Bug des Monats Juni 2023 - Max Müller
Juni 2023
„Die meisten Ärztinnen und Ärzte wollen nicht mehr als 30 Prozent ihrer Behandlungen telemedizinisch machen“
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In Deutschland laufen von allen Arzt-Patienten-Kontakten gesetzlich Versicherter im Primary-Care-Bereich weniger als ein Prozent telemedizinisch ab. Die derzeitige 30-Prozent-Begrenzung für telemedizinische Leistungen hält Max Müller, CEO der Telemedizin-Plattform TeleClinic, dennoch für falsch. Im Interview erklärt er, warum seiner Ansicht nach ein Ende der Deckelung nicht zu einer schlechteren Vor-Ort-Versorgung führt, wie die digitale Identität und das E-Rezept die Telemedizin vorbringen können – und warum der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt auch seiner Ansicht nach der Standard in der medizinischen Versorgung bleiben sollte.
Herr Müller, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats: Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind Sie persönlich zuletzt gestoßen?
Während der Coronapandemie wurden die Einschränkungen für die Telemedizin aufgehoben: Ärztinnen und Ärzte durften selbst entscheiden, wie groß der Anteil der Fälle ist, die sie mithilfe von Telemedizin behandeln. Im April vergangenen Jahres wurde die Beschränkung jedoch wieder eingeführt: Nun können sie maximal 30 Prozent aller Behandlungen per Videosprechstunde umsetzen. Wir hätten uns gewünscht, dass weiterhin alleine der Arzt oder die Ärztin entscheidet, welche Behandlung telemedizinisch durchgeführt wird. Denn unserer Wahrnehmung nach gehen die meisten Ärztinnen und Ärzte sehr verantwortungsvoll und umsichtig damit um, was telemedizinisch behandelt werden kann – und was nicht.
**Beim Ärztetag in diesem Jahr haben die Delegierten einerseits in mehreren Beschlüssen die Vorteile telemedizinischer Leistungen hervorgehoben. Andererseits haben sie auch eine Höchstgrenze für den Anteil digitaler Arzt-Patienten-Kontakte gefordert. Ihre Befürchtung ist, dass künftig ausschließlich telemedizinisch tätige Einrichtungen entstehen könnten, die keine
Präsenzbehandlung durchführen. Da es dann keinen persönlichen Patientenkontakt mehr gebe und körperliche und technische Untersuchungen wegfallen, könne sich die Qualität von Diagnostik und Therapie verschlechtern, befürchten die Delegieren. Wie sehen Sie das?**
Meines Wissens nach gibt es keine Studie, die zeigen würde, dass Telemedizin die Versorgung verschlechtert. Ich bin stattdessen davon überzeugt, dass sie die Versorgung verbessern kann, was einzelne Studien und Projekte bereits zeigen. Nichtsdestotrotz: Der Standard in der medizinischen Versorgung ist der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt – und das soll er ja auch bleiben. Das sehen auch wir bei TeleClinic so. Das ist unbedingt notwendig, um die Versorgungssicherheit in Deutschland auch lokal zu sichern. Telemedizin soll die Versorgung vor Ort unterstützen und ein relevantes Add-on sein. So kann beispielsweise über Telekonsile ärztliches Expertenwissen ortsunabhängig eingesetzt werden. Ärztinnen und Ärzte müssen immer von Patient zu Patient entscheiden: Ist es in diesem Fall möglich, Telemedizin zu nutzen? Was die Befürchtungen angeht, muss man auf jeden Fall im Hinterkopf haben: Von allen Arzt-Patienten-Kontakten gesetzlich Versicherter im Primary-Care-Bereich in Deutschland laufen derzeit weniger als ein Prozent telemedizinisch ab.
Schränkt der 30-Prozent-Deckel die Ärztinnen und Ärzte also nur theoretisch ein? Oder ist die Begrenzung tatsächlich ein Hemmnis?
