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title: "Blockchain-Technologie: Diabetes-Datenmanagement der Zukunft?"
language: "de"
type: "post"
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date: "2020-04-03"
section: "Review-Artikel"
categories: ["Ambulante ärztliche Versorgung", "Datenschutz", "Therapie"]
author: "Anika Zembok"
reading_time: "8 Min."
description: "Der zeitnahe Zugriff auf Gesundheitsdaten ist zentral für die Versorgung von Menschen mit Diabetes. Kann Blockchain eine Lösung bieten?"
publisher: "Lehrstuhl für Management und Innovation im Gesundheitswesen, Universität Witten/Herdecke"
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# Blockchain-Technologie: Diabetes-Datenmanagement der Zukunft?

*03.04.2020 · Review-Artikel · Von Anika Zembok*

Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechsel-Störung, die im Krankheitsverlauf mit zahlreichen Begleit- und Folgebeschwerden einhergehen kann und geschätzte Behandlungskosten in Höhe von rund 21 Milliarden Euro jährlich (1) verursachen. Aufgrund des zu beobachtenden kontinuierlichen Anstiegs der Diabeteserkrankten, kann gleichermaßen von einer zukünftigen Kostenzunahme ausgegangen werden (2).

Die Behandlung generiert eine Vielzahl an sensiblen Gesundheitsdaten bei unterschiedlichen Leistungserbringern, die entscheidend für die Gesamttherapie sind (3, 4). Die Blockchain-Technologie – bisher insbesondere im Kontext von Kryptowährungen wie Bitcoin bekannt – ermöglicht einen sicheren und transparenten Austausch von Daten zwischen bisher inkompatiblen Systemen (3, 5). Kann sie auch die Datenintegration in der Diabetesversorgung steigern und damit ein effizienteres Behandlungsmanagement ermöglichen?

### **Komplexe Behandlung und unzureichende Datenintegration**

An der Behandlung des Diabetes sind Ärzte verschiedener Fachgebiete sowohl im ambulanten als auch im stationären Sektor des Gesundheitswesens beteiligt und generieren heterogene Gesundheitsdaten – von Blutwerten, über Medikamentenverschreibungen bis hin zu den Resultaten regelmäßiger Kontrolluntersuchungen (4). Der zeitnahe Zugriff auf diese Daten durch das am Versorgungsprozess beteiligten ärztliche Personal ist ein wichtiger Baustein für die Gewährleistung einer strukturierten und effizienten Gesundheitsversorgung von Menschen mit Diabetes (6). Auf diese Weise können kostenintensive Spätfolgen verzögert bzw. verhindert werden. Die Datenspeicherung erfolgt aktuell lokal bei den jeweiligen Ärzten (3, 4). U.a. technische Barrieren, Medienbrüche und Datenschutzbedenken behindern einen Datenaustausch oder -zusammenführung (7). Der verursachte Kommunikations- und Bürokratieaufwand sowie mögliche Datenlücken und Doppelbefundungen führen zu höheren Behandlungs- und Transaktionskosten.

### Eine Blockchain – viele Akteure, viele Daten

Die Blockchain ist eine dezentrale Datenbank zum Erfassen und Speichern von Transaktionsdatensätzen (Blöcken) (8). Beteiligte Ärzte können die Datenbank um Blöcke erweitern. Diese enthalten z. B. aktuelle Daten zu Medikamentenverschreibungen oder Glukosemessungen. Die Daten werden auf diese Weise für die beteiligten Ärzte dezentral zugänglich und verbleiben nicht in inkompatiblen Systemen (3, 9).

Aktuelle Blockchain-Konzepte eignen sich nur bedingt für das Speichern eines großen Datenvolumens (3). Das nicht ausschließlich direkte Speichern der Daten auf der Blockchain („on-chain“) ist ein Lösungsansatz. Stattdessen können mittels einer separaten „off-chain“-Speicherung der Daten lediglich Meta-Daten (wie Datentyp oder Speicherort) in der Blockchain hinterlegt werden (3, 9).

### In Zeiten der EU-DSGVO – Datenschutz und Datensicherheit

Die Nutzung von Smart Contracts ermöglicht eine konsistente und regelbasierte Handhabung des Zugriffs auf Patientendaten im Sinne der EU-DSGVO (3, 8). Der Patient kann selbst über die Zugriffsberechtigungen zu seinen Daten entscheiden und beispielsweise bei einem Wechsel zu einem neuen Arzt, diesen zum Zugriff auf seine gesamte Krankengeschichte berechtigten (9).

