Bug des Monats November 2023 - Stefan Zundel
November 2023
„Es wäre gut, wenn es für Kliniken eigene Budgets für Telemonitoring gäbe“
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*Angesichts der Personalknappheit werden Kliniken künftig nicht mehr um Fernüberwachung herumkommen, sagt Stefan Zundel, General Manager Germany beim Remote-Patient-Monitoring-Anbieter Doccla. Im Interview erzählt er, warum Großbritannien bereits viel stärker auf Home Monitoring setzt, warum die Sektortrennung die Fernüberwachung erschwert – und für welche Krankenhäuser das Thema auch heute schon interessant sein könnte.
Herr Zundel, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats: Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind Sie persönlich zuletzt gestoßen?
Für mich ist das die Trennung in den ambulanten und stationären Sektor mit getrennten Budgets. Das ist etwas, das Innovationen im deutschen Gesundheitswesen hemmt, insbesondere auch bei der Digitalisierung. Ein Beispiel dafür ist das Remote Patient Monitoring, die Fernüberwachung von Patienten in ihrem häuslichen Umfeld – der Bereich, in dem wir aktiv sind. Da gibt es viele Fälle, in denen es für die Patienten und auch aus Kostensicht besser wäre, wenn die Patienten zu Hause statt im Krankenhaus versorgt würden.
Wie problematisch die Sektortrennung ist, zeigt sich zum Beispiel auch an den vielen Fällen, bei denen Patienten aus dem Pflegebereich in die Notaufnahme kommen – etwa weil ein Katheter herausgerutscht ist, das Personal im Pflegeheim damit nicht zurechtkommt und der Hausarzt nicht erreichbar ist. Mithilfe digitaler Tools, wie etwa der Videosprechstunde, ließe sich sicherlich die Hälfte der Fälle, die aus dem Pflegebereich in die Notaufnahme kommen, abfangen. Unterm Strich kann man also auf jeden Fall sagen: Die Potenziale werden einfach noch nicht genutzt.
Was genau muss sich ändern?
Man könnte zum Beispiel auf ein Capitation-Modell setzen: In einer Gesundheitsregion würde es dann ein festes Budget für Gesundheitsausgaben pro Einwohner geben. Das sorgt dann dafür, dass die Stakeholder stärker ein Interesse daran haben, die Potenziale für eine Zusammenarbeit über die Sektorengrenzen hinweg zu heben. So ein Modell aufzubauen ist natürlich nicht einfach. Aber ich glaube, es muss in diese Richtung gehen.
Doccla ist vor allem in Großbritannien aktiv. Im Gegensatz zu Deutschland betreuen dort bereits viele Kliniken Patienten per Remote Monitoring. Woran liegt das?
Dass man auf Remote Monitoring setzt, ist eine Folge der schwierigen Situation des Gesundheitswesens im Land und des Drucks, der dadurch entstanden ist. In Großbritannien gibt es zu wenige Klinikbetten. Daher gibt es auch ein großes Interesse daran, Betten für neue Patienten freizubekommen. Es wurden daher eigene Budgets für Remote Monitoring festgesetzt, um frühere Entlassungen für Patienten zu ermöglichen, die dann zu Hause weiter überwacht werden. In Deutschland müssen wir verhindern, dass sich die Lage weiter verschlechtert – schon jetzt stoßen immer mehr Kliniken an ihre Kapazitätsgrenzen, besonders im Winter.
Welche Anwendungsfälle kommen generell für Remote Monitoring infrage?
Bei vielen Patienten, die wir überwachen, geht es um Herz- und Lungenerkrankungen, beispielsweise COPD oder Asthma. Insgesamt haben wir mehr als 40 akute Behandlungspfade und schalten derzeit einen weiteren Behandlungspfad pro Woche frei. Grundsätzlich ist aber vor allem der Zustand des Patienten entscheidend dafür, ob er für Remote Monitoring infrage kommt.
