Digitales Ernährungsscreening zur Adipositas-Prävention

Übergewicht und Adipositas sind insbesondere in europäischen Hausarztpraxen zu einem allgegenwärtigen Thema geworden. Über die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland ist übergewichtig, ein Viertel sogar stark übergewichtig (1). 2015 lagen die Krankheitskosten für starkes Übergewicht – Adipositas – insgesamt bei 1 099 Milliarden Euro (2). Diese Zahl ist jedoch gering im Vergleich zu den Kosten chronischer Krankheiten, für die Adipositas ein wesentlicher Risikofaktor ist: Die Kosten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen z. B. machten 2015 einen Anteil von 13,7 Prozent an den gesamten Krankheitskosten von 338,2 Milliarden Euro aus (3). Die Relevanz von Adipositas-Prävention ist somit hoch. Wichtige Akteure sind diesbezüglich die Hausärzte in der ambulanten Versorgung. Sie können als Gatekeeper und langfristige Begleiter einen großen Einfluss auf ihre Patienten haben. Im Kontext von Adipositas spielt das Ernährungsverhalten eine wesentliche Rolle (4). Eine Analyse dessen kann heutzutage digital erfolgen (5): Wie kann ein digitales Ernährungsscreening Hausärzte bei der Prävention von Übergewicht und Adipositas unterstützen und welche Vorteile bietet es ihnen?
Enorme Konsequenzen ungesunder Ernährung
Ungesunde Ernährung ist weltweit in verschiedenen Bevölkerungsgruppen eine Ursache für Adipositas und dessen Folgen, wie z. B. Bluthochdruck als Auslöser lebensbedrohlicher Infarkte. Darüber hinaus ist Adipositas weltweit für elf Millionen Todesfälle und ungefähr die Hälfte kardiovaskulärer Todesfälle verantwortlich. Präventive Maßnahmen gegen Adipositas, wie Gewichtsreduktion, sind daher von hoher Relevanz für die individuelle und öffentliche Gesundheit und können durch Änderungen der Ernährung erfolgen. Da viele Menschen hierbei Schwierigkeiten insbesondere aufgrund fester Essgewohnheiten und mangelnder Selbstkontrolle haben, nimmt der Hausarzt als meist langjähriger Begleiter eine wichtige Funktion ein: Er kann Betroffene durch entsprechende Vorgaben und Monitoring bei der Anpassung ihrer Ernährung unterstützen (5). Dafür bedarf es jedoch zunächst eines Ernährungsscreenings.
Digitales Ernährungsscreening bereichert hausärztliche Arbeit
Das Ausfüllen herkömmlicher, papierbasierter Fragebögen zur Erfassung des Ernährungszustandes und weiterer Faktoren wie Gewicht (6, 7) nimmt viel Zeit in Anspruch, zumal die Analyse und Bewertung noch aussteht. Eine digitale Eingabe, womöglich mit automatisierter Beurteilung, würde den Hausarzt und das gesamte ambulante Gesundheitspersonal hingegen deutlich entlasten (8-10). Sie erleichtert zudem den telemedizinischen Austausch der im Screening erhobenen Daten und damit die Zusammenarbeit mit weiteren Health Professionals. Die Erfassung kann in weniger als fünf Minuten erfolgen – ein Beispiel-Screening-Tool ist der 14-Item-Fragebogen Mediterranean Diet Adherence Screener (MEDAS) (11). Die Daten sind für den Arzt durchgängig und zuverlässig verfügbar und er spart dadurch Zeit bei Folgebehandlungen (5, 6, 12). Darüber hinaus kann das Screening telemedizinisch über Video ablaufen und bietet Vorteile für Hausärzte im ländlichen Raum und vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie (5, 6, 13). Dieses exklusive Angebot verbessert womöglich die Reputation des Hausarztes und kann beispielsweise als Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) zusätzliche Einkünfte bieten.
