Diese Seite ist für Menschen und Suchmaschinen gestaltet. Zur Version für KI-Systeme (LLM) →

Bug des Monats Juli 2023 - Eckhardt Weber

Juli 2023

„Diese Vielzahl an Akteuren, die mitbestimmen, ist für mich der größte Bug des Systems“

*Foto bug des MOnats*

Entwickler von Digital-Health-Anwendungen müssen darauf achten, dass das Gesundheitssystem auch bezahlbar bleibt, sagt Eckhardt Weber, Managing Partner bei Heal Capital. Sie müssen den gesamten Patientenpfad einberechnen und nicht nur den nächsten Behandlungsschritt, rät der Manager des Wagniskapitalfonds, in den private Krankenversicherer über 100 Millionen Euro investiert haben. Im Interview erklärt er außerdem, wieso weniger Akteure im Gesundheitssystem mitbestimmen sollten und was sich Politik und Unternehmen in Deutschland beim Thema Digital Health von anderen Ländern abschauen können.

Herr Weber, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats: Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind Sie zuletzt gestoßen?

Ein Bug, der mir immer wieder auffällt, ist die Marktkomplexität: Es gibt im deutschen Gesundheitswesen sehr viele Marktteilnehmer, die mitbestimmen, wie sich der Markt verändert: aus der Politik, von Bund und Ländern, der Selbstverwaltung, Verbänden und Lobbygruppen und viele mehr. Es sind viel mehr als in anderen Märkten. Sogar mehr als beispielsweise im Finanzbereich, der ja auch stark reguliert ist, mit nationalen und europäischen Gesetzen, mit BaFin und Bundesbank – und wo es dennoch schneller vorangeht als im Gesundheitswesen.

Warum ist die Vielzahl der Akteure Ihrer Ansicht nach problematisch?

Vorab: Natürlich brauchen wir demokratische Prozesse. Aber im Gesundheitsmarkt scheint es überhand zu nehmen. Es gibt ja in jedem Entscheidungssystem gute Gründe für direkte, indirekte oder repräsentative Organe. Im Gesundheitswesen führt es leider häufig dazu, dass Entscheidungen nicht getroffen oder umgesetzt werden. Und zwar deshalb, weil sich eine Veränderung immer auch für eine oder mehrere Gruppen negativ auswirkt – zumindest kurzfristig. Man muss sich ja nur den ewig langen Weg hin zur elektronischen Patientenakte oder zum E-Rezept anschauen. Diese Vielzahl an Akteuren, die mitbestimmen, ist für mich der größte Bug des Systems. Aber das ist nicht nur in Deutschland so, sondern auch in vielen anderen Ländern.

Nun gibt es ja auch viele gute Argumente dafür, den Gesundheitsbereich anders zu betrachten als beispielsweise den Finanzbereich.

Natürlich, den Gesundheitssektor kann man nicht rein aus der wirtschaftlichen Brille betrachten. Dennoch: Wenn sehr viele Leute mitreden, führt das dazu, dass Neuerungen nicht umgesetzt werden. Wir sollten das endlich ändern: Wenn es eine legitimierte Entscheidung für eine Veränderung gab, sollten wir auch versuchen sie umzusetzen. Bei Amazon nennt man das „Disagree and Commit“ – auch wenn man nicht sofort der Meinung ist, dass eine Entscheidung richtig ist, akzeptiert man sie und versucht, sie bestmöglich umzusetzen. Im Gesundheitssystem läuft es teilweise eher nach dem Motto „Disagree and therefore I don’t commit“. Das ist jetzt etwas zugespitzt formuliert. Aber ich glaube, es gibt einfach sehr viele Beispiele dafür, wie im Gesundheitswesen Innovationen gebremst werden.

Andererseits ist es doch sehr wichtig, die Akteure frühzeitig einzubinden. Die Ärzteschaft hat ja immer wieder beklagt, dass sie bei der Einführung neuer digitaler Elemente zu spät eingebunden wurde – und diese dann nicht nutzerfreundlich sind und für mehr Aufwand sorgen. Ist es vor diesem Hintergrund nicht doch besser, den Beteiligungsprozess zu weiten und mehr Akteure mit einzubeziehen?

