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Wie Telemedizin in Pflegeheimen und Hospizen die Versorgung unterstützt

Telemedizin bietet vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, von der Telediagnostik bis hin zu Tele-Monitoring im Anschluss an eine Intervention (1). Der Mehrwert liegt in erster Linie in der Distanzüberwindung mithilfe mobiler Endgeräte und dem damit einhergehenden Zugang zu Akteuren wie Ärzten oder Kliniken. Infolge der Corona-Pandemie erlebte die Telemedizin einen Boom, da die dezentrale Diagnostik, Medikamentenverschreibung oder Kontrolle von Wundverläufen besonders risikolos mithilfe dieser Technologie möglich ist (2). Auch für die Versorgung von Personen in Pflegeeinrichtungen und Hospizen, die zu den besonders vulnerablen Gruppen der Gesellschaft zählen, bietet Telemedizin erhebliche Vorteile (3), auch über eine Pandemie hinaus. Die kontaktarme Interaktion mit anderen Health Professionals mittels telemedizinischer Maßnahmen stellt damit ein innovatives Konzept zur Risikoreduktion dar (4). Wie kann Telemedizin in diesen Einrichtungen die Versorgung unterstützen?

Telemedizin als Wachstumstreiber im Gesundheitsmarkt

Der telemedizinische Anwendungsbereich umfasst die Bereitstellung von klinischen Ferndiensten und virtuell-interaktiven Besuchen (eVisits) sowie asynchrone Übertragungen von Bildern, Vidoes oder Daten für Facharztkonsultationen über Datenaustausch-Schnittstellen (5). Diese Daten werden mit mobilen Geräten generiert und mittels Remote Patient Monitoring zur Verfügung gestellt.

Nach einem vermehrten Einsatz telemedizinischer Anwendungen in der zurückliegenden Dekade (6) wird sich der Markt für Telemedizin bis 2025 auf rund 130 Milliarden US-Dollar erhöhen. In Deutschland wird mit einem Wachstum auf rund 38 Mrd. EUR bis zum Jahr 2025 gerechnet. In einem Modellprojekt des Zentrum für Telematik und Telemedizin in Bochum konnten ab 2016 im Zeitraum von eineinhalb Jahren bereits mehr als 1.000 Videosprechstunden in Pflegeheimen durchgeführt werden (7). Im Projekt „HLTeleHeim“ bietet das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein für Pflegeheime und Hospize im gesamten Bundesland telemedizinische Dienste an (8). Einerseits besteht in sogenannten Flächenländern mit teilweise dünner Besiedlung die Notwendigkeit einer dezentralen Versorgung, die sich mittels Telemedizin kostengünstig und flächendeckend realisieren lässt (2). Andererseits entstehen durch eine zunehmend bessere Netzabdeckung mit Hochgeschwindigkeits-Internet und neuen mobilen Endgeräten vielfältige Einsatzmöglichkeiten für Telemedizin (6).

Mit den erfolgreichen Pilotprojekten konnte Deutschland seinen Rückstand bei der Verbreitung dieser Technologie etwas aufholen (1). Markteintrittsbarrieren und unzureichende Vergütungskonzepte, die inzwischen teilweise abgebaut wurden, hatten den Ausbau telemedizinischer Angebote verhindert. Mit der zukünftigen Anbindung der Pflegeheime an die Telematik-Infrastruktur (TI) infolge des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) wird ein bedeutender Meilenstein gelegt (9). Ab 2022 sollen dann auch Pflegeeinrichtungen flächendeckenden Zugang zur TI erhalten.

