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Dr. Google – ein zweifelhafter Kollege

Kopfschmerzen? Müdigkeit? Hautveränderungen? – Instinktiv werden heutzutage diverse Symptome in Eigenregie online recherchiert. Das Internet ist zu unserem ständigen Begleiter geworden, PC und Smartphone sind im Alltag nicht mehr wegzudenken: 2019 nutzten über 65 Millionen Menschen in Deutschland (88 Prozent der Gesamtbevölkerung) das Internet – ein Anstieg von 10 Prozent in den letzten 10 Jahren. 68 Prozent aller Nutzer suchen im Internet nach Gesundheitsthemen (1) – z. B. zu Erkrankungen und deren Behandlung (2). Aufgrund der vielfachen Nutzung für die Recherche wird die Google-Suchmaschine, Marktführer in Deutschland, auch als „Dr. Google“ bezeichnet. Sowohl vor als auch nach einem Arztbesuch kann eine solche Suche Folgen für die Arzt-Patienten-Beziehung haben. Welche konkrete Wirkung können Gesundheitsinformationen aus dem Internet auf die Beziehung und das Vertrauen des Patienten zum Arzt haben?

Datendschungel Internet

Gegen Google scheinen andere Suchmaschinen wie Bing oder Yahoo klein: Der Marktanteil von Google betrug in Deutschland im April 2020 bei der Desktop-Suche 86 Prozent, bei der mobilen Suche sogar 98 Prozent, ähnliche Zahlen betreffen den Marktanteil weltweit (3). Täglich gibt es 3 500 000 Suchanfragen über Google – zurzeit ist das Thema Corona hochgerankt – die Suchmaschine wird zum Synonym für die allgemeine Internetrecherche (4, 5). Große Player auf dem Markt der Online-Gesundheitsportale sind Apotheken-Umschau, NetDoktor und Wikipedia, sie weisen die höchsten Nutzungszahlen und Platzierungen in Suchmaschinen auf. Die beiden ersten Portale sind werbefinanziert und zeigen das Umsatzpotenzial des internetbasierten Gesundheitsinformationsmarktes. Die Besucherzahlen von NetDoktor (unique user) lagen Ende 2016 bei 3,67 Millionen pro Jahr (2). Das Internet lädt mit diesen Portalen zur Recherche ein, es bietet eine nahezu unbegrenzte Datenmenge, in der einfach und schnell Informationen abrufbar sind (6, 7).

Google in der Patienteninformation

**Google in der Patienteninformation**

Kollege Dr. Google

Zwei Drittel aller Patienten nutzen das Internet als Vorbereitung auf ein Arztgespräch (8). Dr. Google kann aber ebenso nach einem Arztbesuch eine zweite Meinung liefern oder sogar stellvertretend für die Arztpraxis wirken (6, 7). Die digitale Transformation und eine zunehmende Eigenverantwortung der Patienten stärken die Nutzung der Google-Suchmaschine und damit die Relevanz des Internets für den ärztlichen Arbeitsalltag. Eigenrecherchen können sich auf die Arzt-Patienten-Beziehung auswirken und damit auf medizinische Entscheidungen. Das Internet kann die Beziehung stützen, wenn Google und Arzt einer Meinung sind. Daher sollte die Online-Recherche des Patienten Beachtung bei den Ärzten finden (6). Viele Patienten gehen nach einer Internetsuche noch zum Arzt, vertrauen ihm häufig sogar mehr. Ärzte selbst sehen in einer Internetrecherche durch den Patienten Vorteile für die Arzt-Patienten-Beziehung (8-10): Die Patienten sind gut vorbereitet und informiert (8), dies kann das Gespräch erleichtern und zeitsparend sein. (10). Unterstützende Informationen aus dem Internet sorgen für Vertrauen, können die Diagnose des Arztes festigen und von Vorteil für den Behandlungsprozess eines Patienten sein – vorausgesetzt, der Arzt liegt richtig (7).

