Pflegende Angehörige – eine wichtige Zielgruppe digitaler Angebote

Digitalisierung gewinnt in der Versorgung pflegebedürftiger Personen zunehmend an Bedeutung. Allerdings ist noch wenig darüber bekannt, welche digitalen Angebote es für pflegende Angehörige gibt und wie gut diese den Bedürfnissen der Zielgruppen entsprechen. Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick über die Angebotslandschaft und liefert neue Impulse zur Weiterentwicklung digitaler Unterstützung in der informellen Pflege.
Warum sind pflegende Angehörige wichtig?
Über 80 Prozent pflegebedürftiger Menschen in Deutschland werden durch ihre Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn im häuslichen Umfeld versorgt [1]. Pflegende Angehörige stehen durch die geleistete Pflegetätigkeit oft unter hohen gesundheitlichen, finanziellen und zeitlichen Belastungen [2, 3]. Eine rechtzeitige und umfassende Unterstützung dieser Menschen sorgt für die Stabilisierung des häuslichen Pflegearrangements. Dies ist nicht nur der Wunsch vieler Familien mit Pflegebedarf, sondern führt zu konkreten Kosteneinsparungen für Kommunen, Kranken- und Pflegekassen. Einsparungen entstehen, weil die häusliche Versorgung im Schnitt deutlich günstiger ist als eine (voll-)stationäre Versorgung. Die Leistungsausgaben der sozialen Pflegeversicherung für stationäre Versorgung betrugen im Jahr 2019 etwa 19.000 Euro pro Kopf und somit mehr als doppelt so viel wie die Ausgaben für die ambulante Pflegeversorgung (8.000 Euro/Kopf) [4]. Darüber hinaus entstehen Einsparungen bei den Sozialausgaben, insbesondere für die sog. „Hilfe zur Pflege“, die in Deutschland zur Absicherung pflegebedürftiger Personen dient. Auch hier liegen die Kosten in der stationären Versorgung mit etwa 3,3 Milliarden Euro deutlich über den Kosten der Hilfe zur Pflege für ambulante Versorgung (etwa 1 Milliarde Euro) [5]. Die Kosten für diesen Bereich sind von Jahr zu Jahr gestiegen und werden laut Prognoserechnungen künftig weiter ansteigen [6]. Schließlich entstehen durch die präventive Unterstützung pflegender Angehöriger auch indirekte Einsparungen, da potentiell höhere Gesundheitsausgaben aufgrund hoher Belastungen vermieden werden. Empirische Studien haben mehrfach belegt, dass pflegende Angehörige über einen schlechteren Gesundheitszustand als der Rest der Bevölkerung berichten [7].
Digitale Angebote für pflegende Angehörige
Digitale Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige umfassen überwiegend folgende Aspekte: (1) Kommunikation mit professionellen Akteuren, (2) Informationen und Schulung (3) Peer-Interaktion, und (4) Assistenzsysteme [8-11].
1 / Kommunikation mit professionellen Akteuren
Darunter wird die Vernetzung von pflegenden Angehörigen mit Pflegekräften, Ärzten und sonstigem medizinischen Fachpersonal mittels digitaler Kommunikationstechnologien gezählt. So können pflegende Angehörige eine ärztliche Sprechstunde nutzen, patientenrelevante Informationen austauschen oder eine Frage an das medizinische Fachpersonal stellen [8].
2 / Informationen und Schulung
Derzeit existiert ein breites Spektrum an Informationen im Netz rund um das Thema Pflege. Pflegende Angehörigen informieren sich über verschiedene Online-Portale, Foren und soziale Netzwerke. Neben Informationen existieren auch Online-Kurse für pflegende Angehörige. Die Letzteren sollen pflegerelevante Techniken vermitteln [9].
3 / Peer-Interaktion
Unter der sogenannten Peer-Interaktion wird gegenseitige Unterstützung und der Informationsaustausch zwischen pflegenden Angehörigen verstanden. Auch hier kommen häufig Online-Kanäle wie Foren, Blogs und soziale Netzwerke zum Einsatz [8, 10].
4 / Assistenzsysteme
Schließlich sind auch Notruf- und Assistenzsysteme in der häuslichen Versorgung stark verbreitet. Diese werden mit dem Ziel installiert, mehr Sicherheit in der Häuslichkeit zu schaffen und Pflegebedürftigen ein möglichst eigenständiges Leben zu erlauben. Auch wenn die Assistenzsysteme größtenteils die pflegebedürftige Person adressieren, bieten sie gleichzeitig eine Entlastung für die Angehörigen [11].

