Einfluss telemedizinischer Beratung auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen in Schweden
Be- oder entlasten telemedizinische Angebote das Gesundheitswesen?
Die ambulante Gesundheitsversorgung in Deutschland ist mit Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel und der Bedürfnislage einer alternden Bevölkerung konfrontiert [1]. Inwiefern kann der Ausbau telemedizinischer Beratungsangebote die Arbeit von Ärzten unterstützen, um die hohe Nachfrage nach medizinischen Leistungen im Gesundheitssystem zu bedienen?
DTC-Telemedizin für die Primärversorgung
Schon jetzt gibt es in einigen ländlichen Regionen in Deutschland zu wenig ambulant-medizinische Versorgungsangebote [2]. Mit Blick auf die Altersstruktur und erwartete Renteneintritte vieler Hausärzte dürfte sich diese Situation weiter zuspitzen [3]. Ein möglicher Ansatz, Erleichterung zu schaffen, könnte der Ausbau telemedizinischer Angebote sein. Sogenannte Direct-To-Consumer (DTC)-Telemedizin ermöglicht Patienten rund um die Uhr bequem und ohne Wartezeiten den Zugang zu telemedizinischer Beratung und kostet pro Inanspruchnahme weniger als ein Termin in der Notaufnahme [4]. Während in Deutschland vor der Covid-19-Pandemie noch kaum Ärzte die Telemedizin nutzten oder eine Nutzung in Erwägung zogen, gaben 2020 bereits über die Hälfte der Haus- und Fachärzte an, Videosprechstunden anzubieten [5]. Auch international ist eine starke Zunahme an DTC-Telemedizin-Angeboten zu beobachten. Einerseits können mithilfe dieser Angebote Kosten gespart und Ärzte auch durch die örtliche Ungebundenheit entlastet werden [6]. Andererseits wird befürchtet, dass die Telemedizin zu einer vermehrten Nachfrage nach zusätzlichen, insbesondere Face-to-Face-Sprechstunden führen könnte [6, 7], was das Gesundheitssystem weiter belasten würde und zu Lasten von Neupatienten gehen könnte [8].
Auswirkungen von DTC-Telemedizin-Terminen auf nachfolgenden Gesundheitskonsum
Eine aktuelle schwedische Studie hat die Auswirkungen der Inanspruchnahme von DTC-Telemedizin auf die nachfolgende Nutzung weiterer ärztlicher Leistungen vor Ort oder via Telemedizin untersucht [6]. Dafür wurde eine Datenbasis aus sozioökonomischen und Gesundheitsdaten für Einwohner der Region Stockholm zusammengeführt. Aus der Gesamtgruppe der Personen, die mindestens einen Arzttermin im ersten Halbjahr 2018 persönlich oder via DTC-Telemedizin wahrgenommen hatten, wurden Nutzer telemedizinischer Beratung identifiziert und mit einer Kontrollgruppe verglichen.
Die Studie hebt sich vor allem aufgrund der großen Stichprobe, in der Daten von 2,3 Mio. Menschen zusammengeführt waren, von anderen Studien ab, die oft auf spezielle Patientengruppen fokussiert sind. [6]. In der Studie wurde die Inanspruchnahme ärztlicher Konsultationen innerhalb von 24 Monaten vor und sechs Monaten nach der sogenannten Index-Konsultation analysiert. Für die Treatment-Gruppe umfasste diese Index-Konsultation eine DTC-Telemedizin-Sitzung, während sie für die Kontrollgruppe einen Face-to-Face-Termin bedeutete.
DTC-Telemedizin führt zu mehr nachfolgenden Konsultationen
Die Studie zeigt, dass die Personen, deren Index-Konsultation via DTC-Telemedizin stattfand, mehr Folgetermine wahrnehmen als Personen, die einen persönlichen Termin hatten. Dieser Effekt ist besonders in der Zeit kurz nach dem Ausgangstermin deutlich und lässt mittelfristig nach. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass telemedizinische Konsultationen bei akuten Erkrankungen weniger effizient als Face-to-Face-Kontakte sein könnten, sodass vermehrt zusätzliche Termine wahrgenommen werden, um eine angemessene Behandlung zu erfahren. Das steigert potenziell die Gesundheitskosten. [6, 7,]. Ein weiterer Mechanismus, dem die schwedische Forschungsgruppe eine höhere Nachfrage zuschreiben, ist die Anreizstruktur für DTC-Telemedizin-Anbieter. Diese werden pro erbrachte Beratungsleistung vergütet, so dass ein hoher Anreiz zur Vergabe von Folgeterminen besteht. Die in der ambulanten Versorgung dominierenden Fixbeträge pro Patient setzen diesen Anreiz nicht. Auch der bequeme Zugang zu telemedizinischen Beratungsangeboten bzw. die angenehme Nutzungserfahrung könnten zu einer Steigerung der Inanspruchnahme führen.

Abbildung 1: Mechanismen mit Hypothesen: vor allem Technologie und Anreizstruktur haben Auswirkungen auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen.
Die Nutzung von Telemedizin gewinnt auch in Deutschland an Relevanz
Obgleich das schwedische Gesundheitssystem im Gegensatz zum deutschen steuerfinanziert ist, können dort wie auch in Deutschland Patienten die Angebote der Gesundheitsversorgung i.d.R. ohne große Zusatzkosten in Anspruch nehmen [9]. In diesem Kontext ist in Deutschland mit einem Anstieg der Nutzung von Telemedizin zu rechnen, auch wenn Ärzte bisher nicht mehr als 30% der Leistungen via Telemedizin abgerechnet können [10].
DTC-Telemedizin richtig einsetzen
Die Studienergebnisse lassen vermuten, dass telemedizinische Beratung (insbesondere DTC-Angebote) je nach Erkrankung kein vollständiger Ersatz für Face-to-Face-Termine ist und insofern zu einer Steigerung der Beratungstermine (online + in Präsenz) mit entsprechend höheren Gesamtkosten führen kann. Wenn telemedizinische Angebote die Zahl der Beratungstermine und damit Kosten senken sollen, sind zunächst sinnvolle Einsatzbereiche zu identifizieren und Vergütungssysteme zu prüfen. Diese Faktoren beeinflussen maßgeblich, inwieweit die Telemedizin eine Entlastung für das Gesundheitssystem darstellt. Das Potenzial dafür besteht.
Wie Telemedizin in Pflegeheimen und Hospizen die Versorgung unterstützt
Quellen
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- Obermann, K. et. al. Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2020: Ärztliche Arbeit und Nutzung von Videosprechstunden während der Covid-19-Pnademie. Eine gemeinsame repräsentative deutschlandweite Befragung ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte durch die Stiftung Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem health innovation hub, 2020.
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- Bratan T. et. al. E-Health in Deutschland: Entwicklungsperspektiven und internationaler Vergleich. Studie zum deutschen Innovationssystem. 2022;12. ISSN 1613-4338.