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Bug des Monats Februar 2024 - Marek Rydzewski

Februar 2024

„Es soll eine ,ePA für alle‘ geben – und nicht eine ePA, die schon alles kann“

Kein Unternehmen entwickelt seine Produkte so, dass sie von Anfang an eine 120-Prozent-Lösung bieten, sagt BARMER-CDO Marek Rydzewski mit Blick auf die Kritik an der sogenannten elektronischen Patientenakte für alle, die Anfang kommenden Jahres starten soll. Im Interview erklärt er, warum für die erste Ausbaustufe nicht laufend weitere Funktionen ergänzt werden sollten, wie der Einsatz digitaler Identitäten bei der Krankenkasse angelaufen ist – und wie die BARMER die neuen Möglichkeiten des Gesundheitsdatennutzungsgesetzes für Hinweise an Versicherte nutzen will.

Herr Rydzewski, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats? Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind Sie persönlich zuletzt gestoßen?

Für die Digitalisierung gibt es im Englischen zwei Begriffe. Zum einen digitization – im Sinne von etwas aus analoger Form in eine digitale zu übertragen. Zum anderen digitalization, also auch die Prozesse komplett neu zu überdenken. In Deutschland haben wir uns im Gesundheitswesen bisher eher auf das Thema digitization begrenzt und haben Angst vor der Veränderung. Zum Beispiel beim E-Rezept. Hier wird versucht, das, was wir auf Papier lieb gewonnen haben, einfach in eine digitale Form zu übertragen, ohne dabei zu verstehen, dass man zum einen viel weiter gehen könnte und dass sich zum anderen die Abläufe nicht einfach von Papier auf digital übertragen lassen.

Beim E-Rezept hat man zudem zunächst so getan, als ob es nur dann ein E-Rezept ist, wenn es über eine App aufgerufen wird. Mittlerweile haben wir auch die Token-Lösung per Ausdruck und als dritte Option das Einlösen per elektronischer Gesundheitskarte. Wir müssen verstehen, dass Digitalisierung nicht App-only ist. Digitalisierung ist auch eine graduelle Veränderung.

Sie haben gerade die Angst vor Veränderungen angesprochen. Wie lässt sie sich abbauen?

Wir binden zum Beispiel unsere Versicherten in die digitale Produktentwicklung ein und holen uns Feedback. Wir wollen verstehen, was Versicherte motiviert oder demotiviert, digitale Lösungen zu nutzen. Und das Gleiche machen wir mit unseren Mitarbeitenden. Denn sie müssen die digitale Transformation ja mittragen. Wir haben hierzu beispielsweise Initiativen gestartet, um die Digitalkompetenz zu steigern. Wir wollen unsere Mitarbeitenden im Umgang mit digitalen Lösungen der BARMER stärken. Denn wenn sie sich unsicher fühlen, werden sie nicht die notwendige Überzeugungskraft für unsere Lösungen mitbringen. Und das gilt natürlich auch für andere Akteure im Gesundheitswesen, also beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Arztpraxen. Letztlich kommt es auf die Digitalkompetenz aller Player im Markt an.

Wenn Sie Versicherte bei der Entwicklung von Angeboten einbinden, wie sieht das genau aus?

Wir haben für die BARMER-App den Kompass entwickelt. Das ist eine Funktion mit der man den aktuellen Bearbeitungsstand von Anträgen und Vorgängen transparent nachverfolgen kann. Diese Produkte haben wir zusammen mit Versicherten entwickelt, mit Blick auf die Informationstiefe und Informationsbreite. Sprich „Was ist für Versicherte wichtig, wenn sie einen Antrag stellen und dann die Entscheidung dazu von uns als Krankenkasse bekommen?“ Dabei geht es nicht nur darum, ob die Entscheidung positiv oder negativ ausgefallen ist. Es geht auch darum, wie sich zum Beispiel die Höhe des Krankengeldes oder der Zuschuss beim Zahnersatz zusammensetzt. Wir wollen damit die Berechnung für die Versicherten noch besser nachvollziehbar machen.

