Das Reizdarmsyndrom – Auch das Verdauungssystem profitiert von Apps

Das Reizdarmsyndrom ist eine der häufigsten gastrointestinalen Erkrankungen, die den Alltag insbesondere in internistischen Praxen bestimmen (1). Die Symptome sind beispielsweise Bauchschmerzen und eine veränderte Stuhlform und -häufigkeit (2). Diese sind in der Folge mit einem vergleichsweise hohen Leidensdruck der Betroffenen verbunden, weil sie einerseits so unspezifisch sind und daher eine lange Zeit bis zur Diagnose vergehen kann und andererseits meist ein hohes Schamgefühl auslösen (1, 3). Schätzungsweise ist weltweit einer von zehn Menschen vom Reizdarmsyndrom betroffen. Zwar gibt es regionale Unterschiede, aber die individuellen Folgen für die Lebensqualität und die finanziellen Auswirkungen für die Gesundheitssysteme sind vergleichbar. Die verschiedenen Einflussfaktoren machen das Krankheitsbild komplex, steigern aber auch die Behandlungschancen insbesondere in Bezug auf das Selbstmanagement (4). Apps sind hier heutzutage eine naheliegende Option: Welche Vorteile bringen Apps bei Reizdarmsyndrom – wie beispielsweise Cara Care – Health Professionals und dem Gesundheitssystem im Allgemeinen?
Komplexer Versorgungsbedarf bei Reizdarmsyndrom
Vor dem Hintergrund, dass ca. 90 Prozent der deutschen Bevölkerung ein Smartphone nutzt und dies im Alltag kaum noch wegzudenken ist (5), bieten Gesundheits-Apps diverse Chancen für die Versorgung (6). Dieser Einsatz mobiler Endgeräte zur Unterstützung der Gesundheitsversorgung – mHealth – entwickelt sich rasant: Innerhalb eines Jahres stiegen die Nutzerzahlen u. a. pandemiebedingt von 2019 bis 2020 um 16 Prozent (7). Seit Oktober 2020 können Apps in Deutschland vom Behandler per Rezept verschrieben werden, sodass entstehende Kosten von allen gesetzlichen Krankenversicherern übernommen werden. Von diesen Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) gibt es mittlerweile 31 (Stand Juni 2022) (8). Eine davon ist Cara Care, eine App zur Behandlung des Reizdarmsyndroms (9, 10), an dem 17 Prozent der Deutschen leiden. Als eine der häufigsten Störungen des Verdauungssystems wirkt sich das Reizdarmsyndrom auf das körperliche, psychische und soziale Wohlbefinden Betroffener aus, weshalb ein ganzheitlicher Blick hier besonders wichtig ist. Bereits Ende 2021 lag die Anzahl der Downloads in Deutschland und den USA bei über 700 000 (11).
Aufgrund dessen, dass meist keine korrekte oder verspätete Diagnose und Therapie erfolgt, entstehen hohe Kosten für das Gesundheitswesen (10): In den Jahren vor der Diagnose kosten die Betroffenen das Gesundheitswesen jährlich zwischen 200 und 500 Euro mehr als Gleichaltrige ohne Reizdarmsyndrom. Im Diagnosejahr liegen die Kosten je Patient bei ca. 4.850 Euro – fast 1.000 Euro mehr als bei Menschen ohne Reizdarmsyndrom (12). Zudem werden oft teure, nicht immer wirksame Medikamente verschrieben und es können Folgeerkrankungen wie Depressionen entstehen (13). Die hiermit einhergehenden zahlreichen Besuche bei Allgemeinmedizinern stehen in Konflikt zu dem Bedarf einer umfassenden Betreuung Betroffener, welche wegen Zeit- und Kompetenzmangel nur unzureichend stattfindet (10, 11). Eine ort- und zeitunabhängige Therapie kann dementsprechend durch Apps wie Cara Care unterstützt werden.
Apps bieten umfassendes Krankheitsmanagement
Gesundheits-Apps haben sich insbesondere bei der Behandlung chronischer Krankheiten bewährt: Deprexis ist ein Beispiel für die Therapieunterstützung von depressiv erkrankten Menschen. Die Wirkung des interaktiven, inlinebasierten Selbsthilfeprogramms ist durch klinische Studien belegt (14). Im Kontext von Verdauungsstörungen stellt die App Cara Care die erste verschreibungsfähige digitale Therapie für das Reizdarmsyndrom und ein Beispiel der personalisierten Medizin dar (15). Sie wurde von der HiDoc Technologies GmbH entwickelt und ist seit dem 27. Dezember 2021 als DiGA zugelassen (11). Betroffene können in Form einer Tagebuchfunktion beispielsweise Ernährung und Stuhlgang, aber auch weitere Einflussfaktoren wie Stimmung und Hautbild tracken (9). Durch Ernährungsempfehlungen, audio-geführte Hypnose und verhaltenstherapeutische Übungen kann eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität von 22 Prozent erreicht werden. Ebenso zeigt sich durch die multimodale Therapie eine signifikante Linderung der Symptomschwere bei 8 von 10 Patienten. Die App ist zunächst als DiGA aufgenommen, weil Daten von 80 Patienten eine Wirkung in einem zwölfwöchigen Testprogramm nachweisen konnten. Eine Studie mit 374 Patienten über die Dauer von einem Jahr soll darüber hinaus die Wirkung bestätigen (9).
