Digitale Welt, reale Unterschiede: Eine Studie zeigt länderspezifische Abweichungen in Social Media Daten

Social Media ermöglicht Forschenden, die selbstberichtete Wahrnehmung von Menschen im Alltag zu erfassen. Eine aktuelle Studie, die länderspezifische Unterschiede bei der Online-Diskussion über Kopfschmerzen und Migräne aufzeigt, unterstreicht auch die Notwendigkeit, potenzielle Verzerrungen in Social Media Daten zu berücksichtigen.
In Deutschland greifen rund 33,4 Millionen Menschen mehrmals täglich auf das Internet zu, davon sind etwa 12,7 Millionen nahezu ständig online [1]. Soziale Netzwerke zählen zu den populärsten Plattformen und finden bei über zwei Dritteln der Bevölkerung täglichen Anklang [2]. Ferner dient das Internet in Deutschland als eine der bevorzugten Quellen für Gesundheitsinformationen und wird voraussichtlich zur führenden Informationsressource in diesem Bereich [3].
In den vergangenen zehn Jahren haben Medien zur Entstehung von (Online-) Gemeinschaften beigetragen, in denen Individuen mit ähnlichen Gesundheitszuständen, Behandlungs-methoden oder deren Angehörige sowohl untereinander als auch mit Fachleuten in Verbindung treten können. Diese Gemeinschaften bieten Unterstützung für Betroffene und fördern den Informationsaustausch über Behandlungsoptionen, Fachärzt:innen und Empfehlungen [1].
Social Media Daten als wertvolle Informationsquelle für Forschung und Entwicklung
Die weitläufige Nutzung des Internets, sozialer Medien, Wearables und elektronischer Gesundheitsdienste ermöglicht heute die rasche Generierung digitaler Daten [4]. Social-Media-Studien bieten die Möglichkeit, unkontrollierte, selbstberichtete Wahrnehmungen von Menschen in der realen Welt zu erfassen [5]. Das Social Media Listening ist bereits als nützliches Instrument in verschiedenen Phasen des Arzneimittelentwicklungsprozesses etabliert [1, 2]. Weitere Einsatzgebiete umfassen die Untersuchung von Merkmalen oder Symptomen im Zusammenhang mit bestimmten Krankheiten, sowie deren geografische Verbreitungsmuster [6].
Lesen Sie hier unseren Artikel zum Thema Social Media Mining im Arzneimittelentwicklungsprozess
Studie zeigt länderspezifische Unterschiede bei Social Media Beiträgen über Kopfschmerzen
Eine 2023 durchgeführte Studie untersuchte mithilfe von Social Media Daten länderspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung und Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne. Die Studie zielte darauf ab, zu ermitteln, wo, wann und wie Menschen mit Kopfschmerzen und Migräne ihre Symptome in sozialen Medien beschreiben und welche nicht-pharmazeutischen und medizinischen Behandlungen sie nutzen. Die Studie analysierte Echtzeitdaten von Beiträgen in sozialen Medien, die retrospektiv in Japan, Deutschland und Frankreich gesammelt wurden. Für die Datenanalyse wurden Inhaltsanalysen und Zielgruppenprofile verwendet [5].

