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Chatbot bei postpartaler Depression

15 von 100 Frauen bekommen im Laufe der Schwangerschaft oder in den ersten Wochen nach der Geburt eine Form postpartaler Depression. Ohne Behandlung dauert diese zwischen 4 und 6 Monate an, manche Symptome können jedoch Jahre fortbestehen und schwere Auswirkungen auf Mütter und Kinder sowie die familiäre Bindung haben. Darüber hinaus betrugen die zuletzt für 2015 erhobenen Kosten für Depression (als übergreifende Indikation) rund 1,8 Milliarden Euro (1). Das Risiko an einer Depression zu erkranken ist für Frauen in der Zeit nach der Geburt höher als in jeder anderen Lebensphase (2). Betroffenen Müttern muss schnelle Hilfe zukommen, da eine postpartale Depression häufig der hormonell bedingten Verstimmung oder Überwältigung nach der Geburt ähnelt und somit unerkannt oder unbehandelt bleibt (3, 4).

Gesuche auf Psychotherapie sind bekanntermaßen mit Hürden verbunden. Die Terminvergabe ist aufgrund zu weniger Therapieplätze und Therapeuten erschwert (5-7) – hinzu kommen Problematiken speziell in der Phase während des Wochenbettes. Chatbots werden als einer der bedeutendsten Lösungsansätze für Herausforderungen im Bereich der Versorgung psychischer Erkrankungen gesehen (6). Welchen Mehrwert hat der Einsatz von Chatbots zur Behandlung postpartaler Depressionen in der ambulanten Versorgung?

Chatbots als lernende Systeme in Gesundheitsanliegen

Chatbots sind Systeme, die in der Lage sind, die menschliche Kommunikation zu imitieren und durch die Verwendung maschinellen Lernens logische und bestenfalls empathische Konversationen zu führen bzw. zu unterstützen (5). Die Kommunikation erfolgt in Form gesprochener oder geschriebener Sprache sowie über Bilder. Chatbots können für zahlreiche Zwecke genutzt werden und neben dem Folgen festgelegter Regeln auch ein lernendes System darstellen, welches sich anhand der geführten Konversation stetig weiterentwickelt (6). Sie finden bereits Einsatz in der Kundenbetreuung, zum Marketing oder auch in der Versorgung, als Ansprechmedium für Gesundheitsfragen und -anliegen (6). Im Bereich der mentalen Gesundheit können Chatbots beispielsweise zum Screening, in der Therapie bzw. ihrer Begleitung oder auch zum Kompetenztraining eingesetzt werden (6). Denn: Neben den Hindernissen, die sich faktisch und institutionell für psychisch erkrankte Personen, respektive postpartal depressive Mütter, ergeben, leiden Betroffene auch unter Schamgefühlen und tun sich im Zweifel schwer damit, Hilfe anzunehmen und sich zu öffnen (5).

Chancen in der Ergänzung klassischer Psychotherapie

Insbesondere in der Zeit des Wochenbettes ergeben sich für Patientinnen zahlreiche Bewältigungsaufgaben. Viele Patientinnen mit depressiver Symptomatik werden psychotherapeutische Interventionen daher nicht in Anspruch nehmen bzw. nicht von diesen erreicht werden (7). Auch haben Therapeuten es schwer, diese Zielgruppe zu versorgen und ihnen flexibel Termine anzubieten. Die Niedrigschwelligkeit und der einfache Zugang zu Chatbots kann unter Umständen den Therapieeinstieg für belastete Mütter vereinfachen und die Therapie adäquat unterstützen und begleiten. Chatbots können ein guter Ansatz sein, die Angst vor Stigmatisierungserfahrungen zu nehmen, Scham zu reduzieren und Termine flexibel zu ergänzen (6). Die Therapie kann potenziell unterstützt und somit mehr Patientinnen versorgt werden, was für die ambulant tätigen Versorger Vorteile birgt. Hinzu kommen für Therapeuten wertvolle Informationen, die zusätzlich über die Chatbot-Konversationen erhoben werden.

Kürzlich veröffentlichte Reviews konnten belegen, dass digitale Interventionen in der Verhaltenstherapie bei Depressionen, bereits ähnliche Outcomes vorweisen wie klassische Ansätze mit rein persönlichem Therapeutenkontakt (5-7). Im Kontext der Verhaltenstherapie werden eine größere Reichweite bei der Zielgruppe ebenso wie eine potenziell größere Therapietreue erreicht. Chatbots im Speziellen wurde nachgewiesen, dass sie für Patientinnen eine emotionale, rationale Unterstützung sein können (7, 8). Sie folgen validierten Ansätzen und bieten verhaltenstherapeutische Konversation bei Depressionen, ebenso wie Bewältigungsstrategien oder Tracking-Aspekte zur Erfassung von Gefühls- und Stimmungsstadien (7). Eine Fallstudie zur Chatbot-Anwendung bei Depressionen des Unternehmens Woebot hob außerdem hervor, dass bereits nach kurzer Nutzungsdauer eine Beziehung zwischen Patientin und Chatbot aufgebaut werden konnte (8). Vom gleichen Unternehmen wurde nun der Chatbot WB001 als verschreibungspflichtige digitale Gesundheitsanwendung eingesetzt. Diese wird von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA im Verfahren „Breakthrough Device Designation“ als digitales Therapeutikum vorerst zugelassen (4). Als ergänzendes digitales Tool zur klassischen Verhaltenstherapie unterstützt WB001 asynchron zu Therapiesitzungen dabei, Erfahrungen und Eindrücke zu kontextualisieren und zu normalisieren sowie Gemütszustände zu bewältigen. Auf skalierbare und validierte Weise soll somit der Therapieprozess effizienter gestaltet und die Therapietreue erhöht werden (4).

