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Digital Divide – wo tut sich der Abgrund auf?

Der Begriff des Digital Divide vermittelt die Annahme einer starren Grenze bzw. großen Kluft zwischen zwei Gruppen – den Digitalen und Nicht-Digitalen (1). Doch wo bzw. in welchem Umfang existiert diese vermeintliche Kluft in unserem digitalisierten Alltag und wie lassen sich Erkenntnisse auf die Gesundheitsversorgung übertragen?

Grundsätzlich wird eine binäre Unterscheidung von Zugang und Nicht-Zugang nur beim First Level Divide (‚access‘) getroffen. Ungleichheiten im Umgang (‚use/skills‘) mit Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) bauen als Second Level Divide hierauf auf. Dies löst das Themenfeld Digital Divide von der fixen Idee, dass Unterschiede in der Nutzung durch den schieren Zugang zur Technologie nivelliert würden. Zuletzt beschreibt der *Third Level Divide*unterschiedliche Ergebnisse und Konsequenzen der Technologie-Nutzung (‚outcomes‘) (2, 3).

Nicht ganz greifbar und stets in Bewegung

Die interdisziplinäre Forschung im Bereich Digital Divide entwickelte seit Begründung in den späten 1990er Jahren ausgehend von der Bestimmung des Zugangs zu Technologien diverse konzeptuelle Ansätze (1). Alle Ansätze haben gemein, dass sie, aufbauend auf den identifizierten Digital Divide, Determinanten der im Konzept implizierten Ungleichheiten bestimmen möchten (2, 4, 5).

Die zentrale Frage ist, wer tatsächlich von einer Nutzung vorhandener Online-Ressourcen und digitaler Medien profitiert. Denn mit einem in entwickelten Ländern niedrigschwelligen Zugang zu Informationen aus dem Internet ist beispielsweise noch nicht die Frage der Qualität dieser Informationen geklärt. Bezogen auf das Gesundheitswesen kann dies gesundheitliche Chancenungleichheit verstärken (2, 3, 6).

Hier wird es problematisch

Da digitale Anwendungen Nutzern prinzipiell eine hohe Eigenverantwortung übertragen, kann ein Digital Divide Auswirkungen auf die Anwendung digitaler Medien haben. Dies reicht von digitalen Gesundheitslösungen im Alltag bis zu umfassenden Technologien wie dem Internet of Things (IoT) (3). Unterschiedliche (alltägliche) Geräte wie Smartphones oder Wearables können untereinander kommunizieren, ihre Informationen geteilt und nutzbar gemacht werden. Anschließend besteht die Möglichkeit autonomer Entscheidungen der Geräte auf Grundlage der vorhandenen Daten (7).

Die Abgabe der eigenen Entscheidungsmöglichkeit erfordert fundiertes Wissen über mögliche Konsequenzen. Personengruppen mit geringeren Ressourcen und sozialen Status werden aufgrund einer potentiell niedrigeren Wissensbasis voraussichtlich unzureichende Fähigkeiten in der Technologieanwendung aufweisen (7).

Wichtig sind die äußeren Einflüsse

Erkenntnisse zum Digital Divide Konzept zeigen: Die relevantesten Einflüsse sind soziodemographische Merkmale wie Einkommen, Bildung, Geschlecht, Alter und Ethnie (1). Mit der Weiterentwicklung des Konzeptes werden diese exogenen Faktoren immer relevanter.

Der Faktor Bildung hat den potentiell permanentesten Einfluss auf den Digital Divide (1, 8). Denn während Personengruppen mit höherem Bildungsniveau digitale Medien eher zu Zwecken der Einkommenssteigerung im Kontext ihrer Arbeit, Karriere oder des Studiums nutzen, werden digitale Anwendungen von Personengruppen niedrigerer Bildungsschichten zur Unterhaltung und Kommunikation sowie zum Konsum genutzt (1, 4). So werden bestehende Ungleichheiten noch verstärkt.

