Bug des Monats März 2023 - Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jens Scholz
März 2023
„Wir wollen dirigieren“
*
*Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) und 1. Vorsitzender des Verbandes der Universitätsklinika (VUD), spricht im Interview des ATLAS digitale Gesundheitswirtschaft über die Rolle der Universitätskliniken, die Digitalisierung des Gesundheitswesens und die Reformpläne des Bundesgesundheitsministers.
Herr Prof. Scholz, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats: Auf welches große Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind Sie persönlich zuletzt gestoßen?
Die Posse um den Konnektorentausch beim e-Rezept ist schwer zu toppen. Was viele nicht auf dem Schirm hatten, ist, dass es nicht nur die niedergelassenen Praxen betrifft, sondern auch die Krankenhäuser – und hier gibt es noch keine passgerechten Lösungen. Die Digitalisierung wurde fälschlicherweise bei den Arztpraxen begonnen und nicht bei den Uniklinika als größten Einheiten im Gesundheitswesen. Erst sollen alle Konnektoren aufgrund eines nicht möglichen Softwareupdates ausgetauscht werden. 400 Mio. Euro Versichertengelder stehen dafür im Raum. Dann sagt der Chaos-Computer-Club: Ein Update ist möglich, der Austausch nicht notwendig. Und so ist es nun auch. Man bedenke dabei, dass wir uns langfristig sowieso von einzelnen physischen Konnektoren verabschieden wollen.
Wenn die Digitalisierung in den Unikliniken beginnt, dann rücken diese auch ins Zentrum der ambulanten Versorgung?
Nein. Wir wollen die Funktion des Dirigenten – nicht das gesamte Orchester – darstellen. Dirigent sollte doch die höchste Versorgungsstufe sein, und das sind wir als universitäre Maximalversorger. Aber nötig für eine gute Gesundheitsversorgung ist nicht nur eine dirigierende Instanz, sondern ein großes Orchester an vielfältigen Leistungsanbietern.
Aber am Ende heißt Digitalisierung Zentralisierung, wenn man alles von den großen Einheiten her denkt.
Nochmal nein. Wenn über die Uniklinika eine Künstliche Intelligenz in die Versorgung kommt, die radiologische Normalbefunde ohne Mitwirkung eines Facharztes ermöglicht, dann ist das ein Gewinn für das Gesundheitswesen, denn dann können sich die weniger werdenden Radiologen auf die wirklich kniffligen Fälle konzentrieren. Das ist dann aber keine Zentralisierung, sondern eine sinnvolle Aufgabenteilung.
Sie haben im Jahr 2019 in Kiel und Lübeck Neubauten eröffnen dürfen, die Sie als „modernste Behandlungszentren Europas“ bezeichnen. Was bedeutet das und welche Rolle spielt Digitalisierung dabei?
Die IT des UKSH stellt nicht nur die Routine für den funktionierenden Betrieb sicher, sondern versteht sich als Innovationsplattform in enger Anbindung von Forschung und Lehre, von der das UKSH vor allem dank seiner beiden angeschlossenen Universitäten profitiert. Digitalisierung hilft uns, trotz steigender Kosten und sinkender Ressourcen – Stichwort Fachkräftemangel – Medizin auf Spitzenniveau für die Bevölkerung Schleswig-Holsteins anbieten zu können.
Was heißt das konkret?
Qualität und Effizienz sind zentral, und dabei hilft digitale Technik. Unter diesem Gesichtspunkt sind unsere Neubauten entstanden. Das beginnt mit Self-Check-in-Terminals für die Patienten und elektronischen Patientendaten, die an jeder Stelle im Krankenhaus abrufbar sind. Papier haben wir nicht mehr. Es reicht weiter über die digitale Visite bis zur Augmented Reality oder robotischer Navigation im OP. Die UKSH-App sorgt dafür, dass sich unsere Patienten zurechtfinden und durch unser Gelände navigiert werden. Wir haben eine hocheffiziente roboterbasierte Sterilgutaufbereitung. All das erspart unseren Mitarbeitenden überflüssige Routinen und steigert die Effizienz. In der Corona-Pandemie war all das zugleich wichtig mit Blick auf Hygiene und dem Infektionsschutz zuträglich. Über Bedside-Terminals können Patienten Wünsche äußern, die dann zielgerichtet entweder beim Servicepersonal oder unseren Pflegefachpersonen landen, und dort auch priorisiert werden können.
