Wie verändert Digitalisierung den Arbeitsalltag von Gesundheitsfachkräften?

Die Einführung digitaler Tools verläuft nicht immer reibungslos. Wie erleben Pflegekräfte und Ärzte diese Veränderungen wirklich?
Digitale Technologien haben den Arbeitsalltag von Gesundheitsfachkräften bereits grundlegend verändert. Sie setzen digitale Tools ein, um mit Patienten zu kommunizieren, oder um Daten zu sammeln und diese mit anderen Gesundheitsdienstleistern auszutauschen [1]. Die Einführung solcher Tools verläuft nicht immer reibungslos und kann zusätzliche Arbeitsbelastung mit sich bringen [2]. Das Bewusstsein von Führungskräften für die Veränderungen, mit denen ihre Mitarbeiter konfrontiert sind, ist entscheidend, um eine effiziente Integration neuer Technologien zu gewährleisten [3].
Nehmen die Führungskräfte immer wahr, was auf die Fachkräfte zukommt?
Kaihlanen, Laukka, Nadav et al. analysierten im Jahr 2023 die unterschiedlichen Sichtweisen von Fach- und Führungskräften hinsichtlich der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitspraxis. Hierfür führten sie 30 Fokusgruppeninterviews mit Gesundheits- und Sozialfachkräften sowie 21 Einzelinterviews mit Führungskräften durch. Die Teilnehmer der Fokusgruppen umfassten Pflegekräfte, Ärzte, Mitarbeiter des Sozialdienstes und Digitalberater [4]. Die Studie wurde in vier großen Gesundheitszentren in Nord-, Ost-, Süd- und Westfinnland durchgeführt, die aufgrund ihrer Fortschrittlichkeit für digitale Services ausgewählt wurden. Abbildung 1 veranschaulicht beispielhaft die diskutierten Veränderungen des Arbeitsalltags.

Abbildung 1: Transformation des Arbeitsalltags durch digitale Technologien
Die Ergebnisse der Studie beschreiben vier wesentliche Kategorien, in denen die Fachkräfte Veränderungen in ihrer Arbeit feststellen. Die Einschätzungen der Führungskräfte stammen nur teilweise mit diesen überein.
- Zeitaufwand und Arbeitsbelastung:
Einerseits führte die Implementierung digitaler Tools zur Entlastung von Fachkräften, beispielsweise durch die aktive Einbindung der Patienten bei der Überwachung ihrer Gesundheitsdaten. Andererseits benötigten sie Zeit, um sich mit den neuen Tools vertraut zu machen. Zudem mussten bestimmte Arbeitsschritte, wie die Bearbeitung von Patientenanliegen auf verschiedenen elektronischen Wegen, doppelt durchgeführt werden. Dieser Arbeitsaufwand wurde von Führungskräften häufig unterschätzt.
- Aufgaben und Kompetenzen:
Fach- und Führungskräfte waren sich einig, dass die Nutzung digitaler Tools technische Kompetenzen erfordert. Jedoch wurde von Führungskräften oft übersehen, dass zusätzlich auch Beratungsaufwand entsteht: Die Einführung digitaler Technologien stellte Fachkräfte vor die Aufgabe, Patienten und Kollegen bei der Nutzung neuer Tools zu unterstützen.
- Intraprofessionelle Kommunikation:
Die intraprofessionelle Kommunikation verlief dank digitaler Tools mit weniger Arbeitsunterbrechungen und geringerem Zeitaufwand. Der Zugang zum interdisziplinären Austausch verbesserte sich. Allerdings gestaltete sich die Remote-Interaktion manchmal schwieriger, und es fand weniger informeller Austausch statt. Die infolgedessen schlechtere Arbeitsatmosphäre wurde von Fachkräften adressiert, während Führungskräfte darauf nicht eingingen.
- Informationsfluss und -sicherheit:
Gemeinsame Datenbanken verbesserten nach Einschätzung der Fachkräfte die Übertragung von Informationen zwischen Abteilungen und Dienstleistern. Die Digitalisierung wurde auch als Verbesserung mit Blick auf den Datenschutz wahrgenommen. Die Wahrscheinlichkeit von Fehlern war geringer, da Informationen zu Patienten oder Behandlungen nicht mehr handschriftlich verfasst werden mussten. Diese Vorteile wurden von Führungskräften weniger stark wahrgenommen.
Zusammenfassung und Implikationen für das deutsche Gesundheitswesen
Die bisherige Forschung zeigt, dass deutsche Gesundheitsfachkräfte, insbesondere Ärzte und Pflegekräfte, digitalen Innovationen eher skeptisch gegenüberstehen [2,5,6]. Eine erfolgreiche Integration digitaler Technologien im deutschen Gesundheitswesen erfordert ein vertieftes Verständnis für die Bedürfnisse dieser Berufsgruppen. Die finnischen Erfahrungen könnten deutschen Führungskräften hilfreiche Anregungen geben. Um potenzielle Probleme frühzeitig zu identifizieren, könnten Führungskräfte verstärkt Feedback von ihren Mitarbeitern in den vier beschriebenen Themenbereichen einholen.
Mehr Informationen zu den verschiedenen Stufen der Digitalisierung
Quellen
- Granström E, Wannheden C, Brommels M, Hvitfeldt H & Nyström ME. Digital tools as promoters for person-centered care practices in chronic care? Healthcare professionals‘ experiences from rheumatology care. BMC Health Services Research. 2020; 20(1). DOI: 10.1186/s12913-020-05945-5.
- Frennert S, Petersson L & Erlingsdottir G. “More” work for nurses: the ironies of eHealth. BMC Health Services Research 2023; 23. DOI: 10.1186/s12913-023-09418-3.
- Peng-Ting C, Lin CL & Wu WN. „Big data management in healthcare: Adoption challenges and implications.“ International Journal of Information Management 2020; 53. DOI:10.1016/j.ijinfomgt.2020.102078
- Kaihlanen, AM., Laukka, E., Nadav, J. et al. The effects of digitalisation on health and social care work: a qualitative descriptive study of the perceptions of professionals and managers. BMC Health Services Research 2023; 23(714) DOI: 10.1186/s12913-023-09730-y.
- Dahlhausen F, Zinner M, Bieske L, Ehlers, JP, Boehme P, & Fehring L. Physicians’ attitudes toward prescribable mHealth apps and implications for adoption in Germany: mixed methods study. JMIR mHealth and uHealth 2021; 9(11), e33012. DOI: 10.2196/33012.
- Straub C. „Das Virus und die Digitalisierung: Treibt Corona die digitale Evolution des deutschen Gesundheitswesens voran?“ Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement 2020; DOI: 10.1055/a-1287-3142


