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Technostress in healthcare: Wie können Führungskräfte beim Einsatz von KI negativen Stress vermeiden?

Der Einsatz digitaler Technologien kann die Arbeit von Health Professionals unterstützen, verlangt allerdings auch viel Bereitschaft zur Veränderung. Welche Stressoren kann die Anwendung von KI hervorrufen und wie können Führungskräfte die Stressreduktion in der Belegschaft unterstützen?

Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICTs) hat die Arbeitswelt auch in der Gesundheitswirtschaft bereits stark verändert. Einerseits haben die Technologien zu erhöhter Effizienz und Produktivität geführt, andererseits stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor neuen Herausforderungen durch Technostress [1]. Technostress ist eine moderne Anpassungskrankheit, die durch psychische und physische Stresszustände bei ungesundem Umgang mit neuen Computertechnologien entstehen kann [2].

Die Forschung hat fünf Kategorien von Techno-Stressoren identifiziert [3]:

  1. Techno-Overload(Überflutung): Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen sich gezwungen, durch Technologieeinsatz schneller und mehr zu arbeiten.
  2. Techno-Invasion(Omnipräsenz): Personen fühlen sich ständig erreichbar und verfügbar. Die Grenzen des Arbeits- und Privatleben verschwimmen.
  3. Techno-Complexity(Komplexität): Gefühlter Zwang, Zeit in das Verstehen einer neuen Technologie investieren zu müssen, um die Arbeit ausführen zu können.
  4. Techno-Insecurity(Jobunsicherheit): Gefühl eines drohenden Arbeitsplatzverlusts durch Personen, die hinsichtlich Technologienutzung besser qualifiziert sind.
  5. Techno-Uncertainty(Verunsicherung): Durch die permanente Veränderung von Technologien fällt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unter Umständen schwerer, sich auf die digitalen Arbeitsumgebungen einzustellen.

Dem Transaktionalen Stressmodell folgend [4] hängt das Stressempfinden von Personen sowohl von der subjektiven Bewertung des Kontextes bzw. des Umfelds wie auch von den eigenen Ressourcen und Kompetenzen ab. Im Kontrast zu anderen ITCs ermöglichen KI-Anwendungen nicht nur eine Sammlung bzw. Produktion von Daten, sondern bieten vielfältige Möglichkeiten der Datenverarbeitung und sogar -interpretation [5], weshalb Änderungen des Arbeitsumfelds für Health Professionals potenziell einschneidend sein können. Eine genauere Betrachtung der Stressreaktionen auf den KI-Einsatz ist demnach von großer Bedeutung und bisher ein wenig erforschter Bereich.

Untersuchung der Stresswirkung von KI-Systemen in der Medizin

In einer aktuellen Studie von Issa, Jaber & Lakkis (2024) wurde erstmals untersucht, wie Techno-Stressoren bei der Anwendung von KI-Systemen zu Herausforderung (Eustress) oder zu Risiken (Disstress) für Health Professionals führen können [6]. Die Annahme besteht, dass Techno-Stressoren je nach Management der Situation als positive Herausforderungen verstanden werden können, was zu besseren Arbeitsergebnissen führt. Für die Untersuchung wurden 224 Probanden mittels quantitativer Umfrage befragt, darunter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von KI-StartUps sowie Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte, die Erfahrung in der Anwendung von KI-Systemen im Rahmen der Patientenversorgung haben. Die Forscherinnen und Forscher erweiterten dafür das oben beschriebene Modell der Techno-Stressoren um den Indikator „Techno-Unpredictablility“ (Unvorhersehbarkeit), um die disruptive Natur und die schnelle Weiterentwicklung der technologischen Möglichkeiten zu erfassen.

Nicht alle Stressoren haben negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden

Es zeigt sich, dass durch die Anwendung von KI-Systemen Technostressoren auftreten, die allerdings nicht alle zu gleichem Stressempfinden führen.

Abbildung 1: Wirkung von KI-Technik-Stressoren

Überforderung und Unsicherheit durch ständige technologische Veränderungen wurden im Rahmen der Studie weder positiv noch negativ wahrgenommen. Negativen Stress verursachten zum einen das Gefühl, durch die Implementierung von KI-Systemen ständig erreichbar sein zu müssen und zum anderen die Unvorhersehbarkeit von Technologien. Die Studie zeigte unerwartet auch positive Effekte für zwei Faktoren: die Komplexität von KI-Systemen sowie die empfundene Notwendigkeit zur Entwicklung der eigenen Digitalkompetenzen scheinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzuspornen.