Seit Anfang dieses Jahres müssen Krankenkassen ihren Versicherten auf Wunsch eine Gesundheits-ID zur Verfügung stellen. Mit der digitalen Identität können sich Versicherte ohne eine Karte bei den Anwendungen der Telematikinfrastruktur anmelden. In Zukunft soll die digitale Identität eine vollwertige Alternative zur bisherigen Gesundheitskarte, der eGK, werden. Wie werden Versicherte Ihrer Ansicht nach von der digitalen ID profitieren?

Dass die digitale Identität die eGK ablöst, wird erst mittelfristig der Fall sein. Entscheidend ist, dass wir durch die digitale Identität ein hohes Schutzniveau für die digitale Verwaltung von Sozial- und Gesundheitsdaten erreichen. Wenn im nächsten Jahr die „ePA für alle“ kommt, wollen alle Versicherten sicher sein, dass sie die Hoheit über ihre Daten haben. Und dafür benötigt man eine eindeutige Identifikation. Die digitale Identität ist somit der Schlüssel zu einem Hochsicherheitsspeicher wie der elektronischen Patientenakte. Und das ist nicht nur für den einzelnen Versicherten wichtig, sondern für das ganze System. Ein Identitätsdiebstahl würde dieses mit beschädigen.

Die BARMER hatte Mitte September als erste Krankenkasse die Zulassung für ihre Gesundheits-ID erhalten. Wie ist der Einsatz digitaler Identitäten bei der BARMER angelaufen?

Sie ist nun seit Dezember im Einsatz, aktuell haben etwa 80.000 BARMER-Versicherte eine digitale Identität.

Ist das Ihrer Ansicht nach ein guter Wert?

Meiner Meinung nach ist das erstaunlich viel, wenn man berücksichtigt, welch schlechte Presse der neue Personalausweis mit der Online-Ausweisfunktion bisher bekommen hat. Den neuen Ausweis mit der PIN benötigt man für die digitale Identität. Bisher gibt es aber noch nicht so viele Use Cases für den Einsatz der Online-Ausweisfunktion. Der Erfolg der digitalen Identität hängt maßgeblich davon ab, inwieweit es uns gelingt, genügend attraktive Use Cases zu generieren, damit sich der Aufwand lohnt, sich die digitale Identität anzulegen.

Welche Use Cases bietet die BARMER ihren Versicherten?

Hier ist vor allem die ePA zu nennen. In ihrer heutigen Ausbaustufe hat sie ein paar Grundfunktionen sowie einige zusätzliche Module, die Mehrwerte bieten. Dazu gehört zum Beispiel ein Modul für mentales Wohlbefinden, bei dem man anhand einer Selbsteinschätzung einige Empfehlungen bekommt, wie man sich um sein persönliches Wohlbefinden kümmern könnte. Wir stellen unseren Versicherten außerdem eine aggregierte Behandlungshistorie der letzten Jahre zur Verfügung, mit einer Zusammenfassung aller Medikationen, Krankenhausaufenthalte und ambulanten Diagnosen. Es lässt sich auch der Impfstatus anzeigen, der aktuell noch aus manuell gepflegten Daten generiert wird. In Zukunft – wenn die medizinischen Informationsobjekte rund um das Thema Impfen zur Verfügung gestellt werden – wird sich dieses System automatisch befüllen. Dann werden auch Lücken im Impfschutz aufgezeigt und Erinnerungen für anstehende Auffrischungsimpfungen verschickt.

Solange Versicherte aber noch keine ePA haben, ist für sie auch die Gesundheits-ID noch nicht interessant, oder?

Wir werben dafür, dass Versicherte schon heute für die Zukunft vorsorgen. Denn wer in Zukunft die ePA nutzen möchte, will womöglich auch mit seiner digitalen Identität darauf zugreifen und muss sie dann erst noch beantragen und darauf warten.

Die ePA wird in der Ausbaustufe im kommenden Jahr noch einmal anders ausgestaltet sein als die bisherige. Wie werben Sie bereits jetzt für etwas, was in dieser Form noch gar nicht verfügbar ist?

