Debriefings auf Grundlage von Videoaufzeichnungen der realen Versorgungspraxis bei medizinischen Notfällen in der Geburtshilfe

Geburtshilfe
Strukturierte Nachbesprechungen (Debriefings) nach kritischen Ereignissen können zur Verbesserung der Versorgungsqualität beitragen und die Arbeitszufriedenheiterhöhen. Allerdings kommen sie bisher nicht regelhaft zum Einsatz. Eine Studie aus Dänemark untersucht den Einsatz von Videoaufzeichnungen realer Versorgungssituationen im klinischen Alltag als Grundlage für Nachbesprechungen und leitet Voraussetzungen für die Implementierung ab.
Im Jahr 2022 wurden mehr als 13.000 Fachgutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern erstellt, etwa zwei Drittel der Vorwürfe beziehen sich auf die Versorgung im Krankenhaus [1]. Die Jahresstatistik des Medizinischen Dienstes zeigt, dass rund 70 % der Fehlerquellen auf nicht-technische Fähigkeiten zurückzuführen sind, zum Beispiel durch falsche Wahrnehmung der Situation, ineffektive Koordination oder Kommunikationsfehler [2]. Nachbesprechungen auf Grundlage von Videoaufzeichnungen realer Versorgungssituationen verfolgen das Ziel, Fehler noch vor dem Schadenseintritt für Patienten leichter zu identifizieren, zu reflektieren und Verbesserungspotenziale hinsichtlich der Einzel- und Teamleistung zu entwickeln [3,4].
Studie zur Implementierung videounterstützter Debriefings
Rosvig et al. (2023) haben in ihrer Studie die Einstellungen von Gesundheitsfachkräften zu videounterstützten Debriefings in der Geburtshilfe sowie Voraussetzungen hinsichtlich der Implementierung untersucht. Dafür wurden 18 Kreißsäle in zwei Geburtszentren in Dänemark mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet. Bei Eintritt von Notfällen wurden die Aufzeichnungen aktiviert und anschließend im Team nachbesprochen. Die Forscherinnen und Forscher führten 22 Interviews mit Ärztinnen und Ärzten, Hebammen und Pflegefachkräften aus den Entbindungsstationen, in denen die videounterstützten Debriefings reflektiert wurden [5].
Mehrwert bei der beruflichen Weiterentwicklung und als Faktor der Arbeitszufriedenheit
Die Gesundheitsfachkräfte schätzten videounterstützte Debriefings als wertvolles Instrument für die persönliche und berufliche Entwicklung sowie für die Verbesserung der Patientenversorgung ein. Die Möglichkeit, durch die Videoanalysen objektive Einblicke in Handlungen und Entscheidungsprozesse während der Notfälle zu gewinnen, förderte ein tieferes Verständnis für die Abläufe und unterstützte das Lernen durch Reflexion. Des Weiteren leistete das Überprüfen und gemeinsame Diskutieren spezifischer Situationen einen Beitrag zur individuellen professionellen Entwicklung und förderte sowohl die Arbeitszufriedenheit wie auch das Arbeitsklima.
Besorgnis um Kompetenz und Bloßstellung
Neben den genannten Vorteilen der Methode wurden aber auch Sorgen deutlich. Ein zentrales Thema war die Angst, durch Videoanalysen negativ beurteilt zu werden. Weniger erfahrene Fachkräfte fürchteten, vor ihren Kollegen aufgrund von potenziellen Kompetenzlücken oder Wissensdefiziten bloßgestellt zu werden. Erfahrenere Kolleginnen und Kollegen waren hingegen besorgt, den hohen Erwartungen des Teams möglicherweise nicht gerecht zu werden. Es wurde befürchtet, dass die detaillierte Konfrontation mit der eigenen klinischen Praxis zu erhöhter Selbstkritik führen könnte. Auch entstand die Sorge, an dem Debriefing nicht teilnehmen zu können und dass die eigene Leistung ohne die Möglichkeit zur Selbstverteidigung diskutiert würde.
Bedingungen für die Implementierung videounterstützter Debriefings
Eine organisatorische Unterstützung und Rückendeckung durch das Management sowie die Durchführung der Debriefings während der Arbeitszeit werden als entscheidend für die Motivation der beteiligten Gesundheitsfachkräfte und für eine effektive Umsetzung betrachtet. Dies beinhaltet strukturelle Bedingungen, wie ausreichend Zeit ohne Unterbrechungen sowie die Verfügbarkeit von geschulten Experten, die einen konstruktiven Dialog fördern. Auch die Schaffung einer Kultur der Offenheit und des Vertrauens, die freie und offene Diskussionen ermöglicht, ohne die Teilnehmer zu entmutigen, gilt als wesentlich.
Debriefings in deutschen Krankenhäusern
Krankenhäuser in Deutschland setzen Videoaufzeichnung in ihrer Aus- und Weiterbildung lediglich im Rahmen von realitätsnahen Simulationstrainings ein. Ihr Ziel ist die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten sowohl für den akutmedizinischen Arbeitsalltag als auch für Notfallsituationen [6]. Im klinischen Alltag allerdings sind strukturierte Nachbesprechungen nicht implementiert [7]. Debriefings von realen Notfällen auf Grundlage von Videos der eigenen Handlung und Interaktion unterstreichen die positiven Effekte für das Lernen und die Entwicklung von Fachkräften und Teams. Ob und ggf. wie sich das Lernen an selbsterlebten Real-World-Notfällen vom Lernen in Simulationstrainings unterscheidet, wird künftig zu untersuchen sein.
Fazit
Strukturierte videounterstützte Debriefings von medizinischen Notfällen bieten nicht nur die Möglichkeit, aus realen Ereignissen zu lernen und professionelle Fähigkeiten zu verbessern, sondern können auch zur Entwicklung eines positiven Arbeitsklimas und zur Förderung von Teamarbeit beitragen. Für eine erfolgreiche Umsetzung sind organisatorische Unterstützung durch das Management und das Schaffen einer für das Lernen und die professionelle Entwicklung förderlichen Umgebung, frei von Angst vor Bloßstellung oder negativen Urteilen, entscheidend.
Quellen
[1] Medizinischer Dienst Bund. Behandlungsfehler-Begutachtung der Gemeinschaft der Medizinischen Dienste. Jahresstatistik 2022. 2023.
[2] Kersten, C, Fink K, Michels G, et al. Crew Resource Management im Schockraum. 2021. Medizinische Klinik Intensivmedizin und Notfallmedizin. 116: 377-388. DOI: 1 0.1007/s00063-021-00808-1.
[3] Conoscenti E, Martucci G, Piazza M, et al. Post-crisis debriefing: A tool for improving quality in the medical emergency team system. Intensive and Critical Care Nursing. 2021. 63: 0297. DOI: 10.1016/j.iccn.2020.102977.
[4] Tannenbaum S I, Cerasoli C P. Do Team and Individual Debriefs Enhance Performance? A Meta-Analysis. Human Factors. 2013. 55(1): 231-245 DOI: 10.1177/0018720812448394.
[5] Rosvig L , Lou S, Hvidman L, et al. Healthcare providers‘ perceptions and expectations of video-assisted debriefing of real-life obstetrical emergencies: a qualitative study from Denmark. MBJ Open. 2023. 13(3): e062950. DOI: 10.1136/bmjopen-2022-062950.
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