Smarter Rollstuhl als Dekubitus Prophylaxe

Die Zahl der querschnittsgelähmten Personen steigt stetig
In Deutschland leben circa 140.000 Menschen mit einer Querschnittslähmung und sind somit auf Hilfsmittel wie einen Rollstuhl für die Fortbewegung angewiesen (1). Eine der häufigsten Komorbiditäten von querschnittsgelähmten Personen ist der Dekubitus (2). Rund ein Drittel ist von der Krankheit betroffen. Besonders Personen, die unter einer Tetraplegie oder einer Paraplegie leiden, stellen durch die Schädigung des Nervensystems im Rumpfbereich eine Risikogruppe dar, da die Druckstellen nicht oder verspätet wahrgenommen werden. Die Bedeutung der Dekubitus Prophylaxe wird auch durch die Kosten für die Kostenträger deutlich (2, 3). Die Behandlung eines Dekubitus Geschwürs der Kategorie III oder IV verursacht durchschnittlich Kosten zwischen 4.500 und 19.500 Euro. Die aktuelle Dekubitus-Prophylaxe besteht primär aus einer Aufklärung des Patienten, einer regelmäßigen Kontrolle der Haut und dem wiederkehrenden Verändern der Sitzposition. Ein innovatives Produkt für die Prophylaxe sind smarte Rollstühle mit druckbelastungsmessenden Sitzkissen (3-5). Daher stellt sich die Frage, wie smarte Rollstühle zur Dekubitus-Prophylaxe bei Menschen mit Querschnittslähmung beitragen und die Kostenträger entlasten können?
Der Rollstuhl als wesentliches Fortbewegungsmittel
Der Rollstuhl dient für querschnittsgelähmte Personen als wesentliches Fortbewegungsmittel, um Alltagsaufgaben zu erledigen und eine autonome Fortbewegung zu gewährleisten (3, 5). Dabei konnten die Funktionalitäten der Rollstühle in den letzten Jahren sukzessive erweitert werden. Hierunter fallen technische Systeme, die eine automatische Navigation ermöglichen oder eine Hindernis-Erkennung (3, 5, 6). Eine weitere Entwicklung sind smarte Rollstühle mit druckmessenden Sitzkissen. Bei diesem System wird die im Rollstuhl verbaute Sensorik an der Rückenlehne und im Sitzbereich dazu genutzt, Daten zu erheben, die an eine Applikation, wie beispielsweise „Sit Watcher“ via Bluetooth weitergeleitet werden. Die Sensorik kann dabei aus zwei Subsystemen bestehen. Zum einen das Sensing-System, bei dem die Drucksensoren am Rollstuhl die Daten über die Gewichtsverteilung sammeln (3, 5, 7). Zum anderen aus einem Recognition-System bei dem gesammelten Drucksensordaten mit dem Haltungserkennungsalgorithmus verarbeitet werden. Die Stromversorgung des Systems findet über einen Akku statt. Die Materialkosten einer solchen Technik mit Sitzkissen, dessen Bezug gewaschen werden kann, liegen bei circa 200 Euro. Im nächsten Schritt werden in der Applikation die übermittelten Daten hinsichtlich des Belastungsgrads und der Dauer der Belastung dargestellt. Anschließend werden dem Nutzer bei Bedarf Hinweise per Haptik beispielsweise durch Vibration des Smartphones oder durch Hinweistöne gegeben, dass die Schwellwerte bei der Druckbelastung überschritten sind oder die Sitzposition verändert werden sollte (3, 5, 7-9).

Smarter Rollstuhl mit Tracking der Druckbelastung (5, 7)
Hohes Einsparungspotenzial durch Vermeidbarkeit der Erkrankung
Neben der hohen psychischen Belastung und einer höheren Mortalität, stellt Dekubitus eine hohe finanzielle Belastung für die Kostenträger dar. Wird berücksichtigt, dass bis zu 95 Prozent der Druckgeschwüre vermeidbar sind und die Gesamtkosten alleine in Deutschland auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt werden, ergibt sich ein hohes Einsparungspotenzial für die Kostenträger (4, 8-10). Zusätzlich kann durch eine erfolgreiche Dekubitus-Prophylaxe die Mobilität von Querschnittsgelähmten Personen gesteigert werden, da Personen ohne Dekubitus häufig ausschließlich zum Schlafen oder im Bad den Rollstuhl verlassen. Durch einen frühzeitigen Warnhinweis für den Anwender können querschnittsgelähmte Personen ohne Einschränkung im Rollstuhl sitzen und so ihre Autonomie steigern. Die gesteigerte Mobilität, Autonomie und das geringere Krankheitsleiden kann in einer höheren Lebensqualität für querschnittsgelähmte Personen resultieren (2, 3, 5). Einen weiteren Vorteil bieten Rehabilitationsspiele, die durch die Verbindung zwischen Sitzauflage und Applikation möglich werden und so die Aktivität der Personen weiter forcieren können (8, 9).
