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title: "Netzhaut-Implantate als Alltagshilfe für Menschen mit Sehbehinderung"
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date: "2021-01-14"
section: "Review-Artikel"
categories: ["Cyborg", "Medizintechnik", "Rehabilitation", "Sensorik", "Therapie"]
author: "Philipp Henkel"
reading_time: "8 Min."
description: "Wie können Netzhaut-Implantate die Behandlung und Rehabilitation von Patienten mit Retinitis Pigmentosa unterstützen?"
publisher: "Lehrstuhl für Management und Innovation im Gesundheitswesen, Universität Witten/Herdecke"
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# Netzhaut-Implantate als Alltagshilfe für Menschen mit Sehbehinderung

*14.01.2021 · Review-Artikel · Von Philipp Henkel*

### **Retinitis Pigmentosa – Eine unheilbare Krankheit**

Weltweit sind circa drei Millionen Personen von Retinitis Pigmentosa, einer erblich bedingten Netzhautdegeneration, betroffen. In Deutschland liegt die Prävalenz bei 20.000-40.000 Personen. Eine Herausforderung der Erkrankung ist, dass diese bereits im Jugendalter ausbricht und das Sehvermögen kontinuierlich und irreversibel abnimmt (1-3). Im Endstadium der Erkrankung erblinden die Betroffenen in der Regel vollständig. Die Krankheit ist zum heutigen Zeitpunkt nicht heilbar und es gibt keine Möglichkeiten das Fortschreiten der Netzhautdegeneration zu verhindern. Daher besteht die Therapie und Rehabilitation im frühen Stadium aus dem Erhalt der Lesefähigkeit. Im fortgeschrittenen Stadium bestehen die klassischen Rehabilitationsmaßnahmen unter anderem aus Schulungen mit dem Langstock, um eine autonome Orientierung und Bewegung zurückzuerlangen (1, 3, 4). Aufgrund der hohen Pflegebedürftigkeit der Betroffenen, resultieren aus der Erblindung Kosten für die Pflege- und Krankenkassen. Eine innovative Möglichkeit der Rehabilitation und Therapie bieten Netzhaut-Implantate (4). Daher stellt sich die Frage, ob und wie Netzhaut-Implantate einen Mehrwert in der Behandlung von Retinitis Pigmentosa ermöglichen können.

### **Differenzierung zwischen epiretinale und subretinale Implantaten**

Die bisher entwickelten Netzhaut-Implantate werden in epiretinale und subretinale Implantate unterschieden. Bei dem epiretinalen Implantat wird der Person das Implantat auf der Netzhaut operativ befestigt. Das Sehen wird von einer externen Kamera übernommen, die in einer Brille angebracht ist. Das aufgenommene Bild wird in elektrische Signale transformiert und an das epiretinale Implantat im Auge übertragen. Anschließend werden die elektrischen Impulse stimuliert und an das Nervensystem weitergeleitet (4, 5). Ein Nachteil in der Anwendung ist die Notwendigkeit des aktiven Bewegens des gesamten Kopfes oder der Kamera, um die Blickrichtung zu verändern (4, 6).

![Epiretinales Implantat](https://www.atlas-digitale-gesundheitswirtschaft.de/mensch/assets/bilder/wp-content/uploads/2021/01/Epiretinales-Implantat.png)

Epiretinales Implantat (7)

Bei dem subretinalen Implantat wird ein Mikrochip unter der Makula, dem Bereich in der Mitte der Netzhaut, in dem die Sehzellen besonders dicht angeordnet sind, operativ eingesetzt. Das gesamte System besteht aus einem Photodioden-Array, einem Stimulations-Elektroden-Array, einem Mikrochip und einer Energieversorgungseinheit. Die Stimulations-Elektroden verstärken die elektrischen Signale des Photodioden-Arrays und übertragen diese an das Nervensystem der Retina, weshalb der Patient Gegenstände und Umrisse erkennen kann. Das einfallende Licht wird somit in elektrische Signale umgewandelt. Ein Vorteil des subretinalen Implantats ist, dass das Nervensystem der Retina genutzt wird, welches in der Regel bei Personen, die unter Retinitis Pigmentosa leiden, intakt ist. Hierdurch wird die Signalverarbeitung durch das Auge selbst durchgeführt. Zusätzlich folgen die wahrgenommenen Eindrücke der natürlichen Bewegung des Auges (2, 4, 5, 8).