Die Balance aus simpel und umfassend
Hinsichtlich der wirtschaftlichen Vorteile bedarf es zunächst einer Klärung der Abrechnung – sprich, ob die Krankenkasse die Leistung des digitalen Ernährungsscreenings übernimmt oder der Patient selbst zahlt. Weiterhin ist die Wahl des richtigen Tools bedeutend, damit eine patientenspezifische Beratung erfolgen kann, beispielsweise mit Einbezug von Allergien und Erkrankungen (5). Die Optimierung der bestehenden Programme wie MEDAS mit Blick auf automatische Bewertungen und Empfehlungen ist erstrebenswert. Einen Mehrwert bietet zudem der Austausch der analysierten Daten durch Integration in die ePA (10, 12). Zwar wären vorrangig Hausärzte als erste Anlaufstelle die Anwender der Screening-Tools. Es sollte jedoch auch beachtet werden, dass andere Health Professionals oder die Patienten selbst die Informationen bearbeiten und einsehen können.
Digitales Ernährungsscreening präzisiert Versorgung
Ein digitales Ernährungsscreening kann langfristig den Diagnose- und Behandlungserfolg in der hausärztlichen Versorgung steigern: Durch ein zielgenaues Screening kann der Hausarzt sich ein ganzheitliches Bild des Gesundheitszustandes übergewichtiger Patienten machen und diese individuell beraten (13). Hilfe bei der Ernährungsumstellung führt womöglich schon zur Vermeidung von Spätfolgen wie Bluthochdruck und schlimmeren Störungen des Herz-Kreislauf-Systems. Zudem erleichtert das digitale Format im Kontext von Telemedizin die Versorgung und den Austausch von Hausärzten mit anderen Health Professionals. Das Screening sollte dementsprechend in die ePA eingebunden sein. Ein zusätzlicher Kompetenzausbau im Bereich der Ernährungsberatung kann den Hausärzten zudem einen exklusiven Ruf und zusätzliche Einkünfte z. B. in Form von IGeL verschaffen. Den erfolgreichen Einsatz können Hausärzte schließlich auf andere Patientengruppen übertragen, beispielsweise Menschen mit Erkrankungen des Verdauungssystems, für die eine individuelle, angepasste Ernährung und deren Screening und anschließendes Monitoring ebenso relevant ist.
Quellen
- Robert Koch-Institut (RKI). Übergewicht und Adipositas 2014. zum Original
- Statistisches Bundesamt (destatis). Krankheitskosten für Adipositas 2015. zum Original
- Statistisches Bundesamt (destatis). Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen die höchsten Kosten 2017. zum Original
- World Health Organization Regional Office for Europe (WHO-EURO). Nutrition 2021.
- Vadiveloo M, Lichtenstein AH, Anderson C, Aspry K, Foraker R, Griggs S, et al. Rapid Diet Assessment Screening Tools for Cardiovascular Disease Risk Reduction Across Healthcare Settings: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation: Cardiovascular Quality and Outcomes. 2020;13(9):e000094. zum Original
- Krznarić Ž, Bender DV, Laviano A, Cuerda C, Landi F, Monteiro R, et al. A simple remote nutritional screening tool and practical guidance for nutritional care in primary practice during the COVID-19 pandemic. Clin Nutr. 2020;39(7):1983-7. zum Original
- Nutricia Milupa GmbH. Screening und Dokumentation des Ernährungszustandes 2021. zum Original
- Murphy AJ, White M, Viani K, Mosby TT. Evaluation of the nutrition screening tool for childhood cancer (SCAN). Clinical Nutrition. 2016;35(1):219-24. zum Original
- Kondrup J, Allison SP, Elia M, Vellas B, Plauth M. ESPEN Guidelines for Nutrition Screening 2002. Clinical Nutrition. 2003;22(4):415-21. zum Original00098-0)
- Correia M. Nutrition Screening vs Nutrition Assessment: What’s the Difference? Nutr Clin Pract. 2018;33(1):62-72. zum Original
- Papadaki A, Johnson L, Toumpakari Z, England C, Rai M, Toms S, et al. Validation of the English Version of the 14-Item Mediterranean Diet Adherence Screener of the PREDIMED Study, in People at High Cardiovascular Risk in the UK. Nutrients. 2018;10(2). zum Original
- Cifuentes M, Davis M, Fernald D, Gunn R, Dickinson P, Cohen DJ. Electronic Health Record Challenges, Workarounds, and Solutions Observed in Practices Integrating Behavioral Health and Primary Care. J Am Board Fam Med. 2015;28 Suppl 1(Suppl 1):S63-72. zum Original
- Powell HS, Greenberg DL. Screening for unhealthy diet and exercise habits: The electronic health record and a healthier population. Prev Med Rep. 2019;14:100816. zum Original


