Robotik in der Pflege entlastet Health Professionals in NRW
Expertise aus NRW
Der demografische Wandel stellt Pflegeeinrichtungen zunehmend vor große Herausforderungen. Die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt, während gleichzeitig Fachkräftemangel herrscht. In diesem Kontext rückt der Einsatz von Robotik in der Pflege zunehmend in den Fokus. Robotik in der Pflege kann physisch unterstützende Aufgaben wie das Heben von Patienten oder die Verteilung von Medikamenten übernehmen, aber auch soziale Funktionen erfüllen, etwa durch Kommunikation, Erinnerung an Tagesstrukturen oder einfache Unterhaltung. Dabei ersetzen sie nicht die menschliche Zuwendung, sondern entlasten Pflegekräfte und ermöglichen mehr Zeit für zwischenmenschliche Betreuung. Der gezielte Einsatz robotischer Assistenzsysteme eröffnet somit neue Perspektiven für eine menschenzentrierte und gleichzeitig technologisch unterstützte Pflege der Zukunft.
Wir haben für den Technologie-Hub Robotik mit drei Experten gesprochen, um die Chancen und Herausforderungen zum Einsatz von Robotik in der Pflege zu erkunden. Jakob Biesterfeldt ist Chief Commercial Officer und Mitglied des Management Boards bei navel robotics. Er hat über 20 Jahre Erfahrung im Bereich Business Development, Kommerzialisierung und Führung in der B2B-Produktentwicklung und Innovationsberatung. Stephan Graue ist Geschäftsführer der Evangelischen Pflege Diakonie Vohwinkel. Als Pflegefachkraft, -wissenschaftler und -manager und setzt er sich seit vielen Jahren für den Berufsstand ein und verantwortet in seiner Organisation die digitalen Transformationsprozesse. Prof. Dr. Alexander König ist Ingenieur, Wissenschaftler, Unternehmer und Professor für Robotik an der Technischen Universität München. 2015 gründete Professor König das Unternehmen Reactive Robotics. Das Start-up entwickelt und vermarktet robotische Systeme für Intensivstationen. Er und sein Team an der TU München sind am Projekt Geriatronik beteiligt, das den Problemen des demografischen Wandels und des Pflegekräftemangels mithilfe von Robotik versucht entgegenzuwirken.
Was begeistert Sie an Robotik in der Pflege?
Jakob Biesterfeldt: Die Pflege steht vor einer krassen Herausforderung. Immer mehr Menschen brauchen Pflege, immer weniger Menschen leisten Pflege. Die entstehende Lücke muss gefüllt werden und dieser gesellschaftliche Auftrag begeistert uns und treibt uns an. Außerdem sehen wir dank über 50 Robotern, die bereits in Pflegeeinrichtungen im Einsatz sind, dass Navel wirkt. Menschen werden kognitiv und emotional aktiviert und fühlen sich besser. Pflegefachpersonen werden entlastet.
Stephan Graue: Roboter können Pflegekräfte entlasten, indem sie monotone oder körperlich belastende Aufgaben übernehmen, wie etwa beim Heben, Transportieren oder bei der Medikamentenverteilung. Das schafft mehr Raum für menschliche Zuwendung, die im Zentrum der Arbeit stehen soll.
Prof. Dr. Alexander König: Ich glaube, wir sehen, dass künstliche Intelligenz einen wahnsinnigen Impact auf unserer Welt haben kann. Und Robotik ermöglicht uns, diese künstliche Intelligenz in die Realität zu bringen. Die sogenannte verkörperte künstliche Intelligenz. KI ist ein toller erster Ansatz, aber um auch körperliche Entlastung zu ermöglichen, brauchen wir Robotik und das begeistert mich. Wenn sich die Robotik um die körperliche Arbeit kümmert, kann sich die pflegende Person um den Menschen kümmern. Meine Prädiktion ist, dass Robotik es ermöglicht, Pflege wieder ein Stück menschlicher zu machen, wenn sie richtig gestaltet wird, was hier im ersten Moment kontraintuitiv erscheint.
Welche Robotik-Anwendungen entwickeln, erforschen oder nutzen Sie in Ihrer Organisation?
Jakob Biesterfeldt: Navel ist ein sozialer Roboter. Navel leistet soziale Interaktion für Menschen, die sich sonst einsam fühlen. Navel aktiviert Menschen emotional und kognitiv. Unser Fokus liegt auf der sozialen Interaktion. Physische Fähigkeiten sind für Navel nur relevant, wenn sie die soziale Interaktion unterstützen. Navel kann verbal und non-verbal kommunizieren und wirkt auf Menschen empathisch.
Stephan Graue: Aktuell beobachten wir den Markt sehr genau und stehen im Austausch mit Partnern aus Forschung und Industrie. Besonders interessieren uns Assistenzroboter für die Mobilitätsunterstützung und soziale Interaktion, etwa zur Aktivierung von Menschen mit Demenz.