![Subretinales Implantat](https://www.atlas-digitale-gesundheitswirtschaft.de/mensch/assets/bilder/wp-content/uploads/2021/01/Subretinales-Implantat.png)

Subretinales Implantat (7)

### **Subretinale Implantate können Aktivitäten im Alltag vereinfachen**

Besonders für Personen mit einer fortgeschrittenen Retinitis Pigmentosa kann das subretinale Implantat bei der Rückkehr zur eigenständigen Fortbewegung und selbstständigen Orientierung vorteilhaft sein. So ermitteln Studien, dass Personen durch das Implantat zu 86 Prozent signifikante Verbesserungen bei der Lokalisierung von Objekten wahrnehmen und zu 72 Prozent signifikante Verbesserungen bei den Aktivitäten im Alltag erreicht werden. Insgesamt können allerdings maximal 6 Prozent der Sehfähigkeit wiedererlangt werden (4, 6). Aus gesundheitsökonomischer Perspektive könnten sich subretinale Implantate positiv auf die Pflegebedürftigkeit und damit auf die finanzielle Belastung der Pflege- und Krankenkassen auswirken. Aktuell sind circa 30 Prozent, der von Retinitis Pigmentosa betroffenen Personen, pflegebedürftig. Jedoch ist bei Kosten von circa 95.000 Euro pro Implantat, exklusive Operationskosten und einer Lebensdauer des Implantats von fünf Jahren, die Kosteneffektivität des Eingriffs fraglich (3, 9).

### **Durchsetzen der Technologie trotz langjähriger Forschung ungewiss**

Die größte Herausforderung besteht darin, dass die Technologie zwar seit 15 Jahren erprobt wird, jedoch eine wesentliche Weiterentwicklung der Implantate nicht gelungen ist, sodass weiterhin nur das Erkennen von Umrissen möglich ist (4, 6). Das heißt, dass Probanden im Maximum ein Auto, dass 22 km/h fährt aus 10 Meter Entfernung erkennen und das Lesen von Buchstaben zwischen vier bis acht Zentimeter möglich ist (6, 10). Zwar werden die subretinalen Implantate als neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet, jedoch bieten mobile Endgeräte ähnlich effektive Möglichkeiten zur Orientierung ohne operativen Eingriff, wie beispielsweise Hindernismelder in Brillenform (4, 11). Zusätzlich besteht bei dem operativen Eingriff ein Risiko für den Patienten, da die Operation zwischen sechs und acht Stunden dauert und der Erfolg des Eingriffs ex ante nicht verifizierbar ist (10).

### **Potential der Technologie durch Forschung neu evaluieren**

Im letzten Jahr hat das einzige Unternehmen, mit einer CE-Kennzeichnung, die Retina Implant AG, ihre Auflösung bekannt gegeben. Die Insolvenz des Marktführers stellt somit einen Rückschritt in der Implementierung der subretinalen Implantate dar (4, 12). Aufgrund der geringen Prävalenz der Krankheit, könnte die Forschung sich von dem Ersetzen der retinalen Funktion hin zum Verarbeiten der Sehinformation direkt kortikal orientieren. Diesen neuen Ansatz verfolgen bereits Unternehmen, wie beispielsweise Orion, um einen größeren Markt zu erreichen und die Entwicklungskosten im zweistelligen Millionenbereich amortisieren zu können (10).