Es gibt Ärztinnen und Ärzte, die gerne einen größeren Teil ihrer Patienten per Telemedizin behandeln würden – vor allem Early Adopter, die bekanntermaßen wichtig sind, um neue Technologien zu etablieren. Aber das dürfte eher die Ausnahme sein. Die meisten Ärztinnen und Ärzte machen viel weniger als 30 Prozent ihrer Behandlungen telemedizinisch – und wollen auch gar nicht mehr machen. Nichtsdestotrotz begrüßen wir es, dass das Bundesgesundheitsministerium in seiner Digitalstrategie angekündigt hat, die 30-Prozent-Begrenzung für telemedizinische Leistungen aufzuheben. Das gibt den Ärztinnen und Ärzten mehr Freiheiten und Möglichkeiten Sprechstunden-Kapazitäten anzubieten sowie den Beruf an die jeweilige, eigene Lebenssituation anzupassen. Damit wird der Beruf als selbständiger Arzt deutlich attraktiver.
Ich kann die Angst vor einer schlechteren Vor-Ort-Versorgung nicht ganz nachvollziehen. Kassenärztinnen und -Ärzte sind ja dazu verpflichtet, eine bestimmte Zahl an Sprechstunden anzubieten. Somit gibt es in der ambulanten Versorgung immer eine Vor-Ort-Komponente. Zu sagen: Ich mache nur Telemedizin und lasse die Praxis zu – das geht nicht. Ich sehe die Gefahr eines zu hohen Anteils telemedizinischer Versorgung zudem nicht, weil die einzelne telemedizinische Sprechstunde geringer vergütet wird als die Sprechstunde vor Ort.
Wie hoch ist der Abschlag gegenüber der Vor-Ort-Behandlung?
Der Unterschied beträgt – je nach Behandlung – zwischen 20 und 30 Prozent.
Während der Coronapandemie ist die Zahl der telemedizinischen Behandlungen stark gestiegen. Inzwischen deutet sich an, dass sie bundesweit nicht mehr weiter zulegen. Wie sah es bei der TeleClinic im vergangenen Jahr aus?
Bei uns ist die Zahl der telemedizinischen Behandlungen 2022 gegenüber dem Vorjahr weiter gestiegen. Und auch 2023 verzeichnen wir Zuwächse. Seit 2016 haben Ärztinnen und Ärzte insgesamt über eine Million Fälle über unsere Plattform behandelt. Das Wachstum ist natürlich nicht mehr so stark wie noch zu Corona-Zeiten. Aber wir wachsen immer noch mit einer Rate von sehr deutlich über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr und erwarten ähnliche Wachstumsraten für die nächsten Jahre.
Mit welchen Anliegen kommen die Patientinnen und Patienten denn vor allem auf Ihre Telemedizin-Plattform?
Das ist in großen Teilen so wie in einer allgemeinmedizinischen Praxis oder Hausarztpraxis. Die Patienten haben Bauch- und Kopfschmerzen, im Winter sind es viele Fälle mit Erkältung und Grippe. Neben den allgemein-hausärztlichen Themen sind es vor allem dermatologische, gynäkologische, urologische und kinderärztliche Fälle.
Ein Thema, das bei uns verglichen mit einer hausärztlichen Praxis wahrscheinlich überrepräsentiert ist, sind Themen, bei denen der Patient ein Schamgefühl mitbringt. Dazu gehört etwa die Sexualgesundheit. Das sind annähernd 7Prozent der Fälle auf unserer Plattform. Patienten sehen da offenbar in der telemedizinischen Behandlung einen Kanal, der noch mehr Diskretion suggeriert.
In Deutschland liegt der Anteil der telemedizinischen Fälle an allen ambulanten Fällen bei weniger als ein Prozent, haben Sie gerade berichtet. Wie sieht es in anderen Ländern aus: Wie hoch ist dort der Anteil?
