Goldgräberstimmung – Wie kann Process Mining das Prozessmanagement in der stationären Versorgung unterstützen?

Mit dem deutschen Zukunftspreis wurde 2019 ein Unternehmen geehrt, dessen Software-Produkte Geschäftsabläufe auf Basis von Routinedaten digitalisieren. Die Unternehmensprozesse können mithilfe der Software nicht nur visualisiert, sondern auch hinsichtlich kritischer Leistungsindikatoren analysiert und interpretiert werden. Dadurch wird eine frühzeitige Reaktion auf Ineffizienzen im Prozess ermöglicht. Aber auch Prognosen für zukünftige Abläufe können berechnet werden. Die dafür notwendigen Algorithmen entstammen dem Konzept des Process Mining (1).
Vor dem Hintergrund des steigenden Kosten- und Qualitätsdrucks in der stationären Patientenversorgung erscheint die Übertragung des Konzepts auf Prozesse innerhalb der Klinik eine vielversprechende Möglichkeit für Effizienzsteigerungen. Der theoretische Rahmen, Potenziale und Herausforderungen sowie mögliche Anwendungsszenarien im stationären Sektor werden im Folgenden beschrieben.
Process Mining – Worum geht’s?
Process Mining umfasst Techniken zur Extraktion und Aufbereitung von Daten aus bestehenden Datenbanken und Informationssystemen mit dem Ziel, Unternehmensprozesse digital zu modellieren, zu analysieren, zu optimieren und zu überwachen (2-6). Als Datenquellen eignen sich prinzipiell alle in einer Klinik genutzten informationsverarbeitenden Systeme, darunter u. a. administrative Systeme, klinische Informationssysteme, Logistiksysteme und Software von medizinischen Geräten (3).
Aus den verfügbaren Daten wird zunächst ein Prozess generiert
Die für den Prozess benötigten Daten werden aus den entsprechenden Systemen extrahiert, bereinigt, in einem gemeinsamen Ereignisprotokoll (event log) zusammengeführt und anschließend validiert (4, 7). Ein solches Ereignisprotokoll ist in der Tabelle unten vereinfacht dargestellt. Es besteht aus einzelnen Ereignissen (Zeilen), die mindestens folgende Informationen umfassen: eine Fall-ID (Patientenname/ -nummer), eine durchgeführte Aktivität (z. B. Blutentnahme) und ein Ordnungsmerkmal (i. d. R. ein Zeitstempel) (2, 8). Patienten erhalten meistens eine ganze Sequenz an Untersuchungen und Behandlungen (Ereignissen).
Im Beispiel von Tabelle 1 durchläuft der Patient mit der Fall-ID 1002332 (grün) nacheinander die Aktivitäten Administrative Aufnahme, Körperliche Untersuchung, EKG, Blutbild, Entlassung. Der Patient mit der Fall-ID 1002333 (blau), der mit derselben Symptomatik in die Klinik kam, hatte im Vergleich eine andere Ereigniskette. Weitere Attribute, die für spätere Analysezwecke in das Ereignisprotokoll aufgenommen werden können, betreffen u. a. die Kosten, den Ressourceneinsatz oder relevante Patientendaten (8, 9).
Beispiel eines einfachen Ereignisprotokolls
(eigene Darstellung)
Techniken des Process Mining
Für die weitere Verarbeitung des gewonnenen Datensatzes stellt das Process Mining je nach Fragestellung verschiedene Techniken bereit:
- Discovery: Zunächst kann es von Interesse sein, den IST-Prozess einer bestimmten Behandlung in der Klinik (z. B. Gastroskopie) patientenübergreifend abzubilden. Dabei wird es, u. a. aufgrund der hohen Variabilität der Patientenklientel, zu einer Vielzahl von Varianten des Behandlungsablaufs kommen, die von der Software veranschaulicht werden. Abbildung 1 bildet eine solche Visualisierung (beispielhaft anhand von Tabelle 1) vereinfacht ab. Die digitale Prozessmodellierung mittels Process Mining ermöglicht es, anschließend Überschneidungen und Ausreißer im Behandlungsverlauf mit geringem Zeitaufwand zu erkennen und zu analysieren (2).
