Implementierung digitaler Gesundheitstechnologien - Elsa Rajemison mTomady

„Der entscheidende Aspekt ist die zwischenmenschliche Interaktion“
© Harilala
Wenn man eine digitale Gesundheitstechnologie einführt, kommt es nicht nur auf die Technologie an, sondern insbesondere auch auf Vertrauen, sagt Elsa Rajemison, Mitgründerin und Geschäftsführerin von mTomady. Die gemeinnützige Gesellschaft hat eine digitale Gesundheitsplattform und mobiles Gesundheitsportemonnaie entwickelt, die zunächst in Madagaskar genutzt wurden. Im Interview erklärt sie, wie mTomady es schafft, bei den Nutzerinnen und Nutzern Vertrauen in ihre Lösung zu schaffen, warum sie sich zunächst auf schwangere Frauen konzentriert haben – und welche digitalen Gesundheits-Tools ihrer Einschätzung nach in Ländern südlich der Sahara am vielversprechendsten sind.
Frau Rajemison, was ist Ihr Digital Health Hack? Welche Herausforderung haben Sie mit mTOMADY gemeistert, deren Lösung auch für andere im Digital-Health-Sektor interessant sein könnte?
Eines unserer Hauptprodukte ist eine digitale, mobile Gesundheits-Geldbörse. Damit können Nutzerinnen und Nutzer über ihr Mobiltelefon für Gesundheitsleistungen Geld sparen und damit auch bezahlen. Gleichzeitig ermöglicht unsere Lösung es Krankenkassen, Versicherungsbeiträge einzuziehen. Um mit unserer Lösung erfolgreich zu sein, müssen wir sowohl Patienten als auch Gesundheitsdienstleister ansprechen.
Die Herausforderung, vor der wir ständig stehen, ist: Wir sind oft die Ersten, die diesen Patienten digitale Tools zur Verfügung stellen. Manchmal benutzen sie zum ersten Mal ein Handy, manchmal haben sie gar keines. In solchen Fällen stellen wir einfach eine SIM-Karte zur Verfügung. Außerdem gehört es in Madagaskar nicht zur Kultur, für Gesundheitsleistungen zu sparen. Alles in allem geht es also nicht nur darum, das Tool zu entwickeln. Es geht darum, sicherzustellen, dass es für den vorgesehenen Zweck genutzt wird.
Was**tun Sie, um diese Herausforderung zu meistern?
Der entscheidende Aspekt ist die zwischenmenschliche Interaktion. Manche Menschen denken, dass digitale Projekte scheitern, weil die Technologie nicht gut genug ist. In unserem Fall geht es jedoch meistens darum, einen vertrauenswürdigen Vermittler zu haben. Die Patienten müssen der Technologie vertrauen. Und dafür müssen sie den Menschen vertrauen, die ihnen die Technologie vorstellen.
Wie schaffen Sie es, dieses Vertrauen mit mTOMADY aufzubauen?
Ich erinnere mich an eine Patientin, die ein Informationsplakat für unsere mobile Gesundheits-Geldbörse gesehen hatte. Ihr wurde klar, dass sie an einem Gesundheitssparprogramm teilnehmen konnte. Aber zunächst unternahm sie nichts. Dann sagte ihre Hebamme zu ihr: „Deine Entbindung wartet nicht auf das Gehalt deines Mannes, du musst etwas tun. Und dies ist ein Hilfsmittel, mit dem du nach und nach sparen kannst.“ Erst dann wurde sie aktiv und begann zu sparen.
Das Beispiel zeigt, dass man einen vertrauenswürdigen Vermittler braucht. Man muss auf die Menschen zugehen und mit der Gemeinschaft zusammenarbeiten, die sie kennen. Das kann eine Hebamme oder eine Gesundheitshelferin sein, also eine Person, die in der Gemeinschaft lebt und bei den Nachbarn gut bekannt ist.
Letztendlich geht es nicht darum, das Instrument einfach nur bereitzustellen. Selbst wenn man Millionen von Aufklärungskampagnen durchführt, werden sich vielleicht einige Menschen davon ansprechen lassen und aktiv werden. Wichtiger ist jedoch, dass jemand mit einem spricht und einen dazu auffordert, aktiv zu werden
Bei der Arbeit von mTOMADY geht es also vor allem um die Vernetzung?
Ja, ein Großteil unserer Arbeit dreht sich um Informationen – und darum, wie wir diese Informationen zu den Menschen bringen, an die wir uns wenden. Wir gehen zum Beispiel an die Orte, an denen Frauen arbeiten. Viele der Frauen, mit denen wir zusammenarbeiten, haben informelle Jobs, zum Beispiel in einem kleinen Laden oder als Wäschereimitarbeiterinnen. Sie können also keine Zeit darauf verwenden, um zu einer Veranstaltung zu gehen, bei der wir sie über unsere Lösung informieren. Deshalb müssen wir an die Orte gehen, an denen sie arbeiten.
