Die verschiedenen Stufen der Digitalisierung: Was Deutschland aus Australiens Erfahrungen lernen kann
Die digitale Revolution im Gesundheitswesen schreitet voran – doch wie kann der aktuelle Stand und Fortschritt gemessen und gesteuert werden? Forscher aus Australien untersuchten dazu den Digitalisierungsprozess in Gesundheitsregionen.
Der Regionale Aktionsplan 2023-2030 rückt die Digitalisierung im Gesundheitswesen in den Fokus aller 53 WHO-Mitgliedstaaten, darunter auch Deutschland [1]. Während zahlreiche europäische Staaten die Digitalisierung vorantreiben, stehen sie vor der Herausforderung, den Prozess gezielt zu steuern und seine Auswirkungen zu kontrollieren [2]. Das Voranschreiten der digitalen Gesundheitsversorgung betrifft jedoch nicht nur Europa, sondern gewinnt weltweit an Bedeutung. In Australien haben Forscher bereits einen ersten Schritt unternommen, um den Grad der Digitalisierung in Gesundheitsregionen zu erfassen und die Auswirkungen aus Sicht von Gesundheitsfachkräften und Führungskräften zu analysieren [3]. Die Studie von Peeters et al. aus dem Jahr 2023 bietet interessante Einblicke zu verschiedenen Entwicklungsstufen der digitalen Transformation und liefert Anregungen zur Messung und Steuerung des Wandels.
Australien: Digitale Transformation aus Perspektive der Fach- und Führungskräfte
Insgesamt wurden 154 Experten aus 16 Gesundheitsregionen im Bundesstaat Queensland befragt. Die Untersuchung erfolgte in zwei Schritten: Zunächst wurde der Digitalisierungsgrad der 16 Gesundheitsregionen anhand von vier Dimensionen erfasst: Dateninfrastruktur, Datentransformation, Gesundheitsdienstleistungen und Vision. Diese Kriterien wurden zu einem „Digital Health Indicator“ zusammengefasst, der eine Gesamtbewertung ermöglichte. Mithilfe des oberen und unteren Quartils dieses Indikators wurden die Standorte in Queensland in drei Entwicklungsstufen eingeteilt: niedrig, mittel und hoch. Im zweiten Schritt wurden 134 Interviews und neun Fokusgruppen mit Fach- und Führungskräften des Gesundheitswesens in den Regionen durchgeführt, um ein tiefergehendes Verständnis für die Erfahrungen in den verschiedenen Stufen der digitalen Transformation zu gewinnen.
Gesundheitsregionen mit höherem Digitalisierungsgrad werden positiver wahrgenommen
Die befragten Fach- und Führungskräfte der weit entwickelten Regionen berichteten von signifikanten Vorteilen der Digitalisierung: Telemedizin erweitert den Zugang der Patienten zur Gesundheitsversorgung und ermöglicht ihnen mehr Flexibilität. Die umfassendere und präzisere Erfassung von Patientendaten sowie deren verbesserte Verfügbarkeit für Gesundheitsfachkräfte ermöglicht eine kontinuierliche Optimierung der Versorgung und reduziert somit das Risiko von Medikationsfehlern. Der Aufbau dieser digitalen Kompetenz erforderte jedoch vorgelagert erhebliche Investitionen und eine intensive Schulung des medizinischen Fachpersonals.
Eine mittlere Digitalisierungsstufe im Gesundheitswesen birgt sowohl Potenziale als auch Herausforderungen bei der Umsetzung digitaler Strategien. Auch hier erweist sich die Telemedizin als besonders vorteilhaft, insbesondere für abgelegene Regionen. Die Qualität der Patientenerfahrung hängt jedoch stark von der digitalen Kompetenz der Patienten ab. Herausforderungen in dieser Stufe der Digitalisierung sind insbesondere die Interoperabilität der Systeme, Budgetbeschränkungen und die Notwendigkeit, die digitale Kompetenz des medizinischen Personals zu verbessern. Darüber hinaus ist der wirtschaftliche Nutzen digitaler Investitionen nicht immer schon spürbar.
In Gesundheitsregionen mit geringem Digitalisierungsgrad wurden Inkonsistenzen in den Versorgungsstrukturen festgestellt: Die Bereitstellung von Patienteninformationen über verschiedene Versorgungsbereiche hinweg wurde als unzureichend bewertet, was dazu führte, dass Ärzte gezwungen waren, dieselben Informationen mehrmals zu dokumentieren. Die gleichzeitige Nutzung von papierbasierten und elektronischen Patientenakten führte außerdem zu Unsicherheiten. Das medizinische Personal äußerte Unzufriedenheit mit der Benutzerfreundlichkeit der digitalen Systeme und fühlte sich häufig nicht ausreichend in die digitale Transformation eingebunden. Weitere Herausforderungen waren technische Probleme wie unzureichende Internetgeschwindigkeiten und die Zurückhaltung des Personals bei der Einführung neuer Technologien.
