Bug des Monats August 2023 - Max Michels
August 2023
„Es wird immer weniger analoge Nachsorge geben“
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Angesichts des Fachkräftemangels werden sich Rehakliniken auf die Reha konzentrieren – die Nachsorge wird immer stärker digital umgesetzt. Davon ist Max Michels, Gründer und CEO des E-Health-Reha-Unternehmens Caspar Health überzeugt. Im Interview erläutert er, warum durch neue Qualitätsbewertungen der Deutschen Rentenversicherung die Nachsorge immer digitaler werden dürfte und warum ein rein digitales Nachsorgeangebot aus seiner Sicht keine gute Lösung ist.
Herr Michels, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats: Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind Sie persönlich zuletzt gestoßen?
Was mich sehr beschäftigt, ist, wie die Kosten für Digitalisierung wahrgenommen werden. Es wird zu wenig darauf geschaut, wie die Angebote aufgebaut sind und was einzelne Hersteller genau leisten. Und so werden wir von Caspar Health leider häufig mit DiGA-Herstellern in einen Topf geworfen. Dabei erbringt in der DiGA-Welt die App die Leistung, zu 100 Prozent. Bei uns wird die Leistung hingegen nicht durch die App erbracht – sie ist nur ein Hilfsmittel. Die Gleichsetzung mit einer DiGA führt zu falschen Rückschlüssen. Mithilfe unserer Software hat der Patient jederzeit Zugang zur digital unterstützten Therapie. Bei uns stehen jedoch im Gegensatz zu DiGA-Produkten Therapeuten und Ärzte hinter der Leistung. Sie steuern die Therapie und betreuen die Patienten. Es ist somit eine kombinierte Versorgung – und keine rein digitale. Wir setzen bei der Betreuung unter anderem durch persönliche Bezugstherapeuten sogar einen besonders hohen Standard. Dieser ist dann aber eben auch nicht günstiger als die analoge Form, weil sie gleichwertig ist und den Fokus hat, für Patienten und Partnerkliniken die beste Qualität zu liefern. Bei Kostenträgern herrscht jedoch häufig die Vorstellung, dass sie wegen der digitalen Komponente weniger Aufwand verursacht und sie entsprechend die Erstattung reduzieren könnten.
Warum haben Sie sich für eine kombinierte Versorgung statt eines rein digitalen Geschäftsmodells entschieden?
Unsere Patienten sind gesundheitlich oft stark eingeschränkt und die Ursachen haben in der Regel einen komplexen Hintergrund. Hier reicht eine rein digitale Anwendung einfach nicht aus. Es braucht ein multiprofessionelles Team, das medizinisches Know-How hat und auf die Bedürfnisse gezielt eingehen kann, damit eine Leistung die gewünschten Effekte für den Patienten hat.
Können Kliniken die kombinierte Versorgung selbst durchführen?
Wir haben gelernt, dass Kliniken dazu selten in der Lage sind, da der analoge Patient immer in Konkurrenz mit dem digitalen steht. Aus meiner Zeit als Geschäftsführer von Rehakliniken weiß ich nur zu gut: Eine Rehaklinik kann es sich bei – sagen wir 20 digital betreuten Patienten – nicht leisten, einen eigenen Therapeuten abzustellen, der die ganze Zeit darauf wartet, dass jemand anruft oder mailt. Der analoge Patient hingegen ist zu einem bestimmten Termin vor Ort. Beim digitalen Patienten heißt es dann: Der kann warten, den können wir auch heute Abend noch anrufen. Und damit ist der „digitale Patient“ dann natürlich unzufrieden.Wir haben daher die virtuelle Caspar Clinic gegründet, ein digitales Zentrum mit Ärztinnen und Ärzte sowie eigenen Therapeutinnen und Therapeuten, wie etwa Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden, die die Patienten während der Therapie begleiten. Sie erweitern damit das Therapeutenteam der Rehaklinik und arbeiten an einem gemeinsamen Ziel.
Welchen Anreiz hat denn eine Rehaklinik ein externes digitales Zentrum einzubinden?