Wie profitiert die Forschung?
Auch die Forschung gewinnt durch die hohe Anzahl an erfassten Datenpunkten. Diese sind die Grundlage für neue Erkenntnisse. Dabei spielt eine computerbasierte Erkennung von Korrelationen und Mustern eine wichtige Rolle, auf deren Basis dann die kausalen Zusammenhänge überprüft werden können. Solche Modelle wiederum können die Grundlage für die Prädiktion von medizinischen Entgleisungen sein und spielen – beispielsweise bei der Früherkennung von Schlaganfällen oder einer Sepsis – eine zunehmende Rolle.
Im Rückblick: Was würden Sie anders machen? Welche Bugs haben sich im Zuge des Neubaus eingeschlichen?
Ich bereue nichts… außer dieser Anekdote: Nachdem wir unseren digitalen Wegweiser am Haupteingang am Netz hatten, bekamen wir einen verzweifelten Anruf aus unserer Gynäkologie: Ein männlicher Patient hatte sich in der Frauenheilkunde vorgestellt – weil wir die Zielorte in der Wegbeschreibung vertauscht hatten. Mit Digitalisierung ist es aber wie mit der Instandhaltung eines Hauses – damit wird man nie fertig!
Sie haben zuletzt einige ausgelagerte IT-Services wieder ins UKSH zurückgeholt. Was halten Sie davon, wenn Krankenhäuser ihre IT, ihr Datenmanagement und künftig vielleicht sogar KI-Anwendungen komplett auslagern?
Inhaltlich ist das so nicht ganz richtig. Wir haben die IT-Services weiterhin in einer Tochtergesellschaft ausgelagert und das hat sich auch sehr bewährt! Lediglich auf Gesellschafter-Ebene gab es eine Veränderung, weil der private Partner als Minderheitsgesellschafter ausgestiegen ist. Grundsätzlich hat es viele Vorteile, wenn die IT ausgelagert wird, da man sie so eher unter modernen Rahmenbedingungen effizient und effektiv betreiben kann. Allein beim „war for talents“ wird das perspektivisch immer wichtiger. Allerdings sollten wesentliche strategische Elemente wie das Datenmanagement in der Hoheit des Krankenhauses bleiben – mindestens was die übergeordnete Steuerung angeht. Für kleinere Krankenhäuser kann es dagegen sehr sinnvoll sein, schwierige und komplexe Digitalisierungsthemen auszulagern, da sie immer schwerer an entsprechende Ressourcen kommen werden.
Was halten Sie von Cloud-Lösungen für Kliniken?
Die Frage stellt sich, aber es fehlen hier noch die passenden Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen. Das betrifft den Datenschutz und die Finanzierung.
Wir haben zuletzt spektakuläre Verlagerungen von medizinischer Forschung weg aus Deutschland erlebt, prominentestes Beispiel Biontech. Wieso ist der Standort so unattraktiv für medizinische Forschung?
Wer heute forschen will, geht in die USA. Folge: Erfolgreiche Medikamente kommen kaum noch aus Deutschland und bei Produktionsengpässen sind wir bei der Belieferung unattraktiv. Das deutsche Gesundheitswesen steht vor der Entscheidung, ob es Gewinner oder Verlierer der digitalen Disruption sein will. 17 Datenschutzbeauftragte, die das gleiche Gesetz unterschiedlich auslegen, sind für Wissenschaftler eine Schwierigkeit, wenn man standortübergreifende Studien machen will.
