Diese Seite ist für Menschen und Suchmaschinen gestaltet. Zur Version für KI-Systeme (LLM) →

Quantified Self: Ein Weg zur Blutdrucksenkung

Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachten mit rund 46,4 Milliarden Euro im Jahr 2015 die höchsten Krankheitskosten im deutschen Gesundheitswesen. Die Diagnose Hypertonie (Bluthochdruck) fiel hier mit rund 10,1 Milliarden Euro am stärksten ins Gewicht (1). Hypertonie kann chronisch werden, wenn der Verlauf oder die negativen Einflussfaktoren unbeachtet bleiben. Chronische Krankheiten stellen weltweit die häufigste Beeinträchtigungs-, Morbiditäts- und Mortalitätsursache dar (2). Eine frühe Intervention sowie Reduktion von Krankheitsauswirkungen ist zur Senkung der Krankheitslast und Gesundheitsausgaben essentiell (2).

In diesem Kontext werden Wearables interessant. Deutschland belegt mit 475 Millionen Euro Umsatz durch Wearables in 2020 den fünften Platz im Weltrang. Rund 8 Millionen Menschen nutzen diese bereits (3). Wearables sind als Technologie aus der Quantified Self-Bewegung bekannt. Diese wird seit jeher als Gemeinschaft von „Body-Hackern“, „Self-Trackern“ oder „Life-Loggern“ betrachtet (4, 5).

Wearables als Therapieunterstützung?

Anhand von Wearables und ihrer automatisierten Messung von Vitalparametern können Informationen zur körperlichen Aktivität, Schlaf-, Stress- oder Ernährungsverhalten erlangt werden. Dies wird möglich über integrierte Sensoren zur Bewegungsmessung wie Beschleunigungsmesser, GPS, Kompasse oder Sensoren für Vitalparameter wie z.B. Barometer, Thermometer oder Altimeter (6).

Im Fall von Hypertonie kommen mit Sensoren ausgestattete Armbänder zur Messung von Körperfunktionen in Frage. Um eine Bluthochdruck-Erkrankung erfolgreich behandeln zu können, bedarf es einer möglichst akkuraten (Langzeit-)Blutdruckmessung. Im Versorgungssetting kann eine solche Messung aufgrund der nur punktuellen, durch äußere Umstände beeinflusste Untersuchung verzerrt werden. Im Privaten können herkömmliche Geräte umständlich und durch Messausfälle (z.B. bei Aktivität oder bei Nacht) beeinträchtigt sein (7).

Aufgrund dieser Faktoren steigen vermeidbare Versorgungskosten, getragen von Krankenversicherungen, in der Hypertonie-Behandlung. Somit stellt sich die Frage: Wie können Wearables mit automatisierter Datenerhebung die Therapie bei Hypertonie unterstützen?

Praktische Möglichkeit der Langzeitmessung

Wearables erlauben zunächst eine stärkere Einbeziehung von Patienten in den Therapieprozess. Dies fördert nicht nur den Daten- und somit Informationsfluss vom Alltag ins Versorgungssetting, sondern kann Nutzern auch eine größere Kontrolle sowie einen Wissensgewinn über die individuelle Gesundheitssituation ermöglichen (2). Für die Gesundheitsversorgung bedeutet dies einen stärker personalisierten Therapieverlauf, welcher potenzielle Kostenreduktionen durch verringerte Arztkontakte anhand höherem Gesundheitsbewusstsein impliziert.

Hinzu kommt, dass Wearables mit einmaligen Anschaffungskosten von rund 45 Euro deutlich kostengünstiger als gängige Methoden zur Blutdruckmessung sind, während die Präzision der Messung – durchgeführt durch einen im Armband eingebauten Sensor zur Messung von Dreh- und Druckbewegungen, welcher Daten via Bluetooth in eine App überträgt – mit der einer medizinisch herkömmlich durchgeführten mindestens gleichzusetzen ist (7). Als Goldstandard werden zur Langzeitmessung derzeit ambulante 24-Stunden Messungen von Patienten durchgeführt. Die durch eingesetzte Geräte vorgenommenen Messungen können jedoch verzerrt sein. Wearables bieten hier Möglichkeiten der Langzeitüberwachung (> 24 Stunden) ganz ohne eine Mess-Manschette. Durch die Großzahl hier gewonnener, akkurater Daten wird eine passgenauere Medikation möglich (7).