Wie läuft der Entscheidungsprozess genau ab? Wer legt fest, wer als Patient infrage kommt und wie viel Tage früher dieser entlassen werden kann?
Die Entscheidung trifft immer der behandelnde Klinik-Arzt, der unser System kennt und eine Schulung absolviert hat. Letztlich muss aber natürlich auch der Patient zustimmen, dass er entlassen wird und es per Remote Monitoring weitergeht.
Und welche Erfahrungen haben Sie dazu bei Doccla gemacht: Entscheiden sich viele Patienten gegen das Remote Monitoring?
Nein, denn zu Hause sind sie bei ihrem Mann oder ihrer Frau, da ist die gewohnte Umgebung, da ist der Hund. Kein Mensch, der nicht unbedingt im Krankenhaus sein muss, will im Krankenhaus bleiben. Und die Zufriedenheitswerte der Patienten, die wir bisher überwacht haben, bestätigen das.
Wenn Patienten nun per Remote Monitoring überwacht werden: Wie viele Tage weniger verbringen sie dadurch im Krankenhaus?
Wir haben eine Case-Study mit Asthma-Patienten in einem NHS Trust gemacht. Dabei zeigte sich, dass die Zahl der Belegungstage mithilfe von Remote Monitoring um 30 Prozent gesenkt werden konnte.
Sie haben gerade vom Druck für die Kliniken in Großbritannien berichtet, die Betten freizubekommen. Wie lässt sich angesichts dieses Drucks verhindern, dass Ärztinnen und Ärzte auch solche Patienten für das Remote Monitoring auswählen, für die es besser wäre, in der Klinik zu bleiben?
Wir haben für die Behandlungspfade Einschluss- und Ausschluss-Kriterien gemeinsam mit den Kliniken definiert. Das sind medizinische Kriterien, die festlegen, wann sich ein Patient eignet oder nicht. Ein Ausschlusskriterium können zum Beispiel bestimmte Vorerkrankungen sein. Das sorgt dafür, dass sich die Ärzte an bestimmte Parameter halten müssen.
Und wie sehen die Klinikärztinnen und -ärzte das Remote Monitoring? Sind sie gerne bereit, Patientinnen und Patienten zu entlassen und aus der Ferne zu überwachen, wenn sie stattdessen direkt am Patientenbett ihre Einschätzung treffen könnten?
Viele Ärzte sind in der Tat erst mal skeptisch. Sie wollen zum Beispiel wissen, wie sicher die Messgeräte sind oder wie das Vorgehen genau aussehen soll, wenn sich der Gesundheitszustand des Patienten verschlechtert. Was die meisten letztlich überzeugt ist, wenn Ärzte aus anderen Trusts – den Versorgungsregionen in Großbritannien – von ihren Erfahrungen mit Remote Monitoring berichten. Europaweit betreuen wir inzwischen ungefähr 10.000 Patienten täglich.
Wenn ein Patient für Remote Monitoring infrage kommt und aus dem Krankenhaus entlassen wird: Wie geht es dann genau weiter, wenn der Trust mit Doccla zusammenarbeitet?
Der Patient bekommt im Krankenhaus oder am nächsten Tag zu Hause eine Box. Darin sind zum einen mehrere Geräte, die auf den Behandlungspfad abgestimmt sind: Meistens ein Pulsoximeter, eine Blutdruckmessgerät, ein Thermometer sowie bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen häufig eine Waage. Zum anderen ist in der Box ein Tablet mit der Doccla-App und einer SIM-Karte, die sicherstellt, dass das Gerät auch immer Empfang hat. Je nach Behandlungspfad und Gesundheitszustand muss der Patient dann regelmäßig seine Werte übermitteln. Macht er das nicht, rufen wir den Patienten an.
In Großbritannien fördert die Bettenknappheit den Einsatz von Home Monitoring. In Deutschland sieht es bei der Bettenauslastung – im Durchschnitt – anders aus: Im Jahr 2021 lag sie bei 68 Prozent. Ist Deutschland als Markt für Doccla überhaupt interessant?
