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Gerontechnologie - Altern in Zeiten der Digitalisierung

Der Anteil der älteren Bevölkerung über 65 Jahren nimmt seit Langem stark zu und lag bereits im Jahr 2018 bei rund 17,9 Millionen Menschen. 2040 soll eine Zahl von rund 23 Millionen erreicht sein. Zeitgleich sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, die dieser Alterung entgegenstehen, geschätzt bis 2035 auf im Schnitt etwa 46 Millionen Personen (in 2018: rund 52 Millionen) (1).

Der demographische Wandel läuft Gefahr, in Zukunft besonders das Gesundheitssystem finanziell zu belasten (2). Gründe sind steigende Unterstützungsbedarfe bei anhaltendem Personalmangel sowie hohen Pflege- und Unterkunftskosten, besonders im stationären Bereich. Dies lässt sich vor allem durch den Verbleib älterer Personen in ihrer Häuslichkeit sowie ihrer Unterstützung im Alltag positiv beeinflussen (3). Technologie versucht an dieser Stelle die alltägliche Selbstständigkeit zu fördern. Hier verortete digitale Innovationen sowie Fragen zur Techniknutzung im Alter werden unter dem Begriff der „gerontechnology“ zusammengefasst (3, 4). Zwar werden zunehmend Technologien der Gesundheitsversorgung für ältere Personen entwickelt. Altersbilder werden jedoch weiterhin nur unzureichend reflektiert, was eine geringe Technologienutzung dieser Zielgruppe zur Folge hat (4). Es stellt sich die Frage: Was müssen Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) im Bereich Gerontechnologie berücksichtigen?

Was ist Gerontechnologie?

Gerontechnologie umfasst verschiedene Technologien, die im Alter unterstützen können. Das Forschungsfeld untersucht entsprechend die Anpassung von Technologien an ein sich änderndes Skillset und Umfeld älterer Personen (5). In Frage kommen von low- zu high-tech z.B. AAL-Technologien wie Wearables, Umgebungs-Sensorik oder intelligente und interaktive Kommunikationstechnologie, Telecare, Hausnotrufsysteme, Robotik aber auch Apps sowie Smart-Devices (z.B. zur Blutzucker- oder Blutdruck-Messung) (2, 3, 6, 7). Hiermit können Vitalparameter überwacht, Stürze vermieden und somit Sicherheit gewährleistet, Gesundheitsdaten übertragen sowie Fernbetreuung oder Prävention in der Häuslichkeit betrieben werden (7).

Aufgrund der Relevanz und gleichzeitigem Unterstützungsbedarf der älteren Bevölkerung ergibt sich ein großes Potenzial für digitale Angebote. Die Zielgruppe wird jedoch wenig in die Entwicklung und Diskussion um Technologie einbezogen. Bei Senioren handelt es sich um eine extrem heterogene Gruppe – nicht allein aufgrund des Gesundheitszustandes oder des Hilfebedarfes, sondern auch bezüglich des Verständnisses und der Nutzung von digitalen Innovationen (8). Prägend sind laut Bundesregierung aktuell noch besonders die Faktoren Geschlecht und Erwerbsbiografie (7), auch wenn 76 Prozent der über 65-jährigen bereits täglich online sind (9). Die Anwendung von IKT ist darüber hinaus abhängig vom (sozialen und) alltäglichen bzw. wohnlichen Umfeld, dem Anwendungsinteresse sowie der funktionellen Gesundheit.

Zielgruppe bietet Potenziale für spezialisierte Anbieter

Bei Hilfebedürftigkeit werden stets Bemühungen eingegangen, ältere Personen in ihrem Zuhause versorgen zu können, da der finanzielle Aufwand bei einer stationären Unterbringung deutlich höher ist. In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Pflegeheime um rund 60 Prozent bis auf 15.380 in 2019 gestiegen (10, 11). Dabei betragen die durchschnittlichen monatlichen Kosten für die Unterbringung rund 3.000 Euro (12). Digitale Innovationen (s.o.) können unterstützend zum Einsatz kommen, wenn es darum geht, Senioren einen Verbleib in der Häuslichkeit zu ermöglichen und dem Erhalt ihrer Gesundheit und Durchführung ihrer Pflege zu dienen (2). Ihre Entwicklung sollte jedoch an zielgruppenspezifische Bedarfe angepasst sein. So entsteht neben gesellschaftlichen Lösungsansätzen eine Nachfrage nach passgenauen digitalen Lösungen, angeboten durch spezialisierte Akteure (3).

Die Frustration steigt, wenn Bedarfe ignoriert werden

Bei den zahlreichen vermuteten Mehrwerten der Konzentration auf Gerontechnologie kann die Euphorie schnell zu einem Problem führen: Digitale Tools werden an den tatsächlichen Bedarfen oder Besonderheiten der Zielgruppe älterer Menschen vorbei entwickelt (3). In solchen Fällen werden Potenziale eher gemindert, da nur wenig nützliche Technologien auf den Markt kommen. Diese erfahren entsprechend wenig Nachfrage, da Senioren keinen Zugang zur Technologie finden. Häufig wird dies von den Senioren selbst auf einen Mangel an eigenen Fähigkeiten zurückgeführt, was wiederum zukünftige Anwendungsversuche und somit Nachfrage potenziell weiter reduziert (3).