Impulse für Deutschland:
Laut dem Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung liegt Deutschland im Vergleich zu 17 untersuchten Staaten in Bezug auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens auf dem vorletzten Platz deutlich zurück [4]. Dennoch sind auch hierzulande Fortschritte in Richtung Digitalisierung zu verzeichnen: Neue Gesetze und Verordnungen schaffen auf regulatorischer Ebene zusätzliche Rahmenbedingungen, um die digitale Versorgung und Pflege voranzutreiben. Ein Beispiel hierfür ist das im August 2023 beschlossene Digital-Gesetz (DigiG), das darauf abzielt, die Digitalisierung des Gesundheitswesens zu beschleunigen. Es sieht unter anderem vor, die Einführung der elektronischen Patientenakte und des E-Rezepts als verbindlichen Standard in Deutschland voranzutreiben [5]. Gleichzeitig wird die digitale Infrastruktur zur Verbesserung des Datenaustausches weiter ausgebaut. Ein bedeutender Bestandteil dieser Infrastruktur ist die Telematikinfrastruktur, die einen sicheren Austausch von Patientendaten ermöglicht [6].
Auf Grundlage der Erkenntnisse der australischen Studie lassen sich für Deutschland Anregungen zur Analyse und Steuerung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen ableiten. In Bezug auf die Messung des Digitalisierungsgrads von Krankenhäusern hat Deutschland bereits erhebliche Fortschritte erzielt [7], diese sollten auf die ambulante Versorgung übertragen werden. Die Messung des digitalen Reifegrads von Regionen wäre ein nächster Schritt und würde die Voraussetzungen für eine vergleichende Analyse zwischen Gesundheitsregionen in Deutschland herstellen. Im Idealfall können Regionen mit fortgeschrittener Digitalisierung als Vorbilder dienen und ihre Erfahrungen sowie bewährte Praktiken an weniger entwickelte Regionen weitergeben. Schließlich könnte der Erfahrungsaustausch zwischen Experten in fortgeschrittenen und weniger entwickelten Regionen die Entwicklung notwendiger Kompetenzen und die Akzeptanz fördern.
Fazit
Die digitale Transformation im Gesundheitswesen stellt Gesundheitssysteme weltweit vor vielfältige Herausforderungen. Eine Analyse der Expertenerfahrungen in verschiedenen Phasen der digitalen Transformation in Australien zeigt, dass der Aufbau von Infrastruktur und die Entwicklung von Mitarbeiterkompetenzen in Verbindung mit einer Akzeptanz seitens der Anwender entscheidende Erfolgsfaktoren darstellen.
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Quellen
- Regional Committee for Europe, Seventy-second Regional Committee for Europe: Tel Aviv, 12–14 September 2022: Regional digital health action plan for the WHO European Region 2023–2030. WHO Regional Office for Europe; 2022. Verfügbar unter: https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/360950/72wd05e-DigitalHealth-220529.pdf?sequence=2&isAllowed=y (Zugriff am 10.10.2023)
- Kluge HHP, Azzopardi-Muscat N, et al. Leveraging digital transformation for better health in Europe. Bulletin of the World Health Organization 2022: 751. DOI: 10.2471/BLT.22.289132
- Woods L, Dendere R, et al. Perceived Impact of Digital Health Maturity on Patient Experience, Population Health, Health Care Costs, and Provider Experience: Mixed Methods Case Study. J Med Internet Res 2023; 25:e45868. DOI: 10.2196/45868
- Thiel Rainer, #SmartHealthSystems. Digitalisierungsstrategien im internationalen Vergleich. Bertelsmann Stiftung, 2018. Verfügbar unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Der_digitale_Patient/VV_SHS-Gesamtstudie_dt.pdf (Zugriff am 01.09.2023)
- Bundesministerium für Gesundheit. Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Digital-Gesetz (DigiG), Gesetzentwurf der Bundesregierung 2023; Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/D/Kabinettvorlage_Digital-Gesetz-DigiG.pdf (Zugriff am 04.10.2023)
- Bratan T, Schneider D, et al. E-Health in Deutschland: Entwicklungsperspektiven und internationaler Vergleich, Studien zum deutschen Innovationssystem, No. 12-2022, Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), Berlin. Verfügbar unter: https://www.econstor.eu/bitstream/10419/251366/1/1795368888.pdf (Zugriff am 01.09.2023)
- Burmann A, Deiters W, et al. Digital Health Maturity Index. In: Pfannstiel, M., Da-Cruz, P., Mehlich, H. (eds) Digitale Transformation von Dienstleistungen im Gesundheitswesen VI. Springer Gabler, Wiesbaden. 2019. DOI: 10.1007/978-3-658-25461-2_1
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