Digitale Gesundheitskompetenz als Erfolgsfaktor für die Nutzung der elektronischen Patientenakte: Erkenntnisse aus Australien
Die elektronische Patientenakte ist längst mehr als nur ein Trend und in einigen Ländern bereits Realität – doch was sind die entscheidenden Faktoren für die Akzeptanz und Nutzung? Australische Forscher führten dazu eine Befragung durch.
Die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePa) hat in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit gewonnen. Die ePa leistet einen wesentlichen Beitrag zur Überwindung von Sektorengrenzen, indem sie zahlreiche Chancen für die digitale Vernetzung von Leistungserbringern sowie für die digitale Kommunikation mit Patienten bietet. Im Fokus steht die transparente und interdisziplinäre Bereitstellung gesundheitsrelevanter Informationen. Dabei liegt die Datenhoheit beim Patienten [1]. Zudem kann die ePa maßgeblich zur Behandlungsqualität und Patientensicherheit beitragen. Es können administrative und interdisziplinäre Abläufe dargestellt, Doppeluntersuchungen vermieden und potenzielle Fehlerquellen reduziert werden [2].
Ein Vorreiter für die Implementierung der ePa ist das Land Australien, in dem vor mehr als einem Jahrzehnt die webbasierte Plattform My Health Record (MyHR) eingeführt wurde [3]. Auf dieser Plattform können australische Bürger ihre medizinischen Informationen wie Arztbesuche und verschriebene Arzneimittel sicher speichern. Ärzte haben die Möglichkeit, diese Informationen zeit- und ortsunabhängig als Grundlage für ihre Diagnosen und Behandlungen zu verwenden. Die Akzeptanz und Nutzung von MyHR wurden kürzlich in einer Befragung in Australien untersucht [4]. Die gewonnenen Erkenntnisse sind insbesondere für Deutschland von Bedeutung, wo die Einführung der ePA in vergleichbarem Umfang geplant, aber bisher noch nicht vollständig umgesetzt ist.
Akzeptanz und Nutzung von MyHR in Australien
Insgesamt wurden 998 erwachsene Bewohner aus der Region Victoria, Australien, zu ihrer Gesundheitskompetenz, ihren demographischen Daten und ihrer Nutzung von MyHR befragt. Die Forscher fanden heraus, dass insbesondere junge Frauen mit Hochschulabschluss die Nutzung von MyHR befürworten oder diese bereits nutzen. Die Wahrscheinlichkeit, MyHR zu nutzen nimmt mit zunehmendem Alter ab – für jede zusätzliche 10-Jahres-Altersspanne verringert sich die Nutzungswahrscheinlichkeit um 20 Prozent. Unabhängig vom Alter aber zeigt sich für Personen mit zwei oder mehr chronischen Erkrankungen eine hohe Akzeptanz- und Nutzungswahrscheinlichkeit. Bestätigt wurde die Bedeutung eines Gefühls der Sicherheit und Kontrolle über die eigenen Gesundheitsdaten für die Akzeptanz- und Nutzungswahrscheinlichkeit.
Die Befragungsergebnisse unterstreichen auch die Rolle der digitalen Gesundheitskompetenz bei der Akzeptanz und Nutzung von MyHR. So zeigen sie, dass insbesondere Personen, die Technologien zur Verarbeitung ihrer Gesundheitsinformationen und das Internet für die Suche nach Gesundheitsinformationen verwenden sowie positive Erfahrungen mit Gesundheitsdienstleistern erlebt haben, bereits MyHR nutzen oder bereit sind, es zu tun. Ein besseres Verständnis der eigenen Gesundheit sowie das Verstehen medizinischer Begriffe können also die Nutzungsbereitschaft erhöhen. Aus den Ergebnissen wird deutlich, dass vermehrte Nutzungserfahrungen mit Gesundheitstechnologien die digitale Gesundheitskompetenz fördern können. Somit kann die digitale Gesundheitskompetenz auch als Folge der Nutzung von MyHR betrachtet werden.
