Bug des Monats Februar 2023 - Roland Engehausen
Februar 2023
„Detailregeln behindern den digitalen Fortschritt“
Roland Engehausen, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhaus-gesellschaft (BKG), rät Krankenhäusern dazu, sich mit anderen zu vernetzen, um die digitalen Chancen besser nutzen zu können. Im Interview spricht er über Probleme des Krankenhauszukunftsgesetzes und geht auf eine Initiative für die digitale Zusammenarbeit von Krankenhäusern in Bayern ein.
Herr Engehausen, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats: Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland sind Sie persönlich zuletzt gestoßen?
Einschneidend war die Ankündigung der Software-Firma SAP, in den kommenden Jahren ihre Krankenhauslösung Industry Solution Healthcare (IS-H) einzustellen und keine eigene Nachfolgelösung mehr zu entwickeln. Das könnte nicht zuletzt mit Blick auf das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) ein Problem werden, denn in vielen KHZG-Förderanträgen bildet die SAP-Branchenlösung IS-H einen wichtigen Baustein. Wenn Krankenhäuser nun zu anderen Software-Lösungen wechseln, stellt sich die Frage, wie damit in Bezug auf die Förderanträge umzugehen ist.
Wie lässt sich das Problem lösen?
Wir sind sicher, dass sich in Absprache mit den Förderbehörden jeweils Lösungen finden lassen. Aber dies ist zunächst mit Risiken und neuer Bürokratie verbunden. Das Beispiel zeigt einmal mehr, wie sehr wir übersteuert sind. Digitaler Fortschritt lässt sich eben nur schwer mit starren Förderregeln erreichen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt definiert sind, und dann später unter möglicherweise veränderten technischen Bedingungen umgesetzt werden müssen. Die vielen Detailregelungen und rechtliche Begrenzungen durch Förderrichtlinien – die beim KHZG sowohl Bundes- als auch Landesregeln beinhalten – behindern smarte Fortschritte in der Digitalisierung.
Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf für den Gesetzgeber?
Bezüglich Finanzierung benötigen die Kliniken verlässliche Pauschalbudgets für die digitale Entwicklung und – immer wichtiger – den digitalen Betrieb. Einzelförderungen analog von Bauvorhaben sind nicht geeignet, die dynamische digitale Entwicklung abbilden zu können. Außerdem sollte der Datenschutz insgesamt im Gesundheitswesen endlich im Sinne der Patienten gestaltet werden, nicht am Patienten vorbei. Das gilt auf Bundesebene für die elektronische Patientenakte (ePA) und die gesamte Telematikinfrastruktur der gematik, aber auch auf den Ebenen darunter. Beispielsweise muss eine vollständige Datenintegration in einem Krankenhaus mit einem zugehörigen MVZ im Sinne guter vernetzter Versorgung selbstverständlich werden. Derzeit können Krankenhausträger innerhalb der eigenen Organisation die Daten von Patienten teilweise nicht zusammenführen, um sie beispielsweise sowohl in der ambulanten wie der stationären Versorgung verfügbar zu haben. Das führt zu Mehrfacherfassung von Daten, bindet Personal, und ist natürlich auch eine Quelle für Fehler. Ich bin aber durchaus hoffnungsfroh, dass wir hier vorankommen.
Worauf gründen Sie Ihren Optimismus?
Ich hoffe zunächst auf ein Umdenken des Bundesdatenschutzbeauftragten. Aber noch wichtiger ist die Schaffung des europäischen Raums für Gesundheitsdaten (EHDS), an dem in Brüssel mit Hochdruck gearbeitet wird. Das wird im deutschen Gesundheitswesen und in den Krankenhäusern derzeit nach meiner Einschätzung noch völlig unterschätzt. Dabei kann davon ein ähnlicher Impuls zur Vereinheitlichung und Klarheit ausgehen wie von der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach plant nach eigener Aussage eine Krankenhaus-Revolution. Ist es ein Wahrnehmungsfehler, dass der SPD-Minister dabei das Thema Digitalisierung kaum adressiert?
Nein, die Wahrnehmung ist absolut richtig. Leider! Das haben wir beim Bundesgesundheitsministerium auch sofort mündlich und schriftlich kritisiert und vor parallelen Entwicklungen gewarnt. Das beginnt übrigens schon mit der Zusammensetzung der Expertenkommission zur Krankenhausreform, die ja auch zum Ziel hat, die Sektoren besser zu vernetzen. Dafür sind digitale Roadmaps das Vehikel. Es ist ein echter Fehler, dass in der Kommission keine Experten sind, die das aus ihrer digitalen Profession heraus mitdenken können.
Welche Note geben Sie der bayerischen Politik, wenn es darum geht, die Digitalisierung der Krankenhäuser voranzutreiben?