Kommt es zur aktiven Nutzung digitaler Innovationen durch Senioren, sollte stets in Betracht gezogen werden, dass auch digital nicht firme Personengruppen Technologien zweckentfremden oder -erweitern, sodass sie ihren Bedarfen entsprechen (3, 4). Ein sehr einfaches Beispiel kann die Nutzung eines Notrufknopfes, z.B. befestigt an einem Armband, sein. Dieses wird häufig nicht im gesamten Wohnraum getragen, sondern im Bad platziert, weil dort die größte Gefahrensituation gesehen wird. Hier ist es wichtig, aus diesen Handlungen zu lernen und Technologien an tatsächliche Erwartungen anzupassen (3).

Zielgruppe in Entwicklung einbeziehen und in Anwendung begleiten

Um Gerontechnologie erfolgreich zu gestalten und Anwender unter den Senioren ansprechen zu können, muss spezifisch sowie besonders anwender- und kontextbezogen entwickelt und vermarktet werden. Umfangreiche Produktinformationen, Helpdesks oder das Einbeziehen spezifischer Nutzererfahrungen mit eventuell sinnvollen Variationen der Technologie können hier Ansätze darstellen. Studien belegen außerdem, dass über digitale Tools gesammelte Werte für die Nutzer erst einmal interpretierbar werden müssen, um einen Mehrwert und nicht einen noch höheren Informationsbedarf zu erzeugen (2).

Ein Umsetzungsbeispiel sind Showrooms in Norwegen, in denen Health Professionals demonstrieren, welche aktuellen Technologien den zu pflegenden Senioren helfen, adäquat und sicher in der eigenen Häuslichkeit zu altern. Die Pflegekräfte bieten hierdurch dauerhaft Einblicke und Anstöße für die Öffentlichkeit zur Nutzung digitaler Tools und darüber hinaus Entwicklung solcher auf Basis anwendungsbezogenen Wissens (3). Darüber hinaus darf nicht allein die Technologie im Vordergrund stehen. Senioren müssen als kreativer und schöpferischer, weniger als digital inkompetenter, Part der Technologie-Entwicklung empfunden werden. So können ihre Bedürfnisse berücksichtigt und digitale Tools aus dem Projektstatus hin in die Versorgung gebracht werden (2, 4). Mittel, dies zu tun, könnten nutzerzentrierte Ansätze, Fokusgruppen in frühen Entwicklungsphasen sowie der Bezug zur aktuellen Forschung im Bereich Gerontechnologie sein.

Fazit

Die heterogenen Bedarfe von Senioren sollten anstelle eines passiven und defizitorientierten Alternsbildes wahrgenommen werden, damit digitale Innovationen zielgruppenspezifisch entwickelt und somit in Eigenverantwortung nutzbar werden. Eine adäquate Anwendung neuer Technologien kann so potenziell die Nachfrage heben und Senioren in ihrem Alltag unterstützen.

Quellen

  1. Destatis. Demografischer Wandel 2021. zum Original
  2. Urban M. ‚This really takes it out of you!‘ The senses and emotions in digital health practices of the elderly. Digit Health. 2017;3:2055207617701778. zum Original
  3. Bergschold JM, Neven L, Peine A. DIY gerontechnology: circumventing mismatched technologies and bureaucratic procedure by creating care technologies of one’s own. Sociol Health Illn. 2020;42(2):232-46. zum Original
  4. Wanka A, Gallistl V. Socio-gerontechnology-a research program on technology and age(ing) at the interface of gerontology and science and technology studies. Z Gerontol Geriatr. 2021;54(4):384-9. zum Original
  5. Gerontechnology ISf. The International Society for Gerontechnology (ISG). zum Original
  6. López Gómez D. Little arrangements that matter. Rethinking autonomy-enabling innovations for later life. Technological Forecasting and Social Change. 2015;93:91-101. zum Original
  7. Bundesministerium für Familie S, Frauen und Jugend. Achter Altersbericht. Ältere Menschen und Digitalisierung. 2020. zum Original
  8. Fischer B, Peine A, Ostlund B. The Importance of User Involvement: A Systematic Review of Involving Older Users in Technology Design. Gerontologist. 2020;60(7):e513-e23. zum Original
  9. Destatis. Durchschnittliche Nutzung des Internets durch Personen nach Altersgruppen 2021. zum Original
  10. Statista. Anzahl von Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten in Deutschland in den Jahren 1999 bis 2019 2021. zum Original
  11. Destatis. Pflegeheime und ambulante Pflegedienste 2020. zum Original
  12. Flöer C. Pflegeheim-Kosten – was kostet ein Platz im Pflegeheim? : pflege.de; 2019. zum Original

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