Psychoonkologische Online-Trainings für Krebskranke

Großer Bedarf an psychoonkologischen Interventionen
Rund 4,65 Millionen Menschen in Deutschland lebten 2017 mit Krebs (1), etwa 500.000 Krebserkrankungen werden jährlich neu diagnostiziert (2). Eine Krebserkrankung geht mit hohen psychischen Belastungen einher. Circa 30 bis 50 Prozent der Krebspatienten äußern psychosoziale Unterstützungsbedürfnisse im Umgang mit Ängsten, Traurigkeit, Ungewissheit und Depressionen (3). Hier setzen psychoonkologische Interventionen an, um die psychischen Belastungen von Krebskranken zu reduzieren und die Lebensqualität zu steigern. Bisher erhalten viel zu wenige Krebspatienten evidenzbasierte Interventionen aufgrund langer Wartezeiten, mangelnder, personeller Ressourcen und Zugangsbarrieren (4). Auf die hohe Nachfrage kommen in Deutschland mit etwa 3% nur rund 1.300 auf Psychoonkologie spezialisierte Therapeuten (5). Eine niederschwellige und kostengünstige Alternative, um die Bedürfnisse der Patienten zu adressieren, können hier neue eHealth-Angebote darstellen. Welche Vorteile bieten entsprechende Technologien für die Hersteller und worauf müssen sie achten?
Psychoonkologische Online-Trainings für krebskranke Patienten
Das Potenzial von telemedizinischen und webbasierten Angeboten (eHealth) wurde insbesondere während der Corona-Pandemie deutlich, jedoch fehlt es in der psychoonkologischen Versorgung in Deutschland bisher an Use Cases (4). Internationale randomisiert-kontrollierte Studien belegen die Wirksamkeit von webbasierten Interventionen mit geringen bis mittleren Effekten (6), um depressive Stimmungen und Ängste von Krebspatienten sowie Belastungen zu reduzieren (7, 8), jedoch sind die Stichproben zumeist gering (9). In Deutschland untersuchen seit 2019 Wissenschaftler der Universitäten Tübingen, Erlangen und Duisburg-Essen erstmals ein psychoonkologisches Online-Training, das als Selbstmanagementprogramm bedürfnisorientiert entworfen, programmiert und digital umgesetzt wurde. Das Skills- und Achtsamkeitstraining („Make It“ Training- Mindfulness and skills based distress reduction training in oncology) stellt über eine Website psychoedukatives Material in Form von Lehrvideos, Audiodateien und interaktiven Arbeitsblättern zur Verfügung. Der Patient kann entsprechend ortsunabhängig und zeitlich flexibel mit einer stabilen Internetverbindung am eigenen Computer am Programm teilnehmen (4). Bis 2024 wird das Forschungsprojekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit rund 1,5 Millionen Euro gefördert (10), um die Benutzerfreundlichkeit, Umsetzbarkeit und Nachhaltigkeit des psychoonkologischen Online-Trainings zu untersuchen.
Erste zertifizierte digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) bei Krebs
Im März 2021 wurde die Smartphone App „Mika“ als erste digitale Therapiebegleitung für Krebspatienten in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen (11). Ziel der App ist die psychosoziale Unterstützung von Menschen mit einer Krebsdiagnose, um Belastungssymptome zu reduzieren und die Lebensqualität zu erhöhen. Entwickelt wurde das Medizinprodukt 2017 von den Wirtschaftsingenieuren Dr. Gandolf Finke und Dr. Jan Simon Raue, Gründer des Digital Health Unternehmens Fosanis GmbH, zusammen mit führenden onkologischen Forschungseinrichtungen und Tumorzentren wie der Berliner Charité und dem Universitätsklinikum Leipzig. Bei einer Verschreibung durch den Arzt werden einmalige Kosten des Starterpakets von 419,00 Euro von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Basierend auf Machine Learning erhalten Patienten personalisierte Inhalte wie Fachwissen, Handlungsempfehlungen und Übungen. Eine hinreichende klinische Effektstärke der App konnte bereits in einer randomisiert-kontrollierten Pilotstudie Charité Berlin gezeigt werden bei einer Reduktion der psychischen Belastung um 42% nach 12 Wochen (12). Im März 2022 wurde die App vorerst auf den DIGA-Verzeichnis zurückgezogen. Die App soll aber möglichst ab diesem Sommer dauerhaft erstattungsfähig werden, kündigte das Unternehmen an. Bis dahin könnten Ärzte die App aber weiterhin empfehlen und Patienten könnten sie weiter nutzen – die Kosten dafür übernimmt für die Übergangszeit das Unternehmen selbst (15).