Besondere Bedürfnisse in Pflegeheimen und Hospizen

Menschen mit schweren Erkrankungen oder hohem Pflegebedarf haben besondere Bedürfnisse, die mit telemedizinischen Anwendungen unterstützt werden können (10). Während in Hospizen Menschen nach einer schweren Krankheit die letzten Tage ihres Lebens verbringen, weisen Bewohner von Pflegeeinrichtungen in der Regel ein geriatrisches Krankheitsprofil auf (3), das sich durch Multimorbidität und einen hohen Betreuungsaufwand kennzeichnet. In beiden Fällen bietet eine telemedizinische Konsultation die Möglichkeit im akuten Fall zunächst direkt vor Ort zu reagieren. Dadurch kann der Pflegeprozess unterstützt und der aufwendige Transfer zum Leistungserbringer vermieden werden (11). Eine Verlegung ins Krankenhaus ist zudem für das Personal in Pflegeeinrichtungen und Hospizen mit einer Reihe zusätzlicher Aufgaben verbunden. Von administrativen Tätigkeiten, über die Informationsweitergabe zu Medikation und Krankheitsbild, bis hin zur Reintegration der Person nach dem Klinikaufenthalt. Das Projekt AIDA der Uniklinik Aachen hat ein telemedizinisches Notdienst-Konzept in der Altenpflege eingeführt (12). Damit wird ein 24/7-Notdienst speziell für Pflegeheime bereitgestellt, um knappe Ressourcen im Rettungsdienst zu schonen sowie eine unabhängige Verfügbarkeit ärztlicher Fachkompetenz für die Zielgruppe anzubieten.

Akzeptanz erhöhen und Barrieren abbauen

Aufgrund des besonderen Klientels in Pflegeheimen und Hospizen sind besondere Maßnahmen im Umgang mit Telemedizin von allen Stakeholdern zu beachten (Abb. 1). Hervorzuheben sind die Empfehlungen der American Academy of Hospice and Palliative Medicine (2). Eine adäquate Ausstattung sowie die Verfügbarkeit der notwendigen Infrastruktur ist sicherzustellen. Nutzende müssen zielgruppengerecht in den Umgang mit Endgeräten und Apps eingewiesen werden (2). Die Wahrung der Privatsphäre muss dringend eingehalten werden. Die Anwesenheit anderer Bewohner oder deren Angehöriger ist bei telemedizinischen Maßnahmen auszuschließen (13). Um die Routine der pflegerischen Prozesse nicht zu stören, kann speziell geschultes Personal in die telemedizinischen Maßnahmen eingebunden werden. In jedem Fall ist die Qualifizierung der nutzenden Personen unabdingbar (10), was sowohl Pflegende, Angehörige und ehrenamtlich Helfende umfasst. Zudem muss das Design der Anwendungen an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst werden (14).

Übersicht Telemedizin-Einsatz in Pflegeeinrichtungen und HospizenAbbildung 1: Stakeholder und Unterstützungsfaktoren von Telemedizin-Einsatz in Pflegeeinrichtungen und Hospizen, eigene Darstellung in Anlehnung an (14)

In den USA konnte gezeigt werden, dass die Akzeptanz von Telemedizin und die Bereitschaft diese zu nutzen grundsätzlich sehr hoch ist (15). In Hospizen wurde keine Beeinträchtigung der Arzt-Patienten-Beziehung festgestellt. Die Vorteile der zusätzlichen Kommunikationsmöglichkeiten mittels Telemedizin wurden hingegen durchgängig positiv bewertet, da somit eine effizientere Kommunikation innerhalb der behandelnden Health Professionals möglich ist.

Aufgrund der besonderen Bedeutung der Einweisung des Personals in die digitalen Anwendungen verlängerte das Land Nordrhein-Westfalen die Fördermaßnahme für technische Telemedizinkomponenten und eHealth-Fortbildungen (16). Weitere 2 Millionen Euro sind zur Qualifizierung verfügbar. Auch beim Projekt „HLTeleHeim“ in Schleswig-Holstein werden kostenlose Schulungen angeboten. Zudem wird zusätzlich die Ausstattung in Form von Tablets kostenlos bereitgestellt.

