Die Rolle von Führungskräften bei der Einführung von Videokonsultationen in dänischen Krankenhäusern – Eine Fallstudie

Für eine erfolgreiche Anwendung neuer Technologien im Krankenhausalltag reichen digitale Kompetenzen allein nicht aus. Wie können Führungskräfte in Krankenhäusern den Lernprozess unterstützen?
Die Integration von Videosprechstunden in die Nachsorge nach Krankenhausaufenthalten unterstützt Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachkräfte durch eine effizientere Ressourcennutzung. Gleichzeitig ermöglicht sie den Patientinnen und Patienten einen leichteren Zugang zur Beratung [1]. Medizinische Fach- und Führungskräfte stehen der Implementierung telemedizinischer Anwendungen häufig aufgeschlossen gegenüber und können oft auch fundierte Digitalkompetenzen vorweisen [2]. Dennoch scheitern Organisationen immer wieder an der konsequenten Nutzung der Technologie in der klinischen Praxis [2]. Gründe dafür können unter anderem mangelndes Training, fehlende technische Unterstützung sowie bürokratische, strukturelle oder organisationskulturelle Hürden sein [3, 4].
Kontextfaktoren für erfolgreiche Implementierung von Videosprechstunden
Eriksen, Dahler und Øye (2023) haben in ihrer Fallstudie die Implementierung von Videosprechstunden in den Klinikalltag von zwei dänischen Krankenhäusern untersucht [4]. Ziel war es, herauszufinden, welche Kontextfaktoren die Einführung in einer kardiologischen, neurologischen und einer neonatologischen Einheit fördern beziehungsweise behindern. Nach Vorgesprächen mit dem Management und der IT zu den Bedarfen der Fachbereiche erfolgte jeweils ein formales Training der Pflegefachpersonen und der IT-Spezialisten des Krankenhauses für die Anwendung der Videosprechstunden. Anschließend führten die Forscherinnen und Forscher eine teilnehmende Beobachtung der Trainingsinterventionen durch. Die qualitative Datenerhebung erfolgte durch Interviews und Fokusgruppen mit Pflegefachkräften, Bereichsleitungen, der Geschäftsführung der Krankenhäuser, städtischen Akteuren, IT-Spezialisten und Trainern.
Lernen am Arbeitsplatz und Urteilsfreiheit der Fachkräfte als entscheidende Mechanismen
Bei dem Implementierungsprozess in den drei Fachbereichen identifizierten die Autoren zwei Mechanismen, die auf die Bereitschaft des Klinikpersonals einwirkten, Videosprechstunden zu nutzen:
1. Formales und informales Lernen am Arbeitsplatz
- Um die Qualität des Lernens am Arbeitsplatz zu erhöhen, ist es wichtig, dass Führungskräfte umgehenden Support für Anwenderinnen und Anwender zur Verfügung stellen, da Fragen zur Technik häufig kurz nach der Einführung des Prozesses auftauchen.
- Regelmäßige Folgetrainings tragen dazu bei, Wissen zu vertiefen und den Technologie-Fokus in den Teams aufrechtzuerhalten.
- Die Zusammensetzung der Trainingsgruppen sollte interdisziplinär sein, um ein übergreifendes Prozessverständnis zu fördern.
- Auch zeigte es sich als hilfreich, formelle oder informelle Rollen als Ansprechpartner im Team festzulegen. Peer-Support ist ein wichtiger Faktor, um Barrieren für das Ausprobieren neuer Ansätze abzubauen.
2. Urteilsfreiheit der Fachkräfte
- Für eine erfolgreiche Integration von Videosprechstunden in Krankenhausabläufe ist es essenziell, dass Pflegefachkräfte selbst über deren Anwendung entscheiden können. Diese Autonomie fördert die Nutzung, wenn der Einsatz als für den Patienten verträglich angesehen wird.
- Führungskräfte, die den Pflegefachkräften Vertrauen entgegenbringen und die Entscheidungskompetenz über die Anwendung abgeben, konnten erreichen, dass Pflegefachkräfte die Verantwortung für die Nutzung übernehmen. Das hatte eine effizientere Integration der Videosprechstunden in den Klinikalltag zur Folge.
- Die Anerkennung der professionellen Urteilsfähigkeit der Pflegefachkräfte durch Führungskräfte ist fundamental. Eine starre Erwartungshaltung des Managements bezüglich der Anwendung von Videosprechstunden führte eher dazu, dass Pflegefachpersonen diese weniger eingesetzt haben.