Die Unveränderbarkeit der Daten auf der Blockchain gewährleistet die Datensicherheit. Eine Löschung oder Manipulation einzelner Blöcke der Kette ist nicht möglich (3, 5). Dies gestattet einen Zugriff auf die komplette Krankengeschichte, sichert die Datenintegrität und senkt das Risiko von Datenverlusten (9). Die Unveränderbarkeit der Daten steht jedoch im Konflikt mit dem „Recht auf Löschung“ gemäß der EU-DSVGO (9, 10). Hier gilt es rechtskonforme Lösungen zu finden. Die Nutzung der off-chain-Speicherung stellt hierbei einen möglichen Ansatz dar (3, 5). Techniken zur Datenlöschung und -änderung sind jedoch ein Eingriff in die Grundstruktur der Blockchain und können somit u. a. neue Angriffsmöglichkeiten erzeugen (11).

### Blockchain & Diabetes: Gedankenspielerei oder schon Realität?

Im Vergleich zu anderen Branchen steckt die Praxisumsetzung von Blockchain-Lösungen im Gesundheitssektor noch in den Kinderschuhen (12) – auch in der Diabetesversorgung . Aktuelle Forschung behandelt schwerpunktmäßig Zugriffsrechte, Skalierbarkeit aufgrund des hohen Datenvolumens, technische Standards und Anreizsysteme. Bisher mangelt es an implementierten Prototypen und Studien zur Effektivität der entwickelten Modelle (5). Diese können das Verständnis für die Technologie vertiefen und mögliche Barrieren in der Praxis identifizieren. Ein erstes Blockchain-Netzwerk, das Diabetes Care Administration Network, steht exemplarisch vor einem ersten Praxistest (13).

Praxistipp: Welche Fragen sollte man sich stellen, bevor man ein Blockchain-Projekt startet?

Die Blockchain-Technologie ist keine Allzweckwaffe für jegliche Herausforderungen der Diabetesversorgung. Vor einer Adaption sollte die Zweckdienlichkeit und Durchführbarkeit einer Blockchain für das anvisierte Handlungsfeld überprüft werden. Folgenden Grundsatzfragen können an mögliche Blockchain-Ansätze gerichtet werden (8, 12):

1. **WARUM** soll die Blockchain-Technologie angewendet werden? Welchen Zweck soll die Blockchain erfüllen?  Welchen Nutzen hat die Technologie für die beteiligten Parteien sowie für die Gesundheitsversorgung? (Kosten- und/oder Qualitätsaspekte)  Warum sind andere Technologien weniger gut geeignet?
2. **WER** sind die beteiligten Parteien? Welche Akteure werden in die Blockchain eingebunden? (z.B. Professionen, Einrichtungen, Patienten, Kostenträger)  Welche Rechte haben die Akteure? (z.B. Zugriffsberechtigung, Schreibe-/Leserechte, Datenvalidierung)  Auf welche Weise treffen die Parteien Entscheidungen darüber, wie die Blockchain reguliert wird?
3. **WAS** wird in die Blockchain eingestellt? Welche Gesundheitsinformationen werden in welcher Form geteilt? (z.B. Blutbild, Medikation, Ernährungsverhalten, psychische Faktoren, Therapieziele)  Welche Zugriffsberechtigungen gibt es? (z.B. Datentypen, Zeitrahmen)  Welche datenschutzrechtlichen Vorgaben müssen berücksichtigt werden? (z.B. Zustimmung Datenverarbeitung, Recht auf Löschung)
4. **WIE** wird die Blockchain gestaltet?- Welche Blockchain-Art wird verwendet? (öffentliche, geschlossene, Hybrid) Welche Daten werden on-chain bzw. off-chain gespeichert?  Wie werden die Zugriffsberechtigungen/Rollen verwaltetet? (z.B. Smart Contracts)  Wie wird die Datenvalidität überprüft? (Konsensmechanismus)  Werden weitere Technologien integriert? (z.B. künstliche Intelligenz zur Datenauswertung)

### Fazit

Die Adaption der Blockchain-Technologie in der Diabetesversorgung steht noch ganz am Anfang. Sie hat das Potential dank der zeitnahen und sicheren Bereitstellung therapierelevanter Patientendaten Behandlungskosten zu senken, den Bürokratie- und Zeitaufwand für die Ärzteschaft zum Einholen relevanter Informationen zu verringern und insgesamt die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen beteiligten Ärzten und damit schlussendlich die Versorgungsqualität zu verbessern.