Potenziale für eine bessere Versorgung nutzen

Telemedizin bietet in Pflegeheimen und Hospizen großes Potenzial, den Aufenthalt von Bewohnern zu verbessern und das Personal im Pflegeprozess zu unterstützen. In erster Linie kann die Versorgung durch telemedizinische Anwendungen optimiert und vermeidbare Einweisungen in Kliniken vermieden werden. Belastende Verlegungen werden reduziert und führen zu keiner weiteren Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Für Pflegeheime stellt das Angebot telemedizinischer Services einen Vorteil im Wettbewerb dar und deckt die Erwartungen an eine zeitgemäße Versorgung mit digitalen Medien auch im Hinblick auf die Interaktion und Kommunikation mit Angehörigen. Im Zuge des DVG sollten Pflegeheime sich ab 2022 an die TI anbinden, um diesen Mehrwert anzubieten. Barrieren bei der Nutzung müssen abgebaut werden. Zahlreiche Bundesländer bieten im Rahmen dessen teilweise kostenlose Weiterbildungsprogramme sowie finanzielle Förderung der technischen Ausstattung an.

Quellen

  1. Brauns HJ, Loos W. Telemedicine in Germany. Status, Barriers, Perspectives. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2015;58(10):1068-73. zum Original
  2. Calton B, Abedini N, Fratkin M. Telemedicine in the Time of Coronavirus. Journal of Pain and Symptom Management. 2020;60(1):e12-e4. zum Original
  3. Salles N, Lafargue A, Cressot V, Glenisson L, Barateau M, Thiel E, et al. Global geriatric evaluation is feasible during interactive telemedicine in nursing homes. European Research in Telemedicine / La Recherche Européenne en Télémédecine. 2017;6(2):59-65. zum Original
  4. Waschkau A SJ. Wandel des Bedarfs an Videosprechstunden in Zeiten einer Pandemie – eine qualitative Betrachtung. Z Allg Med 2020; 96 (7): 317-324. 2020. zum Original
  5. Downes E, Horigan A, Teixeira P. The transformation of health care for patients: Information and communication technology, digiceuticals, and digitally enabled care. J Am Assoc Nurse Pract. 2019;31(3):156-61. zum Original
  6. Elliott T, Yopes MC. Direct-to-Consumer Telemedicine. The Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice. 2019;7(8):2546-52. zum Original
  7. 1.000 Videosprechstunden in Pflegeheimen. [press release]. Bochum: Februar 20182018. zum Original
  8. mednic. Telemedizin für Pflegeheime und Hospize2020.zum Original
  9. Ärzteblatt D. Pflegeheime sollen 2021 an Telematik­infrastruktur angeschlossen werden2020. zum Original
  10. Narasimha S, Madathil K, Agnisarman S, Rogers H, Welch B, Ashok A, et al. Designing Telemedicine Systems for Geriatric Patients: A Review of the Usability Studies. Telemedicine and e-Health. 2017;23(6):459-72. zum Original
  11. Chess D, JJ W, Croll D, Stefanacci R. Impact of After-Hours Telemedicine on Hospitalizations in a Skilled Nursing Facility. The American Journal of Managed Care. 2018;August 2018, Volume 24(Issue 8):Am J Manag Care. 2018;24(8):385-388. zum Original
  12. AIDA – Arbeitsentwicklung In Der Altenpflege durch Einführung eines telemedizinischen Notdienst-Konzeptes [press release]. Aachen2019. zum Original
  13. Driessen J, Bonhomme A, Chang W, Nace DA, Kavalieratos D, Perera S, et al. Nursing Home Provider Perceptions of Telemedicine for Reducing Potentially Avoidable Hospitalizations. Journal of the American Medical Directors Association. 2016;17(6):519-24. zum Original
  14. Zhao Y, Liu C, editors. The Lean Solution of Hospice Service Design in the “Internet+” Era2020; Cham: Springer International Publishing. zum Original
  15. Tasneem S, Kim A, Bagheri A, Lebret J. Telemedicine Video Visits for patients receiving palliative care: A qualitative study. American Journal of Hospice and Palliative Medicine®. 2019;36(9):789-94. zum Original
  16. Weitere zwei Millionen Euro für Telemedizin in der ambulanten Patientenversorgung [press release]. April 2020 2020. zum Original

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