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Entlastung für Kostenträger durch mHealth am Beispiel der Urinanalyse per Smartphone

Smartphones sind in unserem Alltag nicht mehr wegzudenken: 89 Prozent der deutschen Bevölkerung besitzt ein Smartphone, hiervon nutzen 94 Prozent das Gerät täglich (1). Die Nutzung bezieht sich auf alle denkbaren Bereiche, so auch auf die Gesundheitsversorgung, speziell die Diagnostik. Das Smartphone kann aufgrund der Überwindung räumlicher Distanz zwischen Leistungserbringer und Patient insbesondere in ländlichen Regionen von Vorteil sein (2). Aktuell werden innovative, diagnostische Technologien für Harnwegsinfektionen – häufig ein Grund für den Hausarztbesuch und hohe Ausgaben der Krankenkassen (3) – entwickelt und getestet, auch auf Smartphone-Basis (2, 4). Hier stellt sich die Frage: Welches Potenzial bietet eine Urinanalyse per Smartphone bei Verdacht auf Harnwegsinfektionen für Kostenträger?

Harnwegsinfektionen: Überwiegend Frauen betroffen

Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten bakteriellen Entzündungen im ambulanten Bereich, besonders Frauen sind betroffen: Exemplarisch litten im Jahr 2013 356 774 versicherte Frauen der Barmer GEK ab 12 Jahren an mindestens einer Harnwegsinfektion (3, 5). Die Diagnose findet in der Regel durch eine Urinkultur oder einen Urin-Schnelltest in ambulanten Praxen statt. Erstere beschreibt zwar den Goldstandard, ist im Praxisalltag aber mit einer Dauer von zwei Tagen sehr zeitaufwendig, weshalb der Urin-Schnelltest bei Verdacht auf eine Harnwegsinfektion häufiger angewandt wird (6). Er ist weniger zeitintensiv und kostet mit ca. zwei Euro (7) weniger als die Hälfte der Urinkultur (8), ist gleichzeitig aber unpräziser und fehleranfällig. In der Folge wird manchmal bei Nichtvorliegen einer Infektion Antibiotika gegeben oder eine Infektion bleibt unentdeckt und führt zu Komplikationen (3, 4, 9). Für eine schnelle und gleichzeitig präzise Diagnose scheint daher eine Smartphone-unterstützte Analyse vielversprechend (6, 10).

Das Smartphone wächst über sich hinaus

Viele Anwendungen der Smartphone-unterstützten Urinanalyse befinden sich noch in der Entwicklung bzw. Pilotphase (2). Beispielhaft wird bei einem britischen Dienst ein Set mit Urinbecher, Messstreifen und Farbtafel zu den Patientinnen nach Hause geliefert. So können insbesondere in ländlichen Regionen und vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie räumliche Distanzen überwunden, Kontakte minimiert und Kosten der Krankenkassen eingespart werden (11, 12). Eine leicht verständliche und kostenlose App führt durch den dreiminütigen Test. Der Teststreifen wird anhand der Färbung mittels Smartphone-Kamera analysiert und per Algorithmus ausgewertet. Zudem werden symptomatische Fragen gestellt, bevor medizinisches Fachpersonal ca. 30 Minuten später eine Diagnose in der App stellt. Bei einer wahrscheinlichen Harnwegsinfektion kann sogar innerhalb weniger Stunden ein Antibiotikum geliefert werden (11). Die Patientin hat zwar Kosten von 30 Euro – ein herkömmlicher, rezeptfreier Test kostet maximal zehn Euro. Doch die App-basierte Methode ist viel präziser und praktischer: Die Patientin spart sich den Arztbesuch und wird trotzdem fachlich begleitet. Vorteile gegenüber dem analogen Teststreifen für zuhause sind insbesondere die Unterstützung der Compliance und die automatisierte Datenübertragung (11, 13). Ein anderes Verfahren nutzt zusätzlich eine mobile Plattform. Das angeschlossene Smartphone erfasst die Bildsequenz und analysiert die Werte durch den Vergleich der Verfärbungen auf dem Teststreifen mit einer Referenztabelle (9).