Ihre Hauptzielgruppe sind schwangere Frauen. Warum konzentrieren Sie sich auf diese Gruppe?
In Madagaskar sind weniger als zehn Prozent der Bevölkerung krankenversichert. Die Menschen sind nicht darauf eingestellt, Geld für ihre Gesundheitsversorgung zu sparen. Viele fragen sich, warum sie Geld für etwas sparen sollten, von dem sie nicht sicher sind, ob sie es jemals brauchen werden. Sie fragen: Was ist, wenn ich gar nicht krank werde?
Schwangeren Frauen lässt sich einfacher diese Denkweise vermitteln. Denn in diesem Fall ist es klar, dass man das Geld nach neun Monaten tatsächlich nutzen wird. Darüber hinaus ist die Schwangerschaftsvorsorge in Madagaskar – wie in vielen anderen Ländern südlich der Sahara – eine große Herausforderung. Weniger als 50 Prozent nehmen an einer Schwangerschaftsvorsorge teil und werden von qualifiziertem Personal betreut.
Woher kam eigentlich die Idee für mTOMADY?
Ein Problem bestand darin, dass Gesundheitszentren Patientinnen und Patienten manchmal quasi als Geiseln festhielten, bis ihre Familien die Behandlung bezahlen konnten. Gleichzeitig haben wir festgestellt, wie sich das Thema Mobile Money entwickelt und die Netzwerke von Telefonanbietern wuchsen.
Wir haben die Möglichkeit gesehen, mit einer mobilen Gesundheits-Geldbörse die Beiträge von Patienten für ihre Gesundheitsversorgung zu erhöhen. Zudem bietet sich damit die Möglichkeit, die Transparenz für Spender zu gewährleisten. In einigen Programmen haben wir beispielsweise Abnehmer von Produkten aus Madagaskar, die für die Gesundheitsversorgung der Bauern aufkommen. Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit gesehen, den Papierkram für Gesundheitsdienstleister durch die Digitalisierung von Prozessen zu reduzieren.
Was haben Sie bisher festgestellt: Was verändert die mobile Gesundheits-Geldbörse?
Mit der Wallet hat man die Möglichkeit, einen sehr kleinen Geldbetrag zu sparen. Es beginnt bei 10 Cent. Da wir auch Ultraschalluntersuchungen anbieten, können Frauen zudem erkennen, ob das Risiko einer komplizierten Entbindung besteht. Das hilft ihnen zu verstehen, dass es sinnvoll ist, Geld in ihre digitale Geldbörse einzuzahlen.
Können sich schwangere Frauen ihre Kosten vollständig alleine leisten, wenn sie im Voraus mithilfe der digitalen Geldbörse sparen?
Die Frauen fangen an, Geld zu sparen, aber oft reicht es nicht aus. Sie erhalten zudem eine zusätzliche finanzielle Gesundheitsabsicherung, die von unseren Spendern unterstützt wird.
Wie viel müssen die Patientinnen selbst bezahlen, wie viel kommt von den Spenderinnen und Spendern?
33 Prozent werden vom Spender übernommen, der Rest wird von der Patientin bezahlt.
Würde es auch ohne die Zuzahlungen funktionieren?
Das hängt natürlich davon ab, wen man ansprechen möchte. Wenn man sehr schutzbedürftige Menschen erreichen will, braucht man diese Zuzahlungen immer. Ohne sie würde es nicht funktionieren. In Madagaskar sind 70 Prozent der Bevölkerung von medizinischer Verarmung bedroht.
In Madagaskar wird die mobile Gesundheits-Geldbörse von schwangeren Frauen genutzt. Wer nutzt sie sonst und wofür?
Man kann damit Geld für die Behandlung jeder Krankheit ansparen. In einem Pilotprojekt in der Demokratischen Republik Kongo wird das bereits praktiziert. In Uganda gibt es eine weitere Variante der Geldbörse. Hier arbeiten wir mit Krankenhäusern zusammen. Deren Patienten mit chronischen Erkrankungen zahlen über die Wallet in einen gemeinsamen Fonds ein. An einem bestimmten Tag im Monat wird der Betrag automatisch abgebucht. Die Gesundheitsdienstleister kaufen dann Medikamente in großen Mengen ein, um von Mengenrabatten zu profitieren.
Zudem nutzen gemeinnützige Krankenkassen unsere Plattform, um nachzuverfolgen, wohin ihr Geld fließt.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie im Laufe der Jahre gewonnen haben, um Ihre mobile Geldbörse zum Erfolg zu führen?
