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Palliativ und digital?

Vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie ist die Nutzung von Telemedizin in vielen Bereichen der deutschen Gesundheitsversorgung gestiegen: In wenigen Monaten des Jahres 2020 erhöhte sich die Anzahl der Videosprechstunden auf 1,2 Millionen, im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 583. Bei den telefonischen Beratungen war der Anstieg mit 87 Prozent noch höher (1). Diese digitale Versorgung bringt besondere Vorteile für vulnerable Gruppen wie Palliativpatienten mit sich (2). Gerade in der häuslichen Versorgung sind schnelle Reaktionen auf Veränderungen des Gesundheitszustandes unabdingbar. Zwar mangelt es aufgrund der unterschiedlichen Versorgungsarten an aktuellen Daten im Bereich der Palliativversorgung. Ein Anstieg von Bedarf und Inanspruchnahme insbesondere ambulanter Versorgungsarten liegt jedoch auf der Hand: Die Anzahl der gesetzlich krankenversicherten Abrechnungsfälle für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) lag 2014 bei 87.460 – ein 250-prozentiger Anstieg innerhalb von vier Jahren (3). Das pflegerische und gesundheitliche Personal kann dem steigenden Bedarf ambulanter Palliativleistungen nicht überall gerecht werden – besonders ländliche und abgelegene Regionen sind unterversorgt (4, 5). Wie können digitale Angebote Health Professionals bei der ambulanten palliativen Versorgung unterstützen?

Digitale Alternativen begegnen steigendem Versorgungsbedarf

Die palliative Versorgung in Deutschland wurde zwar in den letzten 30 Jahren deutlich ausgebaut, jedoch bestehen weiterhin vor allem regionale Unterschiede und Versorgungslücken (5). Die Datenlage ist fragmentär und basiert auf Berechnungen und Stichprobenanalysen. Laut Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) besteht bei 90 Prozent der Sterbenden in Deutschland ein palliativer Versorgungsbedarf, während Analysen zeigen, dass die Inanspruchnahme bei nur knapp über 30 Prozent liegt (6). Im Vergleich zu den 87.460 SAPV-Patienten wurden 2014 in palliativmedizinischen Fachabteilungen deutscher Krankenhäuser 33.385 Behandlungsfälle versorgt (3). Dem insbesondere steigenden ambulanten Versorgungsbedarf können Health Professionals in der Palliativversorgung womöglich zukünftig mit digitalen Angeboten begegnen. Bisher gibt es zwar noch keine eindeutigen Belege, dass digitale Alternativen wirksamer sind als herkömmliche Hausbesuche oder vergleichbare Leistungen durch Gesundheitspersonal. Die Ergänzung der ambulanten palliativen Versorgung durch Video- oder telefonische Beratungen, 24-Stunden Hotlines, Fernüberwachung von Patientendaten wie z. B. Vitalparametern, Apps und Virtual Reality (VR)-Interventionen scheint jedoch vielversprechend (2, 7, 8).

Entlastung und Effizienz für palliatives Gesundheitspersonal

Telemedizinische Maßnahmen wie Video-Beratung und Fernüberwachung verschaffen einen kurzen und aktuellen Eindruck des Patienten und erleichtern Palliativmedizinern und professionell Pflegenden die häusliche Versorgung: Sie können sich mittels digitaler, gemeinsamer Datenspeicherung austauschen, schnell und in Echtzeit auf akute Veränderungen des Gesundheitszustandes reagieren und die Behandlung anpassen. Komplikationen kann womöglich vorgebeugt werden und ungeplante, dringende Hausbesuche werden reduziert. Dadurch wird der Arbeitsablauf effizienter und es wird Zeit gewonnen (2, 4). Vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie stellen Video- und Telefonberatungen darüber hinaus eine kontaktlose Alternative zu Hausbesuchen dar, insbesondere in ländlichen Regionen. Der Fokus auf Körpersprache und nonverbale Kommunikation mag zudem eine präzise Beobachtung gewährleisten. Werden so oder durch Tracking von Vitalparametern, beispielsweise mithilfe von Wearables, Notfälle entdeckt, sind 24-Stunden Kommandozentralen und Krisenreaktionsteams die nächsten Versorgungswege (2). Zukünftig kann eine weitere digitale Unterstützung das Symptommanagement mithilfe von VR sein: Durch verschiedene entspannende Szenarien mit auditiven, visuellen und interaktiven Komponenten können Symptome wie beispielsweise Appetitlosigkeit und die elektrodermale Aktivität reduziert werden, was wiederum den Allgemeinzustand der Patienten verbessern und Folgeschäden reduzieren kann (7-9). Hier ist die Umsetzung schließlich auf vielen Ebenen noch Zukunftsmusik.

