Pflege 4.0 – Wie Digitalisierung die Pflege von morgen sichert

Die pflegerische ist neben der ärztlichen Versorgung eine wichtige Säule des deutschen Gesundheitssystems. Im Falle einer Pflegebedürftigkeit sorgt die Pflegeversicherung nach Sozialgesetzbuch (SGB) XI für eine soziale Absicherung (1). Angesichts der durchschnittlich steigenden Lebenserwartung und der demographischen Entwicklung steigt besonders die Relevanz der Altenpflege. Ende 2019 wurden von den 4,1 Millionen Pflegebedürftigen 80 Prozent zuhause versorgt. Knapp über die Hälfte wurde dabei allein durch Angehörige gepflegt, ca. ein Viertel durch ambulante Pflegedienste. Eine vollstationäre Betreuung in Pflegeheimen bekamen mit 820.000 Pflegebedürftigen 20 Prozent. Prognosen zufolge wird sich die Zahl pflegebedürftiger Personen bis 2030 nahezu verdoppeln (2). Für den gleichen Zeitraum wird tendenziell eine Abnahme der rund 1,7 Millionen Kranken- und Altenpflegenden erwartet – eine Versorgungslücke in der Pflege ist die Folge (3). Bezogen auf diese Herausforderungen des demografischen Wandels bietet die digitale Transformation Hoffnung für eine zukunftssichere pflegerische Versorgung (4).
Übersicht und Kennzahlen der Pflege in Deutschland
Stärkung des Pflegeberufs
Pflegebedürftigen stehen in Deutschland drei Versorgungsformen zur Verfügung – vollstationäre, teilstationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen oder -dienste, dabei gilt das Prinzip ambulant vor stationär (5). Das Fachpersonal in diesen Einrichtungen steht in keinem Verhältnis zur wachsenden Zahl Pflegebedürftiger (6, 7), hinzu kommen schlechte Arbeitsbedingungen wie eine geringe Vergütung (8). Die Gründung von Pflegekammern sowie eine Akademisierung der Pflege nach internationalem Vorbild können dazu beitragen, die Pflege als Berufsstand und damit die Versorgungssicherheit zu stärken. Weiterhin zeigen die Pflegestärkungsgesetze und der 2017 neu eingeführte Pflegebedürftigkeitsbegriff sowie verschiedene Aktionen der Bundesregierung – beispielsweise „Konzertierte Aktion Pflege“ – Erfolgschancen. Höhere Löhne und qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland sind neben der Entlastung durch neue Technologien Teil der Maßnahmen (9-11).
Digitale Entlastung
Digitalisierung und E-Health bieten Chancen, die sich abzeichnende Versorgungslücke in der Pflege bei gleichzeitiger Qualitätssteigerung zu schließen. Durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien können Pflegebedürftige beispielsweise länger im eigenen Zuhause wohnen. Weiterhin können Pflegefachkräfte bei der täglichen Arbeit unterstützt werden. Sie werden körperlich und zeitlich entlastet und können verstärkt pflegende Aufgaben wahrnehmen (11). Und in der Tat ist im deutschen Pflegesektor ein zunehmender Einsatz technologischer Innovationen zu verzeichnen – sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Pflege (12). Die eingesetzten Digitaltechnologien lassen sich im Wesentlichen in drei Bereiche untergliedern (13):
- Informations- und Kommunikationstechnologien: Beispiele dafür sind der Einsatz elektronischer Patientenakten (4), zukünftig auch telegeriatrische Modelle (14);
- Intelligente und vernetzte Robotik- sowie Technikansätze (wobei der tägliche Einsatz der Entwicklungen in der Pflege erst für eine Zeit nach 2030 prognostiziert wird (15));
- vernetzte Hilfs- und Monitoringsysteme, wie etwa in Fußböden integrierte Sensortechnik, die Stürze von Pflegebedürftigen automatisch erkennen kann (12).
Voraussetzungen sind da – NRW in Aktion
Den Anstoß zur verstärkten Nutzung digitaler Hilfsmittel im Gesundheitswesen machte 2015 das E-Health-Gesetz (16). Das am 01. Januar 2019 in Kraft getretene Pflegepersonal-Stärkungsgesetz will den Einsatz von E-Learning zur Aus- und Weiterbildung von Pflegefachkräften stärken (13). In NRW wird zudem konkret über den Landesförderplan „Alter und Pflege“ der Umgang älterer Menschen mit Technik wie auch die Entwicklung von technologischen Assistenzsystemen im häuslichen Umfeld gefördert (15). Gleichzeitig verspricht die Gesundheitsstrategie für das digitale NRW eine verbesserte Verbindung von medizinischer und pflegerischer Versorgung. Mit Blick auf die Erstattung und Finanzierung digitaler Pflegemaßnahmen bedarf es künftig verstärkter Forschung und Nutzen-Evaluationen (17).