Wichtig ist, dass man nicht nur einen Akteur betrachtet, sondern das gesamte Ökosystem: den Gesundheitsdienstleister, die Patienten, das Gesundheitsministerium und so weiter. Was brauchen sie? Andernfalls kann es leicht passieren, dass nur ein Akteur zu einem großen Hindernis wird und einen ausbremst. Ein weiterer Aspekt ist, dass man frühzeitig mit dem Testen seines Produkts beginnen muss.
Wie testet mTOMDAY?
Wir arbeiten mit vielen Forschern zusammen. Wir wenden wissenschaftliche Forschungsmethoden wie Fokusgruppen und Interviews an. Gleichzeitig führen wir viele informelle Tests durch. Wir beobachten und hören einfach zu, was die Nutzerinnen und Nutzer tun und sagen. Und nutzen dann das Feedback, um unsere Lösung zu verbessern. Das erfordert zwar viel Personal vor Ort, ist aber auch sehr hilfreich.
Was haben Sie mit mTOMADY bereits erreicht, was haben Sie bewirkt?
In unserem Hauptprogramm, der mobilen Gesundheits-Geldbörse, hatten wir innerhalb von zwei Jahren 28.000 Nutzer. In diesen zwei Jahren haben sie 115.000 € gespart – was in einem Land, in dem viele Menschen von weniger als 2 $ pro Tag leben, eine gute Leistung ist. Aber die wesentliche Veränderung betrifft nicht nur die Höhe der gesparten Gelder, sondern auch die Verhaltensänderung. Manche sagen: Ich wusste vorher nicht, dass ich für die Gesundheitsversorgung sparen kann.
Zudem gibt es bereits viele Menschen, die über unsere digitale Plattform registriert sind und Zugang zu einer Krankenversicherung erhalten. Es sind bereits mehr als 350.000. Sie sind nicht unsere Versicherten, sondern die Versicherten von Mitgliedern der Krankenkassen.
Wenn Sie das Potenzial digitaler Gesundheitsinstrumente in Ländern südlich der Sahara in der Zukunft betrachten, welche halten Sie für die vielversprechendsten?
Es tut sich viel. Das Gesundheitspersonal in ländlicheren Gebieten hat beispielsweise nicht die Möglichkeit, seine Kompetenzen zu erweitern und sich leicht über neue medizinische Erkenntnisse oder verbesserte Behandlungsmethoden auf dem Laufenden zu halten. Daher sind KI-gestützte Tools, die sie unterstützen, sehr hilfreich.
Zudem tut sich viel im Bereich des Informationsaustauschs. Das ist wichtig, da zuverlässige Gesundheitsinformationen in afrikanischen Ländern nach wie vor sehr rar sind. Viele Menschen sind nicht in der Lage zu beurteilen, was falsch und was richtig ist.
Worin besteht die größte Herausforderung für mTOMADY?
Die größte Herausforderung ist die Skalierung. Ein Engpass sind die begrenzten personellen Ressourcen. Wie ich bereits sagte, kann man eine Technologie nicht einfach so einführen. Man braucht begleitende Maßnahmen, sonst funktioniert es nicht. Um beispielsweise Informationen über unsere Produkte zu verbreiten, müssen wir kurze Videos entwickeln, die überall verstanden werden. Außerdem braucht man Partner in jeder Region, in der man seine Lösung einführen möchte – und natürlich Geld, um die ersten Schritte zu gehen.
Was sind Ihre Pläne mit mTOMADY für die nächsten Jahre?
Wir wollen uns auch mit anderen Aspekten der Digitalisierung befassen, nicht nur mit den mobilen Geldbörsen. Wir möchten unsere Erfahrungen mit Gesundheitsdienstleistern teilen, indem wir ihnen beispielsweise helfen, ihre Arbeitsabläufe zu optimieren oder nachzuverfolgen, wohin ihre Gelder fließen. Darüber hinaus können wir unsere Erfahrung nutzen, um bestehende Software an die Bedürfnisse von Gesundheitsdienstleistern anzupassen, zum Beispiel elektronische Patientenakten. Auf diese Weise können wir die Gesundheitsfinanzierung effizienter und erschwinglicher gestalten.
Außerdem steht seit jeher auf unserer Agenda, uns weiterhin für ein Modell der allgemeinen Krankenversicherung in Madagaskar einzusetzen.
Generell denke ich, dass wir mehr Zusammenarbeit brauchen. Ich glaube, dass es bereits viele gute Ideen und Lösungen gibt, aber nicht genug Zusammenarbeit. Letztendlich ist es der menschliche Aspekt, der entscheidend ist, damit ein Projekt funktioniert.
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