Telematikinfrastruktur: Apotheken in neuer Rolle

Telematikinfrastruktur Apotheken
Apotheken übernehmen in Deutschland (Stand 2021) mit 160.000 Beschäftigten in 18.753 Apotheken (1) im Rahmen der Gesundheitsversorgung Aufgaben der Aufklärung, Beratung, sowie Überwachung der Ausgabe und Einnahme von Medikamenten. Dies erfolgt insbesondere im Falle chronischer Erkrankungen und in Folge dessen auch anhand der Beurteilung der bisher und aktuell eingenommenen Medikamente (2). Für viele Patienten sind Apotheker wichtige Ansprechpartner für Fragen zur Medikation, ihrer Einnahme, Wirkung und Nebenwirkung.
Apotheken verkaufen jedoch nicht allein verschreibungspflichtige Medikamente. Sie geben auch Over-the-Counter-Produkte (OTC-Produkte) an ihre Kunden ab. So besitzen Apotheker häufig bereits vielfältige Informationen über die Medikamenten-Historie von Patienten (3). Lange Zeit vorausgesetzt: Patienten nehmen die Dienstleistung ihrer Vor-Ort-Stammapotheke in Anspruch und diese sammelt relevante Informationen über ihre Kunden. Häufig weichen Kunden der Praktikabilität halber jedoch z.B. auf Online-Versandapotheken aus, wenn sie keine Vor-Ort-Stammapotheke haben. Dabei gehen viele Informationen für Vor-Ort-Apotheken verloren, welche nun mit Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI) gebündelt und sinnvoll genutzt werden könnten.
Denn: Eine elektronische Vernetzung von Akteuren im Gesundheitswesen bietet einen umfassenden Überblick über Medikamente und Präparate von Patienten. Möglich wird dies mit Nutzung der TI. Welche Chancen bietet eine Anbindung an die TI für Apotheken?
TI als Tool zur sicheren sektorenübergreifenden Kommunikation
Zur Stärkung von Wettbewerbsvorteilen sollen Apotheken sukzessive mehr digitale pharmazeutische Dienstleistungen anbieten, wie vermehrten digitalen Kundenkontakt oder Telepharmazie (4). Voraussetzung ist eine Anbindung an die TI, deren zentrale Funktion Vernetzung und lückenlose Patienteninformation ist. Zusammen mit einer gesetzlich einheitlichen Vergütung für verschreibungspflichtige Medikamente – beschlossen im Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken – werden Nachteile aus dem Wettbewerb mit Online-Versandapotheken adressiert (5). Mit der elektronischen Anbindung an die TI wird eine lückenlose und apotheken- wie auch sektorenübergreifende Dokumentation und somit Patientensicherheit möglich. Die TI ist ein Tool zur sicheren intersektoralen Kommunikation (6) und ermöglicht das Eingeben, Speichern, Einsehen und Bearbeiten von Patienteninformationen über Fachrichtungen hinaus. Angebunden werden z.B. Praxen, Ambulanzen, Medizinische Versorgungszentren und Apotheken. Mit dem Angebot unterschiedlicher Gesundheitsanwendungen, wie z.B. der ePatientenakte, der Kommunikation im Gesundheitswesen oder nun dem eRezept, soll sie die medizinische Versorgung optimieren (3, 7, 8).
Durch Informationsgewinn stärken Apotheken ihre Rolle als Gesundheitslotsen
Durch den über die TI-Anbindung generierten Informationsgewinn und die geschaffenen Schnittstellen zum datenschutzkonformen Angebot digitaler Leistungen werden Apotheker in ihrer beratenden Funktion umso wichtiger. Denn mit dem Wissen um verordnete Medikamente, OTC-Arzneien und somit dem Ausstellen eines aktuellen und validen Medikationsplans, kann die Arzneimitteltherapiesicherheit gehoben und der Behandlungserfolg verbessert werden (3, 9). Darüber hinaus kann im Zuge der eRezept-Anwendung z.B. die digitale Verfügbarkeit von Arzneien und ihre flexible Distribution besser geplant und abgebildet werden. Hierdurch entstehen Wettbewerbsvorteile, die vor der elektronischen Anbindung häufig aufgrund geringer Online-Information abgegeben werden mussten. Somit dienen sichere digitale Technologien durch Anschluss an die TI als Hebel zur Erschließung neuer Umsatzquellen wie vermehrtem digitalen Kundenkontakt oder Telepharmazie (4).