Ich glaube, zunächst wird die öffentliche Diskussion uns quasi als Werbekampagne dienen. Wir haben immer wieder festgestellt, wenn die ePA zum Beispiel in der Tagesschau oder den Tagesthemen angesprochen wurde, sind daraufhin die Downloads der App bei uns sprunghaft gestiegen. Wir bitten die Versicherten jetzt schon, wenn sie sich in die ePA einloggen, sich eine Gesundheits-ID zuzulegen. Im Herbst werden wir die Versicherten dann anschreiben und über die ePA und die digitale Identität informieren.

Die „ePA für alle“ soll nächstes Jahr starten. Bisher haben knapp über ein Prozent der gesetzlich Versicherten eine Akte eingerichtet. Worin sehen Sie momentan noch die Knackpunkte auf dem Weg hin zu einem gelungenen Start einer „ePA für alle“ – und wie können diese Knackpunkte gemeistert werden?

Anfang Januar soll es eine „ePA für alle“ geben – und nicht eine ePA, die schon alles kann. Momentan wird in der Öffentlichkeit viel darüber diskutiert, was die ePA am 15. Januar alles nicht kann oder nicht können wird. Das ist das, was uns in Deutschland immer wieder in der Diskussion zur digitalen Transformation im Gesundheitswesen zurückwirft.

Es gibt natürlich Grundvoraussetzungen, die für die „ePA für alle“ auch schon von Beginn an wichtig sind: Sicherheit, eine klare Grundstruktur und ein gutes Berechtigungskonzept. Dann muss die ePA wachsen. Kein Unternehmen entwickelt seine Produkte so, dass es von Anfang an eine 120-Prozent-Lösung gibt. Benötigt wird stattdessen eine Hochlaufphase, in der wir optimieren.

Das führt nicht dazu, dass die ePA wertlos ist. Auch heute schon ist die ePA eine super Lösung. Denn letztlich geht es darum, Daten überhaupt verfügbar zu machen. Es ist besser, unstrukturierte Daten zu haben, als gar keine.

Ist die Erwartungshaltung also Ihrer Ansicht nach zu groß?

Die Erwartungen müssen durchaus groß sein. Aber was mir Sorge macht, ist, dass schon ein Jahr vor der Einführung Stimmung dagegen gemacht wird. Ärzte sind Vertrauenspersonen, und wenn sie keine positive Überzeugung von der elektronischen Patientenakte vermitteln, werden wir es schwer haben, dieses System zu etablieren.

Kürzlich haben die großen Verbände von Ärzten, Zahnärzten und Apothekern kritisiert, dass bei der „ePA für alle“ zu Beginn „elementare Bestandteile, die für eine nutzenstiftende Verwendung im Versorgungsalltag benötigt werden“, fehlten – zum Beispiel eine Volltextsuche und ein zentraler Virenscanner. Ist es nicht verständlich, dass sich die Leistungserbringer von Beginn an eine gute Funktionalität wünschen, sodass sie im Versorgungsalltag damit auch vernünftig arbeiten können?

Man muss zum einen sehen, dass man ohne ePA in einem Papierordner auch keine Volltextsuche starten kann. Zum anderen sage ich ja nicht, dass wir keine Volltextsuche brauchen. Ich kann mir auch vorstellen, dass sie sinnvoll ist. Aber die Frage ist, brauchen wir diese Funktion von Beginn an? Und man muss sich fragen, ob uns die Volltextsuche hilft, wenn die ePA bisher hauptsächlich mit PDF-Dokumenten befüllt ist.

Was wir brauchen, ist eine kurz-, eine mittel- und langfristige Perspektive für die ePA. Wenn man sagt, ich bin nur bereit, die ePA zu nutzen, wenn sie schon die mittelfristige Perspektive abbildet, dann werden wir es schwer haben. Wenn ich keine Erfahrung sammeln kann im Umgang mit der ePA, kann ich auch nicht wissen, was eigentlich notwendig ist.

Außerdem ist zu beachten, dass wir als Krankenkasse die ePA umsetzen und dabei Planungssicherheit brauchen. Wir können für die erste Ausbaustufe nicht immer neue Funktionen ergänzen. Notwendige Änderungswünsche kann man in eine Roadmap integrieren und so die ePA in Zukunft ausbauen und optimieren. Aber wir brauchen eine Zielvorgabe für einen Startpunkt, der nicht in fünf Jahren ist, sondern in einem Jahr.