Vulnerabilität hemmt virtuelle Kommunikation

Den Chancen der virtuellen Palliativversorgung stehen gegenüber, dass bei digitalen Formaten immer das Risiko technischer Probleme besteht. Die Krankheitslast sowie kritische Zustände bei den Betroffenen können zudem die virtuelle Kommunikation erschweren und daher eher einen Mehraufwand für die versorgenden Health Professionals darstellen. Bisher liegt zu entsprechenden Interventionen wenig Evidenz vor und Studien weisen sehr kleine Stichproben auf. Inwiefern studienbasierte Untersuchungen bei einer solch vulnerablen Patientengruppe zumutbar sind, wirft ferner ethische Fragen auf (2, 9). Klärungsbedarf besteht auch in Bezug auf die Finanzierung: Wie werden die digitalen Interventionen vergütet und besteht die Möglichkeit, dass Leistungserbringer die Programme als Zusatzleistungen abrechnen können?

Fazit

Insbesondere Tracking und Videokonsultationen bieten Health Professionals in der Palliativversorgung eine Ergänzung der Behandlung: Durch den Zugriff auf Daten in Echtzeit können Versorgende Behandlungspläne flexibel anpassen und sparen Fahrzeit. VR-Interventionen können wiederum die Symptomlast der Patienten verringern und Pflegenden damit die gesamte Versorgung erleichtern, weil Folgeschäden reduziert werden. Virtuelle Modelle können schließlich in bestehende Modelle integriert werden, wobei die Leistungserbringer Präferenzen der Patienten und ihrer Angehörigen beachten und selbst entsprechende digitale Kompetenzen entwickeln müssen (2, 4, 7). Versorger außerhalb der Palliativversorgung, die bereits digitale Lösungen für andere Patientengruppen nutzen, können beispielsweise beratend zur Seite stehen oder wiederum selbst digitale Formate nutzen, um sich – auch vor dem Hintergrund der Pandemie und resultierender Krankheitslast – im Kontext der palliativen Versorgung zu informieren, beispielsweise mittels digitaler Schulungen (10).

Quellen

  1. Ärzte Zeitung. Zi zu COVID-19 und E-Health. Fernbetreuung von Patienten boomt in der Corona-Pandemie: Springer Medizin; 2020. Zum Original
  2. Disalvo D, Agar M, Caplan G, Murtagh FEM, Luckett T, Heneka N, et al. Virtual models of care for people with palliative care needs living in their own home: A systematic meta-review and narrative synthesis. Palliative Medicine. 2021;35(8):1385-406. Zum Original
  3. Prütz F, Saß A-C. Daten zur Palliativversorgung in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz. 2017;60(1):26-36. Zum Original
  4. Dolan H, Eggett C, Holliday L, Delves S, Parkes D, Sutherland K. Virtual care in end of life and palliative care: A rapid evidence check. Journal of Telemedicine and Telecare. 2021;27(10):631-7. Zum Original
  5. Bertelsmann Stiftung. Unsere Faktenchecks. Faktencheck Palliativversorgung 2015. Zum Original
  6. Ditscheid B, Krause M, Lehmann T, Stichling K, Jansky M, Nauck F, et al. Palliativversorgung am Lebensende in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz. 2020;63(12):1502-10. Zum Original
  7. Moscato S, Sichi V, Giannelli A, Palumbo P, Ostan R, Varani S, et al. Virtual Reality in Home Palliative Care: Brief Report on the Effect on Cancer-Related Symptomatology. Frontiers in Psychology. 2021;12(4165). Zum Original
  8. Johnson T, Bauler L, Vos D, Hifko A, Garg P, Ahmed M, et al. Virtual Reality Use for Symptom Management in Palliative Care: A Pilot Study to Assess User Perceptions. J Palliat Med. 2020;23(9):1233-8. Zum Original
  9. Niki K, Okamoto Y, Maeda I, Mori I, Ishii R, Matsuda Y, et al. A Novel Palliative Care Approach Using Virtual Reality for Improving Various Symptoms of Terminal Cancer Patients: A Preliminary Prospective, Multicenter Study. J Palliat Med. 2019;22(6):702-7. Zum Original
  10. deLima Thomas J, Leiter RE, Abrahm JL, Shameklis JC, Kiser SB, Gelfand SL, et al. Development of a Palliative Care Toolkit for the COVID-19 Pandemic. J Pain Symptom Manage. 2020;60(2):e22-e5. Zum Original

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