Prof. Dr. Alexander König: Damit Technologie beim Menschen ankommt, besonders robotische Technologie, sind sehr, sehr lange Entwicklungszyklen notwendig. Wir sind am Anfang dieses Entwicklungszyklus. Wir arbeiten besonders an Service-Robotik, die ganz konkret physische Aufgaben übernehmen kann. Ein großes Thema ist die sogenannte taktile Manipulation. Das bedeutet, dass Roboter in Zukunft, ähnlich einem Menschen, in der Lage sind, Objekte zu greifen, zu tragen, zu bringen und so weiter. Das Ganze ist dann eingebettet in einen Kontext, in dem wir Service-Robotik erforschen. Dadurch soll es älteren Menschen möglich sein, so lange wie möglich selbstbestimmt zu Hause leben zu können. Stellen wir uns vor, jemand hat bereits eine Pflegestufe. Mehrere Besuche am Tag und jetzt verschlechtert sich die Situation. Jetzt müsste die Person gegebenenfalls ins Pflegeheim. Wenn jedoch eine Technologie sie unterstützen kann, bei den alltäglichen Dingen in ihrer Wohnung oder wenn diese Technologie gleichzeitig auch ein Glas Wasser bringt, ein Objekt vom Boden aufhebt, beim Aufstehen hilft, an die Medikamente erinnert, vielleicht sogar ein bisschen zu einem kognitiven und physischen Training auffordert, bleibt ein weitestgehend autarkes Leben Zuhause möglich. Das ist das Zielbild, was wir erforschen. Das heißt, wirklich ganz konkret Service-Robotik im häuslichen Setting oder im Setting einer Pflegeeinrichtung.
Wie Robotik in der Pflege sinnvoll eingesetzt werden?
Jakob Biesterfeldt: Soziale Roboter sind eine Ergänzung zu menschlichem Personal für die Aktivierung und soziale Betreuung von Pflegebedürftigen. Pflegefachpersonen können entlastet werden.
Stephan Graue: Sinnvoll ist der Einsatz dort, wo Roboter repetitive Aufgaben übernehmen können – z. B. beim Servieren von Mahlzeiten, bei der Raumdesinfektion oder als digitale Begleiter zur Förderung der kognitiven Fähigkeiten. Wichtig ist dabei immer die Akzeptanz bei Bewohnerschaft und Beschäftigten.
Prof. Dr. Alexander König: Der Einsatz ist relativ beschränkt auf Dinge, wie sie zum Beispiel Navel Robotics ermöglicht, das bedeutet Interaktion oder Kommunikation. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis ein sinnvoller Einsatz von Robotik im Pflegeheim so gestaltet werden kann, dass auch körperliche Entlastung stattfindet, dass Hol- und Bringdienste ermöglicht sind. Zum heutigen Zeitpunkt liegt der sinnvolle Einsatz auf den genannten Anwendungsfelder. Es wird sich aber in den nächsten 5 Jahren sehr viel tun. Was Pflegeeinrichtungen jetzt schon machen können, ist mit offenen Augen und offenem Mindset, sich dem zu öffnen und zu sagen, wir probieren das einfach mal aus. Da gibt es viele Ansätze und inzwischen immer mehr Startups, die in diesem Bereich robotische Technologien oder Insellösungen zur Verfügung stellen. Ganz konkret aber wird es noch ein paar Jahre dauern.
Welche Risiken sind beim Einsatz von Robotern in Pflegeeinrichtungen zu beachten?
Jakob Biesterfeldt:Es stellen sich ethische Fragen, die offen und transparent zu klären sind. Datenschutz, Privatsphäre und der verantwortungsvolle Umgang mit KI sind weitere Themen, waren bisher aber nie Blocker für den Einsatz von Navel.
Stephan Graue: Neben Datenschutz und ethischen Fragen sehen wir die Gefahr, dass Technik menschliche Nähe ersetzt, statt ergänzt. Deshalb würden wir auf Konzepte setzen, bei denen Technik den Menschen dient – nicht umgekehrt.
Prof. Dr. Alexander König: Roboter sind immer bewegte Körper, die eine Masse haben. Die zu jedem Zeitpunkt sicher sein müssen, das heißt von der technologischen Seite her müssen wir natürlich die körperliche Sicherheit aller Beteiligten gewährleisten. Der zweite Aspekt ist natürlich der Datenschutz. Ich denke, das ist auch klar. Niemand möchte, dass die eigene Pflegehistorie öffentlich wird durch ein Hack. Das heißt, hier müssen wir für Datensicherheit sorgen. Der dritte Aspekt ist die emotionale Sicherheit. Man stelle sich vor, jemand ist in einer Einrichtung, in der demente Menschen mit sozialer Robotik interagieren. Wir haben da eine Verantwortung für die emotionale Gesundheit dieser Menschen.
Gleichzeitig muss die Pflegeeinrichtung selber natürlich dafür sorgen, dass das Personal entsprechend ausgebildet ist, um mit Robotik umzugehen. Allerdings sehe ich hier eher die Hersteller in der Pflicht. Es wird ein gegenseitiges Aufeinander zugehen sein. Die Caritas wird in Zukunft in ihrer Ausbildung Technologie ebenfalls einbinden, genauso wie die eigentlichen Pflegevorgänge. Das heißt, Pflegeeinrichtungen werden in die Pflicht kommen, Technologie als Unterrichtsfach oder als Weiterbildungsfach anzubieten. Die Sicherheit auf der technologischen Seite muss aber von den entwickelnden Unternehmen kommen.