Die wesentliche Herausforderung der smarten Rollstühle mit druckbelastungsmessenden Sitzkissen besteht in der noch nicht final ausgereiften Entwicklung der Sitzmatten und App. So hat beispielsweise die Offene Digitalisierungsallianz Pfalz Ende letzten Jahres einen smarten Rollstuhl entwickelt, jedoch wurden noch keine Forschungsergebnisse hinsichtlich der Effektivität und der Kosteneffizienz veröffentlicht. (8, 9). Auch steht die Applikation aktuell noch nicht in den gängigen App-Stores zum Download zur Verfügung. In den Vereinigten Staaten werden aktuell ebenfalls smarte Rollstühle mit druckbelastungsmessenden Sitzkissen entwickelt und untersucht. Hier zeigen erste Studien mit geringer Probandenzahl ein positives Feedback bei den Anwendern. Zusätzlich steht die Untersuchung der Lebensdauer der Technik unter Alltagsbedingungen aktuell noch aus (2, 3, 5).
Entscheidung zur Aufnahme in die Regelversorgung auf Basis zukünftiger Studienergebnisse
Die Konstruktion des smarten Rollstuhls steht erst am Anfang seiner Entwicklung. Daher sollten die Ergebnisse zukünftiger, größerer Studien abgewartet werden, um die Wirksamkeit der Innovation zu gewährleisten. Sobald sich das entwickelte System als praktikabel und effizient erweist, sollte der smarte Rollstuhl einen schnellen Weg in die Regelversorgung finden, um eine mögliche Entlastung der Kostenträger zu realisieren (3, 5). Anschließend könnte der Anwendungsbereich der Technologie auf alle im Rollstuhl sitzenden Personen erweitert werden, da diese zwar in der Regel keine Schädigungen der Nerven im Rumpfbereich haben, jedoch ebenfalls Dekubitus betroffen sein können. Gleichzeitig sollte die Förderung von Pilotprojekten wie der Offenen Digitalisierungsallianz Pfalz gestärkt werden, um zeitnah eine höhere Studienevidenz zu ermöglichen.
Fazit
Aufgrund der hohen Prävalenz von Dekubitus, sind sowohl die Ausgaben für die Kostenträger als auch der Leidensdruck der Patienten hoch (2). Dabei konnten Studien mit geringer Probandenzahl zeigen, dass die Dekubitus Prävention auch aus Perspektive der Kostenträger kosteneffizienter als die Behandlung ist und positive Auswirkungen auf die Lebensqualität der betroffenen Personen hat. Die entwickelten smarten Rollstühle mit druckbelastungsmessenden Sitzkissen können hierbei einen wesentlichen Beitrag zur Prophylaxe beitragen, wenn die Systeme zuverlässig und effizient funktionieren. Um dies beurteilen zu können, bedarf es jedoch weiterer Forschungsergebnisse.
Quellen
- Querschnittgelähmten Fd. Über Querschnittslähmung 2020 zum Original
- Adriaansen JJ, Ruijs LE, van Koppenhagen CF, van Asbeck FW, Snoek GJ, van Kuppevelt D, et al. Secondary health conditions and quality of life in persons living with spinal cord injury for at least ten years. J Rehabil Med. 2016;48(10):853-60. zum Original
- Goodwin BM, Olney CM, Ferguson JE, Hansen AH, Eddy B, Goldish G, et al. Visualization of user interactions with a pressure mapping mobile application for wheelchair users at risk for pressure injuries. Assist Technol. 2021. zum Original
- Nord IfO-T. Antidekubitusversorgung 2016 zum Original
- Olney CM, Vos-Draper T, Egginton J, Ferguson J, Goldish G, Eddy B, et al. Development of a comprehensive mobile assessment of pressure (CMAP) system for pressure injury prevention for veterans with spinal cord injury. J Spinal Cord Med. 2019;42(6):685-94. zum Original
- Barriuso AL, Pérez-Marcos J, Jiménez-Bravo DM, Villarrubia González G, De Paz JF. Agent-Based Intelligent Interface for Wheelchair Movement Control. Sensors. 2018;18(5). zum Original
- Ma C, Li W, Gravina R, Fortino G. Posture Detection Based on Smart Cushion for Wheelchair Users. Sensors (Basel). 2017;17(4). zum Original
- Picard A. Sensormatte im Rollstuhl schützt vor hoher Druckbelastung. Medizin & Technik. 2020;6.2020. zum Original
- Ärztezeitung. Smarter Rollstuhl soll die Haut schützen 2020 zum Original
- Khan AA, Reuter M, Phung N, Hafeez SS, editors. Wireless solution to prevent decubitus ulcers: Preventive weight shifting guide, monitor, and tracker app for wheel chair users with spinal cord injuries (phase II). 2016 IEEE 18th International Conference on e-Health Networking, Applications and Services (Healthcom); 2016 14-16 Sept. 2016. zum Original