Es ist zwar noch ein langer Weg bis zum 15. Januar 2025, aber wir müssen ihn in einem recht hohen Tempo gehen, mit möglichst wenig Ablenkung und klaren Meilensteinen. Wir sind optimistisch, dass wir das hinbekommen. Aber alles, was zusätzlich hinzukommt, stellt ein Risiko für den anvisierten Termin dar.

Ende vergangenen Jahres hat der Bundestag das Gesundheitsdatennutzungsgesetz verabschiedet. Kranken- und Pflegekassen dürfen ihren Versicherten künftig auf Basis von Abrechnungsdaten personalisierte Hinweise geben, wenn dies nachweislich dem individuellen Schutz der Gesundheit der Versicherten dient – zum Beispiel der Arzneimitteltherapiesicherheit oder der Erkennung von Krebserkrankungen oder seltenen Erkrankungen. Wie will die BARMER diese neuen Möglichkeiten nutzen?

Das kann zum Beispiel bei der Arzneimitteltherapiesicherheit der Fall sein oder bei der Prävention, um Empfehlungen auszusprechen. Grundsätzlich ist aber sehr viel Vorsicht geboten. Jede Kasse wird sich ganz genau überlegen, zu welchem Thema sie welche Versicherten auf welchem Weg anspricht und dabei sehr sorgfältig und verantwortungsvoll mit den Möglichkeiten umgehen.

Was heißt das?

Das heißt, dass im Hintergrund wissenschaftliche Analysen laufen und die Modelle dafür mit den Aufsichtsbehörden abzustimmen sind. Aber wir haben ja auch schon Erfahrungswerte. Viele unserer Versorgungsverträge waren und sind ebenfalls datenbasiert. Wenn wir Versicherte auf ein Risiko hinweisen, dann führt das zu einer gewissen Betroffenheit und Nachfragen bei Ärzten. Dessen sind wir uns sehr bewusst. Wir haben kein Interesse daran, Versicherte lediglich auf ein Risiko hinzuweisen und sie dann damit allein zu lassen. Es geht nicht darum, einfach nur eine Warnung auszusprechen oder einen Hinweis zu geben. Auch die darauffolgenden Schritte müssen bedacht und im Idealfall bereits mit den betreffenden Leistungserbringergruppen etc. abgestimmt sein, bevor eine Empfehlung erfolgt. Es muss viel zusätzlich passieren, damit die in den neuen Paragrafen gesetzten Erwartungen erfüllt werden. Aber dieser Herausforderung stellen wir uns!

Wie wollen sie dieser möglichen Verunsicherung bei Versicherten vorbeugen?

Wir werden uns Partnerschaften suchen, damit Versicherte sichergehen können, dass ihnen geholfen wird. Und wir können auf eigenes Wissen zurückgreifen. So haben wir zum Beispiel in den letzten Monaten Erfahrungen mit der digitalen Darmkrebsvorsorge gesammelt. Wir haben dabei anhand von Standardparametern wie dem Alter dazu eingeladen, eine Darmkrebsvorsorge durchzuführen, flankiert mit Informationsangeboten, Testmöglichkeiten zu Hause und ärztlichen Konsultationen bei Bedarf.

Wir haben mehr als 1,7 Millionen Versicherte zur Darmkrebsvorsorge eingeladen und mehrere hunderttausende haben sie in Anspruch genommen. Das Feedback war äußerst positiv.

Ich sehe die Möglichkeit der Datennutzung nicht im Kontext eines einzelnen Briefes. Es werden sich daraus stattdessen komplette Versorgungsangebote entwickeln, die weit über ein bloßes Anschreiben, eine SMS oder einen Anruf hinausgehen. Es geht letztlich um nicht weniger als unsere Glaubwürdigkeit als Gesundheitsbegleiter. Und die setzt niemand so einfach so aufs Spiel.

Ein Beitrag von Hendrik Bensch