Wenn neben der lückenlosen Übersicht über eingenommene Medikation auch ganzheitliche Beratung auf Basis größerer Information möglich wird, könnten auch junge Patienten mit weniger Apotheken-Kontakt wieder die Vorteile einer Vor-Ort-Beratung erfahren. Währenddessen kann die TI von unterschiedlichen Health Professionals genutzt werden und dort Patientendaten, auch aus Anwendungen der Patienten wie Apps und Wearables, eingespeist werden. Hierdurch entstehen noch weitere Chancen für die Versorgung und Alleinstellungsmerkmale für die Vor-Ort-Apotheke. Die zusätzlichen Daten machen Erweiterungen des Service-Angebots möglich, wie z.B. Arznei-Empfehlungen oder perspektivisch die Überwachung von Vitalparametern (4, 6). Auch Botendienste könnten durch eine auf aktuellen elektronischen Daten der TI basierenden Bedarfsplanung effizienter gestaltet werden (6).
Elektronische Systeme müssen allen geläufig sein
Durch die Anbindung an und die Nutzung der TI entstehen neue Arbeitspakete und erste eventuelle Herausforderungen in der Gestaltung der Geschäftsabläufe. Alle Apothekenmitarbeiter müssen das System kennen und adäquat mit ihm umgehen können. Apotheker und Mitarbeiter sollten gewillt sein, Veränderungen in Richtung einer stärkeren Digitalisierung umzusetzen, mit neuen Technologien zu arbeiten und auf dieser Grundlage Kunden umfassender und ganzheitlicher zu beraten (2).
Trotz gesetzlicher Preisangleichung müssen demnach Services geboten werden, die durch TI unterstützt werden und optimierbar sind (1). Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, wäre, wie die resultierende wachsende Verantwortung in der Vergütung bzw. den Preisen für Kunden abgebildet wird.
Innovationspotenzial weiter ausbauen
Schon jetzt verwenden Apotheken Informationstechnologie in ihrer alltäglichen Arbeit (3). Daher dürften eine TI-Anbindung und somit neue digitale Wege keine bedeutenden Adaptionsschwierigkeiten verursachen. Es muss hier jedoch angeknüpft und Digitalkompetenzen stetig gefördert werden (9). Investitionen in die Aus- und Weiterbildung von Fachpersonal könnte notwendig sein (9), um eine adäquate intersektorale Kommunikation zu gewährleisten, die häufig bei Apothekern als Schnittstellenprofessionals zwischen Versorgung und Patientenalltag zusammenläuft (4). Hierdurch wird weiterhin die besondere Wettbewerbsstellung von Vor-Ort-Apotheken gestützt.
Fazit
Durch Anbindung an die TI wird die besondere Schnittstellenfunktion und Rolle der Apotheken als potenzielle Lotsen zwischen Versorgern und Patienten gestärkt. Valide Medikationspläne, kompetente persönliche Beratung und neue, digitale Angebotsformen sind den Patienten sicher und stärken das Alleinstellungsmerkmal von Apotheken im Wettbewerb.
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Quellen
- (ABDA) BDAeV. Die Apotheke – Zahlen, Daten, Fakten. 2021.zum Original
- Omboni S, Tenti M, Coronetti C. Physician-pharmacist collaborative practice and telehealth may transform hypertension management. J Hum Hypertens. 2019;33(3):177-87. zum Orginal
- Group C. Sicher beraten mit der Telematikinfrastruktur für Apotheken 2022. zum Original
- Fitte C, Teuteberg F. Ein Rezept für die Apotheke 2.0: Wie Informations- und Kommunikationstechnologie die intersektorale Zusammenarbeit in der Gesundheitsversorgung stärken kann. HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik. 2019;56(325):223-40. zum Original
- Gesundheit Bf. Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken 2020. zum Original
- Teuteberg FPD. Apotheke 2.0. Digitalisierung in Apotheken (Laufzeit Forschungsprojekt 2019-2021) 2018. zum Original
- Gematik. Die Telematikinfrastruktur. Auf dem Weg nach vorn 2021. zum Original
- Digitales Gesundheitswesen. Vom Stammdatenabgleich zur Patientenakte – der Plan zur Einführung der TI-Anwendungen im Überblick 2022. zum Original
- MacLure K, Stewart D. A qualitative case study of ehealth and digital literacy experiences of pharmacy staff. Res Social Adm Pharm. 2018;14(6):555-63. zum Original


