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Bug des Monats Januar 2023 - Bart de Witte

„Offenheit gewinnt immer“

Statt Datenkapitalismus Daten als Gemeingüter und öffentlich zugängliche Algorithmen, so sieht das digitale Gesundheitswesen aus Sicht von Bart de Witte aus. Mit seinem Unternehmen HIPPO AI will er KI-Anwendungen auf Basis von Open Source für die Medizin entwickeln. Im Interview erklärt er, wie nachhaltige Geschäftsmodelle aussehen und greift dabei auf seine langjährige Erfahrung beim Tech-Riesen IBM zurück, wo er unter anderem „Watson“ für das Gesundheitswesen mit entwickelt hat.

Bart, was ist Dein persönlicher Bug des Monats: Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland bist Du persönlich zuletzt gestoßen?

Das größte Problem bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens ist, dass der Datenkapitalismus der einzige Weg der Wertschöpfung ist.

Was heißt das?

Digitalisierung ist die Duplizierung der realen Welt durch Daten, so formuliert es der Soziologe Armin Nassehi aus München. Und am Anfang des Internets basierte diese duplizierte Welt auf einer Philosophie der Offenheit und Freiheit. Das Internet entstand als öffentliches Gut. Dann aber entwickelten sich die großen Tech-Konzerne. Ein Großteil der Daten aus dem Internet gehören nun diesen privaten Unternehmen. Deren Algorithmen sind geheim. Wir wissen nicht, wie zum Beispiel Facebook unsere Newsfeed oder Timeline steuert. Daraus generieren sie gigantische Gewinne. Je mehr Daten und je größer die Informationsasymmetrien, desto mehr Profit. In der duplizierten Welt, so, wie sie sich derzeit entwickelt, werden wir immer stärker fremdbestimmt. So gleicht die duplizierte Welt immer mehr vergangenen feudalen Systemen, in denen die Menschen keinen Besitz hatten, sondern das Land wenigen Grundherren gehörte. Das Internet wird immer mehr privatisiert. Der öffentliche Raum verschwindet. Wir sollten nicht zulassen, dass es im Gesundheitswesen genauso kommt. Es geht dabei auch um Souveränität in Europa und unser europäisches Grundrecht auf medizinische Versorgung.

Besteht hier der größte Handlungsbedarf für die Politik? Wie lässt sich diese Souveränität erreichen?

Ja, aus meiner Sicht ist die Politik hier gefordert. Nötig ist eine Regulierung in Europa, die klar macht, dass Technologien, insbesondere Algorithmen, die aus Patienten- und Gesundheitsdaten entwickelt werden, öffentlich zugänglich sein müssen. Das kann die Europäische Union durchaus regeln.

Das klingt nach einem ziemlich sozialistischen Ansatz. Brauchen wir nicht eher privates Unternehmertum, um eine dynamische digitale Industrie mit den Arbeitsplätzen der Zukunft in Europa zu entwickeln?

Die jetzige Struktur der digitalen Welt, beherrscht von wenigen großen Konzernen, ist ja auch nicht gerade demokratisch, wie zum Beispiel Google behauptet, oder marktwirtschaftlich, sondern vielmehr feudalistisch und monopolistisch. Aber ich bin da transideologisch, mir geht es nicht um sozialistische Utopien oder dergleichen. Wir brauchen eine digitale soziale Marktwirtschaft. Daten und Algorithmen sind das Soziale, auf dem sich Wettbewerb um gute Dienstleistungen aufbauen kann. Philosophisch geprägt bin ich vielleicht von Jürgen Habermas, insbesondere seine Ideen, was unter dem Begriff Öffentlichkeit zu verstehen ist. Außerdem finde ich den Ökonomen Joseph Stiglitz mit seinen Forschungen zu Informationsasymmetrien interessant. Geprägt haben mich auch Elinor Ostrom mit ihren Arbeiten über Allmendegüter und Shoshana Zuboffs Buch „Surveillance Capitalism“.

Aber was sagst Du zur konkreten Frage, ob auf Basis von Open Source, womit ja immer auch not for profit verbunden ist, eine prosperierende Digitalwirtschaft entstehen kann.