Der Führungsstil kann einen entscheidenden Beitrag zur Stressreduktion leisten

Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen verschiedenen Führungsstilen und empfundenem Technostress zeigen, dass der transformationale Führungsstil, also Führung mit dem Ziel, die Weiterentwicklung und die intrinsische Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu fördern, indirekt zum Abbau von Disstress beitragen kann [7]. Die Förderung von Digitalkompetenzen der Belegschaft ist in diesem Kontext hoch relevant, um diesen Stress zu vermeiden und Eustress im Sinne positiver Herausforderungen zu ermöglichen. Insbesondere in Krankenhäusern und Praxen, in denen KI-Anwendungen potenziell zur Entscheidungsvorbereitung in Diagnose, Medikation etc. verwendet werden können, ist es unumgänglich, das Verständnis und das Management algorithmischer Verhaltensweisen zu priorisieren, um Ärztinnen, Ärzten und Pflegefachkräften die Übernahme von Verantwortung zu ermöglichen [6]. Für Führungskräfte ist es zudem wichtig, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen funktionierenden technischen Support bereitzustellen und mit fortschreitender Digitalisierung des eigenen Unternehmens, Austauschräume für den Umgang mit potenziellen digitalen Stressoren zu schaffen [8].

Fazit

Die Studienergebnisse zeigen, dass die Anwendung von KI-Systemen im medizinischen Kontext zu positivem sowie zu negativem Stress führen kann. Vor allem die Unvorhersehbarkeit der Algorithmen kann negatives Stressempfinden hervorrufen. Aus Managementperspektive kann ein transformationaler Führungsstil dazu beitragen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu unterstützen, so dass Disstress vermieden und Motivation für die Anwendung neuer Technologien gestärkt wird. Regelmäßige Weiterbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Reduktion von Techno-Unvorhersehbarkeit können einen großen Beitrag für leistungsstarke Teams und für Risikominimierung in der Versorgung leisten.

Lesen Sie auch: Entspannung im Versorgungsalltag: Wie Virtual Reality den Stress von Ärzt:innen und Pflegefachpersonal senkt

Quellen

[1] Brivio E, Gaudioso F, Vergine I, Mirizzi CR, Reina C, Stellari A & Galimberti C. Preventing Technostress Through Positive Technology. Frontiers in Psychology 2018;9(2569). DOI: 10.3389/fpsyg.2018.02569

[2] Gaudioso F, Turel O & Galimberti C. The mediating roles of strain facets and coping strategies in translating techno-stressors into adverse job outcomes. Computers in Human Behaviour 2017;69, 189–196. DOI: 10.1016/j.chb.2016.12.041

[3] Komorowski T & Vieten D. Technostress, Persönlichkeit und die Folgen von Technostress. Ein systematisches Literaturre­view zur empirischen Forschungslage. Bonn 2022

[4] Lazarus, R. S, Folkman, S. Stress, appraisal and coping. New York 1984

[5] Tretter M, Samhammer D & Dabrock P. Künstliche Intelligenz in der Medizin: Von Entlastungen und neuen Anforderungen im ärztlichen Handeln. Ethik in der Medizin*2024;*36,7–29. DOI: 10.1007/s00481-023-00789-z

[6] Issa H, Jaber J & Lakkis H. Navigating AI unpredictability: Exploring technostress in AI-powered healthcare systems. Technological Forecasting and Social Change 2024;202. DOI:10.1016/j.techfore.2024.123311.

[7] Thelen I & von Garrel J. Digital gestresst durch Vorgesetzte? Eine empirische Untersuchung zum Zusammenhang zwischen dem erlebten Führungsstil und dem Entstehen von Technostress bei Mitarbeiter_innen von Unternehmen in Deutschland. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie 2024;68(2), 51–66. DOI: 10.1026/0932-4089/a000416

[8] Bregenzer A, Jimenez P. Risk Factors and Leadership in a Digitalized Working World and Their Effects on Employees’ Stress and Resources: Web-Based Questionnaire Study. Journal of Medical Internet Research 2021;23(3), DOI: 10.2196/24906

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