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Tele-Osteopathie – Telemedizin im ungewohnten Kontext

Osteopathie bezeichnet eine ganzheitliche Form der alternativen Medizin. Diese beruht auf einer Diagnostik und Behandlung, die ausschließlich mit den Händen erfolgt (1). Viele Bereiche der medizinischen und pflegerischen Versorgung sind durch die COVID-19-Pandemie verstärkt dem digitalen Wandel begegnet, indem u.a. telemedizinische Anwendungen getestet und etabliert wurden. In der Osteopathie scheint dies ungewöhnlich, da die Behandlung mit den Händen nicht auf Distanz gewährleistet werden kann (2). Dennoch wurde die manuelle Therapie bereits erfolgreich im Format der Videokonsultation umgesetzt, und zwar im pädiatrischen Kontext. Wie kann eine osteopathische Behandlung telemedizinisch gelingen und welche Vor- und Nachteile bringt dieses digitale Behandlungsformat?

Osteopathie gewinnt an Beliebtheit

Die Osteopathie versteht sich als eine manuelle alternativmedizinische Therapie, die ihren Ursprung in der ca. 150 Jahre zurückliegenden Forschung des amerikanischen Arztes Andrew Taylor Still hat. Osteopathen suchen nach den Ursachen von Beschwerden und leisten auf dieser Basis eine ganzheitliche Behandlung für Betroffene (1, 3). Mit besonderer Beachtung der Faszien (dünne Bindegewebshüllen) im Körper ist das Ziel einer osteopathischen Therapie, die Selbstregulierungs- und Selbstheilungsprozesse des Körpers sowie – durch das Lösen von Blockaden und Spannungen – seine Beweglichkeit wiederherzustellen (1). Osteopathische Behandlungen sind eine Extraleistung und damit kein Bestandteil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen. Wenn ein Arzt die Notwendigkeit einer osteopathischen Behandlung durch ein Rezept nachgewiesen hat, übernehmen gesetzliche Krankenversicherungen dennoch häufig einen Anteil der osteopathischen Behandlung oder unterstützen diese beispielsweise im Rahmen von Bonusprogrammen (4), da viele Kassen zunehmend die Kosten für eine Manualtherapie in ihren AGBs verankern.

Immer mehr Deutsche nutzen diese Möglichkeit: Während 2018 rund 18 Prozent der über 14-Jährigen selbst oder für ihr Kind eine osteopathische Therapie in Anspruch nahmen, waren es 2021 mit 14,6 Millionen Menschen bereits 23 Prozent (5). Der Nachweis für den Nutzen einer solchen Therapie besteht beispielsweise dadurch, dass ein Orthopäde bei Patienten mit Beschwerden des Bewegungssystems eine Chance sieht, durch Osteopathie den Gesundheitszustand zu verbessern und entsprechend ein Rezept ausstellt. Von Rückenschmerzen waren 2020 ca. 80 Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen (6). Durch Osteopathie können im besten Fall die zugehörigen Kosten, die rund 10 Prozent der gesamten Krankheitskosten einnehmen, eingespart werden (7). Auch, wenn die Therapie manuell ist, können insbesondere im osteopathischen Bereich digitale Angebote eine Chance sein. Denn eine solch vulnerable und potenziell mobil eingeschränkte Gruppe Betroffener kann auch vor dem pandemischen Hintergrund von den Vorteilen in der Fernbehandlung profitieren. Osteopathen können damit ihr Angebotsspektrum ausweiten.

Chancen für vulnerable Patientengruppen

Der zuvor erwähnte Anstieg der Inanspruchnahme osteopathischer Behandlungen lässt auf eine wachsende Akzeptanz und ein hohes Interesse für die manuelle, ganzheitliche Therapie schließen (5). Betroffene nehmen Osteopathie beispielsweise aufgrund von Rücken- oder Nackenschmerzen und Kopfschmerzen in Anspruch oder ergänzen andere Behandlungsoptionen osteopathisch (8-10). Weiterhin sind pädiatrische Patienten eine besondere Behandlungsgruppe (8), beispielsweise im Kontext gastroenterologischer Beschwerden (11). Die zugehörigen Symptome und Umstände machen die Patientengruppe vulnerabel. Betroffene können spontan eingeschränkt sein und einen Termin vor Ort womöglich nicht wahrnehmen. Digitale Behandlungsoptionen bieten ihnen eine Alternative. Das Beispiel des Phoenix Children Hospitals in Arizona zeigt im pädiatrischen Kontext, wie ein Therapeut, der eine mindestens vierjährige Ausbildung an einer derzeit noch privaten Osteopathie-Schule absolviert hat, Eltern per Video anleitet und diese die Behandlung mit ihren Händen durchführen (8). Dies kann auch von Vorteil sein, wenn Menschen Berührungsängste haben und gerne von einer vertrauten Person behandelt werden möchten. So kann beispielsweise ein Familienmitglied, Freund oder Partner die Handgriffe ausführen, während ein Osteopath diese per Videokonsultation anleitet. Die Therapeuten können so auch Sitzungen ausführen, die ansonsten ausfallen müssten und somit wiederum besser planen. Sie werden sich der Therapie darüber hinaus womöglich noch bewusster und können ihre Qualität steigern. Die Anwesenheit einer weiteren, dem Betroffenen nahen Person, kann zudem die Anamnese noch umfangreicher gestalten, wodurch Beschwerden zielgenauer auf den Grund gegangen werden kann. Die beispielhafte Anwendung in Arizona zeigte Erfolg und gelang ohne Komplikationen (8).