eHealth-Intervention als niederschwellige und kostengünstige Behandlung
Online-Trainings für Krebskranke stellen niederschwellige und kostengünstige psychoonkologische eHealth-Interventionen mit vielen Vorteilen dar. Das Potenzial der Kosteneinsparung verdeutlicht eine Studie zu digitalen Gesundheitsanwendungen bei Depressionen, die Behandlungskosten um 30 Prozent im Vergleich zur Psychotherapie senken können (13). Mittels der mobilen Anwendung in der häuslichen Umgebung des Patienten kann die aktuelle Versorgungslücke, insbesondere in strukturschwachen Gebieten, geschlossen werden (4). Darüber hinaus können zusätzliche Angebote geschaffen und die Inhalte bedarfsgerecht auf den Patienten zugeschnitten werden. Langfristig können sich aus internetbasierten Interventionen wie „Make It“ oder „Mika“ Kosteneinsparpotenziale ergeben, wenn die psychischen Belastungen frühzeitig adressiert und reduziert werden, bevor psychische Folgeerkrankungen entstehen. Als Vision des Forschungsprojektes formulieren die Wissenschaftler eine deutschlandweite Bereitstellung des Online-Trainings für Krebspatienten und eine Erweiterung der digitalen Angebote in der psychoonkologischen Versorgung (10). Diese digitale Entwicklung kann durch die Aufnahme von Medizinprodukten ins DiGA-Verzeichnis durch Krankenkassen zukünftig ermöglicht bzw. erleichtert werden.
Fazit & Handlungsempfehlung
Die Investition in eHealth-Angebote bei Krebs lohnt sich für MedTech Unternehmen, da klinische Wirksamkeitsnachweise die niederschwellige Behandlung befürworten und Kosten übernommen werden können. Kostenträger werden im Rahmen des Digitale-Versorgungs-Gesetzes (DVG) dazu angehalten, zukünftig bedarfsgerecht und patientenorientiert die Entwicklung digitaler Innovationen zu unterstützen (14). Eine Möglichkeit stellt dementsprechend die Förderung webbasierter Interventionen in der Psychoonkologie für Krebspatienten dar, auch durch Wagniskapitalgeber. Die Umsetzung digitaler Angebote für das Selbstmanagement von Krebskranken spart einerseits personelle Ressourcen, andererseits erfordert sie in der Zusammenarbeit mit Experten ein Upskilling der in der Psychoonkologie tätigen Fachkräfte sowie die Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI). Um einen Mehrwert durch zukünftige eHealth-Interventionen generieren zu können, bedarf es weiterer Forschung wie an der Charité Berlin und finanzieller Mittel von Kostenträgern und Förderern.
Quellen
- Arndt V, Dahm S, Kraywinkel K. Krebsprävalenz in Deutschland 2017. Der Onkologe. 2021. zum Original
- Robert Koch-Institut (RKI) Neue Zahlen zu Krebs [press release]. 2019. zum Original
- Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft DK, AWMF). Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten, Langversion 1.1. 2014. Report No.: AWMF-Registernummer: 032/051OL. zum Original
- Ringwald J, Gerstner L, Junne F, Ziser K, Schäffeler N, Wallwiener M, et al. Mindfulness and Skills Based Distress Reduction in Oncology: The Web-Based Psycho-Oncological Make It Training. Psychother Psychosom Med Psychol. 2019;69(9-10):407-12. zum Original
- Schulz H, Bleich C, Bokemeyer C, Koch-Gromus U, & Härter M. Psychoonkologische Versorgung in Deutschland: Bundesweite Bestandsaufnahme und Analyse. Wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf 2018. zum Original
- Matis J, Svetlak M, Slezackova A, Svoboda M, Šumec R. Mindfulness-Based Programs for Patients With Cancer via eHealth and Mobile Health: Systematic Review and Synthesis of Quantitative Research. J Med Internet Res. 2020;22(11):e20709. zum Original
- Fridriksdottir N, Gunnarsdottir S, Zoëga S, Ingadottir B, Hafsteinsdottir EJG. Effects of web-based interventions on cancer patients’ symptoms: review of randomized trials. Supportive Care in Cancer. 2018;26(2):337-51. zum Original
- Bouma G, Admiraal JM, de Vries EGE, Schröder CP, Walenkamp AME, Reyners AKL. Internet-based support programs to alleviate psychosocial and physical symptoms in cancer patients: A literature analysis. Critical Reviews in Oncology/Hematology. 2015;95(1):26-37. zum Original
- Bäuerle A, Teufel M, Schug C, Skoda E-M, Beckmann M, Schäffeler N, et al. Web-based MINDfulness and Skills-based distress reduction in cancer (MINDS): study protocol for a multicentre observational healthcare study. BMJ Open. 2020;10(8):e036466. zum Original
- Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Online-Training für Krebskranke: Wirksamkeitsstudie wird mit 1,5 Millionen Euro gefördert [press release]. 2021. zum Original
- BfAuM. DiGa-Verzeichnis: Mika 2021. zum Original
- Mika. Digitale Therapiebegleitung für Ihre Krebspatientinnen und Krebspatienten 2021. zum Original
- Gräfe V, Berger T, Hautzinger M, Hohagen F, Lutz W, Meyer B, et al. Health economic evaluation of a web-based intervention for depression: the EVIDENT-trial, a randomized controlled study. Health Econ Rev. 2019;9(1):16-. zum Original
- (BMG) BfG. Ärzte sollen Apps verschreiben können. 2020. zum Original
- Ärzteblatt. Psychoonkologie-App steigt vorübergehend aus DiGA-Verzeichnis aus. 2022. zum Original