In Europa sind es teilweise bis zu zehn Prozent der ambulanten Patientenfälle, etwa in Skandinavien. In den USA sind es in manchen Bundesstaaten sogar noch mehr. Beispielsweise gibt es in Kalifornien schon Versicherer, bei denen der Anteil der telemedizinisch unterstützten Fälle bei 20 bis 25 Prozent liegt. Man sieht: Das Potenzial für Deutschland ist noch sehr groß.
Was würde Ihrer Ansicht nach dazu beitragen, dass derAnteil in Deutschland steigt?**
Neben dem weiteren Abbau regulatorischer Hürden sind das insbesondere zwei Themen: zum einen die digitale Identität und zum anderen das E-Rezept.
Dann lassen Sie uns zunächst über die digitale Identität sprechen. Inwiefern hat sie Einfluss darauf, wie stark Patientinnen und Patienten telemedizinisch behandelt werden?
Wenn ein Patient Telemedizin nutzt, muss er bisher dem Arzt oder der Ärztin zu Beginn des Videogesprächs die Vorder- und Rückseite seiner Gesundheitskarte zeigen, um sich zu identifizieren. Am Anfang jedes Gesprächs steht also ein Verwaltungsvorgang – und nicht der Austausch über Symptome und das gesundheitlichen Anliegen des Patienten. Bisher ist das also immer ein etwas merkwürdiger Einstieg in den Arzt-Patienten-Kontakt. Dabei sollte es ja zunächst darum gehen, Vertrauen aufzubauen.
Wenn Patienten in Zukunft eine digitale Identität nutzen, ist von vornherein geklärt, wer da vor dem Bildschirm sitzt. Das würde also den Einstieg ins Gespräch erleichtern. Außerdem würde das Ärzten Zeit sparen. Denn wenn man davon ausgeht, dass ein Arzt mehrere hundert Mal im Quartal eine telemedizinische Konsultation durchführt und bei jeder davon eine Minute für die Identifizierung draufgeht, kommt eine Menge Zeit zusammen, die ein Arzt besser einsetzen könnte.
Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) hat angekündigt, dass PKV-Versicherte ab Mitte dieses Jahres eine digitale Identität erhalten sollen. Auch einige gesetzliche Krankenversicherungen wollen kurze Zeit später nachziehen. Sind dann die Probleme bald passé, die Sie gerade beschrieben haben?
Das freut uns sehr. Es wird spannend zu sehen sein, wie schnell tatsächlich ein nennenswerter Teil der GKV- und PKV-Versicherten ihre digitale Identität bekommen wird. Außerdem muss sich noch zeigen, wie verlässlich die Identitäten von Patienten und Ärzten eingesetzt werden.
Sie klingen skeptisch. Was befürchten Sie?
Ich glaube, meine Skepsis kommt daher, dass wir bisher in der Gesundheitsbranche oft Technologien ausgerollt haben, die die Arztpraxen vor einen Mehraufwand gestellt haben. Und bisher ist mir nicht bekannt, dass man bei den digitalen Identitäten schon genau absehen kann, wie sie umgesetzt werden. Wie benutzerfreundlich werden sie für den Patienten sein? Wie gut sind sie ins Praxisverwaltungssystem, das PVS, eines Arztes integriert? Das sind noch offene Fragen. Da müssen erst einmal sehr viele Softwarehersteller noch ihre Hausaufgaben machen.
Die Ärztinnen und Ärzte haben zu Recht den Anspruch, dass eine digitale Innovation, wie die digitale Identität, Arbeitsabläufe vereinfacht. Ich finde: Was die Reife und Nutzerfreundlichkeit von Software angeht, könnte die Gesundheitsbranche noch einen höheren Anspruch an sich selbst haben.
Wie sollte eine gute Lösung aussehen?