Impulse für Deutschland
In Deutschland erfolgt die Einführung der elektronischen Patientenakte in mehreren Phasen. Seit dem 01. Januar 2023 können alle gesetzlich Versicherten eine elektronische Patientenakte bei ihrer Krankenkasse erhalten. Im Gegensatz zu Australien gibt es in Deutschland keine zentrale Plattform der ePa [5].
In Deutschland ist die Verbreitung der ePa bisher begrenzt. Eine Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2022 zeigt, dass lediglich etwa 6 Prozent der deutschen Ärzte die ePa ihrer Versicherten nutzen. Gleichzeitig konnten sich jedoch etwa 59 Prozent der befragten Ärzte vorstellen, die ePa zukünftig zu verwenden [6].
Auf Grundlage der Ergebnisse aus Australien lassen sich Impulse für Deutschland ableiten. Erstens könnte die Einführung eines Opt-out-Systems mögliche Herausforderungen im Registrierungsprozess minimieren. Dies würde bedeuten, dass jeder Bürger automatisch den Zugang zu einer ePa erhält, es sei denn, er wiederspricht aktiv. Bei der Entwicklung und Einführung der ePa wäre eine stärkere Nutzerorientierung durch die Einbindung von Ärzten und Bürgern ein wichtiger Schritt zur Förderung der digitalen Gesundheitskompetenz. Dies könnte zu einer höheren Akzeptanz und Nutzungsbereitschaft beitragen.
Das Bundesgesundheitsministerium hat das Innovationsforum „Digitale Gesundheit 2025“ geschaffen. Ein zentraler Punkt beschreibt die geplante Weiterentwicklung der ePa. Ziel ist die Verknüpfung der ePa mit digitalen Gesundheitsanwendungen sowie weiteren Versorgungs- und Serviceangeboten der Krankenkassen. Dadurch soll die ePa nutzerfreundlicher gestaltet werden und einen größeren Mehrwert für Patienten und Ärzte bieten können [7].
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Quellen
[1] Kus K, Kajüter P, Arlingshaus T, et al. 2022. Die elektronische Patientenakte als zentraler Bestandteil der digitalen Transformation im deutschen Gesundheitswesen – Eine Analyse von Akzeptanzfaktoren aus Patientensicht. 59. 1577–1593. Doi: 10.1365/s40702-022-00921-5.
[2] Mir Mohi Sefat A, Patermann K, von Ohlen L, et al. 2020. Die elektronische Patientenakte im Krankenhausinformationssystem. Ophthalmologe, 117, 1015–1024. Doi: 10.1007/s00347-020-01048-y.
[3] Walsh L, Hemsley B, Allan M et al. 2017. The E-health Literacy Demands of Australia’s My Health Record: A Heuristic Evaluation of Usability. Perspectives of Health Information Management. 14. PMID: 29118683.
[4] Cheng C, Gearon E, Hawkins M et al. 2022. Digital Health Literacy as a Predictor of Awareness, Engagement, and Use of a National Web-Based Personal Health Record: Population-Based Survey Study.Journal of Medical Internet Research. 24(9). Doi: 10.2196/35772.
[5] Deutscher Bundestag. Die elektronische Patientenakte. Entwicklungsstand in Deutschland und in ausgewählten europäischen Ländern. 2022. Verfügbar unter: https://www.bundestag.de/resource/blob/889222/fb0ad7a79539feee5c70118e3c3b5bbb/WD-9-111-21-pdf-data.pdf (Zugriff am 13.10.2023)
[6] Rohleder B. 2022. Digitalisierung in Praxis und Klinik Arztpraxis. Bitkom Research 2022. https://www.bitkom.org/sites/main/files/2022-10/Bitkom_Charts_AerzteschaftDigital_2022_final.pdf (Zugriff am 12.10.2023)
[7] Bundesministerium für Gesundheit. Digitale Gesundheit. 2020. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Gesundheit/Broschueren/BMG_Digitale_Gesundheit_2025_Broschuere_barr.pdf (Zugriff am 13.10.2023)