Akzeptanz, Datensicherheit und ethische Bedenken
Damit innovative technische Hilfsmittel künftig noch stärker in der Pflege eingesetzt und genutzt werden, gilt es nach Ansicht von Experten besonders drei wesentliche Herausforderungen zu überwinden: Anwender in der pflegerischen Versorgung müssen verstärkt Digitalkompetenz entwickeln und gezielt in der Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien geschult werden (11). Die Technik ist dabei so zu designen, dass die Nutzer kein „Überwachungsgefühl“ entwickeln und den Technikeinsatz als attraktivitätssteigernd für den Arbeitsplatz empfinden (13). Des Weiteren ist eine zunehmende Vernetzung der Teilanwendungen von Bedarf, bei größtmöglichem Datenschutz (17). Schließlich ist aus sozialethischer Sicht besonders die Integration IT-basierter Entwicklungen in den Pflegealltag so zu gestalten, dass Techniken ergänzend und entlastend, nicht ersetzend wirken. Dies ist Grundvoraussetzung für die Akzeptanz und Verbreitung digitaler Innovationen sowohl bei Pflegefachkräften als auch bei Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen (11, 17).
Die digitale Zukunft der Pflege
Akteuren in der Pflegebranche stehen schon heute neue Technologien zur Verfügung, das Tempo der digitalen Transformation verspricht neues Potenzial für die zukünftige Qualitätssicherung in der deutschen pflegerischen Versorgung (4, 11). Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen ist es wichtig, den Einsatz und die Nutzung von neuen Technologien sowie deren Akzeptanz bei den Nutzern zu fördern. Auf diese Weise besteht eine Chance, die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals zu verbessern und Versorgungslücken in der Pflege zu schließen.
Hinweis zu Weiterbildungsmöglichkeiten für Pflegefachkräfte
Um die digitale Transformation aktiv mitzugestalten, bedarf es neben fachlichen Kompetenzen auch Management Know How. Der Master in General Management bietet die Möglichekeit diese Kompetenzen ohne wirtschaftliche Vorkenntnisse im Rahmen eines Master of Arts zu erwerben. Die Vertiefung Health Care Management lehrt relevante Inhalte zu unter anderem Qualitäts- und Risikomanagement oder besonderen Anforderungen an die Beratung im Gesundheitswesen. **Weitere Informationen zum nicht-konsekutiven Masterprogramm der Universität Witten/Herdecke finden sie hier.**
Quellen
- Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Sozialgesetzbuch (SGB) – Elftes Buch (XI) – Soziale Pflegeversicherung (Artikel 1 des Gesetzes vom 26. Mai 1994, BGBl. I S. 1014) 2020. zum Original
- Statistisches Bundesamt destatis. Pflegestatistik. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung Deutschlandergebnisse. 2017. 2018. zum Original
- Bundesagentur für Arbeit. Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich. 2019.
- Daum M. Digitalisierung und Technisierung der Pflege in Deutschland. Aktuelle Trends und ihre Folgewirkungen auf Arbeitsorganisation, Beschäftigung und Qualifizierung DAA-Stiftung Bildung und Beruf, Hamburg. 2017. zum Original
- Jacobs K, Kuhlmey A, Greß S, Klauber J, Schwinger A. Pflege-Report 2019: Mehr Personal in der Langzeitpflege – aber woher? Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg; 2020. 257-311. zum Original
- Oberg U, Orre CJ, Isaksson U, Schimmer R, Larsson H, Hornsten A. Swedish primary healthcare nurses‘ perceptions of using digital eHealth services in support of patient self-management. Scand J Caring Sci. 2018;32(2):961-70. zum Original
- Krick T, Huter K, Domhoff D, Schmidt A, Rothgang H, Wolf-Ostermann K. Digital technology and nursing care: a scoping review on acceptance, effectiveness and efficiency studies of informal and formal care technologies. BMC Health Services Research. 2019;19(1):400. zum Original
- Shen LQ, Zang XY, Cong JY. Nurses‘ satisfaction with use of a personal digital assistants with a mobile nursing information system in China. Int J Nurs Pract. 2018;24(2):e12619. zum Original
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Konzentrierte Aktion Pflege. 2019. zum Original
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Gesetze und Verordnungen 2020. zum Original
- Pfannstiel MA, Krammer S, Swoboda W. Digitale Transformation von Dienstleistungen im Gesundheitswesen III – Impulse für die Pflegepraxis. Wiesbaden: Springer; 2017. zum Original
- Glock G, Priesack K, Apt W, Strach H, Krabel S, Bovenschulte M. Qualität der Arbeit, Beschäftigung und Beschäftigungsfähigkeit im Wechselspiel von Technologie, Organisation und Qualifikation-Branchenbericht: Pflege und Versorgung. 2018. zum Original
- Bleses P, Busse B, Friemer A, Kludig R, Breuer J, Philippi L, et al. Verbundprojekt KOLEGE-Interagieren, koordinieren und lernen: Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in der ambulanten Pflege. Zwischenbericht-Ergebnisse der Analysephase. Schriftenreihe Institut Arbeit und Wirtschaft; 2018. zum Original
- Bohnet-Joschko S, Stahl T. Telegeriatrische Modelle: Einblick in die Zukunft der Versorgung. Pflegezeitschrift. 2019;72(1):50-3. zum Original
- Ministerium für Wirtschaft I, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen,. Strategie für das digitale Nordrhein-Westfalen | 2019. Teilhabe ermöglichen – Chancen eröffnen. 2019.
- Lutze M. Digitalisierung: Wo steht die Pflege? Heilberufe. 2017;69(7):45-7. zum Original
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG). ePflege. Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege. 2017.


