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Digitaler Mutterpass – eine deutsche Besonderheit

Digitaler Mutterpass

Der blaue, traditionelle Mutterpass ist ein Alleinstellungsmerkmal für Deutschland und dieses Jahr genau 60 Jahre im Einsatz. Alle Untersuchungen und Befunde im Rahmen der Schwanger- und Mutterschaft werden hier nach den Mutterschafts-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses eingetragen. Behandelnde Ärzte sind auf die Bündelung dieser Gesundheitsdaten über Schwangere und Mütter angewiesen und erfahren mit dem digitalen Mutterpass in der elektronischen Patientenakte (ePA) eine neue Variante der Datenspeicherung und -verwaltung (1). Welchen Mehrwert bietet der digitale Mutterpass insbesondere Frauenärzten und Hebammen in der ambulanten Versorgung in Deutschland?

Ambulante Geburtshilfe unter Versorgungsdruck

Im März 2021 hat die Geburtenzahl mit 65.903 Neugeborenen seit über 20 Jahren ihren Höchststand erreicht. Ein Jahr zuvor waren es 5.900 Kinder, und damit 10 Prozent, weniger (2). Im Versorgungskontext werden hier immer zwei Personen betrachtet – das Kind und die Mutter. Gynäkologie und Geburtshilfe sind dementsprechend ein wesentliches Standbein der fachärztlichen (Grund-)Versorgung. Eine vulnerable Gruppe wie Schwangere ist besonders auf eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung angewiesen. 2018 waren hierfür von den 157.288 ambulant tätigen Ärzten 18.622 Gynäkologen zuständig (3). Hinzu kommen rund 25.000 Hebammen – eine zu geringe Anzahl für die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung, weshalb es häufig zu Arbeitsüberlastung, beispielsweise in Form von Überstunden, kommt (4). Es bedarf daher kontinuierlicher Anstrengungen, damit Frauenärzte und Hebammen dem Arbeitspensum gerecht werden können. Innovative Lösungen wie der digitale Mutterpass können sie hierbei unterstützen.

Digitaler Mutterpass: Alle Daten digital auf einen Blick

Der digitale Mutterpass kann für Gynäkologen und Hebammen in der ambulanten Versorgung eine grundlegende Arbeitsentlastung sein. Er ist im Rahmen der Telematikinfrastruktur (TI) eines von vier Medizinischen Informationsobjekten (MIOs), dessen Daten in die elektronische Patientenakte (ePA) eingebunden werden sollen. Die entsprechende Telematik-Cloud als Speicherort soll bis 2022 von den Krankenkassen und der gematik aufgebaut werden (1). So können beispielsweise Laborbefunde und Messwerte des Kindes in der Praxis unmittelbar im digitalen Mutterpass abgespeichert werden. Frauenärzte sowie alle beteiligten Versorger, die Teil der TI sind, können den digitalen Pass in der Cloud abrufen und verwalten. Damit sparen sie Zeit und es gelingt ein schneller und automatischer Austausch, beispielsweise mit Kliniken (5). Hebammen, deren Anschluss an die TI bisher freiwillig ist, haben die Daten dennoch gebündelt zur Verfügung: Nutzerinnen laden sich die zugehörige App ihrer Krankenkasse herunter und können auf den Pass niedrigschwellig per Smartphone zugreifen (1, 6, 7). Dadurch, dass die Praxen bereits an die TI angeschlossen sind und der digitale Mutterpass Teil der ePA wird, besteht für Frauenärzte kein wesentlicher Mehraufwand. Allgemeine Praxisdokumentation und digitaler Mutterpass laufen parallel, zumal die Felder im Pass automatisiert ausgefüllt werden können (6). Alle Daten sind gesichert – anders als bei der Papierversion, deren Verlust oder Vergessen zusätzliche Arbeit verursacht (1, 7).