### **Fazit**

Grundsätzlich bieten die subretinalen Implantate die theoretische Möglichkeit, die Rehabilitation von Personen mit einer Retinitis Pigmentosa zu revolutionieren und die Pflege- und Krankenkassen zu entlasten. Jedoch kann aufgrund der fehlenden Erfolge in der Forschung aktuell nicht davon ausgegangen werden, dass sich diese Technologie durchsetzt (2, 4).

Quellen

1. PRORETINA. Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegeneration 2020 [zum Original](https://www.pro-retina.de/)
2. Jones BW, Pfeiffer RL, Ferrell WD, Watt CB, Marmor M, Marc RE. Retinal remodeling in human retinitis pigmentosa. Exp Eye Res. 2016;150:149-65. [zum Original](https://doi.org/10.1016/j.exer.2016.03.018)
3. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Themenheft Blindheit und Sehbehinderung 2017 [zum Original](https://www.gbe-bund.de/gbe/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_aid=0&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstring=26492)
4. Schatz A, Pach J, Gosheva M, Naycheva L, Willmann G, Wilhelm B, et al. Transcorneal Electrical Stimulation for Patients With Retinitis Pigmentosa: A Prospective, Randomized, Sham-Controlled Follow-up Study Over 1 Year. Investigative Ophthalmology & Visual Science. 2017;58(1):257-69. [zum Original](https://doi.org/10.1167/iovs.16-19906)
5. Duncan JL, Richards TP, Arditi A, da Cruz L, Dagnelie G, Dorn JD, et al. Improvements in vision-related quality of life in blind patients implanted with the Argus II Epiretinal Prosthesis. Clin Exp Optom. 2017;100(2):144-50. [zum Original](https://doi.org/10.1111/cxo.12444)
6. Stingl K, Bartz-Schmidt KU, Besch D, Chee CK, Cottriall CL, Gekeler F, et al. Subretinal Visual Implant Alpha IMS – Clinical trial interim report. Vision Research. 2015;111:149-60. [zum Original](https://doi.org/10.1016/j.visres.2015.03.001)
7. Bloch E, Luo Y, Cruz L. Advances in retinal prosthesis systems. Therapeutic Advances in Ophthalmology. 2019;11:251584141881750. [zum Original](https://doi.org/10.1177/2515841418817501)
8. Edwards TL, Cottriall CL, Xue K, Simunovic MP, Ramsden JD, Zrenner E, et al. Assessment of the Electronic Retinal Implant Alpha AMS in Restoring Vision to Blind Patients with End-Stage Retinitis Pigmentosa. Ophthalmology. 2018;125(3):432-43. [zum Original](https://doi.org/10.1016/j.ophtha.2017.09.019)
9. Wannan O. Retinal implant for retinitis pigmentosa gets green light 2016 [zum Original](https://www.aop.org.uk/ot/science-and-vision/technology/2016/04/06/retinal-implant-for-retinitis-pigmentosa-gets-green-light)
10. Faber H, Bartz-Schmidt KU, Stett A, Zrenner E, Stingl K. Electronic Retina Implants – an Abandoned Dream? Klin Monbl Augenheilkd. 2020;237(03):288-93. [zum Original](https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/a-1021-5040)
11. Reinhardt P. Erfolgreiche NUB-Entgeltverhandlungen zwischen Krankenkassen und RI-Implantationszentren 2017. DeviceMed. [zum Original](https://www.devicemed.de/erfolgreiche-nub-entgeltverhandlungen-zwischen-krankenkassen-und-ri-implantationszentren-a-634020/)
12. Bausinger R. Retina Implant AG stellt Tätigkeit ein 2019. swp.de [zum Original](https://www.swp.de/suedwesten/staedte/reutlingen/retina-implant-stellt-taetigkeit-ein-30632945.html)


**Kategorien:** Cyborg, Medizintechnik, Rehabilitation, Sensorik, Therapie

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