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title: "Bug des Monats Januar 2024 - Dennis Brüntje"
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description: "Der Verein Mobile Retter unterstützt Träger des Rettungsdienstes bei der Einführung der Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierung – und trägt so dazu bei, dass Helfer im Notfall schneller vor Ort sind."
publisher: "Lehrstuhl für Management und Innovation im Gesundheitswesen, Universität Witten/Herdecke"
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# Bug des Monats Januar 2024 - Dennis Brüntje

## Januar 2024

### **„Mobile Retter sind in etwa der Hälfte der Notfälle vor dem Rettungsdienst am Einsatzort“**

Der Verein Mobile Retter unterstützt Träger des Rettungsdienstes bei der Einführung der Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierung – und trägt so dazu bei, dass Helfer im Notfall schneller vor Ort sind. Im Interview erklärt Geschäftsführer Dennis Brüntje, wie viel Geld man bräuchte, um Deutschland flächendeckend mit Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierungssystemen zu versorgen, warum sich hierzulande vor allem etwas beim Thema Schnittstellen ändern müsste – und worauf es generell ankommt, damit eine Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierung gut funktioniert.

**Herr Brüntje, was ist Ihr persönlicher Bug des Monats: Auf welches größere Hindernis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind Sie persönlich zuletzt gestoßen?**

Was uns gemeinsam mit Kooperationspartnern unter anderem gerade umtreibt, ist die Frage, wie sich ein einheitliches Register für automatisierte externe *Defibrillatoren – so genannten**AED*s – aufbauen lässt. Das hätte in Verbindung mit der Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierung ein großes Potenzial, um die Überlebenswahrscheinlichkeit von Menschen mit Kammerflimmern deutlich zu erhöhen.

**In Kommunen fehlt es häufig an Geld, um die Defibrillatoren anzuschaffen und aufzuhängen**. **Worin besteht das Problem bei den Registern?**

Häufig gibt es auch zu wenig Ressourcen, um die Daten zu den AED-Orten zu erfassen und auf dem neuesten Stand zu halten. Das sorgt dafür, dass die Rettungsleitstelle nicht alle Standorte mit einem Defibrillator kennt. Wegen der schlechten Datenlage wissen dann auch Ersthelfende, die eine Ersthelfer-App nutzen, nichts von den Standorten – und können keinen Defibrillator als Unterstützung holen. Hilfreich wäre es, ein bundesweites Register zu haben. Bisher sind es zum Teil die Bundesländer, aber in der Regel die Kommunen, die ihr eigenes AED-Register aufbauen. Das sorgt für einen kommunalen Flickenteppich mit jeweils eigenen Daten. Das erschwert es, mithilfe von Ersthelfer-Apps auf die Standort-Daten zuzugreifen.

**Der Verein Mobile Retter ist vor zehn Jahren gestartet. Sie unterstützen die Träger des Rettungsdienstes, wie etwa Kommunen, dabei, die Smartphone-basierte Ersthelfer-Alarmierung einzuführen. Ersthelferinnen und Ersthelfer werden dann in der Region über eine App im Notfall informiert.** **Was haben Sie bisher erreicht?**

Wir haben inzwischen rund 19.000 aktive Mobile Retter in 40 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland, die bislang bei über 32.000 Einsätzen waren. Bei Herz-Kreislauf-Stillständen in ihrer unmittelbaren Nähe von der Rettungsleitstelle über ihr Smartphone alarmiert, treffen sie im Durchschnitt nach etwa viereinhalb Minuten ein. Zum Vergleich: Laut Jahresbericht 2022 des Deutschen Reanimationsregisters beträgt die Zeit zwischen dem Eingang des Notrufs in der Leitstelle und dem Eintreffen des ersten Fahrzeugs am Einsatzort durchschnittlich 6:55 Minuten.

Der Nutzen der Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierung wurde bereits wissenschaftlich nachgewiesen (vgl. u.a. Stroop et al. 2020)[1]. Dabei zeigte sich, dass Mobile Retter in etwa der Hälfte der Notfälle vor dem Rettungsdienst am Einsatzort sind. Mithilfe von Mobilen Rettern lässt sich die Überlebenschance der Patienten verdoppeln. Die Chance für Betroffene, den Alltag unabhängig und ohne massive gesundheitliche Einschränkungen nach einem Vorfall fortzuführen verdreifacht sich.