Die Ergebnisse zeigen länderspezifische Unterschiede in der Darstellung von Symptomen, den Tageszeiten des Symptomauftritts und den gewählten Behandlungsstrategien. So nannten beispielsweise japanische Betroffene oft spezifische Kopfschmerzarten, wie Spannungs-kopfschmerz, während französische Betroffene bestimmte Migränetypen, wie Migräne mit Aura, angaben. Insgesamt kamen die detailliertesten Schilderungen aus Deutschland. Die am häufigsten diskutierten Medikamente variierten ebenfalls nach Land: In Japan waren es Ibuprofen und Naproxen, in Deutschland Ibuprofen und in Frankreich eine Kombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein [5].
Social Media Daten sind anfällig für Ungenauigkeiten und Verzerrungen
Die Analyse von Social-Media-Daten bietet Gesundheitsdienstleistern und Forscher:innen wichtige Erkenntnisse, um gezielte Maßnahmen zu entwickeln und Behandlungsoptionen zu verbessern. Die vorgestellte Studie unterstreicht die Bedeutung, länderspezifische Unterschiede bezüglich Symptomverläufen, Behandlungsmethoden und demografischen Faktoren in Social-Media-Daten zu berücksichtigen [5].
Sie hebt auch hervor, wie entscheidend die Beachtung möglicher Verzerrungen ist: So basierte die Bestimmung des Alters- und Geschlechts in dieser Studie auf der Analyse der Sprache und der Nutzernamen, was zu Verzerrungen bei der Dateninterpretation führen könnte. Zudem war es in einigen Fällen nicht möglich, Alter und Geschlecht zu bestimmen [5]. Andere Studien unterstreichen die Notwendigkeit einer kritischen Herangehensweise bei der Nutzung von Social-Media-Daten, um mögliche Verzerrungen und Ungenauigkeiten sowie methodische und ethische Herausforderungen zu berücksichtigen [4, 7].

In der Literatur wird unter anderem vorgeschlagen, dass Social-Media-Studien verschiedene Plattformen, Themen, Zeitpunkte und Subpopulationen einbeziehen sollten [7]. Laufende Bemühungen zielen darauf ab, die Verallgemeinerbarkeit solcher Studien in bestimmten Regionen auf andere geografische Gebiete zu untersuchen [2].
Fazit
Social-Media-Studien offenbaren, dass Online-Plattformen als wertvolle Informationsquellen und Austauschorte für persönliche Erfahrungen und Bewältigungsstrategien dienen. Solche Daten können dazu beitragen, die Erkenntnisse aus klinischen Studien zu erweitern und zu gezielteren Behandlungsansätzen führen, die die Lebensqualität der Betroffenen verbessert. Die vorgestellte Studie zeigt länderspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung und Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne in Japan, Deutschland und Frankreich auf. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Relebvanz, solche Differenzen bei der Nutzung von Social-Media-Daten zu berücksichtigen. Sie zeigt zudem, dass die Beachtung von Verzerrungen, wie in anderen Forschungsgebieten, auch bei Social-Media-Studien unerlässlich ist.
References
[1] Schmidt, Ana Lucia; Rodriguez-Esteban, Raul; Gottowik, Juergen; Leddin, Mathias (2022). Applications of quantitative social media listening to patient-centric drug development. Drug Discovery Today 27(5): 1523-1530. doi: 10.1016/j.drudis.2022.01.015
[2] Barret, Jeffrey & Heaton, Penny (2019). Real-World Data: An Unrealized Opportunity in Global Health? Clin Pharmacol Ther. 106(1):57-59. doi: 10.1002/cpt.1476.
[3] Marstedt, Gerd (2018). Das Internet: Auch Ihr Ratgeber für Gesundheitsfragen? Bevölkerungsumfrage zur Suche von Gesundheitsinformationen im Internet und zur Reaktion der Ärzte. Bertelsmann Stiftung. doi: 10.11586/2017052
[4] Liu, Fang & Panagiotakos, Demosthenes (2022). Real-world data: a brief review of the methods, applications, challenges and opportunities. BMC Med Res Methodol 22, 287 doi: 10.1186/s12874-022-01768-6
[5] Goadsby, Peter; Ruiz de la Torre, Elena; Constantin, Luminita; Amand, Caroline (2023). Social Media Listening and Digital Profiling Study of People With Headache and Migraine: Retrospective Infodemiology Study. J Med Internet Res. 25:e40461. doi: 10.2196/40461
[6] Koß, Jonathan; Rheinlaender, Astrid; Truebel, Hubert; Bohnet-Joschko, Sabine (2021). Social media mining in drug development—Fundamentals and use cases. Drug Discovery Today. 26(12): 2871-2880. doi: 10.1016/j.drudis.2021.08.012
[7] Olteanu, Alexandra; Castillo, Carlos; Diaz, Fernando; Kiciman, Emre (2019). Social Data: Biases, Methodological Pitfalls, and Ethical Boundaries. Front Big Data. 2:13. doi: 10.3389/fdata.2019.00013