Compliance der ausführenden Person wichtig

In Hinblick auf osteopathische Therapieansätze ist generell zunächst zu beachten, dass die Erfolgsaussichten bei vielen Krankheitsbildern und Beschwerden meist bei kleinen Stichproben nachgewiesen wurden (10, 11). Genauso betrifft es auch die telemedizinische Option, die in Arizona mit insgesamt 18 Kindern erprobt wurde (8). Eine Teilerstattung der Tele-Option ist darüber hinaus in Deutschland zunächst nicht wahrscheinlich, da der Nutzen nachgewiesen und hierfür viel Zeit eingeplant werden muss. Auch, wenn das Bewusstsein für die Therapie auf Seiten der beratenden Therapeuten steigen kann, hängt die Ausführung der Anweisungen dennoch von der Person im Umfeld des Patienten ab. Hier ist eine hohe Compliance wichtig, die höchstwahrscheinlich beim Betroffenen vorhanden ist, da es sich bei der Osteopathie-Sitzung um eine individuelle Gesundheitsleistung handelt, die nicht vollständig von der Krankenversicherung getragen wird (4). So sollte auch die Auswahl der Vertrauensperson aus hoher Überzeugung getroffen worden sein. Handgriffe können weiterhin falsch ausgeführt werden und bei Risiken und gesundheitsschädigenden Folgen ist die Haftung ungeklärt.

Fazit

Osteopathie gewinnt in der medizinischen Versorgung, insbesondere bei Schmerzen des Muskel-Skelett-Apparates, aber auch bei Darmbeschwerden und Kopfschmerzen zunehmend an Bedeutung. Der Bedarf an (ergänzender) osteopathischer Therapie steigt und kann für die vulnerable Zielgruppe insbesondere in Zeiten von Pandemien und Kontaktbeschränkungen durch Telemedizin gedeckt werden. Eine Videoberatung von vertrauten Personen im Umfeld der Patienten gewährleistet die Anleitung von Handgriffen durch den Therapeuten und befähigt die Vertrauensperson zur Linderung von Symptomen beim Patienten. Zwar kann diese digitale Behandlungsart gelingen und ist durch ihre Niedrigschwelligkeit ausgezeichnet. Es kann dennoch zu Fehlern kommen, während allgemeingültige Wirkungsnachweise noch ausstehen. Osteopathische Therapeuten können diesbezüglich das Anleiten von Personen trainieren. Es sollte ein Konzept entwickelt werden, in dem auch die ausführende Person aus dem sozialen Umfeld des Patienten intensiv eingebunden ist, beispielsweise in Form von Handouts. Denn Osteopathie basiert vor allem auf der ganzheitlichen Betrachtung des Individuums und seiner Beschwerden sowie dem Einbezug verschiedener Einflussfaktoren. Für einen erfolgreichen Einsatz der Tele-Osteopathie sind schließlich insbesondere Effektivität der Fernbehandlung, Rechtslage und praktische Machbarkeit Elemente, die zukünftig untersucht und geklärt bzw. nachgewiesen werden müssen.

Quellen

  1. Verband der Osteopathen Deutschland e.V. Osteopathie ist Medizin. 2022. https://www.osteopathie.de/was_ist_osteopathie
  2. Philipp Grätzel von Grätz. Osteopathie per Datenleitung: E-HEALTH-COM; 2021 Available from: [https://e-health-com.de/details-news/osteopathie-per-datenleitung/.
  3. Bundesverband Osteopathie e.V. – BVO. Was ist Osteopathie? 2022 Available from: [https://bv-osteopathie.de/fuer-patienten/was-ist-osteopathie/.
  4. AOK-Die Gesundheitskasse. Die Osteopathie 2021 Available from: [https://www.aok.de/pk/leistungen/alternative-heilmethoden/osteopathie/.
  5. Bund Deutscher Heilpraktiker (BDH) e.V. Nachfrage nach Osteopathie steigt weiter 2021 Available from: [https://www.bdh-online.de/nachfrage-nach-osteopathie-steigt-weiter/.
  6. Swiss Life. Deutschland hat Rücken: Acht von zehn Menschen leiden unter Rückenschmerzen – seit Corona sind die Beschwerden deutlich angestiegen 2022 Available from: [https://www.swisslife.de/ueber-swiss-life/medienportal/news/2020/20-10-07-deutschland-hat-ruecken.html.
  7. Statistisches Bundesamt (destatis). Krankheitskosten 2022 Available from: [https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Krankheitskosten/_inhalt.html#250402.
  8. Kramer JL, Asis KD. Osteopathic interventions via telehealth in a pediatric population: a retrospective case series. Journal of Osteopathic Medicine. 2021;121(11):857-61. https://doi.org/10.1515/jom-2021-0124
  9. Groisman S, Malysz T, de Souza da Silva L, Rocha Ribeiro Sanches T, Camargo Bragante K, Locatelli F, et al. Osteopathic manipulative treatment combined with exercise improves pain and disability in individuals with non-specific chronic neck pain: A pragmatic randomized controlled trial. J Bodyw Mov Ther. 2020;24(2):189-95. http://doi.org/10.1016/j.jbmt.2019.11.002
  10. Jara Silva CE, Joseph AM, Khatib M, Knafo J, Karas M, Krupa K, et al. Osteopathic Manipulative Treatment and the Management of Headaches: A Scoping Review. Cureus. 2022;14(8):e27830. http://doi.org/10.7759/cureus.27830
  11. Buffone F, Monacis D, Tarantino AG, Dal Farra F, Bergna A, Agosti M, et al. Osteopathic Treatment for Gastrointestinal Disorders in Term and Preterm Infants: A Systematic Review and Meta-Analysis. Healthcare (Basel). 2022;10(8). http://doi.org/10.3390/healthcare10081525

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