- Conformance: Bestehen bereits vorgegebene Behandlungspfade (SOLL-Prozesse), so lassen sich IST- und SOLL-Prozesse gegenüberstellen (10). Dadurch können nicht nur Abweichungen erkannt (2), sondern auch die Compliance in Audits anschaulich belegt werden (8).
- Enhancement: Durch die Anreicherung des Ereignisprotokolls mit Daten aus anderen Systemen wird die Ursachen- und Bottleneck-Analyse (z. B. Gründe für lange Wartezeiten oder Wiedereinweisungen) durch genaue Zuordnung von Informationen zu einem Prozessschritt erleichtert (2, 4).
- Operational Support: Process Mining ermöglicht aufgrund der digital vorhandenen Prozessmodelle datengestützte Prognosen oder Empfehlungen (z. B. weitere Behandlungsschritte, Kosten oder Verzögerungen) (4, 11).
Beispielhafte Visualisierung der Varianten eines IST-Prozesses anhand der Tabelle (eigene Darstellung)
Wie kann die stationäre Versorgung vom Process Mining profitieren?
Im stationären Bereich wurden die Techniken des Process Mining bereits in diversen Forschungsprojekten eingesetzt und evaluiert (3). Die meisten Anwendungen bezogen sich dabei auf rein medizinische Behandlungsprozesse (3, 6, 8, 9, 12-14). Die Möglichkeiten des Process Mining sind jedoch weitaus vielfältiger. So birgt insbesondere die Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Systemen ein bisher nicht genutztes Potenzial für Effizienzsteigerungen. Gleichzeitig kann auf Grundlage des Process Mining aber auch der Triple Aim-Ansatz der nutzenbasierten Gesundheitsversorgung (Value-based Healthcare) umgesetzt werden (6). Im Kern sollen durch den Einsatz der Process Mining-Techniken folgende vier Fragen beantwortet werden können (3, 15):
- Was ist passiert? (Prozessmodellierung)
- Warum ist es passiert? (Prozessanalyse)
- Was wird passieren? (Prognose)
- Wie sollte es idealerweise passieren? (Prozessoptimierung)
Vorsicht Datenwüste! Garbage in, garbage out …
Den außerordentlichen Chancen stehen enorme Herausforderungen in der Umsetzung gegenüber. Eines der großen Probleme im Gesundheitswesen betrifft auch das Process Mining – die Datenqualität (7, 8). Basis der Generierung eines hochwertigen Ereignisprotokolls sollte folglich die enge Kooperation zwischen Entwicklern und Anwendern des Process Mining-Tools sein. Weiterhin sind Prozesse in der Gesundheitsversorgung von großer Variabilität geprägt: Patienten sind keine Ware, medizinische Fachkräfte keine Maschinen und Behandlungsabläufe häufig nicht genau planbar (2, 3, 8). Dies führt zu einer hohen Komplexität der Prozesse. Daher sind verfügbare Process Mining-Tools in der Gesundheitsversorgung bislang sehr anwendungsspezifisch und kaum skalierbar (3). Auch die Visualisierung und Nutzerfreundlichkeit wird bemängelt (3). Um über die Anwendung in Forschungsprojekten hinaus auch attraktiv für das Controlling in Kliniken zu werden, bedarf es der Weiterentwicklung hin zu einem anwenderorientierten, übergreifend einsetzbaren, effizienten digitalen Instrument im Prozessmanagement.
Fazit
Der Einsatz des Process Mining in der stationären Versorgung birgt enorme Chancen zur Steigerung der Effizienz von Behandlungsabläufen – sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus Patientenperspektive. Der routinemäßige Einsatz in den Controlling-Abteilungen der Kliniken konnte bislang aufgrund der fehlenden Anwenderfreundlichkeit und hohen Spezifität der vorhandenen Process Mining-Tools noch nicht erreicht werden. Die Bereitstellung flexibel einsetzbarer Lösungen sollte daher Ziel künftiger Entwicklungsvorhaben sein.
Quellen
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