Bis dahin müssen wichtige Weichen gestellt und offene Fragen geklärt werden. Die Höhe der damit verbunden Investitions- und Betriebskosten sind aktuell nicht abschätzbar. Das Festlegen technischer Industriestandards, um zwischen verschiedenen Blockchain-Applikationen eine Interoperabilität zu ermögliche, steht noch aus. Gleiches gilt für rechtliche und regulatorische Aspekte sowie mögliche Anreizsysteme bzw. Aufwandsvergütungen für Ärzte.

Lesen Sie auch diesen englischsprachigen Artikel: [Blockchain Technology in Healthcare: Paving the Way for Data Security and Privacy](../../../2024/02/06/blockchain-technology-in-healthcare-paving-the-way-for-data-security.md)

Quellen

1. Robert Koch-Institut (RKI). Bericht der nationalen Diabetes-Surveillance 2019. Diabetes in Deutschland. Berlin; 2019. [zum Original](https://diabsurv.rki.de/SharedDocs/downloads/DE/DiabSurv/diabetesbericht2019.pdf?__blob=publicationFile&v=12)

2. Tönnies T, Röckl S, Hoyer A, Heidemann C, Baumert J, Du Y, et al. Projected number of people with diagnosed Type 2 diabetes in Germany in 2040. Diabetic Medicine. 2019;36(10):1217-25. [zum Original](http://dx.doi.org/10.1111/dme.13902)

3. Cichosz SL, Stausholm MN, Kronborg T, Vestergaard P, Hejlesen O. How to Use Blockchain for Diabetes Health Care Data and Acces Management: An Operational Concept. Journal of Diabetes Science and Technology. 2019;13(2):248-53. [zum Original](http://dx.doi.org/10.1177/1932296818790281)

4. Heinemann L, Keuthage W, Kulzer B. Diabetes-Technologie in der Patientenversorgung/Diabetes-Therapie: Nutzen für Betroffene – Nutzen für Praxen und Kliniken. In: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), diabetes DE – Deutsche Diabetes-Hilfe, editors. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2020. Mainz: Kirchheim Verlag; 2019. 239-46. [zum Original](https://www.diabetesde.org/system/files/documents/gesundheitsbericht_2020.pdf)

5. Agbo CC, Mahmoud QH, Eklund JM. Blockchain Technology in Healthcare: A Systematic Review. Healthcare. 2019;7(56). [zum Original](https://www.mdpi.com/2227-9032/7/2/56)

6. Müller-Wieland D, Ickrath M, Bitzer B. Digitale Transformation in der Diabetologie? In: Deutsche DIabetesgesellschaft (DDG), diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, editors. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2020. Mainz: Kichheim-Verlag; 2019. 258-64. [zum Original](https://www.diabetesde.org/system/files/documents/gesundheitsbericht_2020.pdf)

7. Walker J, Pan E, Johnston D, Adler-Milstein J, Bates DW. The value of health care information exchange and interoperability. Health Affairs. 2005;24(Supplement 1):1-3. [zum Original](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15659453/)

8. Deloitte. Blockchain – Einsatz im deutschen Gesundheitswesen. 2017. [zum Original](https://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/de/Documents/life-sciences-health-care/Blockchain_im_Gesundheitswesen.pdf)

9. Gordon WJ, Catalini C. Blockchain Technology for Healthcare: Facilitating the Transition to Patient-Driven Interoperability. Computational and Structural Biotechnology Journal. 2018;16:224-30. [zum Original](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S200103701830028X?via%3Dihub)

10. Hawig D, Zhou C, Fuhrhop S, Fialho AS, Ramachandran N. Designing a Distributed Ledger Technology System for Interoperable and General Data Protection Regulation–Compliant Health Data Exchange: A Use Case in Blood Glucose Data. Journal of Medical Internet Research. 2019;21(6):1-13. [zum Original](https://www.jmir.org/2019/6/e13665/)

11. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Blockchain sicher gestalten. Konzepte, Anforderungen, Bewertungen. Berlin; 2019. [zum Original](https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/BSI/Krypto/Blockchain_Analyse.pdf?__blob=publicationFile&v=5)

12. Mackey TK, Kuo T-T, Gummadi B, Clauson KA, Church G, Grishin D, et al. ‘Fit-for-purpose?’ – challenges and opportunities for applications of blockchain technology in the future of healthcare. BMC Medicine. 2019:68-85. [zum Original](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S200103701830028X?via%3Dihub)

13. Diabetes Management: Solve.Care and the Power of Partnership 2019. [zum Original](https://solve.care/blog/diabetes-management/)





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