Abbildung 1: Digitale Angebote zur Unterstützung pflegender Angehöriger (eigene Darstellung)
Abbildung 1 stellt eine Übersicht digitaler Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige dar. Derzeit sind die Angebote primär auf die pflegebedürftige Person fokussiert, während Angehörige mit ihren Bedürfnissen eher im Hintergrund stehen. Auch wenn einzelne Online-Angebote pflegende Angehörige direkt adressieren, ist die Verbreitung dieser Angebote noch sehr gering [11].
Wie können pflegende Angehörige unterstützt werden?
Um zu verstehen, welche digitalen Angebote pflegende Angehörige effektiv unterstützen, sind die Kenntnisse über die Bedürfnisse dieser Menschen wichtig. Laut einer aktuellen Befragung haben pflegende Angehörige insgesamt einen hohen Bedarf an Informationen und Unterstützung [3]. Besonders hoch ist der Unterstützungsbedarf bei den eigenen Bedürfnissen. Pflegende Angehörige machen sich Sorgen um ihre eigene Gesundheit, wünschen sich mehr Austauschmöglichkeiten mit anderen Betroffenen und mehr Auszeit von der Pflege und Betreuung (Abbildung 2). Ebenfalls wichtig sind die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege sowie finanzielle Unterstützung.

Abbildung 2: Unterstützungsbedarf pflegender Angehöriger [3]
Das Zukunftspotenzial digitaler Unterstützung pflegender Angehöriger
Durch die rechtzeitig und umfassende Unterstützung pflegender Angehöriger können pflegebedürftige Personen länger in der vertrauten Umgebung bleiben, die Ausgaben der Kassen und Kommunen eingespart werden und die Gesundheit von Angehörigen selbst besser geschützt werden. Digitale Lösungen haben ein großes Unterstützungspotenzial für die informelle Pflege und werden bereits vielfältig eingesetzt. Allerdings mangelt es an digitalen Angeboten, die sich auf die Bedürfnisse pflegender Angehöriger fokussieren. Bisher orientieren sich die Angebote überwiegend auf die Bewältigung der Pflegesituation. Insbesondere die Themen Gesundheit, soziale Kontakte und Auszeit pflegender Angehöriger wurden bisher nur bedingt adressiert, obgleich hier ein besonders hoher Bedarf identifiziert wurde. Kassen und Gebietskörperschaften könnten die Entwicklung passender digitaler Angebote für pflegende Angehörige fördern. Auch Anbieter von digitalen Gesundheitsleistungen könnten durch die stärkere Sensibilisierung zum Thema „Unterstützung pflegender Angehöriger“ neue Wege eröffnen.
Quellen
- Statistisches Bundesamt, 2020. Pflegestatistik 2019 Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung – Deutschlandergebnisse. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. zum Original
- Rothgang H., Müller R., 2018. Pflegereport 2018 Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse. BARMER, Berlin; 12. zum Original
- Bohnet-Joschko S. (Hrsg.), 2020. Zielgruppenspezifische Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige. Witten. Für Original: Mailanfrage an sabine.bohnet-joschko@uni-wh.de
- Bundesamt für Gesundheit (Hrsg.), 2021. Zahlen und Fakten zur Pflegeversicherung. zum Original
- Statistisches Bundesamt, 2020. Ausgaben und Einnahmen der Sozialhilfe nach dem SGB XII – Bruttoausgaben insgesamt für alle Hilfearten im Zeitvergleich. Wiesbaden: zum Original
- Bohnet-Joschko S., Zippel C., 2017. Prognose der kommunalen Ausgabenentwicklung für Leistungen der stationären Hilfe zur Pflege, in: Zegelin A., Segmüller T., Bohnet-Joschko S., 2017. Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger (QuartupA): Herausforderungen und Chancen für Kommunen und Pflege-Unternehmen, Schlütersche, Hannover, S. 88-114. zum Original&ots=XRhUVDhJa_&sig=NZuau1T2-FN_5MOHyPfwJQf9jAc#v=onepage&q=Zegelin%20A.%2C%20Segm%C3%BCller%20T.%2C%20Bohnet-Joschko%20S.%2C%202017.%20Quartiersnahe%20Unterst%C3%BCtzung%20pflegender%20Angeh%C3%B6riger%20(QuartupA)&f=false)
- Bidenko K., Bohnet-Joschko S., 2021. Vereinbarkeit von Beruf und Pflege: Wie wirkt sich Erwerbstätigkeit auf die Gesundheit pflegender Angehöriger aus?. Das Gesundheitswesen, 83(02), 122-127. DOI: 10.1055/a-1173-8918 zum Original
- Hopwood J., Walker N., McDonagh L., Rait G., Walters K., Iliffe S., Ross J., Davies N., 2018. Internet-Based Interventions Aimed at Supporting Family Caregivers of People With Dementia: Systematic Review. J Med Internet Res; 20:e216. DOI: 10.2196/jmir.9548. zum Original
- Meyer S., 2018. Technische Assistenzsysteme zu Hause – warum nicht? Vergleichende Evaluation von 14 aktuellen Forschungs- und Anwendungsprojekten. In: Künemund H, Fachinger U, editors. Alter und Technik: Sozialwissenschaftliche Befunde und Perspektiven. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden:147-76.
- Newman K, Wang AH, Wang AZY, Hanna D., 2019. The role of internet-based digital tools in reducing social isolation and addressing support needs among informal caregivers: a scoping review. BMC public health; 19:1-12. DOI: 10.1186/s12889-019-7837-3 zum Original
- Petrovic M, Gaggioli A., 2020. Digital Mental Health Tools for Caregivers of Older Adults—A Scoping Review. Frontiers in Public Health; 8:128. DOI: 10.3389/fpubh.2020.00128 zum Original