Kompatibilität noch lückenhaft

Der Anschluss an die TI ist nicht für alle Leistungserbringer verpflichtend, weshalb Hebammen nicht flächendeckend in den Datenaustausch hinsichtlich des digitalen Mutterpasses eingebunden sind, insbesondere, wenn die Patientinnen die digitale Version nicht per App nutzen. Zudem können weder Patientinnen noch Hebammen Daten eingeben oder Dokumente hochladen. Bis 2023 soll Hebammen jedoch bei Hausbesuchen ein mobiles System zur Verfügung stehen, durch das sie den Pass digital abrufen können. Ferner kann eine parallele Nutzung von digitaler und Papierversion problematisch werden, weil Fehler entstehen können. Die ausschließliche Nutzung der digitalen Version ist jedoch zum Beispiel im Ausland schwierig, da die Systeme dort nicht mit deutschen Modellen kompatibel sind und Frauen demnach auf das Heft oder zumindest ihr Handy angewiesen sind. Geklärt werden muss schließlich auch, wie ein Wechsel der Krankenkasse geregelt wird und wie lange die Daten gespeichert werden (7). Frauenärzte stehen womöglich vor der Herausforderung, eigene Digitalkompetenzen auszubauen und ihren Patientinnen zu vermitteln und müssen die Papierinformationen, die nicht bereits im System der Praxis dokumentiert sind, in elektronische Daten übertragen.

Digitaler Mutterpass jederzeit und schnell verfügbar

Der digitale Mutterpass bietet insbesondere ambulanten Frauenärzten eine erleichterte Möglichkeit der Dokumentation, bei der Daten gebündelt und schnell abgerufen und mit anderen Gesundheitsakteuren innerhalb der TI ausgetauscht werden können. Dadurch können womöglich Wechselwirkungen schneller erkannt werden und es wird eine sichere Versorgung gewährleistet. Die Einbindung von Hebammen durch die Schwangere ist freiwillig, sodass der Mehrwert des digitalen Mutterpasses für sie noch nicht eindeutig ist. Patientinnen können ihnen zumindest selbst die Daten zeigen, wenn sie den Pass als App auf dem Smartphone haben. Die digitale Version und die dazugehörigen Daten können schließlich genutzt werden, um die Versorgung in der Geburtshilfe zu verbessern. Bevölkerungsweit können womöglich Versorgungslücken identifiziert werden sowie präventive Schritte erfolgen, indem der digitale Mutterpass für Erinnerungen hinsichtlich Vorsorge- und Kontrollterminen oder Impfungen genutzt wird (8, 9). Frauenärzte können die Daten darüber hinaus bei entsprechendem Verwaltungssystem direkt in ein anderes MIO, das elektronische Kinderuntersuchungsheft, übertragen (7). Von Bedarf für die betroffenen Health Professionals sind stetige Weiterentwicklungen in Hinblick auf die digitale Infrastruktur der Praxis und die erforderliche eigene Digitalkompetenz.

Quellen

  1. Berufsverband der Frauenärzte e.V. Der Mutterpass wird digital – was das in Zukunft bedeutet. 2021. zum Original
  2. Statistisches Bundesamt. Geburtenzahl im März 2021: Höchster Wert seit mehr als 20 Jahren 2021 [press release] zum Original
  3. Deutscher Bundestag. Anzahl der Ärzte verschiedener Fachrichtungen. 2019. zum Original
  4. Deutscher Hebammenverband (DHV) e. V. Deutscher Hebammenverband (DHV) e. V. Zahlenspiegel zur Situation der Hebammen 02/2021. 2021. zum Original
  5. Wienke A, Friese K. Rechtliche Aspekte der Digitalisierung in der Medizin. Laryngo-Rhino-Otologie. 2018;97(10):713-6. zum Original
  6. Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Mutterpass 1.0.0 2021. zum Original
  7. Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Der elektronische Mutterpass (E‑Mutterpass) 2021. zum Original
  8. Brewer SE, Barnard J, Pyrzanowski J, O’Leary ST, Dempsey AF. Use of Electronic Health Records to Improve Maternal Vaccination. Womens Health Issues. 2019;29(4):341-8. zum Original
  9. Gao C, Osmundson S, Yan X, Edwards DV, Malin BA, Chen Y. Learning to Identify Severe Maternal Morbidity from Electronic Health Records. Stud Health Technol Inform. 2019;264:143-7. zum Original

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