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Digitale Autismus-Therapie

Weltweit sind schätzungsweise bis zu zwei Prozent der Bevölkerung von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) betroffen. Hierunter sind neurologische Entwicklungsstörungen zu verstehen, die sich durch Probleme und Auffälligkeiten in der sozialen Interaktion kennzeichnen (1-3). Die Datengrundlage in Deutschland ist lückenhaft – dennoch rückt die Relevanz der ambulanten therapeutischen Versorgung in den Fokus: Das Bewusstsein für ASS steigt, beispielsweise aufgrund von umweltbedingten Risikofaktoren. Hinzu kommen neue Diagnosekriterien (1). Health Professionals in der ambulanten Versorgung sind demnach maßgeblich für die Diagnose und den weiteren Krankheitsverlauf Betroffener verantwortlich (3). Hier sind zunächst im Kontext früher Prävention Kinder- und Hausärzte als Gatekeeper bedeutsam. Darüber hinaus sind fachlich geschulte Therapeuten zentrale Versorger (4). Aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten und häufig auftretender mangelnder Patienten-Compliance gerät das Potenzial digitaler Innovationen in den Vordergrund (5). Welche Technologien bieten sich an, um Therapeuten in der ambulanten Versorgung von ASS-Patienten zu unterstützen?

Soziale Interaktion im Autismus-Kontext

Autismus tritt in verschiedenen Formen und Ausprägungsgraden auf. Beim „Frühkindlichen Autismus“ handelt es sich um eine verzögerte Sprachentwicklung, die sich vor dem dritten Lebensjahr zeigt. Folgen können eine verzögerte kognitive Entwicklung und Intelligenzminderung sein. Der „Atypische Autismus“ manifestiert sich stattdessen nach dem dritten Lebensjahr und ist mit ähnlichen Symptomen assoziiert. Personen mit „Asperger-Syndrom“ haben demgegenüber häufig ein besonders hohes Intelligenzniveau, weisen aber psychomotorische und interaktive Auffälligkeiten auf (6). Übergreifend haben Betroffene Probleme in der sozialen Interaktion (3). Therapeuten sind zunächst wegen der Kommunikationsschwierigkeiten mit ASS-Patienten herausgefordert. Aufgrund von sensorischen Über- und Unempfindlichkeiten bei den Betroffenen sowie Schwierigkeiten in der Emotionserkennung entstehen häufig Missverständnisse. Zudem fehlt bei vielen Betroffenen die Problemeinsicht (5). Digitale Lösungen bieten in diesem Kontext großes Unterstützungspotenzial (7, 8).

Beispiele für eine digitale Autismus-Therapie

Eine potenzielle Technologie für die Therapie bei ASS sind Apps: Die Humboldt-Universität zu Berlin entwickelt beispielsweise in einer aktuellen Studie das digitale Trainingstool „EVA-Emotionen Verstehen und Ausdrücken“. In Form einer nutzerfreundlichen App können Betroffene mithilfe von Video- und Audiomaterial 40 verschiedene Gefühle erlernen. Dadurch können sie einen kompetenten Umgang für soziale Begegnungen in diversen Settings entwickeln – auch hinsichtlich des Therapeuten-Kontaktes (2, 7, 9). Durch die Verfügbarkeit von Therapiefortschritten und Informationen aus der App können Therapeuten die Versorgung zudem anpassen und bei Bedarf schnell reagieren. Dies erspart ihnen Zeit und erleichtert die Kommunikation mit weiteren Health Professionals wie Hausärzten (10).

Ein anderes Beispiel für eine digitale Therapieoption bei ASS ist die digitale Verhaltensmessung. Im Vergleich zu der App, durch die Emotionen auf Seiten der Patienten erlernt werden, geht es hierbei darum, Therapeuten in Diagnose und Therapie zu unterstützen. Da die Verhaltensanalyse bei Menschen mit Verdacht auf oder diagnostizierter ASS zeitaufwendig und teuer ist, kann Therapeuten die Diagnose und Entscheidung hinsichtlich passgenauer therapeutischer Maßnahmen erleichtert werden: Statt eines mühsamen Ausfüllens von Fragebögen können digitale Screening-Programme die Verhaltensanalyse unterstützen. Ein früher Ansatz ist bei Kindern beispielsweise das Zeigen von kurzen Filmen auf einem Tablet und die zeitgleiche Aufzeichnung der Gesichtsausdrücke über die Tablet-Kamera (8). Auffälligkeiten können so viel präziser aufgezeichnet werden, als durch alleinige Beobachtung und Therapeuten steht schließlich eine weitaus umfassendere Datengrundlage zur Verfügung, die die Gestaltung der Behandlung erleichtern kann (8, 11).