Anhörung Ja, Einbindung Nein – denn je mehr ich einbeziehe, desto mehr Meinungen sind auch vertreten. Das mögen für die eigene Interessengruppe auch richtige Positionen sein, aber so kommen wir nicht weiter. Wir haben dadurch immer mehr Zahnräder, die sich gegenseitig blockieren.

Das heißt natürlich nicht, dass die Positionen, etwa von Ärzten, nicht einbezogen werden sollen – ganz und gar nicht. Die Innovationen müssen dem Versorgungsalltag gerecht werden. Aber ich glaube: Manchmal muss man die Akteure im Gesundheitswesen einfach dazu zwingen, über ihren Schatten zu springen und Innovationen im Alltag zu akzeptieren. Man muss sich auch mal darauf einlassen, weil man die Vorteile manchmal erst mit etwas Verzögerung erkennt. Viele werden dann feststellen, dass dadurch vieles effizienter und besser wird, als es vorher war – auch wenn man es im ersten Moment nicht wahrhaben möchte.

Diese Marktkomplexität beschäftigt mich immer wieder, vor Kurzem ist aber noch ein anderes Thema hinzugekommen, was man als Bug ansehen kann.

Und zwar?

Eigentlich sagt man ja, Technologie sei deflationär. Sprich: Mithilfe von Technologie kann ich Produkte oder Dienstleistungen schneller und einfacher herstellen oder erbringen, sodass der Preis sinkt. Im Gesundheitsbereich, vor allem im Digital-Health-Bereich, ist das aber nicht immer der Fall. Hier führt Technologie zum Teil dazu, dass die Versorgung ausgeweitet wird – und somit zusätzliche Kosten für das Gesundheitssystem entstehen.

Woran denken Sie dabei konkret?

Nehmen wir zum Beispiel die Telemedizin. Da lautet das Argument: Wenn zehn Prozent der Patienten Telemedizin nutzen, müssen diese nicht mehr zum Arzt fahren. Das spart ihnen Zeit und obendrein wird weniger CO2ausgestoßen – damit ist die Rechnung zu Ende. Wenn man aber einpreist, dass von diesen Patienten ein Teil später zusätzlich zum Arzt vor Ort geht, haben wir unterm Strich mehr Arztbesuche als ohne Telemedizin.

Das gleiche Phänomen lässt sich bei Diagnostik-Tools wie der Apple Watch oder dem Oura Ring beobachten: Je mehr ich tracke und mögliche Probleme entdecke, desto eher nutze ich das Gesundheitssystem, um mir eine Lösung zu suchen.

Es verwundert ein bisschen, solche kritischen Äußerungen von einem Manager zu hören, der mit seinem Fonds in digitale Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen investiert. Was hat Ihren Blick auf diese Aspekte gelenkt?

Die Investoren bei Heal Capital sind private Krankenversicherer. Mit ihnen und mit Vertretern von gesetzlichen Krankenversicherungen tauschen wir uns regelmäßig aus und lassen sie natürlich auch mögliche Investments kritisch hinterfragen. Und ein Aspekt, der in Gesprächen mit ihnen über KI in der Diagnostik zuletzt immer wieder aufkam, war: Je mehr ich diagnostiziere, desto mehr finde ich auch. Und das wiederum führt zu mehr Behandlungen. Das kann natürlich sehr sinnvoll sein, wenn sich dadurch frühzeitig ernsthafte Probleme erkennen lassen. Aber das muss nicht der Fall sein.

Aber durch Prävention, wie etwa mithilfe von KI-unterstützten Tools, ließen sich doch möglicherweise langfristig Kosten sparen.

Das stimmt, aber manche Entwickler solcher Tools schauen nur auf den nächsten Schritt. Man muss jedoch den gesamten Patientenpfad mit einberechnen. Das ist etwas, bei dem einige Start-ups noch besser werden müssen: Sie müssen nachweisen, dass ihre Innovation für den gesamten Patientenpfad Kosten spart. Wenn sie das schaffen, wird es für sie auch leichter werden, die Technologie ins System zu bekommen. Denn am Ende müssen die Versicherten die Innovationen bezahlen. Die Entwickler müssen daher auch darauf achtgeben, dass das System bezahlbar bleibt.