Die Uniklinika in Deutschland arbeiten seit mehreren Jahren daran, Routinedaten für die medizinische Forschung zugänglich zu machen. Wo stehen Sie da?
Dank nationaler Förderprogramme wie der Medizininformatikinitiative oder dem Netzwerk Universitätsmedizin ist den Universitätsklinika ein Einstieg in das Forschungsdatenmanagement gelungen. Gleichzeitig ist dabei aber auch immer klarer geworden, dass dies nur der Beginn einer Reise war. So ist zum Beispiel die klinikumsweite Einführung eines Broad Consent, also einer Zustimmung der Patientinnen und Patienten zur Nutzung ihrer Daten und Biomaterialien, noch eine große Herausforderung für viele. Aber auch der Fokus muss erweitert werden. Bisher ging es, wie in der Frage angedeutet, viel um die Sekundärnutzung von Routinedaten für die medizinische Forschung. Entscheidend ist aber, dass moderne Wissens- und KI-Services gleichermaßen für die Patientenversorgung und die Forschung gedacht werden und dafür eine übergreifende, integrierte IT-Architektur etabliert wird.
Wie blicken Sie auf den geplanten EU-Raum für Gesundheitsdaten?
Sehr positiv. Am UKSH haben wir bereits das Prinzip des Broad Consent, demzufolge wir unsere Patienten bereits bei der Aufnahme bitten, einer umfassenden Datenspende zuzustimmen. Wir sind sehr stolz, dass wir dazu mehr Einwilligungen haben als alle anderen Krankenhäuser in Deutschland zusammen.
Sie betrachten Datenschutz vor allem als Hemmnis für Forschung und Patientenversorgung?
Datenschutz ist wichtig und richtig. Zugleich wird er aber viel zu oft als taktisches Mittel missbraucht. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht selbst der Möglichkeiten berauben, qualitativ hochwertige Medizin in bezahlbarer Form für alle anzubieten. Dies wird nur gelingen, wenn wir auch die Vorteile nutzen, die die Digitalisierung bietet. Andernfalls werden wir das Niveau der medizinischen Versorgung nicht halten können, Stichwort: Demographischer Wandel, und insbesondere international den Anschluss verlieren. Man muss sich einmal vor Augen halten, dass allein in Europa trotz gleicher EU-DSGVO unterschiedliche Rahmenbedingungen in den verschiedenen Ländern gelten. Mit der fortschrittlichen E-Health-Strategie von Dänemark könnten wir hierzulande viel erreichen. Datenschutz sollte sich darauf konzentrieren, Lösungen im Rahmen der Verhältnismäßigkeit zu schaffen. Dazu muss man auch mal Dinge den sich verändernden Rahmenbedingungen anpassen. Es ist auch eine ethische Frage, ob wir auf Basis von ausreichenden Forschungsdaten Krankheiten heilen können – im Verhältnis zum Recht des Individuums zur Weitergabe oder eben Nicht-Weitergabe seiner anonymisierten oder pseudonymisierten Daten.
Bundesgesundheitsminister Lauterbach hat eine revolutionäre Reform des deutschen Krankenhauswesens angekündigt. Von Digitalisierung, Telemedizin und KI ist dabei wenig die Rede. Inwiefern ist das ein Fehler?
Ich glaube nicht, dass der Minister hier einen Fehler macht. Zuerst geht es um die Frage: Welche, wie viele und wo brauchen wir in Zukunft Krankenhäuser? Das muss mit der Reform geklärt werden und dann kann man sich daran machen, diese Häuser, die am Netz bleiben müssen, stärker zu digitalisieren. Das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) hatte den Webfehler, dass man – mal wieder – mit der Gießkanne verteilt hat. Da wurde Geld an Krankenhäuser vergeben, die eigentlich vom Netz müssen, weil sie keine Zukunft haben. Die Politik, auch in den Ländern, muss sich jetzt ehrlich machen und mit dem Bund eine große Reform umsetzen, die dafür sorgt, dass die bedarfsnotwendigen Krankenhäuser am Netz bleiben. Bedarfsnotwendig sind vor allem zwei Gruppen von Krankenhäusern: Große Häuser in urbanen Regionen, allen voran die Universitätsklinika, und kleinere Häuser in der Peripherie, die in der Fläche die Versorgung zu sichern. Und dann kommt die Digitalisierung ins Spiel: Universitätsklinika werden in Zukunft noch viel stärker peripheren via Telemedizin Häuser niedrigerer Versorgungsstufen unterstützen. So bringen wir Expertise und Qualität in die Fläche. Das virtuelle Krankenhaus NRW hat das vorgemacht.
