Altersdepression – digitale Unterstützung per App!?

Neben dementiellen Erkrankungen sind depressive Störungen die häufigsten psychiatrischen Syndrome im Alter. Das Krankheitsbild wird von vielen verschiedenen klinischen Phänotypen geprägt und zudem unterschiedlich beeinflusst. Im Alter kann beispielsweise speziell die soziale Isolation aufgrund mobiler Einschränkungen depressive Symptome verstärken (1). Pandemiebedingt sind hier umso mehr ganzheitliche und individuelle Interventionen gefragt (2).
Alte und potenziell pflegebedürftige Personen werden innerhalb eines mehrdimensionalen Versorgungsnetzes betreut (3, 4). Nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Pflegefachpersonen sowie Angehörige können daher durch Altersdepression belastet werden. Dabei können sie zunehmend von digitalen Versorgungsangeboten profitieren. Welche Vorteile bringen mHealth-Angebote wie Apps für die Betreuung von Altersdepression und wie beeinflussen sie die Arbeit von Pflegefachpersonen?
Sensibilisierung für Depression im Alter von hoher Relevanz
In Deutschland sind 17 Prozent der älteren Menschen über 75 Jahren von depressiven Symptomen betroffen, in Pflegeheimen sind es sogar 50 Prozent der Bewohner (5). Die Gesundheitsausgaben für Depressionen belaufen sich auf insgesamt 9 453 Euro, fast 2 000 Euro fallen hierbei in die Altersgruppen über 65 Jahre (6). Dabei werden ältere Menschen im Kontext von Depressionen häufig weniger berücksichtigt (7). Eine Sensibilisierung für Altersdepression ist von hoher Relevanz, zumal sich die Krankheit negativ auf den Verlauf bestehender Erkrankungen auswirken kann. Menschen im hohen Alter sind häufiger durch chronische Krankheiten belastet und daher aufgrund von Ko- und Multimorbiditäten eine besonders vulnerable Gruppe. Die hiermit einhergehenden körperlichen Einschränkungen sind ein wesentlicher Grund für das Auftreten einer Altersdepression; beides kann medikamentös behandelt werden (8). Hinzu kommen potenzielle kognitive Beeinträchtigungen z. B. bei gleichzeitig bestehender Demenz und erschweren die Versorgung (5).
Apps können vielfältige Unterstützung bieten
Da sich Gesundheits-Apps insbesondere beim chronischen Krankheitsmanagement bewährt haben (9) und seit Oktober 2020 als „Apps auf Rezept“ verschrieben werden können, bieten sich hier Lösungsansätze. Das Beispiel „deprexis“ als eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zur Behandlung und Betreuung von Depressionen kann demnach als Wegweiser für ähnliche Anwendungen im Alter dienen (10). Denn hier sind Aufklärung und Wissensvermittlung auch aufgrund einer häufigen Verwechslung mit Demenzerkrankungen wichtig (1, 7). Grundsätzlich können Apps im Kontext von Depressionen Pflegende zur Zielgruppe haben oder von den Betroffenen selbst genutzt werden. Mögliche Barrieren sind eine fehlende Digitalkompetenz und die Handhabung, insbesondere bei Begleiterkrankungen, sowie der Ressourcenaufwand für Pflegende.
Apps zur Unterstützung bei Altersdepression können die Betreuung durch Pflegende entlasten und im Kontext personalisierter Medizin Vorteile der Behandlung mit sich bringen. Bei den häufig multi- oder komorbide erkrankten alten Menschen ist eine ganzheitliche gesundheitliche Betrachtung maßgeblich für die Therapie der Symptome. Die App und ihre Inhalte können Pflegende dabei unterstützen, Symptome einzuordnen und entsprechende Handlungsschritte einzugehen (7). Eine Beispiel-App bei Altersdepression ist „Geriatric Depression Test (GDT)“ (11). Weiterhin können eingebaute Anwendungen zur konkreten Behandlung der depressiven Symptome, wie Aufgaben, Meditation oder Spiele, die Lebensqualität der Erkrankten steigern. Darin besteht die Chance, dass Pflegenden der Umgang erleichtert ist, weil die Betroffenen sich wohler fühlen und die soziale Interaktion besser gelingen kann. Der Zugriff auf eine App ist rund um die Uhr möglich, sodass in der häuslichen Pflege zudem niedrigschwelliger und schneller Fragen geklärt werden können, auch ohne die Anwesenheit von Fachpersonal. Hier ist der Einbau telemedizinischer Beratung eine weitere Chance (2, 4, 5). So kann zeitlicher Aufwand für pflegende Angehörige und Pflegefachpersonen eingespart werden, wenn bereits über die App Wissen und Lösungsansätze vermittelt werden. Eine (kognitive) Verhaltenstherapie per App kann zudem direkt die Depression behandeln, hier bestehen jedoch bisher keine Wirksamkeitsnachweise für existierende Apps wie „MoodTools“ (12).