Die Annahme ist nicht richtig. Es geht nicht generell um non profit, sondern um gute Geschäftsmodelle. Ein Beispiel: Ende des vergangenen Jahrhunderts haben der damalige US-Präsident Bill Clinton und Premierminister Tony Blair dafür gesorgt, dass es auf das menschliche Erbgut keine Patente geben darf – ein Open-Source-Ansatz. Heute kann jeder Mensch für relativ wenig Geld sein Erbgut sequenzieren lassen. Daraus ist eine billionenschwere Industrie erwachsen. Das ist wie zu Beginn des Internets. Es geht darum, eine öffentliche Basis zu haben, auf der sich dann sehr wohl Geschäftsmodelle entwickeln können. Aber es soll eben nicht so sein, dass der gesamte Raum des Internets privaten Kapitalunternehmen gehört. Ich bin der Überzeugung: Offenheit gewinnt immer, weil darauf aufbauend eine Community erwächst, die Neues vorantreibt. Stell Dir vor, Gutenberg hätte sich vor 100 Jahren das Drucken von Buchstaben patentieren lassen. Dann hätte jeder für jeden gedruckten Buchstaben eine Lizenzgebühr zahlen müssen. Wo wären wir dann? Hätte es die Luther-Bibel gegeben? Würden wir noch immer Ablassbriefe kaufen? Hätte es die Aufklärung gegeben?

Was bedeutet Offenheit?

Wenn ich einen Algorithmus trainiert habe, der Brustkrebs zuverlässig erkennt, dann sollte dieser Algorithmus nicht dem Betriebsgeheimnis unterliegen. Das kann über Open Source geschehen. Die Vorteile sind, dass sich dadurch gemeinsam ein Standard entwickelt, und letztlich sind die Entwicklungskosten günstiger. Erst Offenheit ermöglicht übrigens auch Peer-Review-Verfahren, wie sie in der Wissenschaft Standard sind. Wenn es den Algorithmus aber dann gibt, kann eine Firma sehr gut Wertschöpfung und Einnahmen generieren, etwa in der Weiterentwicklung oder im Kundensupport. Das liegt auch im Kunden- beziehungsweise Patienteninteresse. Der Algorithmus ist ja nur ein Baustein eines Medizinprodukts. Schließlich muss der Anbieter sich auf einen guten Service fokussieren. Den bieten ja nicht alle Digitalunternehmen, die ein Monopol auf ihre Software haben. Medizin sollte sich doch generell auf die Versorgung von Patienten fokussieren, nicht künstlich Knappheit schaffen, sondern dafür sorgen, dass lebensrettende Formeln jedem Menschen zur Verfügung stehen.

Ist dafür nicht ein globaler Ansatz nötig, können Europa oder gar Deutschland das alleine, ohne den internationalen Anschluss zu verlieren?

Der jährliche Report „Artificial Intelligence and Democratic Values 2021“ des Center for AI and Digital Policy beurteilt die Vertrauenswürdigkeit in Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz (KI) in 50 Ländern. Führend in diesem Bereich sind Kanada, Deutschland, Italien und Südkorea. Das ist ein enormer Standortvorteil. Talente und High Potentials werden dorthin gehen, wo sie passende Voraussetzungen für ein gutes Leben finden, und dazu gehört zuvorderst eine gute und bezahlbare Gesundheitsversorgung und ein entsprechendes Bildungssystem. Open Source und Open Data sind dafür wesentliche Bausteine der Zukunft.

Was macht Dich so zuversichtlich, dass ein Open-Data-Ansatz in der Praxis wirklich noch Innovationen hervorruft?

Es gibt erfolgreiche Beispiele. Nimm den Covid-19-Impfstoff Corbevax. Der wurde von zwei Forschern am Texas Children’s Hospital entwickelt, patentfrei, Open Source, einfach zu lagern und günstig herzustellen.

Der indische Hersteller BioE hat ihn produziert, im laufenden Jahr sollen es 1 Milliarde Dosen werden. ImInternational Journal of Infectious Diseaseshieß es im Oktober in einem Beitrag, dass mit diesem Vakzin schon bald mehr Menschen in Entwicklungsländern geimpft werden können als mit allen von den USA und den G7-Staaten zusammen gespendeten Impfdosen der etablierten westlichen Hersteller.

