenden „eHealth literacy“) wird durch die steigende Nutzung softwaregestützter Gesundheitsanwendungen immer stärker diskutiert. Problematisch ist dabei, dass aktuell weder eine gültige Definition noch eine klare Forschungsrichtung zu dieser Thematik existiert. Der betrachtete Quo Vadis-Artikel gibt einen umfassenden Überblick zum Forschungsstand und zur Messung von eHealth literacy und identifiziert Forschungslücken sowie Mängel beim Praxistransfer.
eHEALS: Wie eHealth literacy gemessen wird
Ein Großteil der Forschung konzentrierte sich bisher auf Möglichkeiten der Messung von eHealth literacy. Grundlage bildete meist die sogenannte eHEALS (eHealth Literacy Scale). Diese zielt darauf ab, anhand von acht Frageblöcken das spezifische Wissen, die empfundenen Fähigkeiten und die Sicherheit im Auffinden, Bewerten und Anwenden digitaler Gesundheitsinformation am Beispiel eines konkreten Gesundheitsproblems zu messen.
Obwohl die 2006 von Norman und Skinner im Zuge der ersten Welle von eHealth-Anwendungen entwickelte Skala in der Forschung häufig als methodische Grundlage zitiert wird, ist das ihr zugrundeliegende Konzept u.a. mit dem Aufkommen von Social Media und aufgrund fehlender interaktionaler Aspekte inzwischen überholt und die Aussagekraft daher limitiert.
eHealth literacy als Schlüssel zur adäquaten Technologie-Anwendung?
Damit Patienten die diversen digitalen Angebote wirksam für ihr Gesundheitsmanagement nutzen können, müssen sie selbstsicher bei der Technologienutzung sein. Hierzu sind grundlegende Fähigkeiten zur Anwendung und Navigation ebenso notwendig wie die angemessene Auswahl und kritische Auseinandersetzung mit Informationen.
Je besser diese Fähigkeiten ausgeprägt sind, desto gezielter kann die Auswahl relevanter digitaler Angebote erfolgen. Dies bedeutet auch: je genauer der Grad an eHealth literacy gemessen werden kann, desto individueller und zielgruppengerechter können digitale Informationen und Angebote entwickelt und angepasst werden.
Messinstrumente: Vielfach entwickelt, seltener Mehrwert
Um die genannten Kompetenzen valide messen zu können, wird seit Jahren an der Entwicklung von Modellen zur Beschreibung von eHealth literacy geforscht. Dabei wurde das bestehende eHEALS-Konzept stetig erweitert und der Skala immer weitere Messfaktoren hinzugefügt.
Beispiele hierfür sind transaktionale, kulturelle, kontextuelle oder institutionelle Faktoren. Nach Ansicht von Griebel et al. liegt ein Problem darin, dass die von Forschergruppen entwickelten Messansätze derzeit überwiegend punktuell bestehen, ohne bereits entwickelte Ansätze zu nutzen oder existierende Skalen in Betracht zu ziehen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wie können Patienten, Leistungserbringer oder auch Entwickler digitaler Anwendungen von Forschungsergebnissen profitieren?
Forschungslücken erkennen, um Konzepte zu fördern
Die meisten Studien beschränken sich darauf, mögliche Messkonzepte von eHealth literacy zu beschreiben. Der eigentliche Schritt in Richtung einer Verallgemeinerung und breiten Anwendung bleibt größtenteils aus. Es fehlt an theoretischer Fundierung der Messkonzepte, welche eine Verwendung der Skalen ermöglichen würde. Auch konzentriert sich die Forschung im Bereich der eHealth literacy beinahe nur auf die Gruppe der Patienten und lässt viele weitere Zielgruppen (siehe Abb. 1) außen vor. Somit bleiben mögliche Potenziale ungenutzt.
Zielgruppen möglicher Synergien durch Messung und Skalierung der eHealth literacy
(Eigene Darstellung)
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](https://www.atlas-digitale-gesundheitswirtschaft.de/wp-content/uploads/2019/11/EHealth.png)
Interdisziplinäre Nutzung von Forschungsergebnissen nötig
Um Studien zur Messung von eHealth literacy in die Anwendung überführen zu können, müssen Ergebnisse interpretierbar sein und auf dieser Basis Empfehlungen entwickelt werden. Derzeit ist (noch) kein Transferansatz oder eine ausreichend differenzierte Zielgruppe zu erkennen.
Bereits in der Entwicklung digitaler Gesundheitsanwendungen könnten Erkenntnisse zur eHealth literacy einfließen, wenn sie denn übertragbar wären. Auch die Berücksichtigung der Kompetenzen von Professionen des Gesundheitswesens in der Konzeption von Messinstrumenten könnte einen Mehrwert bringen.
Fazit
Das relativ neue Konzept der digitalen Gesundheitskompetenz – eHealth literacy – bedarf einer Fokussierung der Forschungsvorhaben in Hinblick auf eine gültige definitorische Basis, die diversen Forschungsrichtungen und die Relevanz und Übertragbarkeit der Ergebnisse.
Aus dem zugrundeliegenden Überblicksartikel zur eHealth literacy gehen demnach folgende Implikationen hervor:
- Einigung auf eine einheitliche Definition von eHealth literacy.
- Entwicklung eines Goldstandards zur Integration bestehender Ansätze und Vermeidung von Inselprojekten.
- Klärung der Erforderlichkeit durchgeführter Studien, des Theoriebezuges von Studienergebnissen und der Transfermöglichkeiten.
- Übertragbarkeit auf eine Vielzahl an Nutzer-/Patientengruppen.
- Integration unterschiedlicher Professionen und Forschungsgebiete zur Entwicklung einer fundierten Studienlage.
- Hilfestellung für Entwickler digitaler Gesundheitsanwendungen zur Integration von Studienergebnissen in die Technologieentwicklung.
Tab.1: Implikationen künftiger Forschung zu eHealth literacy (Eigene Darstellung)
Quellen
- Norman CD, Skinner HA. eHEALS: The eHealth Literacy Scale. Journal of Medical Internet Research. 2006; 8(4). zum Original
- Griebel L, Enwald H, Gilstad H, Pohl AL, Moreland J, Sedlmayr M. eHealth literacy research-Quo vadis? Inform Health Soc Care. 2018; 43(4): 427-42. zum Original