Schattenseite von Dr. Google

Auf der anderen Seite kann Dr. Google ebenso für Misstrauen in den Arzt sorgen, wenn die Informationen aus dem Internet nicht in Einklang mit seiner Meinung stehen. In diesem Falle behindert Google den Arzt und seine Behandlungspläne und kann sich womöglich negativ auf die Gesundheit des Patienten auswirken (7). Viel naheliegender als Zweifel an der Diagnose des Arztes sind jedoch Zweifel an Gesundheitsinformationen aus dem Internet. Diese sind häufig unvollständig und unzuverlässig (6). Werbefinanzierte Portale haben einen größeren Anreiz, in der Suche oben zu erscheinen: Höhere Besucherzahlen bedeuten eine höhere Vergütung durch eingebundene Werbebanner. Vertrauenswürdigkeit ist nicht zwangsläufig vorhanden – Ärzte sollten ihren Patienten dies bewusstmachen. Häufig hinterfragen Patienten Informationen aus dem Internet aufgrund einer mangelnden Gesundheitskompetenz nicht. Die Inhalte können einen negativen Einfluss auf medizinische Entscheidungen haben (6, 7), z. B. in Form falscher Selbstmedikation oder wenn Patienten zu spät zum Arzt gehen, weil Dr. Google ihre Symptome nicht mit einer ernsten Erkrankung in Verbindung gebracht hat (9). Weiterhin erschwert die enorme und ständig wachsende Menge an Daten für Patienten die Einschätzung der Qualität (2).

Die moderne Arzt-Patienten-Beziehung

Das Internet hat ohne Zweifel einen Einfluss auf Patienten, auf ihr Vertrauen und ihre Beziehung zum Arzt. Dieser Einfluss kann positiv sein, wenn Ärzte sich selbst mit den Gesundheitsinformationen im Internet auseinandersetzen. Sie sollten sich der Nutzung des Internets bei Gesundheitsfragen durch ihre Patienten bewusst sein und die gefundenen Informationen mit ihnen diskutieren (6). Eine gemeinsame Entscheidung kann nur erfolgen, wenn Ärzte die Veränderung der Arzt-Patienten-Beziehung (10) als positiv betrachten: Sie können die Eigenrecherche des Patienten abfragen und in die Anamnese aufnehmen. Dr. Google kann als Assistenz in der Entscheidungsfindung dienen (6) und mit seiner einfachen Sprache beim Patienten zu einem besseren Verständnis führen (11). Ärzte können ihre Patienten ermutigen, Fragen zu stellen (6) und im nächsten Schritt zuverlässige Internetquellen empfehlen (7). Letztere sollten sprachlich angepasst sein, damit Laien sie verstehen (10). Die Kommunikation mit dem Patienten sollte bereits in der Ausbildung eine besondere Rolle spielen (8), denn nur bei gegenseitigem Verständnis wächst das Vertrauen in den Arzt.

Quellen

  1. Statistisches Bundesamt (destatis). Wirtschaftsrechnungen 2019. 2020. zum Original
  2. Hambrock U. Die Suche nach Gesundheitsinformationen. Patientenperspektiven und Marktüberblick. Bertelsmann Stiftung; 2018. 10.11586/2017053
  3. Statista. Marktanteile von ausgewählten Suchmaschinen bei der Desktop-Suche und bei der mobilen Suche in Deutschland im April 2020 2020 zum Original.
  4. Computerbild Digital GmbH. Google: Nutzerzahlen des Internetriesen im Überblick 2019 zum Original.
  5. Google Trends. Interesse im zeitlichen Verlauf 2020.
  6. Stukus DR. How Dr Google Is Impacting Parental Medical Decision Making. Immunol Allergy Clin North Am. 2019;39(4):583-91. zum Original
  7. Sood N, Jimenez DE, Pham TB, Cordrey K, Awadalla N, Milanaik R. Paging Dr. Google: The Effect of Online Health Information on Trust in Pediatricians‘ Diagnoses. Clin Pediatr (Phila). 2019;58(8):889-96. zum Original
  8. Van Riel N, Auwerx K, Debbaut P, Van Hees S, Schoenmakers B. The effect of Dr Google on doctor-patient encounters in primary care: a quantitative, observational, cross-sectional study. BJGP Open. 2017;1(2):1-10. zum Original
  9. Mota L, Ferreira CCG, Costa Neto H, Falbo AR, Lorena SB. Is doctor-patient relationship influenced by health online information? Rev Assoc Med Bras (1992). 2018;64(8):692-9. zum Original
  10. Tan SS, Goonawardene N. Internet Health Information Seeking and the Patient-Physician Relationship: A Systematic Review. J Med Internet Res. 2017;19(1):e9. zum Original
  11. Rosenbaum P. Dr Google versus the health practitioner: can we still deliver? Dev Med Child Neurol. 2018;60(6):530. zum Original

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