**Was sind Ihrer Erfahrung nach die wichtigsten Erfolgskriterien dafür, dass ein Smartphone-basiertes Ersthelfer-Alarmierungssystem gut funktioniert?**

Zum einen kommt es auf die Technik an: Man benötigt neben einem einwandfrei funktionierenden und in der Rettungsleitstelle integrierten Alarmierungssystem eine App, die auch in Stresssituationen leicht zu bedienen ist. Zum anderen setzen wir auf medizinisch qualifizierte Ersthelfende mit Einsatzerfahrung. Sprich: von Feuerwehrleuten über Pflegekräfte und Ärzte, Rettungssanitäter bis hin zu betrieblichen Ersthelfenden. Grundsätzlich würden somit zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland als Mobile Retter infrage kommen. Es würden allerdings schon zwei Promille der Bevölkerung reichen, damit es flächendeckend Ersthelfende gäbe.

**Warum setzen Sie auf Fachpersonal als Ersthelferinnen und Ersthelfer? In anderen Regionen, in denen andere Apps im Einsatz sind, werden auch Laien alarmiert.**

Wir haben in Deutschland eine geringe Laien-Reanimationsquote. Es zeigt sich, dass nicht jede Person bereit ist, in einem Notfall sofort zu helfen. Denn noch immer haben viele Angst, etwas falsch zu machen. Der zweite Aspekt ist, dass die Mobilen Retter psychosozial unbelastet aus den Einsätzen wieder rausgehen sollen. Und das ist bei Feuerwehrleuten, Angehörigen von Hilfsorganisationen und anderen medizinisch qualifizierten Personen eher der Fall, weil sie bereits Erfahrungen mit solchen Situationen gemacht haben. Wenn es zu Belastungssituationen kommt, ist es gut, erfahrene Kräfte zu haben, die das besser verarbeiten als Laien.

Sehr wichtig ist neben technischen Aspekten und dem qualifizierten Personal aber auch ein aktives Ehrenamtsmanagement.

**Was ist damit genau gemeint?**

Damit ein Smartphone-basiertes Ersthelfer-Alarmierungssystem langfristig gut funktioniert, sollte man die Ehrenamtlichen zum Beispiel laufend motivieren und binden. Es gibt Regionen, in denen wir mehr als 2.000 Mobile Retter haben. Da kann es durchaus sein, dass man auch mal ein Jahr lang nicht alarmiert wird. Dann stellen sich manche die Frage: Läuft das System überhaupt noch, werde ich überhaupt noch gebraucht? Wozu habe ich zu Beginn ein Training absolviert?

Es ist deshalb wichtig, immer mal wieder das Engagement zu wertschätzen. Wir haben zum Beispiel gerade eine große Weihnachtsaktion gemacht, bei der wir den Ehrenamtlichen ein kleines Dankeschön geschickt haben. Es gibt aber auch zum Beispiel Mobile Retter-Tage, an denen die Gebietskörperschaft, die den Rettungsdienst organisiert, ihre Mobilen Retter zu Bratwurst und Bier einlädt. Das sind Maßnahmen, die Wertschätzung ausdrücken und langfristig auf die Motivation einzahlen. Ganz besonders wichtig ist es natürlich auch von Erfolgsgeschichten zu berichten, bei denen Mobile Retter Menschen das Leben gerettet haben.

**Die Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung hat in ihren Vorschlägen zur Reform des Rettungswesens auch die Einführung flächendeckender und vernetzter Ersthelfer-Apps empfohlen. Bisher sind i****n Deutschland sechs unterschiedliche Apps in unterschiedlichen Regionen im Einsatz. Es gibt Regionen, die schon gut mit der Ersthelfer-Alarmierung abgedeckt sind: etwa Schleswig-Holstein, große Teile von Niedersachsen und Baden-Württemberg sowie Berlin und Brandenburg. Aber es gibt auch noch viele weiße Flecken, in denen keinen Apps zum Einsatz kommen. Woran liegt das?**

Wir haben uns sehr über die angekündigte Reform gefreut. Das politische Momentum für die bundesweite Einführung der Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierung nach einheitlichen Mindeststandards ist durchaus günstig.