Ärzte in allgemeinmedizinischen und internistischen Praxen können entlastet werden, indem durch das Selbstmanagement weniger engmaschige Kontrollen notwendig sind. Der ständige Zugriff Betroffener auf Inhalte der App erleichtert die Klärung von Fragen, für die sonst womöglich ein Arztbesuch notwendig wäre oder Arztbesuche können dadurch optimiert werden, dass umfangreiche Daten aus der App dem Arzt gezeigt werden. In der Folge können die Therapie optimiert und die zeitliche Effizienz erhöht werden. Weiterhin können mögliche Folgekomplikationen wie Depressionen oder urologische Folgeerkrankungen präventiv vorgebeugt und damit Kosten reduziert werden (10, 11, 13, 16).
Ergänzung statt Ersatz der Therapie
Apps ersetzen nicht den Arztbesuch, sondern ergänzen diesen und können die Kommunikation erleichtern. Daher könnte eine alleinige Nutzung von Apps wie Cara Care bei Betroffenen mit Reizdarmsyndrom womöglich zu einer lückenhaften Versorgung führen. Cara Care ist bereits ein zertifiziertes Medizinprodukt – der allgemeine Weg zur verschreibungsfähigen DiGA ist jedoch mit viel Arbeit verbunden. Hier ist zu beachten, dass Cara Care bisher keine vergleichbare Konkurrenz hat und ein Wettbewerb womöglich die Weiterentwicklung und Qualität der App fördern würde. Herausforderungen sind zudem die Auseinandersetzung mit der App – auf Seiten der Betroffenen und der behandelnden Ärzte – damit eine erfolgreiche Zusammenarbeit und ergänzende Therapie gelingen kann. Hier sind Akzeptanz und Offenheit, aber auch eine konstruktive Umgangsweise gefragt.
Fazit
Apps bieten im Kontext der digitalen Transformation des Gesundheitswesens besondere Chancen für eine ergänzende Versorgung, die das Fachpersonal wiederum entlasten kann. Bei chronischen und umfassenden Beschwerden, wie es beim Reizdarmsyndrom der Fall ist, können durch das personalisierte und ganzheitliche Krankheitsmanagement der Erkrankung mithilfe von Apps wie Cara Care schneller Symptomlinderungen und eine Verbesserung der Lebensqualität bei den Betroffenen erreicht werden. Fachärzte für Allgemeinmedizin und Innere Medizin in ambulanten Praxen sind dementsprechend in der Behandlung unterstützt, indem die Arzt-Patienten-Kommunikation verbessert und Zeit gespart werden kann. Eine Reduktion von Doppeldiagnosen und Therapieansätzen mit teuren, häufig nicht wirksamen Medikamenten führt zu mehr Effizienz und Qualität in der Versorgung Betroffener und kann in der Folge Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen mit sich bringen. Cara Care als App für die Behandlung des Reizdarmsyndroms kann auf ähnliche Bereiche und Störungen des Verdauungssystems übertragen werden (15), zumal der ganzheitliche Ansatz mit physischen, psychischen und sozialen Elementen allgemein bei chronischen Krankheiten erstrebenswert ist.
Quellen
- Frieling T, Fried M. Reizdarm und Reizmagen. Der Gastroenterologe. 2017;12(2):106-7. zum Original
- Ford AC, Sperber AD, Corsetti M, Camilleri M. Irritable bowel syndrome. Lancet. 2020;396(10263):1675-88. zum Original31548-8)
- Trebin E. Reizdarm. Allgemeine Homöopathische Zeitung. 2020;265(01):16-23. zum Original
- Black CJ, Ford AC. Global burden of irritable bowel syndrome: trends, predictions and risk factors. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2020;17(8):473-86. zum Original
- Deloitte. Smartphone-Konsum am Limit? Studie zur Smartphone-Nutzung: Der deutsche Mobile Consumer im Profil 2020. zum Original
- Kela N, Eytam E, Katz A. Supporting Management of Noncommunicable Diseases With Mobile Health (mHealth) Apps: Experimental Study. JMIR Hum Factors. 2022;9(1):e28697. zum Original
- Mutzbauer J. Coronakrise: Antrieb für die digitale Medizin Nutzerzahlen von Gesundheits-Apps steigen um 16 Prozent. Vogel IT-Medien GmbH; 2020. zum Original
- Eckert S, Grill M. Sicherheitslücken bei Gesundheits-Apps 2022. zum Original
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Cara Care für Reizdarm 2022. zum Original
- Cara Care. Kostenfrei auf Rezept. In 12 Wochen zu spürbar weniger Beschwerden 2022. zum Original
- HEALTH-CARE-COM GmbH. “Cara Care für Reizdarm” als verschreibbare Digitale Gesundheitsanwendung zugelassen 2021. zum Original
- Medical Tribune. Barmer Arztreport: Versorgungsdefizite bei Reizdarm 2019. zum Original
- DocMedicus. Folgeerkrankungen. Reizdarmsyndrom 2022. zum Original
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). deprexis 2021. zum Original
- Yin AL, Hachuel D, Pollak JP, Scherl EJ, Estrin D. Digital Health Apps in the Clinical Care of Inflammatory Bowel Disease: Scoping Review. J Med Internet Res. 2019;21(8):e14630. zum Original
- Chang K-M, Lee M-H, Lin H-H, Wu S-L, Wu H-C. Does irritable bowel syndrome increase the risk of interstitial cystitis/bladder pain syndrome? A cohort study of long term follow-up. International Urogynecology Journal. 2021;32(5):1307-12. zum Original