Abbildung 1: Haupt- und Submechanismen, die den Erfolg der Implementierung von Videokonsultationen in den Krankenhausbetrieb bestimmen
Die Rolle von Führungskräften verändert sich auch in deutschen Krankenhäusern
Auch Untersuchungen in deutschen Krankenhäusern zeigen, dass für ärztliche Führungskräfte im Kontext der Digitalisierung weniger tiefgehende technische Kompetenzen, sondern vielmehr Organisations-, Kommunikations- und Prozesskompetenz wichtig sind [5]. In der Krankenhauslandschaft werden zunehmend Stellen für Prozessentwicklung und Digitalisierung geschaffen [6]. Allerdings fehlt noch eine Vernetzung dieser Personen, beispielsweise in Berufsgruppen oder Verbänden, was für ein fruchtbares Wissensmanagement wichtig wäre [6]. Die Erkenntnisse über die relevanten Kontextfaktoren für die Implementierung von Videosprechstunden können zu einem feineren Führungsverständnis bei der Einführung neuer Technologien beitragen.
Fazit
Anhand der dänischen Studie konnte gezeigt werden, dass ein formales Training für Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachkräfte nicht ausreicht, um technologische Anwendungen erfolgreich in den Krankenhausalltag zu implementieren. Insbesondere das Krankenhausmanagement und die Bereichsleitungen sind gefordert, einerseits Strukturen und Prozesse zu schaffen, die formales oder informales Lernen am Arbeitsplatz ermöglichen. Dafür ist es sinnvoll, neue, für Technologie verantwortliche Rollen zu schaffen und fachübergreifenden Austausch sowie niedrigschwelligen Support zu gewährleisten. Auf der anderen Seite ist es für das Management essenziell, die Anwendung der Technologie stimmig an bestehende Prozesse und im Sinne des Patientenwohls zu ermöglichen, um Pflegefachpersonen für eine Anwendung motivieren zu können. Dabei gilt es zu beachten, dass die Wahrnehmung der veränderten Arbeitsabläufe zwischen Führungskräften und Pflegefachkräften in der Regel nicht übereinstimmt [7]. Somit sollten fach- und organisationsübergreifende Austauschformate zukünftig verstärkt gefördert werden.
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Quellen
- Barrios V, Cinza-Sanjurjo S, García-Alegría J, Freixa-Pamias R, Llordachs-Marques F, Molina CA, et al. Role of telemedicine in the management of oral anticoagulation in atrial fibrillation: a practical clinical approach. Future Cardiology. 2022;18(9):743-54. DOI: 10.2217/fca-2022-0044.
- Moll C, Arndt F, Arvanitis TN, Gonzàlez N, Groene O, Ortega-Gil A, et al. „It depends on the people!“ – A qualitative analysis of contextual factors, prior to the implementation of digital health innovations for chronic condition management, in a German integrated care network. Digital Health. 2023;9: DOI: 20552076231222100.
- Kakale MM. Of digital transformation in the healthcare (systematic review of the current state of the literature). Health and Technology. 2024;14(1):35-50. DOI: 10.1007/s12553-023-00803-w.
- Eriksen, S., Dahler, A. M., & Øye, C. The informal way to success or failure? Findings from a comparative case study on video consultation training and implementation in two Danish hospitals. BMC Health Services Research, 2023;23(1), 1135. DOI: 10.2286/s12913-023-10163-w.
- Balling S, Bohnet-Joschko S. Ärztliche Führung im Krankenhaus der Zukunft. Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement. 2022;28(02):89-94. DOI: 10.1055/a-1920-3609.
- Hoffmann F, Khaladj N. Digital Health als Funktionsbereich in Krankenhäusern: Erfahrungen nach zweijährigem Betrieb der Stabsstelle für medizinische Prozessentwicklung am Klinikum Darmstadt. Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement. 2022; 28(02):84-8. DOI: 10.1055/a-1908-5409.
- Kaihlanen AM, Laukka E, Nadav J, Närvänen J, Saukkonen P, Koivisto J, et al. The effects of digitalisation on health and social care work: a qualitative descriptive study of the perceptions of professionals and managers. BMC Health Services Research. 2023;23(1): 714. DOI: 10.1186/s12913-023-09730-y.