Ein wichtiger Treiber sind der Fachkräftemangel und der hohe Qualitätsanspruch. Die Kliniken sind froh, wenn sie einen Partner haben, der sie bei der Betreuung ihrer Patienten mit Fachkräften unterstützt und dieser dabei auch einen hohen Qualitätsanspruch hat. Ein eigenes digitales Nachsorgezentrum aufzubauen, lohnt sich für viele nicht. Wenn eine Klinik zum Beispiel 150 Patienten hat und davon gehen 20 im Monat in die digitale Nachsorge, stehen Aufwand und Erlös nicht im Verhältnis. Deswegen glaube ich, dass die Betreuung zunehmend an digitalen Nachsorgezentren zentralisiert wird. Wir betreuen mit der Caspar Clinic derzeit beispielsweise schon etwa 60 Kliniken. Zudem haben sich die Regelungen kürzlich dahingehend geändert, von wem sich Rehakliniken unterstützen lassen können. Bisher war es so, dass der Kostenträger vorgegeben hat, dass sich eine Klinik für die Leistungserbringung Hilfe von externen Anbietern holen konnte – wer mit den externen Anbietern gemeint war, war jedoch nicht klar definiert. Dadurch bestand bei der Rentenversicherung immer die Sorge: Hat der Anbieter überhaupt die nötigen Qualifikationen, um die Leistung in der nötigen Qualität zu erbringen? Seit Kurzem ist das nun konkreter formuliert: Es gilt nun, dass nur digitale Nachsorgezentren genutzt werden können, die zertifiziert sind.
Welche Aufgaben nimmt ein digitales Zentrum einer Rehaklinik ab?
Mit dem digitalen Nachsorgezentrum kann die gesamte Nachsorge geleistet werden. Die Rehaklinik schaut zunächst, ob ein Patient als Kandidat für eine digitale Nachsorge infrage kommt. Während des Klinikaufenthalts wird der Patient in Caspar eingewiesen und entscheidet sich gegebenenfalls für die digitale Nachsorge. In diesem Fall meldet sich der Bezugstherapeut von Caspar direkt im Anschluss an den Reha-Aufenthalt telefonisch und erstellt gemeinsam mit ihm einen Therapieplan, welcher auf den Ergebnissen des Reha-Aufenthaltes aufbaut. Der Bezugstherapeut begleitet dann den Patienten während der gesamten Nachsorge, sieht welche Übungen er oder sie macht, nimmt Wünsche und Änderungen vor und motiviert und unterstützt. Am Ende der Therapie führt einer unserer Ärzte ein Abschlussgespräch mit dem Patienten und wir geben sämtliche Erkenntnisse, den Qualitätsbericht und alle Dokumente an unsere Partnerklinik, die dann die Nachsorge abschließt.
Sie sagten gerade, dass Rehakliniken unter dem Fachkräftemangel leiden. Ergeht es digitalen Reha-Anbietern wie Caspar Health nicht genauso?
Nein, ganz im Gegenteil. Wir hatten in diesem Jahr schon 3.600 Bewerbungen, darunter waren rund 250 Therapeuten und Ärzte. Das liegt zum einen daran, dass die Therapeuten und Ärzte bei uns flexibel im Homeoffice arbeiten können. So können beispielsweise auch junge Mütter wieder so arbeiten, wie sie es ihnen möglich ist. An einer Klinik ist das für sie wegen Wochenend-, Spät- oder Frühschichten schwierig. Zum anderen liegt es daran, dass die Therapeuten ihre Patienten persönlicher und sehr individuell betreuen können und sie die positiven Ergebnisse ihrer Arbeit direkt miterleben.
Inwiefern?
In einer Rehaklinik macht der Patient seine Übungen häufig in der Gruppentherapie zusammen mit weiteren 7, 8, 9 Patienten – und das nur für wenige Wochen. Eine persönliche Bindung zwischen Therapeut und Patienten aufzubauen, ist da schwierig. Bei der digitalen Nachsorge hingegen begleitet ein Bezugstherapeut einen Patienten vom Anfang bis zum Ende. So betreuen die Therapeuten und Ärzte die Patienten über einen langen Zeitraum, können eine andere Beziehung aufbauen und sehen die Fortschritte.
Wenn Sie sich den Markt für digitale Reha-Angebote anschauen: Wie steht Deutschland da, auch im internationalen Vergleich?
*Im internationalen Vergleich ist Deutschland weltweit führend mit digitalen Reha-Angeboten – so wie auch mit der analogen Reha. Weltweit haben 40 Millionen Menschen Zugang zu Reha, zwei Millionen – also fünf Prozent davon – in Deutschland. Deswegen wird auch viel zu dem Thema hierzulande geforscht; Deutschland ist beispielsweise mit führend in Bereichen wie der neurologischen Rehabilitation. Das war auch einer der Gründe, warum wir in Deutschland aktiv sind: weil hier viele Menschen Zugang zu analogen und digitalen Maßnahmen haben.Worin liegen Ihrer Ansicht nach die Chancen zur Qualitätsverbesserung durch Digitalisierung in der digital unterstützten Therapie?