In Berlin gibt es Schätzungen, dass von 90 Krankenhausstandorten nach der Reform – sollte sie konsequent umgesetzt werden – noch 10 übrig blieben. Die Bettenzahl würde von 22.500 auf 7.500 sinken. Der Deutsche Evangelische Krankenhausverband sagt, im Raum Aachen müssten mehrere Geburtskliniken schließen, mehr als 4.000 Geburten jährlich würden an das dortige Uniklinikum verlagert. Sind nicht erhebliche Investitionsmittel erforderlich, damit diese Zentralisierung gelingen kann?
In deutschen Krankenhäusern liegen 50 Prozent mehr Patienten als in den Kliniken anderer EU-Staaten. Zugleich stehen 20 bis 30 Prozent der Krankenhausbetten in Deutschland wegen Personalmangels gar nicht zur Verfügung. Wenn wir ambulant so gut werden wie unsere Nachbarländer, Schleswig-Holstein grenzt bekanntlich an Dänemark, dann müssen wir keine Kapazitäten aufbauen.
Ambulante Geburten?
Wir erleben an unserem Standort in Lübeck gerade aufgrund von Klinikschließungen, dass wir dort künftig 1.400 zusätzliche Geburten jährlich haben werden. Bisher waren es 1.900. Dieser Zuwachs ist für ein Haus unserer Größe sehr gut zu bewältigen. Und er ist gut für die Patientinnen und ihre Neugeborenen, denn bei uns sind Geburtshilfe, Gynäkologie und Pädiatrie rund um die Uhr im Einsatz. Da muss kein Kind verlegt werden. Es steht permanent die volle Diagnostik eines Maximalversorgers bereit. Das ist doch ein echter Gewinn.
Der Unternehmer Bart de Witte hat im Januar im Bug-des-Monats-Interview (BUG DES MONATS Bart de Witte) dafür plädiert, dass es keine Daten-Exklusivität geben darf. Als Beispiel nannte er Daten von Krebspatienten eines Uniklinikums, mithilfe derer ein privates Pharmaunternehmen neue Biomarker für Brustkrebst-Tests entwickelt. Sollten solche Forschungsergebnisse öffentlich zugänglich sein?
Wesentlich ist hierbei, dass auf nationaler Ebene ein Rechtsrahmen für die sogenannte Datenspende geschaffen wird. Der Deutsche Ethikrat hatte diesen Begriff in seiner Stellungnahme „Big Data und Gesundheit“ 2017 eingeführt und das BMG hierzu 2020 auch ein – unter Kieler Beteiligung – erstelltes Fachgutachten veröffentlicht. Damit könnte eine sichere Grundlage für alle beteiligten Partner geschaffen und eine weitgehende Datennutzung ermöglicht werden.
Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf für den Gesetzgeber, um die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens voranzubringen?
Digitalisierung muss von der größten Einheit im Gesundheitswesen her gedacht werden, nicht von der kleinsten. Wir brauchen möglichst einheitliche Standards, beim Datenschutz mindestens deutschlandweit; bei technischen Standards muss man sogar noch größer denken, um Daten auch über Grenzen und Kontinente besser nutzbar zu machen. Investitionen müssen konzentriert und dürfen nicht mit der Gießkanne verteilt werden.
Ein Interview von Dr. Stephan Balling