Genau. Auch für die deutsche Firma CureVac bestünde in einem Open-Source-Ansatz eine Chance. Die Firma hat die modernsten, roboterbasierten Produktionsanlagen für mRNA-Therapeutika. Beim Corona-Impfstoff selbst waren sie langsamer als die Konkurrenz, stecken noch immer in der klinischen Phase. Warum geben sie ihre Codes für den Impfstoff nicht frei, machen den Impfstoff zu einem Open-Source-Projekt und verlagern ihr Geschäftsmodell voll auf die Produktion? Das wäre ein Open-Source-Ansatz, der eben nicht sozialistisch ist, sondern auf Basis eines antimonopolistischen, demokratischen Geschäftsmodells basiert. Curevac könnte für die Medizin werden, was Hewlett Packard für das Drucken auf Papier ist.

Würde das den Börsenwert pushen? Viele Start-up-Gründer setzen doch darauf, dass sie nach wenigen Jahren von einem großen Tech-Unternehmen für viel Geld übernommen werden.

Das stimmt, aber ist das gut und nachhaltig? Europa wird in dieser Welt den Anschluss verlieren. Wir können mit der enormen Kapitalkraft in Amerika und China niemals mithalten. Also werden Innovationen nicht hier bleiben. Aber wir können hier mit entsprechender Regulierung, die Open-Data- und Open-Source-Ansätze unterstützt, und einer anderen unternehmerischen Herangehensweise einen Beitrag zu einem guten und dauerhaft bezahlbaren Gesundheitswesen leisten. Das sollten wir als Standortfaktor nicht unterschätzen.

Hast Du eher die Stärkung der Innovationskraft im Blick oder die Bezahlbarkeit des Gesundheitssystems?

Das ist keine Entweder-Oder-Frage. Ein weiteres Beispiel: Eine Universitätsklinik in Deutschland stellt einem Pharmaunternehmen Patientendaten zur Verfügung. Dieses Unternehmen entwickelt anhand dieser Daten auf Basis von KI neue Biomarker für einen neuen Brustkrebs-Test. Der Gesetzgeber muss sicherstellen, dass die Daten auch von anderen Forschern genutzt werden dürfen. Es darf keine Exklusivität geben. Es kann nicht sein, dass private Akteure hier mithilfe von Gesetzen künstlich Knappheit schaffen. Denn Daten sind von Natur aus nicht knapp. Das hat übrigens auch den Vorteil, dass Forschungsergebnisse unter Peer-Review-Gesichtspunkten evaluiert werden können. Auch bei Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) kann man verlangen, dass diese auf öffentlich zugänglichen Standards basieren.

Geht es Dir nur um das Gesundheitswesen oder generell um den digitalen Raum?

Ich fokussiere mich auf das Gesundheitswesen, bringe aber Erfahrungen aus einer anderen Industrie mit. Bei IBM haben wir in den 1990er Jahren in der Konkurrenz zu Microsoft konsequent auf Open Source und Linux gesetzt, und das sehr erfolgreich. Das IBM-Geschäftsmodell lag nicht darin, Software zu produzieren, sondern im Nachgang Dienstleistungen, insbesondere Beratung anzubieten.

Du hast bei IBM Watson mitentwickelt?

Ich war als Project Voyager bei der Entwicklung dabei. Das war die Vorstufe von Watson Health. Ich wollte damals das Thema Offenheit vorantreiben und an die früheren Erfolgsgeschichten von IBM anknüpfen. Open Source lag ja in der DNA von IBM.

Du bist dann bei IBM ausgestiegen, als das Geschäftsmodell in eine andere Richtung ging?

Ich glaube an die Demokratisierung von KI und habe ein Unternehmen gegründet namens HippoAI, als Anlehnung Hippokrates, der ja die ethische Basis für die moderne Medizin gelegt hat. Ärzte sollen ihr Wissen für den Patienten nutzen und untereinander teilen, nicht verkaufen, das ist in gewisser Weise schon ein Open-Source-Ansatz in der Antike gewesen. Als Europäer bin ich überzeugt, dass wir hier andere Wege gehen müssen, die sich von den Ansätzen in USA und China unterscheiden. Mit unserer gemeinnützigen Stiftung fördern wir die Entwicklung von Open-Source-KI für die Medizin.

Ein Interview von Dr. Stephan Balling