Wie werden sich Pflegeroboter auf den Arbeitsmarkt auswirken?
Jakob Biesterfeldt: Soziale Roboter sollen Menschen nicht ersetzen, aber ergänzen, Lücken füllen und entlasten. Idealerweise verbessern sich die Arbeitsbedingungen für Pflegefachpersonen und das Wohlbefinden der Pflegebedürftigen gleichermaßen. Einrichtungen und Träger, die mit Robotik in der Pflege arbeiten, gelten als fortschrittlich und finden evtl. leichter neue Mitarbeiter*innen.
Stephan Graue: Sie werden keine Pflegekräfte ersetzen, sondern neue Rollen schaffen – etwa in der Technikbetreuung oder Schulung. Gleichzeitig können sie helfen, dem Fachkräftemangel zu begegnen, indem sie Pflegekräfte von Routinetätigkeiten entlasten.
Prof. Dr. Alexander König: Wir sehen ja jetzt schon, das Pfleger und Pflegerinnen in Gold aufgebogen werden. Gleichzeitig rollt eine immer größer werdende Anzahl an pflegebedürftigen Menschen auf uns zu. Insofern ist meine Vision im Grunde, dass Roboter auf der einen Seite körperliche Arbeiten übernehmen, auch Dokumentationsarbeiten übernehmen, sodass sich der Pfleger oder die Pflegerin wieder um den Menschen kümmern kann. Natürlich werden Roboter auch soziale Aspekte mit abdecken können. Wir binden uns emotional an Objekte. Daher glaube ich, dass Roboter auch einige emotionale Aspekt übernehmen können. Aber menschliche Wärme, will niemand ersetzen. Das ist wichtig. Das Menschliche, die menschliche Berührung, die menschliche Nähe muss erhalten bleiben. Wir können den doch meistens überlasteten Pflegekräften jedoch ein bisschen Luft verschaffen mit Technologie, sodass sie sich genau um diese Aspekte kümmern können. Perspektivisch würde ich sagen, dass Robotik in den nächsten 15 Jahren sukzessive immer besser werden wird, um immer mehr Aufgaben übernehmen zu können. Bis ein Roboter Stützstrümpfe anziehen kann oder einen Verband wechseln kann, wird echt noch viel Zeit vergehen. Insofern glaube ich, dass Initialroboter eben Dokumentation und Hol- und Bringdienste machen werden und dann sukzessive mehr und mehr wirklich pflegerische Tätigkeiten übernehmen können mit dem Ziel, dass immer mehr und mehr Zeit frei wird für die menschliche Nähe und menschliche Interaktion.
Welche neuen Kompetenzen benötigen Health Professionals für den Robotik-Einsatz?
Jakob Biesterfeldt: Wenig. Ziel ist, dass die Roboter lernen, Health Professionals optimal zu unterstützen, ohne, dass diese eine steile Lernkurve im Umgang mit Robotern meistern müssen. Wir entwickeln unseren Roboter so, dass er lernt, sich den Bedürfnissen und Arbeitsweisen der Menschen anzupassen (und nicht andersherum, wie sonst oft bei Technologie-Einsatz).
Stephan Graue: Neben technischem Grundverständnis braucht es vor allem Offenheit für neue Arbeitsweisen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Fähigkeit, Technik empathisch in den Pflegealltag zu integrieren.
Prof. Dr. Alexander König: Eine durchschnittliche Pflegekraft auf der Intensivstation muss meines Wissens nach bereits heute über 100 technische Geräte beherrschen können. Die technologische Kompetenz, mit Robotern zu interagieren, das könnte ich mir vorstellen, dass sowas in Zukunft kommt. Gleichzeitig sehen wir, dass die Technologie immer benutzerfreundlicher wird und dass das Programmieren von Technologie zum Beispiel immer weniger technische Fähigkeiten benötigt. Insofern wird eine Grundausbildung in der Technologie notwendig sein. Die wird aber dezidiert spezifisch für den einzelnen Roboter sein. Im Geriatronik-Projekt erforschen wir diese Fragestellung indem wir mit der Caritas lokal zusammenarbeiten und immer wieder mit Fokusgruppen die echte Welt erproben. Nicht nur wie der Roboter reagiert in einer Pflegeumgebung, sondern auch wie die Menschen darauf reagieren. Wie ein älterer Mensch auf Technologie reagiert, wie eine Pflegekraft auf Technologie reagiert und so weiter. Ich glaube, dass dieses User-zentrierte Design, was es schon seit langem auch im Automotive Bereich gibt, hier eine ganz zentrale Rolle spielen wird. Es wird eine Erweiterung der Ausbildung bedeuten. Aber ich glaube nicht, dass eine Pflegekraft einen Ingenieursabschluss benötigt. Das ist wieder die Aufgabe der Technologen, sie so zu gestalten, dass sie benutzbar wird.
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