Es gibt ja auch in Deutschland durchaus Kapazitätsprobleme, wenn auch nicht flächendeckend. Und ich glaube, dass auch hierzulande der Druck zunehmen wird, auf Home Monitoring zu setzen. Hier gibt es einen anderen Grund dafür: Es gibt zu wenig Personal, was dazu führt, dass Betten nicht belegt werden können. Ich führe häufig Gespräche mit Krankenhäusern, die mir sagen, sie sind vollständig belegt, vor allem jetzt im Winter.
Was zudem eine Rolle spielen wird ist, dass die Krankenhausreform aller Voraussicht nach für Krankenhausschließungen sorgen wird. Gerade im ländlichen Bereich wird es künftig eine große Herausforderung sein, die Versorgung sicherzustellen und lange Fahrtzeiten zu vermeiden. Ich glaube, dass viele Krankenhäuser irgendwann nicht mehr auf Remote Monitoring verzichten können, um ein hohes Versorgungslevel sicherzustellen. Wir gehen deshalb davon aus, dass die Fernüberwachung in ein paar Jahren zum Standardrepertoire jedes Krankenhauses gehören wird.
Mit Blick auf die Vergütung dürften die Krankenhäuser in Deutschland aber weiterhin nur wenig Interesse an Remote Monitoring haben. In Deutschland wird bisher lediglich das Telemonitoring von Herzinsuffizienz vergütet. Zahlungen an Krankenhäuser für die Überwachung von Patienten mit anderen Erkrankungen gibt es nicht. Und daran wird sich auch aller Voraussicht nach erst einmal nichts ändern. So taucht etwa im Referentenentwurf für das Digitalgesetz das Thema Telemonitoring gar nicht auf.Für welche Kliniken könnte das Thema angesichts dessen überhaupt interessant sein?
Nur drei mögliche Beispiele: Es könnte erstens ein Krankenhaus sein, das zu wenig Pflegepersonal hat und dann mithilfe der Fernüberwachung auf Zeitarbeitskräfte verzichten könnte. Zweitens kann es sich für Krankenhäuser lohnen, die zu wenig Betten haben. Home Monitoring kann ihnen helfen, ihre Kapazitäten zu erhöhen und dadurch mehr Patienten aufzunehmen. Und drittens könnte es einer sehr großen Klinik ermöglichen, ihre Bettenzahl zu verringern – beispielsweise von 1.500 auf 1.300 Betten. So könnten die Patienten mit einem besseren Personalschlüssel betreut werden.
Wenn man sich die Kliniklandschaft anschaut, ist Home Monitoring dennoch hierzulande bisher kein großes Thema. Woran liegt das?
Ich glaube, dass viele Krankenhäuser in den vergangenen Jahren wegen des Krankenhauszukunftsgesetzes einfach sehr damit beschäftigt waren, ihre Digitalisierungsprojekte zu planen und einzuführen. Und wahrscheinlich wird das ja auch noch eine Weile dauern – auch wegen der begrenzten Zahl an IT-Fachkräften. Wir stellen aber fest, dass sich immer mehr Krankenhäuser wegen der Personalknappheit in der Pflege und der anstehenden Strukturreformen nun für die Zukunft aufstellen und mit dem Thema beschäftigen. Wir haben in Deutschland nun einen ersten Kunden, mit dem wir unseren Service gerade implementieren – den Namen kann ich noch nicht nennen.
Was müsste sich bei der Regulierung ändern, um den Einsatz von Telemonitoring attraktiver zu gestalten?
Es wäre gut, wenn es für die Kliniken eigene Budgets für Telemonitoring gäbe. Warum sollte ein Krankenhaus nicht auch dann eine – wenn auch geringere – Vergütung erhalten, wenn der Patient zu Hause betreut wird? Der Patient fühlt sich wohler, das Krankenhauspersonal wird entlastet, die Kosten im Gesundheitssystem sinken.
Ein Interview von Hendrik Bensch