Skepsis auf Seiten der Therapeuten

Trotz zahlreicher Berichte über positive Effekte und gute Wirksamkeit zweifeln viele Psychotherapeuten weiterhin an digitaler Unterstützung einer Therapie und speziell am Konzept von Chatbots. Darüber hinaus existieren derzeit keine Studien zu Nutzungspräferenzen auf Seiten von Fachkräften, nur seitens der Patientinnen (5). Diese wären jedoch sinnvoll, besonders wenn es sich bei Chatbots um ein die Therapie unterstützendes und verschreibungspflichtiges digitales Tool handeln soll. Herausforderungen liegen des Weiteren in der Zielgruppe selbst und somit im zusätzlichen Zeitaufwand der Patientinnen bei der regelmäßigen Kommunikation mit Chatbots. Insbesondere die postpartale Phase ist gekennzeichnet durch wenig zeitliche Flexibilität oder freie Kapazitäten für persönliche Interessen und kann somit die Therapietreue beeinträchtigen.

Studienergebnisse bündeln, um Chatbot-Anwendung zu stärken

Chatbots sollten stets unterstützend und keinesfalls substituierend zur Therapie eingesetzt werden (7). Therapeuten und andere Leistungserbringer wissen darüber hinaus im Zweifel ebenso wenig wie Patientinnen, wie vertrauenswürdig die Technologie ist, wie sie korrekt angewendet wird oder welche Vorteile sie bietet. Wichtig ist daher, Studienergebnisse systematisch zu bündeln, um vielversprechende Ansätze in die Praxis zu überführen und dort das Anwendungsspektrum zu erweitern (6). Aktuelle Reviews listen spezifische Chatbots – dies kann ein Anhaltspunkt für Therapeuten zur Wahl eines geeigneten Exemplars in der Unterstützung ihrer Therapie sein (6).

Zur effektiveren Versorgung der vulnerablen Zielgruppe sollte des Weiteren die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Gynäkologen, Hebammen, Kinderärzten und Psychotherapeuten weiter gefördert werden (2). Hinweise auf Chatbot-Anwendungen für postpartale Depressionen könnten dementsprechend bereits standardmäßig vor der Entbindung gegeben werden. Dies würde das allgemeine Bewusstsein weiter stärken und Patientinnen könnten im Zweifelsfall zeitkritischer asynchron unterstützt werden.

Fazit

Um einer depressiver Symptomatik während des Wochenbettes entgegenzuwirken, können Chatbots zur Unterstützung der Therapie zum Einsatz kommen. Hierzu müssen Health Professionals ebenso wie Patientinnen über das Krankheitsbild und digitale Unterstützungspotenziale aufgeklärt werden, um Belastungen schnellstmöglich adäquat auszugleichen.

Quellen

  1. Destatis. Krankheitskosten: Deutschland, Jahre, Krankheitsdiagnosen (ICD-10), Geschlecht, Altersgruppen 2021. zum Original
  2. Schipper-Kochems S, Fehm T, Bizjak G, Fleitmann AK, Balan P, Hagenbeck C, et al. Postpartum Depressive Disorder – Psychosomatic Aspects. Geburtshilfe Frauenheilkd. 2019;79(4):375-81. zum Original
  3. Gesundheitsinformation.de. Schwangerschaft und Geburt 2020. zum Original
  4. Health W. WB001 is the first digital therapeutic designed to reduce the burden of postpartum depression 2021. zum Original
  5. Vaidyam AN, Linggonegoro D, Torous J. Changes to the Psychiatric Chatbot Landscape: A Systematic Review of Conversational Agents in Serious Mental Illness: Changements du paysage psychiatrique des chatbots: une revue systematique des agents conversationnels dans la maladie mentale serieuse. Can J Psychiatry. 2021;66(4):339-48. zum Original
  6. Abd-Alrazaq AA, Alajlani M, Alalwan AA, Bewick BM, Gardner P, Househ M. An overview of the features of chatbots in mental health: A scoping review. Int J Med Inform. 2019;132:103978. zum Original
  7. Dosovitsky G, Pineda BS, Jacobson NC, Chang C, Escoredo M, Bunge EL. Artificial Intelligence Chatbot for Depression: Descriptive Study of Usage. JMIR Form Res. 2020;4(11):e17065. zum Original
  8. Darcy A, Daniels J, Salinger D, Wicks P, Robinson A. Evidence of Human-Level Bonds Established With a Digital Conversational Agent: Cross-sectional, Retrospective Observational Study. JMIR Form Res. 2021;5(5):e27868. zum Original

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