Diese Seite ist für Menschen und Suchmaschinen gestaltet. Zur Version für KI-Systeme (LLM) →

Wettbewerbsfähigkeit in der digitalen Transformation der Gesundheitswirtschaft: Kann Design Thinking einen Beitrag leisten?

Unternehmen der Gesundheitswirtschaft bewegen sich in der digitalen Transformation zunehmend in einer VUCA-Umwelt. Kann der Einsatz von Design Thinking Methoden die Organisationsentwicklung unterstützen und Wettbewerbsvorteile generieren?

Die Gesundheitswirtschaft ist zunehmend von VUCA-Umständen (volatil, unsicher, chaotisch, mehrdeutig) geprägt [1]. Zusätzlich verlangen gesetzliche Vorgaben etwa zur Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) [2] von Gesundheitsorganisationen Veränderungsbereitschaft, um am Markt zukunftsfähig zu sein [3]. Um Wettbewerbsvorteile in wechselhaften Umwelten zu generieren, benötigen Unternehmen dynamische Fähigkeiten. Damit sind Fähigkeiten gemeint, die erlauben Marktchancen zu erkennen (Sensing), sie zu ergreifen (Seizing) und die Organisation bzw. relevante Teilbereiche schnell kohärent zu verändern, bzw. neue Routinen zu etablieren (Transforming) [4,5]. In der Gesundheitswirtschaft steht die Entwicklung dieser Fähigkeiten aufgrund der starken Regulierung in einem besonderen Spannungsfeld. Eine vielversprechende Methode zur Stärkung der Innovationskraft ist der Design Thinking Ansatz [6], dessen Nutzen in diesem speziellen Kontext bisher allerdings kaum untersucht wurde.

Design Thinking als Mittel, um dynamische Fähigkeiten zu entwickeln

In einer aktuellen Längsschnitt-Studie von Oliveira, Zancul & Salerno (2024) wurde der Beitrag von Design Thinking-Workshops in einem brasilianischen Krankenhausbetreiber zur Entwicklung von dynamischen Fähigkeiten im Krankenhaus über einen Zeitraum von sechs Jahren untersucht [7].

Dafür wurden halbstrukturierte sowie offene Interviews mit Mitarbeitenden der Innovationsabteilung des Krankenhausbetreibers durchgeführt, darunter Führungskräfte, IT-Spezialisten, HR-Analysten und eine Pflegekraft. Die Interview-Transkripte sowie öffentliche und von der Innovationsabteilung bereitgestellte Dokumente wurden anschließend stufenweise kodiert, um Kategorien der Fähigkeitsbildung zu definieren.

Design Thinking begünstigt die Bildung dynamischer Fähigkeiten auf verschiedenen organisationalen Ebenen

Die Autoren leiten aus den Daten vier Gruppen dynamischer Fähigkeiten ab, die durch den Design Thinking Ansatz zu einer gelingenden digitalen Transformation von Gesundheitsorganisationen beitragen.

Etablierung eines risikoverträglichen, sicheren Raumes

  • Durch Design Thinking Workshops konnte unter den Teilnehmenden ein tiefgreifendes Verständnis über interne und externe Probleme der Organisation entwickelt werden.
  • Anschließend wurden unter den Teilnehmenden spielerische Erfahrungen im Zuge der Produkt- und Prozessentwicklung gefördert. Das hat zu einer Transformation hin zu mehr Identifikation mit der Innovationsabteilung und zu einer risikobereiteren Haltung z.B. für schnelles Prototyping geführt.

Förderung einer innovativen Belegschaft

  • Durch die Übung des Design Thinking Ansatzes gaben Teilnehmende an, ein höheres Selbstvertrauen bezüglich ihrer Kreativität zu empfinden, was im Sinne des Sensing dabei hilft, innovative Lösungsvorschläge entwickeln zu können.
  • Durch die Teilnahme an den Design Thinking-Workshops wurden viele Mitarbeitende zu „Botschaftern“ des Design Thinkings innerhalb der Organisation. Das förderte eine unternehmensweite digitale Denkweise und Kompetenz.
  • Mitarbeitende lernten, Design Thinking-Werkzeuge auch autonom anzuwenden, was die Organisation befähigte, Herausforderungen im Zuge ihrer digitalen Transformation zu meistern.

Institutionelle Unterstützung gewinnen

  • Erfolgreiche Design Thinking Initiativen fanden zunehmend Unterstützung durch die Führungsebene. Dies wurde als verstärkender Faktor für gelingende digitale Transformation identifiziert.
  • Durch die Beteiligung von Mitarbeitenden und des Managements an der Lösung von Problemen in Design Thinking Workshops konnten weitere latente Probleme in verschiedenen klinischen und nicht-klinischen Bereichen gelöst werden. Das stärkte die Legitimation für den Design Thinking Ansatz innerhalb der Organisation.

