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Bug des Monats Dezember 2022 - Ann Hillig

Der Stopp des Video-Ident-Verfahrens ist der Bug des Sommers

Ann Hillig, seit 1. Oktober 2022 Vorständin der IKK gesund plus, spricht im Interview des ATLAS digitale Gesundheitswirtschaft über das größte Digitalisierungsärgernis der vergangenen Monate: Das Verbot durch die Gematik, Versicherte für die Nutzung der ePA per Video-Ident-Verfahren zu identifizieren. Warum geht bei Banken, was bei Krankenkassen verboten ist, fragt sie, und fordert, dass die ePA nutzerfreundlicher wird. Sie spricht sich ferner dafür aus, Daten von Krankenkassen für die Forschung zu nutzen. Die IKK gesund plus hat bundesweit ca. 450.000 Versicherte und ihren regionalen Schwerpunkt in Sachsen-Anhalt und Bremen.

Frau Hillig, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats: Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind Sie persönlich zuletzt gestoßen?

Persönlich ärgere ich mich über den Bug des Sommers, und das ist der Stopp des Video-Ident-Verfahrens für die elektronische Patientenakte (ePA). Dieses Verfahren ist bei Online-Banken seit langem üblich und etabliert. Wir Krankenkassen dürfen es nun aber nicht mehr anwenden, weil uns die Gematik das verboten hat. Das versteht niemand. Wir leben im Gesundheitswesen zu sehr in einer staatlichen Digitalisierungsbubble.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf für den Gesetzgeber, um die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens voranzubringen?

Wir kommen mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland insgesamt zu langsam voran, sind weit hinter dem zurück, wo wir seit mittlerweile mehreren Jahrzehnten hinwollen. Der Fokus sollte auf denen liegen, die künftig die digitalen Systeme nutzen sollen. Aus meinem Blickwinkel sind das die Versicherten. Für diese soll Digitalisierung letztlich zu einer Vereinfachung führen. Jeder kann Online-Banking von seiner Couch aus betreiben, ganz bequem und einfach. Das geht bei der elektronischen Patientenakte noch nicht. Dort müssen wir ansetzen. Es geht um bessere und einfachere Bedienbarkeit, die Technik muss niedrigschwellig einsetzbar sein und Einfluss auf die Versorgungsqualität haben.

Wie lässt sich das erreichen?

Wir müssen einen Denkfehler beheben und aufhören, die Versicherten zu bevormunden, wie sie mit ihren Daten umzugehen haben. Jeder Versicherte ist „Herr und Frau“ seiner beziehungsweise ihrer Daten. Sie können selbst entscheiden, wem sie diese anvertrauen und welche Systeme sie bereit sind, zu nutzen. Das sollte unsere Haltung sein.

Sie argumentieren sehr mit Blick auf die Versicherten insgesamt, auf Einfachheit und breite Nutzung. Patientenvertreter sagen, im Fokus müssen Kranke stehen und die Frage, ob eine digitale Anwendung und die Verfügbarkeit von Daten zu messbaren Verbesserungen in der Behandlung führen. Was sagen Sie dazu?

Im besten Fall ist es doch so, dass Versicherte, die Patienten und Patientinnen werden, mit den digitalen Medien vertraut sind, so dass sie beispielsweise die elektronische Patientenakte sofort sinnvoll nutzen können.

Wie digital arbeitet die IKK gesund plus, wo sehen Sie die größten Aufgaben und Entwicklungsmöglichkeiten in der Zukunft?

Wir sind insgesamt gut aufgestellt, was den Kontakt und die Schnittstellen zu unseren Versicherten angeht. Die IKK gesund plus hatte als eine der ersten Krankenkassen eine eigene App, wir waren auch Vorreiter bei der Nutzung des Video-Ident-Verfahrens. Wir sind dabei unsere Anwendungen entsprechend der gesetzlichen Maßgaben für unsere Versicherten weiterzuentwickeln. Auch der Blick nach innen lohnt: Unser Post-Verkehr läuft bereits 100 Prozent digital. Insgesamt sind wir schon sehr weit, was die Digitalisierung unserer internen Prozesse angeht, aber sicher auch noch nicht am Ende.

Wie hoch ist der Anteil Ihrer Versicherten, die die ePA nutzt und welchen Mehrwert sehen Sie heute in der ePA für Patienten?

Laut Angaben der Gematik kennen 38 Prozent der Bevölkerung in Deutschland die ePA, aber nur zwei Prozent der Versicherten nutzt sie und arbeitet damit aktiv. Das deckt sich in etwa mit den Zahlen der IKK gesund plus. Ich bin mir sicher, dass der geringe Nutzungsgrad auf die aktuell noch begrenzten Einsatzmöglichkeiten zurückzuführen ist. Leider hat die ePA noch nicht den Mehrwert, den sie haben könnte und sollte.

Was wäre das denn?

Die ePA muss für Versicherte nutzerfreundlicher sein als die bisherige analoge Verwaltung von Gesundheitsdaten und -dokumenten, preiswerter und schneller. Zumindest einen dieser drei Punkte muss sie erfüllen, damit sie Mehrwert erzeugt und in breiter Fläche auf Akzeptanz stößt. Das ist leider noch nicht gegeben. Aus Kassenperspektive erweist sich der grundsätzlich geringe Zuspruch unter den medizinischen Berufen als großer Hemmschuh, um dieses Ziel zu erreichen.