Forschung zu Wirkfaktoren unterrepräsentiert

Zur Erörterung der angeführten exogenen Faktoren und somit (Aus)Wirkungen des Digital Divide führten Scheerder et al. eine systematische Literaturanalyse durch, welche einen Überblick aktueller Forschungsergebnisse sowie notwendigen Forschungsbedarfs geben sollte. Betrachtet wurde der Digital Divide zweiten und dritten Grades – mit den inbegriffenen Determinanten ‚use/skills‘ und ‚outcome‘ (2).

Die Ergebnisse bestärken die Annahme einer technologiebezogenen Ungleichverteilung aufgrund der demographischen Faktoren Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status und Ethnie. Besonders Alter, Bildungsniveau und Erwerbstätigkeit bzw. Beschäftigungssituation fallen ins Gewicht (2). Zeitgleich wird herausgestellt, dass Forschung zum Third Level Divide (‚outcome‘) unterrepräsentiert ist. Aufgrund dieser Forschungslücke lässt sich bisher keine gesicherte Aussage darüber treffen, welche Personengruppen aus welchen Gründen potentiell von ihrer Online-Aktivität profitieren. Ebendiese Fragen zu ergründen scheint jedoch besonders relevant, da sie Auswirkungen auf bestehende Ungleichheiten haben (2).

Implikationen

Durch existierende Ungleichheiten aufgrund des Digital Divide kann die Wirkung unterstützender Technologien, beispielhaft im Gesundheitswesen, gemindert oder gar ausgehebelt werden. Es sollten Methoden gefunden werden, um verschiedene Gruppen unterschiedlichen Niveaus anzusprechen und digitale Angebote zu adressieren (3). Bleibt es bei einer eindimensionalen Betrachtung im Sinne der Frage „Zugang ja/nein“, werden benachteiligten Personengruppen bestimmte Lösungen vorenthalten.

Forschung zum Third Level Divide – den Folgen bzw. dem Nutzen einer Technologieanwendung – ist derzeit unterrepräsentiert, weshalb auch kein Positivbeispiel als Handlungsempfehlung herauszustellen ist. So scheinen keine Maßnahmen zum Ansatz an einen existierenden Digital Divide eindeutig identifizierbar. Mit dem Wissen um die Relevanz der Wirkfaktoren Alter, Bildungsniveau und Beschäftigungssituation sollte die Forschung zum Konzept des Digital Divide in Zusammenhang mit anderen, bereits vorhandenen Ansätzen gebracht werden. Von Bedeutung könnten dabei Theorien zur Technologie-Akzeptanz und Digitalkompetenz sein.

Quellen

  1. Van Dijk JAGM. Digital Divide: Impact of Access. The International Encyclopedia of Media Effects: 2017. 1-11. zum Original
  2. Scheerder A, van Deursen A, van Dijk J. Determinants of Internet skills, uses and outcomes. A systematic review of the second- and third-level digital divide. Telematics and Informatics. 2017; 34(8): 1607-24. zum Original
  3. Cornejo Muller A, Wachtler B, Lampert T. Digital divide-social inequalities in the utilisation of digital healthcare. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2020. zum Original
  4. Van Deursen AJ, van Dijk JA. The first-level digital divide shifts from inequalities in physical access to inequalities in material access. New Media Soc. 2019; 21(2): 354-75. zum Original
  5. Büchi M, Just N, Latzer M. Modeling the second-level digital divide: A five-country study of social differences in Internet use. New Media & Society. 2016; 18(11): 2703-22. zum Original
  6. Van Deursen AJAM. Digital Divide: Impact of Media Literacy. The International Encyclopedia of Media Effects. 2017: 1-8. zum Original
  7. Van Deursen AJAM, Mossberger K. Any Thing for Anyone? A New Digital Divide in Internet-of-Things Skills. Policy & Internet. 2018; 10(2): 122-40. zum Original
  8. Scheerder AJ, van Deursen AJAM, van Dijk JAGM. Taking advantage of the Internet: A qualitative analysis to explain why educational background is decisive in gaining positive outcomes. Poetics. 2019. zum Original

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