Bildung eines Hubs für Innovationsförderung außerhalb des Unternehmens

  • Durch das Etablieren von internen und externen Partnerschaften stärkte die Organisation ihr Ökosystem für Innovation, was zu erfolgreichen Co-Creation-Projekten führte.
  • Die Ergebnisse interner Projekte der Innovationsabteilung führten zu neuen Marktzugängen und Finanzierungspfaden. Diese Navigation in digitalen Ökosystemen und die Etablierung von Kooperationen mit externen Partnern ist eine essenzielle dynamische Fähigkeit in der digitalen Transformation [7].

Dynamische Fähigkeiten werden auch im deutschen Gesundheitssystem immer wichtiger

Auch wenn in Deutschland die digitale Transformation des Gesundheitswesens noch nicht ausreichend ausgeprägt ist [8], ist in den nächsten Jahren eine zunehmende Bedeutung digitaler Technologien in der Gesundheitswirtschaft zu erwarten. Neben der Einführung der ePA übt auch die zunehmende Ambulantisierung der Gesundheitsversorgung Veränderungsdruck auf Krankenhäuser, medizinische Versorgungszentren und ambulante Praxen aus [9]. Die Entwicklung dynamischer Fähigkeiten kann damit als essenzielle Aufgabe von Gesundheitsorganisationen in Deutschland identifiziert werden. Abteilungen für Innovation und Prozessmanagement etablieren sich fortschreitend in deutschen Krankenhäusern [10], wobei über die Anwendung von Design Thinking in diesem Kontext bisher wenig berichtet wird. Angesichts der VUCA-Umwelt der Gesundheitswirtschaft ist dahingehend ein stärkerer Fokus zu erwarten.

Fazit

Anhand der Studie wird deutlich, dass Design Thinking maßgeblich zur Entwicklung dynamischer Fähigkeiten in Gesundheitsorganisationen beitragen kann. Durch die Förderung eines tiefgreifenden Verständnisses aktueller Probleme sowie einer Stärkung des kreativen Selbstvertrauens auf Individual- und Organisationsebene können Gesundheitsorganisationen zukünftige Innovations- und Transformationsprozesse erfolgreich gestalten und damit Wettbewerbsvorteile in unsteten Umwelten generieren. Dies ist besonders relevant, da die digitalen und regulatorischen Veränderungen vermehrt dynamische Anpassungen und proaktives Handeln erfordern.

Quellen

[1] Steffen B, Braun von Reinersdorff A, Rasche C. IT-Based Decision Support for Holistic Healthcare Management in Times of VUCA, Disorder, and Disruption. Applied Sciences, 2023; 13(10):6008. https://doi.org/10.3390/app13106008

[2] Bundesministerium für Gesundheit. Gemeinsam Digital: Digitalisierungsstrategie für das Gesundheitswesen und die Pflege, 2023. Online Zugriff über: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/D/Digitalisierungsstrategie/BMG_Broschuere_Digitalisierungsstrategie_bf.pdf

[3] Gardner J, Herron D, McNally M & Williams B. Advancing the digital and computational capabilities of healthcare providers: A qualitative study of a hospital organisation in the NHS. DIGITAL HEALTH, 2023; 9: 1-10. https://doi.org/10.1177/20552076231186513

[4] Teece DJ. Explicating dynamic capabilities: the nature and microfoundations of (sustainable) enterprise performance. Strategic Management Journal, 2007; 28: 1319-1350. https://doi.org/10.1002/smj.640

[5] Eisenhardt KM. & Martin J.A. Dynamic Capabilities: What Are They? Strategic Management Journal, 2000; 21(10/11): 1105–21

[6] Levander XA, VanDerSchaaf H, Barragá, VG et al*.* The Role of Human-Centered Design in Healthcare Innovation: a Digital Health Equity Case Study. *Journal of General Internal Medicine,2024; 39:690–695. https://doi.org/10.1007/s11606-023-08500-0

[7] Oliveira M, Zancul E, Salerno MS. Capability building for digital transformation through design thinking, Technological Forecasting and Social Change, 2024; 198. https://doi.org/10.1016/j.techfore.2023.122947

[8] Bohnet-Joschko S & Pilgrim K. Digitale Transformation in der Gesundheitswirtschaft. In: Sabine Bohnet-Joschko & Katharina Pilgrim (eds) Handbuch Digitale Gesundheitswirtschaft, 2023. Springer Gabler, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-41781-9_1

[9] Henkelmann J, Henkelmann R. & von Dercks N. Ambulantisierungspotenzial stationärer Fälle einer universitären Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie. *Unfallchirurgie,*2022; 125: 723–730. https://doi.org/10.1007/s00113-021-01072-w

[10] Hoffmann F, Khaladj N. Digital Health als Funktionsbereich in Krankenhäusern: Erfahrungen nach zweijährigem Betrieb der Stabsstelle für medizinische Prozessentwicklung am Klinikum Darmstadt. Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement. 2022; 28(02):84-8. https://doi.org10.1055/a-1908-5409

Verwandte Artikel:Die Rolle von Führungskräften bei der Einführung von Videokonsultationen in dänischen Krankenhäusern – Eine Fallstudie

Verwandte Artikel