Keine sichere Diagnose garantiert

Mögliche Herausforderungen der Smartphone-unterstützten Urinanalyse bei Verdacht auf Harnwegsinfektionen liegen höchstwahrscheinlich bei den Patientinnen. Die Eigenkosten stellen eine Hemmschwelle dar, speziell bei der Test-Methode mit Smartphone und zusätzlicher mobiler Plattform, die bis zu 100 US-Dollar kosten soll (2). Eine Urinkultur scheint als Test für eine Harnwegsinfektion immer noch präziser zu sein (2, 4), zumal die Patientin bei der Urinanalyse per Smartphone viel Eigenverantwortung trägt und das richtige Handeln auf Basis der Diagnose nicht garantiert ist (6). Der Test kann durch Medikamente verfälscht sein und bei falscher Handhabung können Folgekomplikationen aufgrund einer fehlenden Behandlung ein gegenteiliges Ziel erreichen: die zusätzliche Inanspruchnahme des Hausarztes und höhere Kosten für das Gesundheitswesen. Regulatorische Unterschiede erschweren es weiterhin, das Beispiel des britischen Dienstes auf Deutschland zu übertragen, insbesondere bezogen auf die Lieferung des Antibiotikums, das nicht direkt ohne Rezept vom Arzt beim Apotheker erlangt werden kann.

Das Smartphone auf der Überholspur

Die Smartphone-gestützte Urinanalyse bei Verdacht auf Harnwegsinfektionen bietet großes Potenzial für Kostenträger, wenn Patientinnen zuhause eigenständig zur Diagnose gelangen – mithilfe ihres Smartphones und ohne einen Hausarztbesuch. Eine Voraussetzung ist die richtige Reaktion der Patientin auf die Ergebnisse. Darüber hinaus kann die Diagnostik ausgeweitet werden, indem z. B. durch Glucosemessung auf Diabetes getestet wird oder die Methode kann in anderen diagnostischen Bereichen genutzt werden, z. B. bei der Analyse von Hautveränderungen (2, 4, 6). Die Entwicklung der mHealth-Welt und ihrer Geräte sowie die breite Nutzung des Smartphones verspricht in Zukunft große Chancen für die Smartphone-basierte Diagnostik und damit eine Entlastung für die Kostenträger. Krankenkassen profitieren durch die vermiedenen Hausarztbesuche und sparen folglich Kosten (2, 4). Die automatisierte Messung kann schließlich den Praxisalltag sowohl in ambulanten als auch in stationären Einrichtungen erleichtern, indem typische Fehler der manuellen Urinanalyse – z. B. Ablesefehler oder falsche Reaktionszeiten – vermieden werden.

Quellen

  1. Deloitte. Smartphone-Konsum am Limit? Studie zur Smartphone-Nutzung: Der deutsche Mobile Consumer im Profil 2020 Available from: [zum Original
  2. Hernández-Neuta I, Neumann F, Brightmeyer J, Ba Tis T, Madaboosi N, Wei Q, et al. Smartphone-based clinical diagnostics: towards democratization of evidence-based health care. J Intern Med. 2019;285(1):19-39. zum Original
  3. Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU). Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und zum Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. 2017. zum Original
  4. Davenport M, Mach KE, Shortliffe LMD, Banaei N, Wang T-H, Liao JC. New and developing diagnostic technologies for urinary tract infections. Nat Rev Urol. 2017;14(5):296-310. zum Original
  5. Dicheva S. Harnwegsinfekte bei Frauen. Glaeske G, Schicktanz C Barmer GEK Arzneimittelreport. 2015:107-37. zum Original
  6. Barnes L, Heithoff DM, Mahan SP, Fox GN, Zambrano A, Choe J, et al. Smartphone-based pathogen diagnosis in urinary sepsis patients. EBioMedicine. 2018;36:73-82. zum Original
  7. Gemeinschaftspraxis Dr.Lutz Mauersberg und Dr.Brit Wald. Gebührenverzeichnis für ärztliche Leistungen, Ziffern M.3630-M.4469 2016 zum Original.
  8. Kassenärztliche Bundesvereinigung. Urinuntersuchung 2020 zum Original.
  9. Choi K, Chang I, Lee JC, Kim DK, Noh S, Ahn H, et al. Smartphone-based urine reagent strip test in the emergency department. Telemedicine and e-Health. 2016;22(6):534-40. zum Original
  10. Jalal UM, Jin GJ, Shim JS. Paper–Plastic Hybrid Microfluidic Device for Smartphone-Based Colorimetric Analysis of Urine. Analytical Chemistry. 2017;89(24):13160-6. zum Original
  11. velieve. Treat your UTI today 2020 zum Original.
  12. Digital Health. Healthy.io launches smartphone urine test for women 2020 zum Original.
  13. mediherz.de. Harnteststreifen 2020 zum Original

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