Technologisch und menschlich: Kritische Schnittstellen

Trotz Vorteilen in der Erhebung sowie vielversprechender Daten, werden diese weiterhin unreguliert, meist via Bluetooth, von genutzten Wearables an Apps übertragen, welche sich auf dem Smartphone der Nutzer befinden (7). Hier besteht aktuell ein Schnittstellenproblem, um Hypertonie-Daten direkt in der Versorgung zu verwenden. Innovative, wettbewerbsrelevante Marketingtools von Kostenträgern, welche auf aggregierten Patientendaten beruhen, sind von ebendiesen Umständen der Datenübertragung und –aufbewahrung abhängig (8).

Darüber hinaus wird durch den Einsatz von Wearables ein verändertes Arzt-Patienten-Verhältnis möglich. So kann es zu Delegation und engerer Zusammenarbeit kommen (4) – Patienten werden zu Managern ihrer Gesundheit (5). Dies ist z.B. in Fragen der optimalen Medikation oder Therapieadhärenz und somit zur Gesundheitskostenreduktion zwar positiv, kann jedoch auch zu Verschiebungen in Verantwortlichkeiten führen.

Angebote der Kassen durch Wearables als Versorgungsoption erweitern

Eine Kostenübernahme von sensorbasierten Armbändern zur Blutdruckmessung sollte ausgebaut werden, um bereits im Alltag der Patienten angekommene Technologien sinnvoll zu nutzen und Versorgungskosten chronischer Erkrankungen zu reduzieren. Aktuell stecken entsprechende Bestrebungen jedoch noch in den Kinderschuhen (8). Eine Ausarbeitung von Selektivverträgen mit Herstellern von Sensorarmbändern ist hier denkbar, um Produkte zu erproben und Bedenken bzgl. der Messvalidität zu nehmen. Denn die Wirksamkeit von Wearables kann anhand von Studiendesigns mit Kontrollgruppen durchaus belegt werden (6).

Darüber hinaus muss eine abgestimmte Datenübertragung in sichere Medien, wie die elektronische Gesundheitsakte, stattfinden, um zeitkritischeres Behandeln und effiziente Entscheidungsprozesse zu ermöglichen (7) sowie anhand von Tracking-Daten, Angebote von Krankenversicherungen zu erweitern. Diese können anhand einer Risikosenkung bei Hypertonie-Patienten niedrigere Zusatzbeiträge und somit einen Wettbewerbsvorteil anstreben.

Fazit

Wearables als Therapieunterstützung geben Hypertonie-Patienten weniger das Gefühl durch ein Messgerät im Alltag eingeschränkt zu sein. Sie bieten Potenziale in der Verlaufskontrolle und Erweiterung der individuellen, personalisierten Behandlung.

Mit der größeren Eigenverantwortung und Datenerfassung der Patienten geht teilweise Kritik einher – zweckgebundene, krankheitsinduzierte Vermessung sollte hier jedoch eindeutig Bedenken entkräften können.

Quellen

  1. Bundesamt S. Gesundheit. In: Bundesamt S, editor. Statistisches Jahrbuch 2019. p. 127-62. zum Original
  2. Daowd A, Faizan S, Abidi S, Abusharekh A, Shehzad A, Abidi SSR. Towards Personalized Lifetime Health: A Platform for Early Multimorbid Chronic Disease Risk Assessment and Mitigation. Stud Health Technol Inform. 2019;264:935-9. zum Original
  3. Statista. Wearables. Deutschland 2020 zum Original.
  4. Piras EM. Beyond self-tracking: Exploring and unpacking four emerging labels of patient data work. Health Informatics Journal. 2019;25(3):598-607. zum Original
  5. Selke S. Quantified self instead of cock fights : The new taxonomy of the social. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2016;59(8):963-9. zum Original
  6. Pardamean B, Soeparno H, Budiarto A, Mahesworo B, Baurley J. Quantified Self-Using Consumer Wearable Device: Predicting Physical and Mental Health. Healthc Inform Res. 2020;26(2):83-92. zum Original
  7. Islam SMS, Cartledge S, Karmakar C, Rawstorn JC, Fraser SF, Chow C, et al. Validation and Acceptability of a Cuffless Wrist-Worn Wearable Blood Pressure Monitoring Device Among Users and Health Care Professionals: Mixed Methods Study. JMIR mHealth and uHealth. 2019;7(10). zum Original
  8. Entreß-Fürsteneck Mv, Buchwald A, Urbach N. Will I or will I not? Explaining the willingness to disclose personal self-tracking data to a health insurance company. 52nd Hawaii International Conference on System Sciences; Hawaii2019 zum Original

Verwandte Artikel