Breiter Einsatz unsicher

Digitale therapeutische Interventionen für ASS-Betroffene sind bisher nicht final evaluiert und im Einsatz. Demnach sind Fragen der Datensicherheit und des Datenschutzes offen (2, 8, 11, 12). Für welche Versorger und weiteren Akteure über die Therapeuten hinaus macht der Zugriff auf die erfassten Daten aus Apps und Analysen Sinn? Wo bestehen Möglichkeiten der Integration in die Regelversorgung? Entsprechende Apps könnten wie bei anderen Indikationen – z. B. Depressionen – durch Therapeuten als Digitale Gesundheitsanwendung verschrieben werden (13). Es ist schließlich eine Weiterentwicklung und umfassende Evaluation erforderlich, um solche Fragen zu klären und über die zukünftige Nutzung und Integration von digitalen Tools in die Autismus-Versorgung zu entscheiden (8).

Fazit

Digitale Innovationen können Therapeuten in der Autismus-Versorgung unterstützen. Es bieten sich insbesondere Apps an, durch die Patienten selbst Emotionen erlernen können und Therapeuten folglich die Kommunikation und Interaktion erleichtert werden (5, 7, 10). Die Compliance als ein zentrales Problem der Beziehung zwischen Therapeut und Patient kann womöglich auch durch digitale Aktivitätspläne (9) und Virtual Reality (14, 15) gesteigert werden. Hier gilt es für Therapeuten, individuelle Optionen durch Partizipation Betroffener und multiprofessionelle Zusammenarbeit abzuwägen (7, 12) – auch, um eine personalisierte, altersspezifische Versorgung zu gewährleisten und therapeutische Erfolge zu erzielen (2, 9, 10). Weiterhin bieten schließlich digitale Tools zur Verhaltensanalyse Therapeuten eine Entlastung: Sie sind eine Zeitersparnis und weitaus präziser als die Beobachtung durch den Therapeuten (8).

Quellen

  1. Umweltbundesamt. Autismus/Autismus-Spektrum-Störungen. 2020. zum Original
  2. Lück F. Digitales Therapie-Tool für Autismus-Patienten Düsseldorf: Mednic Verlag; 2021. zum Original
  3. Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Autism Spectrum Disorder (ASD) 2021. zum Original
  4. neuraxFoundation gGmbH. Rehabilitationsmöglichkeiten bei Autismus 2021.
  5. Krämer K, Gawronski A, Vogeley K. Zur Diagnostik und Behandlung von Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter. Fortschr Neurol Psychiatr. 2016;84(09):578-88. zum Original
  6. Bundesverband autismus Deutschland e.V. Was ist Autismus? 2021. zum Original
  7. Ramdoss S, Machalicek W, Rispoli M, Mulloy A, Lang R, O’Reilly M. Computer-based interventions to improve social and emotional skills in individuals with autism spectrum disorders: a systematic review. Developmental neurorehabilitation. 2012;15(2):119-35. zum Original
  8. Carpenter KLH, Hahemi J, Campbell K, Lippmann SJ, Baker JP, Egger HL, et al. Digital Behavioral Phenotyping Detects Atypical Pattern of Facial Expression in Toddlers with Autism. Autism Research. 2021;14(3):488-99. zum Original
  9. Reinert KS, Higbee TS, Nix LD. Creating Digital Activity Schedules to Promote Independence and Engagement. Behav Anal Pract. 2020;13(3):1-19. zum Original
  10. ITK Engineering GmbH. Digitale Therapie für Autismus-Patienten 2021. zum Original
  11. Dawson G, Sapiro G. Potential for Digital Behavioral Measurement Tools to Transform the Detection and Diagnosis of Autism Spectrum Disorder. JAMA Pediatrics. 2019;173(4):305-6. zum Original
  12. Parsons S, Yuill N, Brosnan M, Good J. Interdisciplinary perspectives on designing, understanding and evaluating digital technologies for autism. Journal of Enabling Technologies. 2017;11(1):13-8. zum Original
  13. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). deprexis 2021. zum Original.
  14. Halabi O, Elseoud S, Aljaam J, Alpona H, Al-Hemadi M, Al-Hassan D. Immersive Virtual Reality in Improving Communication Skills in Children with Autism. International Journal of Interactive Mobile Technologies (iJIM). 2017;11:146. zum Original
  15. Smith MJ, Ginger EJ, Wright K, Wright MA, Taylor JL, Humm LB, et al. Virtual Reality Job Interview Training in Adults with Autism Spectrum Disorder. Journal of Autism and Developmental Disorders. 2014;44(10):2450-63. zum Original

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