Für die Rahmenbedingungen in Bayern würde ich der Staatsregierung und der Politik in Bayern zwischenzeitlich die Note 2 geben. In Bayern haben wir immerhin 2022 überfällige Fortschritte erzielen können mit der Änderung des Artikel 27 im Bayerischen Krankenhausgesetz (BayKrG), wofür sich Staatsminister Holetschek auch persönlich eingesetzt hat. Das ist gut. In der Finanzierung kann ich nur eine 3 Minus geben. Die Investitionsförderung ist zwar etwas höher als in anderen Bundesländern aber seit 2018 nicht mehr dynamisiert worden und die Pauschalförderung in Bayern ist relativ niedrig. Dies geht zu Lasten digitaler Entwicklungen, die nicht über das KHZG möglich sind, wie zum Beispiel elektronische Archive mit interoperativen Datenstrukturen nach der klinischen Dokumentenklassen-Liste (KDL). Wir brauchen in Deutschland und in Bayern mehr Investitionsmittel für die digitale Infrastruktur.
Sie planen ein großes IT-Projekt für die Krankenhäuser. Wie wird das aussehen?
Seit rund eineinhalb Jahren diskutieren wir mit den Krankenhäusern in Bayern Möglichkeiten eines gemeinschaftlichen Betrieb von IT-Leistungen. Das ist eine Initiative, die wir als BKG gemeinsam mit der Klinik-Kompetenz-Bayern eG (KKB), in der vor allem kommunale Krankenhäuser organisiert sind, initiiert haben. Wir sehen uns dabei als „In-Gang-Setzer“. Erstes konkretes gemeinsames Projekt der Krankenhausträger ist die gemeinsame Ausschreibung eines Patientenportals, bei dem über 100 Krankenhäuser mit etwa 25.000 Betten in kommunaler, freigemeinnütziger und privater Trägerschaft mitmachen. Das ist ein wichtiges Thema für die Krankenhäuser. Und es ist auch für die Entwicklung der vernetzten Gesundheitsversorgung klug, wenn die Patientenportale von Krankenhäusern sich ähnlich wie die ePA der Krankenkassen möglichst ähneln oder sogar identisch sind. Das gilt zumindest für die zugrunde liegende Technik des Backends.
Weshalb?
Stellen Sie sich eine Stadt wie München vor. Wenn da jedes Krankenhaus sein eigenes Portal aufbaut, dann müsste ein niedergelassener Arzt im schlechtesten Fall mit bis zu 50 verschiedenen Krankenhausportalen und entsprechend unterschiedlichen Systemen arbeiten. Dies kann auch nicht im Sinne des Gesetzgebers sein. Vermutlich setzt der Gesetzgeber darauf, dass sich am Markt wenige Systeme durchsetzen. Das bedeutet aber, dass einige Krankenhäuser, die jetzt neu ein Patientenportal aufbauen, in wenigen Jahren vielleicht schon wieder neue Systeme brauchen, weil sie auf Anbieter gesetzt haben, die dann nicht mehr am Markt sind.
Wie geht das? Alle Krankenhäuser bekommen die selbe Lösung? Sind die Anforderungen nicht unterschiedlich?
Die Anforderungen in Bezug auf die Integrationstiefe in die IT-Systeme in den Krankenhäusern und in Bezug auf die Anwendungen sind in der Tat teilweise unterschiedlich, weshalb wir auf ein modulares System setzen. Es handelt sich um eine Ausschreibung der teilnehmenden Krankenhäuser, bei der der technische Kern identisch sein wird und die konkreten Anforderungen vom Krankenhaus individuell beschafft werden. Die gleiche zugrundeliegende Technik im Backend soll auch eine gemeinschaftliche Weiterentwicklung ermöglichen und gegebenenfalls auch weitere digitale Themen wie Cybersecurity umfassen können.
Wird die BKG damit Betreiber des Patientenportals, künftig sogar eines Rechenzentrums?
Nein, sicher nicht! Das Projekt ist letztlich eine Initiative der Kliniken, die es künftig weiterentwickeln werden.
Ist es ein Fehler, dass das KHZG den Aufbau krankenhausindividueller Patientenportale fördert? Wäre nicht ein Patientenportal sinnvoll, an das sich die Kliniken dann anschließen?
Es hätte jedenfalls Sinn gemacht, verbindliche Spezifikationen vorzugeben, wie bei den Telematikanwendungen. Oder zumindest regionale Verbundlösungen aktiv zu fördern. Zumal der Begriff Patientenportal nicht eindeutig ist und sich daher erst schrittweise in den Krankenhäusern ein Verständnis über die Anwendungen und den technischen Betrieb entwickelt. Daher rate ich den Krankenhäusern, sich mit dem Patientenpatientenportal intensiv aus der künftigen Betriebs- und Patientensicht zu beschäftigen und über den Tellerrand zu schauen, wie die umliegenden Krankenhäuser damit umgehen. Oder sogar bei einer Verbundausschreibung mitzumachen.