Ich glaube, dass die Qualität der Maßnahme mithilfe von digitaler Therapie um ein Vielfaches besser sein kann als im analogen Bereich. Und damit meine ich nicht, dass eine komplett digitale Therapie besser ist als die analoge, sondern eine Kombination aus einer analogen Maßnahme und einer digitalen Maßnahme.Es gibt immer mehr Studien, die das bestätigen. So hat das Institut für Rehabilitationsmedizinische Forschung der Universität Ulm im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung (DRV) die klassische multimodale Nachsorge der DRV (IRENA) mit der digitalen Nachsorge von Caspar Health verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die klassische und digitale Nachsorgeform als gleichwertig zu beurteilen sind. Bei der Zufriedenheit mit der therapeutischen Betreuung und der Zufriedenheit mit den therapeutischen Inhalten schneidet das digitale Setting sogar besser ab als das analoge Setting.Das liegt meiner Ansicht nach nicht nur an der besonders engen Betreuung, sondern auch daran, dass der Patient wesentlich flexibler die Inhalte abrufen kann, die er braucht – wann immer er will. So kann es beispielsweise sein, dass er am Wochenende seine Übungen macht und merkt, es schmerzt. Er kann dann dem Therapeuten eine Nachricht schicken und am nächsten Tag mit ihm das Problem persönlich besprechen und Therapieinhalte umstellen. Das verbessert das Therapieergebnis.
Wenn Sie auf die Zukunft der digitalen Reha-Angebote schauen: Was würden Sie sagen, was sind die wichtigsten Veränderungen, die in den nächsten drei bis fünf Jahren anstehen?
Ich rechne damit, dass es immer weniger analoge Nachsorge geben wird. Das liegt daran, dass die Kliniken sich angesichts des Fachkräftemangels auf ihr Kerngeschäft, die Rehabilitation, konzentrieren werden. Andererseits können sie es sich aber auch nicht leisten, die medizinisch sinnvolle Nachsorge zu vernachlässigen. Das wird dazu führen, dass die Nachsorge immer digitaler wird. Ich erwarte außerdem, dass sich durch den Fachkräftemangel der Aufenthalt in der Klinik von heute etwa drei Wochen auf vielleicht eine Woche verringern wird – und der digitale Anteil im gleichen Zuge zunehmen wird. Außerdem wird die Qualität eine immer wichtigere Rolle spielen.
Inwiefern?
Seit Anfang Juli gilt eine neue gesetzliche Regelung. Wer für seine Rehaklinik keinen konkreten Wunsch angibt, dem schlägt die Deutsche Rentenversicherung vier Kliniken vor. Und bei dieser Auswahl spielt vor allem die Qualität eine Rolle. Die Qualitätsbewertung basiert dabei auf fünf Indikatoren, unter anderem dem subjektiven Behandlungserfolg und der Zufriedenheit der befragten Patienten. Und wie gut eine Klinik bei diesen beiden Aspekten abschneidet, wird maßgeblich durch die Nachsorge beeinflusst. Die Nachsorge verstetigt nämlich erst die Gesundung; die wenigsten Patienten verlassen eine Reha-Klinik nach einer OP oder gravierenden Krankheit vollständig genesen. Wenn die Nachsorge schlecht ist oder es gar keine gibt, werden Patienten weniger Qualitätspunkte vergeben. Um ihre Bewertung positiv zu beeinflussen, werden sich Klinken also intensiv um das Thema Nachsorge kümmern müssen.
Wie hoch ist denn bisher der Anteil der Reha-Patienten, die an einer Nachsorge teilnehmen?
Die Quoten waren in der Vergangenheit besorgniserregend niedrig, da nur knapp 14 Prozent an einer Nachsorge teilnehmen konnten. Seit der Einführung der digitalen Nachsorge, entwickeln sich die Zahlen positiv. Die digitale Nachsorge ist jetzt auch im neuen Konzept der DRV zurecht als ein Pfeiler der Gesundheitsversorgung benannt. Mit dieser werden die wachsenden Qualitätsansprüche der Kostenträger und die Bedürfnisse der Patienten nach individuellen Lösungen, die in ihren Alltag passen, möglich. Auch die Kliniken profitieren von den digitalen Möglichkeiten, die neben dem analogen Angebot auch ihr Spektrum erweitern. Ich bin mir sicher, dass auch in Zukunft der Anteil der digitalen Nachsorge weiter wachsen wird.
Ein Interview von Hendrik Bensch