Der Rettungsdienst ist eine kommunale Aufgabe. Landkreise und Kommunen müssen bisher jeweils für sich entscheiden, ob sie ein Smartphone-basiertes Ersthelfer-Alarmierungssystem einführen. Und dabei stehen sie vor der Frage, wie sie vorgehen sollen. Sie sehen dann zunächst, dass es eine Handvoll Apps gibt und fragen sich, welche die Beste für sie ist. Es gibt weitere Aspekte, wie etwa Versicherungsfragen oder das Ehrenamtsmanagement. Mit all den Punkten müssen sie sich dann erst einmal beschäftigen – und das vor dem Hintergrund, dass das Personal in den Verwaltungen knapp und die Arbeitsbelastung allgemein hoch ist.

Und dann ist da natürlich die Frage, wie man es finanziert. Smartphone-basierte Ersthelfer-Alarmierungssysteme sind noch nicht Teil der Regelversorgung. Die Kassen fühlen sich hier im präklinischen Bereich bislang nicht zuständig. Und dabei bräuchte man nur knapp 20 Millionen Euro pro Jahr, um Deutschland flächendeckend zu versorgen. Das würde sich sehr lohnen: Konservativ gerechnet könnten wir mit einer flächendeckenden, einheitlichen Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierung in Deutschland mehr als 2.200 Menschenleben jährlich retten.

**Es ist also zum einen eine finanzielle Frage. Was müsste sich sonst tun, damit Ersthelfer-Apps bundesweit zum Einsatz kommen und die Angebote vernetzter sind?**

Wir glauben nicht, dass sich eine einzige App durchsetzen wird. Wir müssen daher über das Thema Schnittstellen sprechen, damit die verschiedenen Apps in den Leitstellen andocken können und die Ersthelfenden sich nicht für jede Region eine eigene App herunterladen müssen. Die Björn Steiger Stiftung arbeitet beispielsweise an einer Plattform, an der verschiedene App-Lösungen andocken können. Aber auch da ist natürlich die Frage: Wie wird das langfristig finanziert?

Wir haben im Herbst mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Erste Hilfe einen Runden Tisch mit allen relevanten Akteuren aus den Bereichen Technologie, Wissenschaft, Aus- und Fortbildung, Ehrenamtsmanagement und Politik organisiert und unter anderem über Mindeststandards für Ersthelfer-Einsätze, wie etwa zum Versicherungsschutz, aber auch Themen wie den Datenschutz gesprochen. Die nächste Veranstaltung ist für das Frühjahr geplant und wir freuen uns auf den weiteren Dialog.

**Inwiefern spielt der Datenschutz für die Arbeit von Mobile Retter und anderen Ersthelfer-Organisationen eine Rolle?**

Die Gebietskörperschaften übernehmen als Träger des Rettungsdienstes die datenschutzrechtliche Verantwortung, wenn sie ein Smartphone-basiertes Ersthelfer-Alarmierungssystem betreiben. Das führt dazu, dass der oder die Datenschutzbeauftragte in der jeweiligen Region diese Systeme von jeweils Grund auf neu prüfen muss, weil es bisher keine Vorgaben auf Landesebene gibt. Die Datenschutzbeauftragen haben jedoch bereits viele andere Aufgaben. Das ist deshalb häufig ein bedeutender Flaschenhals bei der Projektentwicklung.

**Würde eine Regelung in den jeweiligen Landesgesetzen Ihnen helfen, damit die App nicht jedes Mal aufs Neue geprüft werden müsste.**Durchaus. Eine andere Möglichkeit wäre, dass der oder die Landesdatenschutzbeauftragten dies einmal eingehend prüft und es dann freigibt. Das würde die Einführung in den einzelnen Regionen in jedem Fall beschleunigen.

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Mobile Retter wurde 2015 beim „Preis für Gesundheitsvisionäre“ der Universität Witten/Herdecke ausgezeichnet.

[1] [https://www.resuscitationjournal.com/article/S0300-9572(19)30735-X/fulltext](https://www.resuscitationjournal.com/article/S0300-9572(19)30735-X/fulltext)

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