Sie folgen damit einem Ansatz des Shared Service Center (SSC). Welche Rolle werden solche Lösungen künftig spielen?
Wir sehen für Einzelkrankenhäuser einen hohen Kosten-, Kompetenz- und Komplexitätsdruck auf allen Ebenen, insbesondere aber auch mit Blick auf die Digitalisierung. Die Themen neben der eigentlichen Aufgabe der guten Patientenversorgung binden immer mehr Ressourcen, was auch grundsätzlich ein problematischer Trend ist. Mit der Initiative in Bayern gibt es immerhin eine kooperative Möglichkeit im Bereich der Digitalisierung, diese Herausforderungen gemeinschaftlich besser bewältigen und die damit verbunden Chancen nutzen zu können.
In Bayern sind viele Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft. Sind die Sparkassen folglich ein Vorbild für Sie, die ja ähnlich arbeiten: die einzelnen Institute sind in kommunaler Hand, aber es gibt einen starken Verbund, zum Beispiel mit einem einheitlichen Rechenzentrum?
Regionale Sparkassen und übrigens auch regionale Genossenschaftsbanken sind sicher ein gutes Beispiel. Dass die weiter sind, liegt neben den bisher geltenden gesetzlichen Restriktionen für Krankenhäuser auch daran, dass im Bankensektor das Datenmanagement, auch über das eigenen Institut hinaus, viel früher bedeutend wurde. Aber im Gesundheitswesen wird dieser Trend nun im schnellen Schritten nachgeholt.
Haben vor allem kleine, ländliche Kliniken Interesse am SSC?
Dies glaube ich nicht. Die breite Beteiligung der Kliniken ganz unterschiedlicher Größe an der bayerischen Initiative zur gemeinschaftlichen Ausschreibung des Patientenportals zeigt, dass auch größere Kliniken Verbundvorteile sehen.
In Bayern sind viele Krankenhäuser in kommunaler Hand. In anderen Bundesländern ist das anders, NRW zum Beispiel hat viele konfessionelle Kliniken. Ist es ein Vorteil, wenn IT-Dienstleister und Kliniken in einer Hand sind?
Sicherlich passt das, was wir jetzt aufbauen, ganz besonders zur bayerischen Struktur.
Wir sehen, dass die großen Cloud-Anbieter ebenfalls ins Krankenhauswesen drängen. Wie sehr fürchten Sie die Konkurrenz?
Zunächst mal müssen wir überlegen, was wir mit Cloud eigentlich meinen. Das wird oft zu pauschal verwendet. Sicher muss nicht jedes Krankenhaus dauerhaft sein eigenes Rechenzentrum (RZ) betreiben und dort müssen auch nicht alle Anwendungen laufen. Sollte ein Krankenhaus aber bei einem externen RZ-Betrieb seine Daten weiterhin auf einem eindeutig zugewiesenen Server haben? Bisher würde ich von so einer Private-Cloud-Lösung bei sensiblen Patientendaten aus Sicherheitsgründen ausgehen. Ob künftig auch geteilte sogenannte Public-Cloud-Lösungen für Kliniken umfassender in Frage kommen, wird sich zeigen.
Unternehmen wie Amazon Web Service könnten genau auf dieses Geschäftsfeld zielen.
Wollen wir, dass Gesundheitsdaten bei US-Konzernen liegen? Da wäre ich bisher skeptisch. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht gute Softwareprodukte nutzen können. Aber den gesamten Betrieb auszulagern, das ist nochmal eine andere Dimension.
Wie blicken Sie auf die Gafam, also Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft, und deren Bestreben, in das Gesundheitswesen vorzudringen?
Es ist erstmal gut, wenn Investoren sich für das Gesundheitswesen interessieren. Im Gesundheitswesen sollten wir offen sein für neue Technologien, zum Beispiel im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Ich bin hier nicht für Panikmache. Die Gesundheitsversorgung ist im Kernbereich in aller erster Linie eine regional fokussierte persönliche Dienstleistung. Technik kann dies unterstützten aber nicht bestimmen, weshalb der Krankenhausbetrieb sicher kein typisches Geschäft für weltweite Tech-Konzerne wäre. Dies ist anders als zum Beispiel der Banken-, Versicherungs- oder Logistik-Bereich. Aber wir sollten natürlich aufpassen, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten, gerade wenn es um Gesundheitsdaten geht.
Ein Interview von Dr. Stephan Balling