Wie sieht Ihre Prognose aus: Was sind Bereiche, in denen Technologie im Gesundheitswesen Kosten einsparen wird?

Es sind vor allem Lösungen, die dem Personal im Gesundheitssystem helfen, mehr Zeit für die Arbeit mit Patienten zu haben – und weniger Zeit in die Arbeit stecken zu müssen, die administrativ ist, also Dokumentationen und dergleichen.

Welche Rolle wird künstliche Intelligenz spielen?

Ich glaube, dass künstliche Intelligenz das Personal in Zukunft bei vielen Arbeitsschritten unterstützen und dadurch Arbeit abnehmen kann: von der Anamnese über die Diagnostik bis hin zur Therapieentscheidung. Eine große Rolle spielt dabei, dass der Computer und die menschliche Stimme stärker „zusammenwachsen“. Wenn ein Computer genau versteht, was man sagt, wird es viel leichter, Prozesse durch mehr Computer-Unterstützung zu nutzen. Wenn der Arzt künftig nicht mehr auf den Computer schauen muss, sondern der Computer mithilfe eines Mikrofons alles perfekt dokumentiert, für die Abrechnung aufbereitet und in der Patientenakte ablegt, ist das eine riesige Erleichterung. Und das wird in den nächsten Jahren kommen.

Ihre These bei Heal Capital ist, dass durch die Konvergenz von Gesundheitswesen und Technologie eine neue Welle von Marktführern entlang des gesamten Patientenpfades entstehen wird. In welchem Bereich wird das Ihrer Ansicht nach vor allem der Fall sein?

Wir glauben, dass wir in ein Zeitalter der Plattformen im Gesundheitswesen kommen werden. Das können vertikale Plattformen sein, wie etwa Avi Medical, eines der Start-ups, in das wir investiert haben.

Avi Medical übernimmt Hausarztpraxen und digitalisiert sie.

Bei vertikalen Plattformen wie Avi Medical bekommt der Patient alles aus einer Hand: es gibt auf der Plattform ein Terminbuchungselement, er gelangt so über die Plattform zum Arzt, wo er digital, per Chat oder in der Praxis behandelt wird und kann im Nachgang auch weiter gemonitort werden. Alles kommt von einem Unternehmen.

Auch horizontale Plattformen mit Endkundenbezug werden immer bedeutsamer werden – so wie etwa Doctolib vielleicht einmal die „front door to everything in healthcare“ in Europa wird. Patienten werden zunehmend das Terminbuchungsportal nutzen, das sie kennen – und somit zu den Ärzten gehen, die auf der Plattform vertreten sind. Ärzte sagen sich dann: Wenn die meisten Patienten über Doctolib buchen, gehen wir auch auf diese Plattform.

Und das Gleiche wird es auch im Geschäftskundenbereich geben, mit Software-as-a-Service zum Beispiel für Apotheker, Ärzte, Pflegeunternehmen. Es werden sich Unternehmen mit Softwareprodukten durchsetzen, die besser anhand von Kundendaten helfen können, effizienter zu arbeiten als andere. Sie werden dann so groß werden, dass sie zu Plattformen werden. Und das führt dazu, dass diese Plattformen auch eine gewisse Marktmacht bekommen. Das wird beispielsweise bei KI-Diagnostik der Fall sein, aber auch bei Klinik-Informationssystemen, Praxis-Verwaltungssystemen und Dokumentationssoftware.

Wenn Sie auf den Bereich Digital Health in Deutschland schauen: Wo stehen die Start-ups aus Ihrer Sicht im Vergleich zum europäischen Ausland?

Ich glaube, im europäischen Vergleich stehen viele Start-ups extrem gut dar und müssen sich nicht verstecken. Wir haben hier zwar noch keine Zalandos im Gesundheitsbereich, aber zum Beispiel mit Amboss, Caresyntax oder auch Avi Medical schon sehr erfolgreiche Unternehmen. Es gibt nur ein paar kleinere und wenige große Länder, die bessere Rahmenbedingungen bieten – etwa Schweden, Frankreich und England.