Einfache Handhabbarkeit und Digitalbezug bei Zielgruppe schwierig
Es bleibt zu berücksichtigen, dass Apps und mHealth-Angebote im Allgemeinen nicht den Arztbesuch ersetzen, jedoch ergänzend wirken können. Im Bereich der Versorgung speziell von Altersdepression gibt es noch kein zertifiziertes Medizinprodukt, auch wenn die AOK beispielsweise mit einem „Familiencoach“, einem digitalen Angebot zu Entlastung Angehöriger von depressiv Erkrankten, Chancen vermuten lässt. Mit Einbezug der Betroffenen wird die Gestaltung jedoch sehr anspruchsvoll, weil digitale Angebote für die Gruppe älterer, potenziell auch pflegebedürftiger Menschen weniger niedrigschwellig sind als womöglich für pflegende Angehörige und professionell Pflegende, die im Alltag zunehmend digitale Berührungspunkte haben (3). Eine gemeinsame Auseinandersetzung mit der App durch alle Beteiligten kann demnach eine große koordinative Herausforderung darstellen und ist erforderlich, damit eine erfolgreiche Zusammenarbeit und ergänzende Therapie gelingen kann. Hier sind neben Akzeptanz und Offenheit eine leichte Handhabung und die Einhaltung von Datenschutz und Privatsphäre bedeutsam (3, 9). Der Einbezug weiterer digitaler Angebote wie die Kommunikation durch einen Sprachassistenten oder mithilfe eines digitalen Avatars kann zudem eine Perspektive geben, um die Schnittstellenproblematik und Kommunikationshürden zu überwinden.
Fazit
Digitale Angebote wie Apps bieten Menschen mit Altersdepression sowie den versorgenden Menschen aus ihrem Umfeld Entlastungen der Versorgungssituation: Sie erleichtern die soziale Interaktion und Kommunikation und können dadurch eine Verschlechterung des Zustandes der Betroffenen vermeiden oder hinauszögern. Präventives Handeln im Sinne der App kann Ko- und Multimorbidität einschränken und damit Pflegende entlasten. Da eine Diagnose und Therapie per App sich schwierig gestaltet und nicht den Arztbesuch ersetzen sollte, sind Apps wie „GDT“ zur Einordnung der Symptome zunächst sinnvoll. Eine DiGA wie deprexis kann für gewisse Zielgruppen wie ältere Menschen angepasst und auf Betreuungsgruppen ausgeweitet werden, damit die häufig im Pflegeheim an einer Depression leidenden älteren Menschen nicht separat betreut werden müssen. Die Adressierung verschiedener Beteiligter aus der Versorgung kann zusammen mit den Betroffenen selbst ein ganzheitliches Betreuungsbild schaffen, das für die Depression sensibilisiert. Durch Aufklärung und Wissensvermittlung kann demnach auf verschiedenen Ebenen der Versorgung angesetzt werden, von Prävention bis Nachsorge.
Quellen
- Leyhe T, Melcher T, Linnemann C, Klöppel S, Hampel H. Demenz und altersdepression. Swiss archives of neurology, psychiatry and psychotherapy. 2018(3). zum Original
- Sepúlveda-Loyola W, Rodríguez-Sánchez I, Pérez-Rodríguez P, Ganz F, Torralba R, Oliveira DV, et al. Impact of Social Isolation Due to COVID-19 on Health in Older People: Mental and Physical Effects and Recommendations. J Nutr Health Aging. 2020;24(9):938-47. zum Original
- Eichenberg C, Schott M, Sawyer A, Aumayr G, Plößnig M. Feasibility and Conceptualization of an e-Mental Health Treatment for Depression in Older Adults: Mixed-Methods Study. JMIR Aging. 2018;1(2):e10973. zum Original
- Chauliac N, Leaune E, Gardette V, Poulet E, Duclos A. Suicide Prevention Interventions for Older People in Nursing Homes and Long-Term Care Facilities: A Systematic Review. Journal of Geriatric Psychiatry and Neurology. 2020;33(6):307-15. zum Original
- Bibliomed Medizinische Verlagsgesellschaft mbH. Online-Angebot hilft Angehörigen, Altersdepression zu erkennen und Erkrankte zu unterstützen 2022. zum Original
- Statistisches Bundesamt (destatis). Krankheitskosten für Depression 2022. zum Original
- AOK Niedersachsen. Neues Online-Angebot hilft Erkrankten und Angehörigen 2022. zum Original
- Karch J. Altersdepressionen: Symptome, Diagnose & Behandlung 2022. zum Original
- Kela N, Eytam E, Katz A. Supporting Management of Noncommunicable Diseases With Mobile Health (mHealth) Apps: Experimental Study. JMIR Hum Factors. 2022;9(1):e28697. zum Original
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). deprexis 2021. zum Original
- Apple. Geriatric Depression Test 2022. zum Original
- Huguet A, Rao S, McGrath PJ, Wozney L, Wheaton M, Conrod J, et al. A Systematic Review of Cognitive Behavioral Therapy and Behavioral Activation Apps for Depression. PLoS One. 2016;11(5):e0154248. zum Original