Haben Sie für die mangelnde Akzeptanz Verständnis?

Teilweise, ja. Das, was die ePA nach unserer Vorstellung leisten soll, funktioniert noch nicht. Das macht sie aus Sicht der Versicherten wenig attraktiv. Um das zu ändern bedarf es aus unserer Sicht eines Opt-Outs für die Leistungserbringer, mehr noch als für die Versicherten.

Sie haben als einen Vorteil das Stichwort „günstiger“ genannt. Wer bei seiner Bank auf reines Online-Banking umstellt, zahlt geringere oder keine Kontoführungsgebühren. Sollten Versicherte, die die ePA intensiv nutzen, günstigere Krankenversicherungsbeiträge zahlen?

Das klingt erstmal nach einem guten Anreizmodell, lässt sich aber in der Praxis nicht so leicht umsetzen, fürchte ich. Über was man aber nachdenken sollte, ist ein Digitalbonus, analog zu bestehenden Bonusprogrammen.

Mit der Corona-Warn-App und der CovPass-App hat sich gezeigt, dass ein digitaler Impfpass selbst in Deutschland möglich ist und auf Akzeptanz stößt. Wäre es nicht am sinnvollsten, daran anzuknüpfen, und losgelöst von der Gematik daraus eine digitale-Impf-App zu entwickeln?

Das ist erstmal eine ganz tolle Idee, wenngleich ich nicht sicher bin, ob es sinnvoll ist, so etwas völlig losgelöst von der ePA zu entwickeln. Am Ende wäre es kein Vorteil, wenn die Versicherten eine Vielzahl von Apps auf ihrem Handy haben müssten.

Das heißt, Sie glauben noch an die ePA?

Die ePA wird ein gutes zukunftsträchtiges Produkt, wenn sie konsequenter aus Sicht der Nutzer und Nutzerinnen gedacht und weiterentwickelt wird. Da sind wir Kassen vielleicht gedanklich etwas weiter als die Gematik. Wir müssen aber die Vorteile herausstellen, die digitale Lösungen im Vergleich zu papierbasierten Daten haben. Wir brauchen standardisierte lesbare Dokumente, die nicht von der Handschrift eines Arztes geprägt sind. Meine Wunschvorstellung ist schon, dass diese digitalen Informationen über eine zentrale Plattform verfügbar sind.

Sollen Patienten-Daten, die bei Krankenkassen liegen, für die Forschung zugänglich sein?

Aus unserer Sicht, ja. Dafür benötigen wir allerdings einen gesetzlichen Rahmen. Patientendaten der Krankenkassen sollen anonymisiert für die Forschung nutzbar sein. Wir sehen uns allerdings nicht als Durchlauferhitzer von Versichertendaten. Die IKK gesund plus möchte datenbasiert gute Versorgung gestalten können. Wir wollen beraten und leiten. Anders als Apple, Google oder Amazon sind wir ausschließlich unseren Versicherten verpflichtet. Uns geht es schlicht und ergreifend um den Patienten.

Inwiefern lässt sich mit Daten Versorgung gestalten?

Big und Smart Data bieten großes Potenzial, um zu einer besseren Versorgung zu kommen. Als kleines Beispiel nenne ich nur einen Arzneimittelcheck auf mögliche Unverträglichkeiten, der im Hintergrund auf den Daten eines Patienten oder einer Patientin, vielleicht sogar in Echtzeit verfügbar wäre. Wir sind dabei aber letztlich wieder beim Anfang unseres Gesprächs und der Frage: Wem gehören die Daten? Aus unserer Sicht gehören sie den Versicherten, die dürfen darüber entscheiden, was mit ihren Daten passiert.

Können Sie sich gemeinsame Forschungsprojekte mit der Pharmaindustrie vorstellen, bei denen Daten genutzt werden, die bei den Krankenkassen liegen?

Ja, wenn es zum Beispiel um die Themen Arzneimitteltherapiesicherheit und Versorgungsleitlinien geht. Man darf sich nur nichts vormachen – im Grunde haben Pharmaindustrie und GKV komplett verschiedene Geschäftsmodelle. Wobei ich auch hier denke, dass ein Austausch ohne Scheuklappen immer richtig ist.

Zum Schluss eine generelle Frage: Wie blicken Sie als Vorständin einer Krankenkasse auf die Finanzlage der nächsten 12 bis 24 Monate?

Für meine Kasse grundoptimistisch. Wir werden gegen den Trend im kommenden Jahr unseren Beitrag stabil niedrig halten. Damit geben wir über Jahre erarbeitete Effizienzvorteile an unsere Versicherten weiter. Auf das Gesundheitswesen insgesamt geblickt ist die Situation weniger gut. Die Folgen der Gesundheitspolitik der letzten zwei Legislaturen, in denen alle Probleme mit Geld zugekleistert wurden, werden jetzt wirksam. Wenn dann noch Inflation und Rezession dazukommen, zeigt sich wie politisch fahrlässig es war, das Gesundheitssystem nicht auf Zukunftsfähigkeit zu trimmen. Dies muss jetzt wohl in sehr kurzer Zeit nachgeholt werden, wenn man den Beitragszahlenden nicht immer tiefer in die Taschen greifen will.

Ein Interview von Dr. Stephan Balling