Was können sich Politik, Unternehmen, aber auch andere Akteure in Deutschland von diesen Ländern abschauen?

Da gibt es zwei zentrale Punkte: Der erste ist, dass es dort mehr Geld für Innovationen gibt, weil die Anreize besser sind. In England – und künftig wohl auch in Frankreich – ist das Steuersystem für Leute attraktiver, die Geld in junge Innovationen stecken wollen. Außerdem werden Mitarbeiter, die sich an ihrem Unternehmen beteiligen wollen, weniger stark steuerlich belastet.

Und was ist aus Ihrer Sicht der zweite zentrale Punkt?

Das sind die kulturellen Aspekte. Wenn wir in Deutschland über Unternehmertum sprechen, geht es in vielen Diskussionen nur darum: Was wird falsch gemacht? Was ist schief gelaufen? Warum ist jemand gescheitert? In anderen Ländern wie den USA, aber auch in Schweden werden Menschen dafür gefeiert, dass sie Risiken eingehen. Im Start-up-Bereich riskieren viele Leute Kopf und Kragen und arbeiten Tag und Nacht, um etwas zu bewegen. Ich finde, das sollte man auch honorieren und im Zweifel erst einmal das Positive sehen! Ich glaube, man müsste daher schon Schülern vermitteln, dass es ein toller Schritt im Leben ist, wenn man einfach mal eine Idee umsetzt, ein Unternehmen aufbaut – und dass man dabei ruhig auch scheitern darf. Aber dieses Denken in der Gesellschaft zu ändern, ist natürlich etwas, das viele Jahre dauert.

Sie haben gerade beklagt, dass die Finanzierung von Innovationen hierzulande nicht umfassend genug ist. Was müsste sich verbessern?

Mit Blick auf Venture Capital müsste man mehr Institutionen davon überzeugen zu investieren. Ich bin immer noch beeindruckt, dass sich die privaten Krankenversicherungen getraut haben, 100 Millionen Euro in die Hand zu nehmen. Angesichts der Gesamtsumme, die sie verwalten, mag das nicht nach viel klingen. Was man aber im Hinterkopf behalten muss: Manche privaten Krankenversicherungen hatten sich vorher noch nie mit Venture Capital auseinandergesetzt.

Es wäre außerdem gut, wenn auch der Bund neue Geldtöpfe schaffen würde, wie es sie etwa mit dem Innovationsfonds bereits gibt. Im Vergleich mit anderen Ländern liegt Deutschland nämlich weit zurück, wenn man schaut, wie viel Geld ein Land pro Bürger für Venture-Capital-Innovationen ausgibt. In Europa liegt Deutschland im Mittelfeld, in den USA sind es jedoch 20 Mal so viel wie hier, in Israel noch mehr.

Steht denn wirklich zu wenig Geld zur Finanzierung von Innovationen zur Verfügung? In den vergangenen Jahren waren die Bedingungen, um an Investments zu kommen ja sehr gut, weil die Zinsen niedrig waren. Man hatte ja eher manchmal das Gefühl, dass zu viel Geld im System war und auch Unternehmen mit unsoliden Geschäftsmodellen eine Finanzierung erhalten konnten.

Sicherlich ist in den vergangenen Jahren viel Geld in Unternehmen geflossen, die unsere Volkswirtschaft nicht weiter bringen – man denke etwa an diese 10-Minuten-Lieferdienste. Für andere Bereiche sehe ich das aber nicht, zum Beispiel Deep Tech. In diesem Bereich gibt es definitiv eine Menge guter Ideen, aber zu wenig Geld und vielleicht auch zu wenig Unterstützung in der universitären Ausbildung.

Zu wenig Geld gibt es meiner Ansicht nach auch weiterhin für Start-ups im fortgeschrittenen Stadium. Solche, die die Chance haben, richtig groß zu werden in Europa oder sogar weltweit. In solchen Fällen sieht man immer wieder, dass die Finanzierung häufig nicht aus Deutschland kommt. Wenn diese Finanzierungsmöglichkeiten besser würden, würde das nicht nur den bestehenden Start-ups helfen, sondern auch andere animieren, selber unternehmerisch tätig zu werden.

Ein Interview von Hendrik Bensch