Lösungen aus dem Gesundheitsbereich mit solchen aus anderen Bereichen zu vergleichen, ist ja immer etwas schwierig. Aber ich glaube schon, dass sich Patienten eine Nutzerfreundlichkeit wie beim Smartphone wünschen. Apple stellt seinen Nutzern ja beispielsweise eine digitale Identität zur Verfügung, mit der die Nutzer entscheiden können, welche Informationen Apple mit Dienstleistern teilen darf. So lässt sich beispielsweise ein Account bei einem Social-Media-Netzwerk mit den Apple-Daten erstellen – ohne dass ich alle bei Apple hinterlegten Daten teilen muss. Das ist eine extrem ausgereifte User-Experience.
Ich glaube, der Anspruch von Patienten ist, dass sie so etwas auch im Gesundheitsbereich nutzen möchten. Heißt: Mit dem Account, den ich für den Zugang zu meiner Kassen-App nutze, kann ich mich in Zukunft auch bei anderen Gesundheitsdienstleistern identifizieren. Wenn digitale Identitäten dann in der Breite ankommen, wäre das für die Telemedizin ein Riesenschritt nach vorne.
Welche bestehenden Lösungen gibt es denn bisher?
Bei der TeleClinic haben wir erste gute Erfahrungen mit einer Art Single Sign-on-Verfahren von Versicherungspartnern gemacht. Wenn wir mit Versicherungen zusammenarbeiten, können diese ihren Versicherten ermöglichen, sich bei uns mit ihrem bestehenden Account anzumelden.
Was könnten aus Ihrer Sicht die Gematik, aber auch andere Akteure tun, damit der Start der digitalen Identitäten gelingt?
Ich glaube, die Gematik macht einen guten Job, weil sie sehr früh sehr viel Transparenz zur Roadmap geschaffen hat. Deswegen sehe ich eher uns und andere Softwarehersteller aus der Gesundheitsbranche gefordert, basierend auf den Informationen der Gematik frühzeitig Proof-of-Concepts zu entwickeln und auf dieser Basis der Gematik schnell Feedback zu Änderungsbedarf zu geben.
Wie sehen Sie die Entwicklungen beim E-Rezept, das ja für die Nutzung der Telemedizin auch ein wichtiger Baustein ist. Das Bundesgesundheitsministerium hat in seiner Digitalisierungsstrategie angekündigt, dass bis Mitte 2023 bundesweit die technischen Voraussetzungen zur Nutzung des E-Rezeptes geschaffen werden sollen und ein „beschleunigter verbindlicher Rollout“ im Jahr 2024 kommen soll. Glauben Sie, dass nun nach langer Zeit der Rollout gelingt?
Ich bin sehr optimistisch, dass es spätestens ab Anfang kommenden Jahres vorangehen wird. Zum einen wegen der politischen Vorgaben. Und zum anderen, weil nun viele Softwarehäuser im Medizinbereich besser vorbereitet sind, sodass die User-Experience für Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte besser wird. Außerdem glaube ich, dass der weitere Einlösungsweg über die elektronische Gesundheitskarte ein großer Beschleuniger für das E-Rezept sein kann.
Die neue Möglichkeit zum Einlösen des E-Rezepts in der Apotheke soll ab Sommer dieses Jahres verfügbar sein, hat die Gematik angekündigt. Neben der E-Rezept-App und dem Papierausdruck gibt es dann einen dritten digitalen Weg.
Genau. Und das dürfte auch für die Videosprechstunde ein Beschleuniger sein. Denn Patienten gehen ja auch zum Arzt, um sich ein Medikament verordnen zu lassen. Ärztinnen und Ärzte stellen gesetzlich Versicherten Patientinnen und Patienten derzeit über Telemedizin aber überwiegend noch digitale Privatrezepte aus, die sie dann selbst bezahlen müssen. Das macht die Telemedizin bisher noch für viele – insbesondere für chronisch Erkrankte – weniger attraktiv.
Ein Interview von Hendrik Bensch